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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-09 · 2 (9.1.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
2 (9.1.1925)
Date
1925-01-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Zusammenbruch der Währung einsetzende Börsenhausse diese Sicherheit dem Bankendienste in um so höherem Grade zu garantieren. Infolgedessen ergötz sich eine wahre Sturzflut von der Staatskrippe weg zu der reicher besetzten Tafel in den Banken- Kontors. Men voran suchten die nach der Auflösung -er HabSburgerarmee existenzlos gewordenen Offiziere Versorgung im Dienste des Finanzkapitals. Diese Sturzflut fand keinen Widerstand. Die Bankgewaltigen versprachen sich von dem Entgegenkommen, das sie den neugebackenen Jüngern Merkurs bezeigten, einen doppelten Vorteil: nach oben hin verpflichteten sie sich die Lenker der Staatsgeschicke, indem sie ihnen das Problem der Versorgung so vieler Existenzen adnrhmen, nach, unten hin, nämlich der von Kriegs- und Hungersnot aufgewühlten Bevölkerung gegenüber schien es geraten, das Schlagwort von den „3 u ö e n banken" durch Einstellung eines ganzen Heeres arischer Beamten, denen man diplomatisch den repräsentativen Außendienst, den Verkehr mit dem Publikum, anvertraute, ad absurdum ju führen. So war beiden Teilen geholfen: den jüdischen Großspekulanten ln den Direklorenzimmern und den arischen Soldschreibern in den Wechselstuben und Büros. Zum Handkuß kamen nur die jüdischen Bankbeamten. Zunächst ,chlotz" moralisch. Denn ihre neuen Kollegen legten ihren mit der Muttermilch eingesogenen und in ihrer früheren Wirkungssphäre stettz genährten antisemitischen Gefühlen nicht den geringsten Zwang auf. Je weniger sie gegen ihre im tiefsten Innern verachteten jüdischen Brotgeber aufzumucksen wagten, desto radikaler Netzen sie ihre jüdischen Kollegen die Ueberlegenheit der arischen Herrenmoral fühlen. In einer dem Rothschild-Konzern angehörenden Bank gingen sie soweit, die räumliche Absonderung der arischen von den jüdischen Beamten zu fordern und setzten diese Unverschämtheit durch. Ist schon dieser moralische Hakenkreuzlererfolg für die Psyche der jüdischen Arbeitgeber charakteristisch, so wurden seine materiellen Auswirkungen für die jüdischen Arbeitnehmer vollends katastrophal. Denn als mit der Sanierung der Währung das Bankengeschäft abflaule und ein Abbau der Beamtenschaft notwendig wurde, zeigte es sich, daß das den Juden eingeräumte Zimmer — der Gasse am nächsten lag . . . Die Sanierungskrise hat ihre fürchterlichsten Opfer unter den j ü d i - scheu Beamten der Banken und der diesen angegliederten Industrieunternehmungen gefordert und fordert sie weiter. Und dieses Treiben ist nicht nur auf das flaue Auch-Iudenlum der in der Bank- und Geschäftswelt noch immer führenden Herren Israeliten zurückzuführen, nein, auch „gute" Juden, d. h. solche, die sich auf ihre religiöse oder nationale Einstellung viel einbilden, versündigen sich in ganz grotesker Weise an ihren jüdischen Untergebenen. Ich kenne einen zlontplschen Bankdlrektor, der das Personalreferat ln seinem Institut einem erklärten Hakenkreuzler anvertraut hat. Der Fisch stinkt vom Kopf. Denn gerade jene jüdischen Institutionen, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten, leisten in der Depossedierung der jüdischen Arbeitnehmer das Unglaublichste. So führen die Beamten der KultuSgemeinde mit Einschluß der Rabbiner und Kontoren einen verzweifelten Kampf um eine menschenwürdige Existenz. Ueber die skandalösen Verhältnisse in der jÄisch-nationalen Partei habe ich bereits berichtet. Kaum hat die „Morgenzeitung" mit dem Redakteur Polak, von dessen Prozeß ich jüngst erzählte, einen billigen Ausgleich geschlossen, beschäftigt der ähnliche Fall eines Beamten des gleichfalls Herrn Stricker unterstehenden „Palästina-Amtes" das Gericht und die Oeffentllchkeit. Solang« die führenden Faktoren nicht einsehen, daß jüdische Sozialpolittk heute für das Judentum wichtiger ist, als alle rituellen oder nationalen Belange, solange wird das Uebel 'weiterschwären, bis es das ganze Judentum dezimiert hat. Durch bloßes „Schnoddern" bet feierlichen Anlässen ist dleses nicht rnchr zu retten. Das mag früher möglich gewesen sein, als sich die jüdischen Massen durch ausgesprochene Luftextstenzen nicht hindern ließen, soviele Kinder als nur möglich ln die Welt zu setzen, die dann der jüdischen Wohltätigkeit zur Last sielen. Der moderne Jude verabscheut eine Luftexistenz und will keine Wohltaten. Er will arbeiten und sich durch seine Arbeit das verdienen, was er für sich und seine Familie braucht. Solange er keine Arbeit oder seine Arbeit nicht das entsprechende materielle Aequivalent findet, das thr gerade das mosaische Gesetz zubilligt, solange gründet er auch keine Familie und es ist dabei ganz gleichgültig, ob er unbeweibt bleibt oder ein Weib heimführt, das ihm, statt Kinder zu gebären. Geld verdienen Helsen muß. Die Wirkung für das Judentum ist in beiden Fällen dieselbe verheerende. Die Zukunft des Judentums — gleichviel, ob man es als Konfesiion oder als Ration auffaßt — sind die jüdischen Kinder. Diese Zukunft ist jetzt nicht mehr durch frommes „Schnoddern" zugunsten noch so wohltätig wirkender Schul- und Bekleidungsverelne zu sichern, sondern nur durch die soziale Rettung der jüdischen Eltern, die auf den Ertrag ihrer Arbeit angewiesen sind. Das Judentum war stets, von der Lehre Moses angefangeu bis zu seinen modernsten geistigen Ausstrahlungen, ein Hort s o - zlater Weltanschauung. Es wäre doch eine tragische Ironie, wenn es nach all den Gefahren, denen es Jahrhunderte lang getrotzt hat. gerade an dem Mangel an sozialer Einsicht zugrunde gehen müßte. Dr. Hugo S p i e g l e r. Ort befindet, der ihn harmonisch religiös abstimmt. Rlcht aus das Alter allein kommt es an, die Jugend ist der Träger des Gedankens! Das religiöse Gefühl bei unserer Jugend ist intensiver geworden. Hier muß der Hebel angeseht werden, das kann aber nur geschehen, wenn wir ihr in ihren Gedankengängen entgegenkommen, und zwar in einer verständlichen, freien, gehobenen Sprache und einer zeitgemäßen Ausübung des Gottesdienstes. Rur so werden unsere Gebethäuser das werden, was sie sein sollten: Sammelpunkte wahrer Religiosität. Orte, wo sich alle treffen können, ob orthodox, ob liberal usw. Das jüdische Gebetbuch schläft einen tiefen Dornröschenschlaf. Den will ich als Führer in Israel anerkennen, dem es gelingt, die Dornenhecke zu durchdringen und hinwegzuräumen und es zu neuem, modernen Leben ^u erwecken. Vergesset und verkennet nicht das ernste Gebot der Stunde. — Genug der Worte. — Taten! Lux in tenebris. Siegmund Berg, Aachen. Oer jüdische Spredisaal. Goüesdiensireform. i. Die zur Zeit in Ihrer werten Zeitschrift stallfindend« Aussprache zwecks zeitgemäßer Gestaltung der Gottesdienstordnung oder -einrichtung unserer liberalen Richtung veranlaßt mich, hier eine Anregung zu geben, mit welcher ich mich schon seit längerer Zeit beschäftige. — Ich gehe hierbei von der Voraussetzung aus, daß es im Wesen unlerer Glaubensrichtung und Glaubensaufsassung liegt, mit der Zeit zu gehen und auch Einrichtungen anderer Glaubensgemeinschaften, die in gewissem Sinne uns interessieren könnten, nicht außer acht zu lassen. — Vor allen Dingen müssen wir liberalen Juden, die wir uns leider doch zum größten Teil aus gänzlich indifferenten Mitläufern zusammensehen, die lediglich durch Ermietung ihres Platzes in der liberalen Synagoge oder durch interesselose Mitgliedschaft unserer liberalen Ortsgruppen ihre Zugehörigkeit bekunden, darauf bedacht sein, diese große Masse von Glaubensbrüdern für unsere jüdische Sache zu interessieren und ihnen zu diesem Zweck die Möglichkeit zu geben, nach freier Zeitwahl und unabhängig von jeder Gottesdienstvrdnung und -einteilung das Gotteshaus aufsuchen und dort innere Einkehr halten und Andacht und Erbauung suchen und finden zu können. Als ziemlich regelmäßiger Besucher der Gottesdienste glaube ich, mir ein annähernd richtiges Urteil, wo ein Teil der Mißstände im gottesdienstlichen Wesen, und zwar sowohl in der orthodoxen wie in der liberalen Richtung, vorliegt, bilden zu können. Wenn man die Beter im Gottesdienst aufmerksam beachtet, und zwar namentlich die regelmäßigen Besucher, so muh man mit unbedingter Sicherheit nach längerer, aufmerksamer Beobachtung zu dem Ergebnis gelangen, daß die regelmäßig immer wiederkeyrenden. gleichartigen Gebete und Liturgien von den meisten Anwesenden mit der Zeit vollständig „auswendig gelernt" werden, und es ist dem menschlichen Geist gar nicht möglich, sich immer wieder zu der Andacht, hie man empfinden sollte, zu zwingen, sondern die Gedanken gehen manchmal, gänzlich ungewollt, durch, und man ertappt sich plötzlich selbst dabei, daß man ganz anderen Gedanken nachhängt, als welche man selbst zu haben wünscht. Ich glaube, daß man diesen unliebsamen „Entdeckungen" wirksam dadurch begegnen könnte, daß man an irgendeiner Stelle der Gottesdienstordnung, wo und von welcher Dauer dies sein soll, bliebe ber.i Ermessen des Rabbiners oder Vorstands überlassen, eine Art stiller Andacht einschaltet; für diese Andacht sollte keinerlei Gebet vorgeschrieben sein, sondern jeder wirklich aufmerksame Besucher des Gottesdienstes, der eine Erbauung ernstlich sucht, könnte in dieser stillen Andacht so seine Gebete formulieren, wie es seinem Wesen und Empfinden entspricht. — Mein anderer Vorschlag geht dahin, etwas von der katholischen Kirche zu entlehnen, und zwar diejenige schöne Sitte, daß unsere Synagogen nicht geradezu fahrplanmäßig erst kurz vor Beginn des jeweiligen Gottesdienstes geöffnet oder sofort nach dessen Beendigung geschlossen werden, sondern jedermann sollte Gelegenheit dazu haben, in das tagsüber geöffnete Gotteshaus zu gehen, um dort mit seinem Gotte Zwiesprache zu halten und Erbauung und Stärkung zu suchen, was namentlich unseren Glaubensschwestern ein Bedürfnis sein dürfte. Hier, in der Ruhe des Gotteshauses, fernab vom alltäglichen Lärm und Getriebe, ohne jede Gebetsordiumg und Zeitbeschränkung weilen und beten zu können, wird manchen Glaubensgenossen, der in dem herkömmlichen Gottesdienst keine Befriedigung mehr findet, veranlassen, für die jüdische Sache wieder Interesse zu finden und zu bekunden, und dann seinerseits wieder zu wirken, daß die bedauerlicherweise immer mehr aufkommende Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit für unsere Sache wieder abnimmt. — Für die Beaufsichtigung während dieser ganztägigen Offenhaltung der Synagogen werden sich sicherlich alle Leute, die von der Wohltätigkeit der Gemeinden leben, finden lassen, und dadurch diesen Mitmenschen das erhebende Gefühl gegeben werden können, daß sie nicht Almosen entgegennehmen, sondern für ihre Aufsichtstättgneit von der Gemeinde Unterstützung beziehen. Es wäre von Interesse, wenn unsere Theologen sich zu diesen Anregungen eines Laien, dem die Hebung und Belebung der jüdischen und liberalen Sache am Herzen liegt, äußern wollten. Richard Schvttenfels, Frankfurt a. M. II. Es geht nicht an, ein so ungeheuer brennendes Thema mit einigen satyrischen und philosophischen Bemerkungen abzutun oder von der Warte des Besserrvlssenden aus zu werten — dann, nachdem dies geschehen, die Augen zu schließen und sich einer wohl- .gefälligen Siesta hinzugeben. Meines Erachtens sind die witzelnden Bemerkungen und die Satyre eher in den beiden Eingesandt zu finden als in dem tiefernsten mit „Hugo Weiler" unterzelchneten Zwiegespräch. Den vermeinttichen Gegner einfach totzuschweigen oder abzukanzeln ist nicht Amtes unserer berufenen Führer, sondern zu prüfen, ob das bisherige System keine Mängel habe und zu erwägen, ob eS denn doch nicht besser sei. sich mit dem Ankläger zu einigen und mit ihm gemeinsam auf Besierung zu sinnen. Wenn das weise Alter die Jugend von sich stößt, so steht es schließlich allein da und verkümmert, und die Jugend als Träger der Idee wird sich ihre Wege allein suchen müssen. Es ist niemand so alt und so klug, als daß er nicht noch stets dazulernen könnte. Der Gedanke ist nicht neu, ist auch vielmals von unseren Weisen betont, scheinbar aber von ihren Epigonen vergessen worden. Nicht der ist allein fromm und, gottesfürchtig, der möglichst oft den - Tempel besucht und die vorgeschriebenen Gebete und Gebräuche-- häufla gedankenlos — herunterhaspelt.oder, die>>xihiellen Gebote peimlicyst innehält. Gottesfürchtig ist, wer das Bedürfnis in sich fühlt, mit seinem Gott Zwiesprache zu halten — sei es in der Synagoge, sei es in freier Natur — kennt doch das Judentum eigentlich keine Gebetshäuser, sondern nur Lehrschulen. Es ist noch lange kein Zeichen einer religiösen Dekadenz, wenn der Besuch des Gotteshauses zu wünschen übrig läßt. Nicht jeder ist in der Lage, den Tempel so oft zu besuchen als er es möchte — besonderwer im beruflichen Leben steht — aber wenn ich als liberaler — sprich duldsam-denkender — Jude in die Synagoge gehe, dann will ich auch dort für mich die wahre religiöse Seelenyarmoni« finden können. Und wie steht es damit?! Wie steht es mit unseren jüdischen Gebeten und Gebetbüchern? Hat ihr Inhalt Schritt gehalten mit moderner Denk- und Sinnesart, ist die darin gebrauchte Sprache mit der Zeit mitgegangen? — Antwort: nein! Stillstand ist Rückschritt und unser jüdisches Gebet siebt in seiner Ausdrucksweise leider Gottes seit Jahrhunderten still. - Unsere Gedankengänge sind strenger, sachlicher, frei von Mystik geworden. Wenn ich mit meinem Gott Zwiesprache halten will, so ist mir das nur in einer klaren, geläufigen, modernen Redeweise möglich. Unser jüdisches Gebetbuch verlangt jedoch von mir, daß ich mein religiöses Empfinden und meine Gedankengänge um Jahrhunderte zurückschraube. Und nun zu den Feiertagen — Iomkippur z. B. Ich kann mir nicht vorstellcn, inwiefern eine so ausgiebige Ausmalung des sogenannten Opfer - Kults (abodah) mich gerade am Iomkippur in religiöse Stimmung versehen soll. Angenommen einmal, daß diese, doch so wenig mit de'' jüdischen Ethik übereinstimmende Handlung heute vorgenommen würde, würde dann überhaupt noch jemand zum Tempel gehen? Ich kann mir absolut nicht helfen, aber schon das Lesen derartiger Vorgänge entzaubert bei mir jegliches religiöse Gefühl, und ist eS noch mit vielen anderen, ganz besonders mit den Sprachvergewaltigungen und den zum Teil ganz eigenartigen religiösen Gedankengängen in Frag« und Antwort. — Dazu das Absingen und Erzählen magischer Zahlenquadrate, deren Ursprung doch wohl kabbalistischer Natur ist! ES hat keinen Sinn, Vogelstraußpolitik zu treiben und muh einmal ganz deutlich gesagt werden. Unsere jüdischen Gebetbücher, ganz besonders aber jene der Festlage (Machsorim), sind absolut nicht mehr zeitgemäß und haben den Anschluß verloren. Ihre Wirkutw ist vielfach entgegengesetzter Natur, statt die Beter in den Tempel zu führen, treiben sie sie hinaus. Jawohl, sie treiben die Beter hinaus! Wandern Sie doch einmal durch die liberalen Synagogen und zählen Sie die Besucher, außer altem angestammten Publikum werden Sie sebr wenig Jugend dort sehen, denn diese kann hier den Kontakt nicht mehr finden. Es ist vielleicht noch ein Glück, daß 95 Prozent dieser Besucher das nicht verstehen was sie sagen, sonst würde der Besuch noch geringer sein. Die Zeiten deS naiven Glaubens sind vorüber. Der Gottesdienst und seine Formen müssen sich der vorwärtsschrcitenden Zeit anpassen, müssen in einer gehobenen Sprache, frei von mystischen Beimengungen und Floskeln verfaßt sein und auSgeübt werden. Oben geschilderte Opfervorgänge usw. gehören nicht in den eigentlichen Gottesdienst, wer daran Geschmack hat, der mag sie in einem Extraanhang finden und nach dem Gottesdienst lesen. Wir haben doch von unseren Propheten und jüdischen Dichtern so viel wunderbares Material, daß sich ein zeitgemäßes Gebetbuch für jeden Gottesdienst zusammensiellen liehe. Ich könnte mir z. B. einen wunderbaren Iomkippurgottesdienst vorstellen bestehend aus: Gebeten, Psalmen, Gedichten. Predig!, Vorträgen aus der jüdischen Geschichte, Erläuterungen zu den Geboten, stillem GotteSLirnst und Gesängen sowohl hebräisch als auch deutsch — mit Musik — denn gerade Musik und Gesang sind der Ausdruck innersten Empfindens der Seele. Gestaltet den Gottesdienst so, daß er für jeden etwas bringt, und daß er eine würdige, moderne Form bekommt; ob er nun in Deutsch oder Hebräisch gehalten wird, das ist meines Erachtens nebensächlich. Die Hauptsache ist, daß der Beter sich an einem Die jüdischen Speisegesetze. i. . Eine prinzipielle Antikritik. ^Ohne mein Verschulden hat sich diese Verteidigung verspätet. 3 Stimmen haben zum Thema sich geäußert. Zuerst Herr Joseph Kaufmann. Sein historisches Wissen ist erfreulich,— aber trotzdem falsch: Reine und unreine Tiere unterscheidet schon die älteste Pentateuch-Quelle (spätestens im 9. Jahrhundert v. u. Z.) in der Sintslutgeschichte; etwa gleichzeitig ist Ex. 23. 19. 34, 26; deutcronomisch ist das Blutverbot und die Tafel der verbotenen Tiere Deut. 12. 14. sowie die Grundlage des Trefo- Verbotes Ex. 22, 30. Die Grundlagen der Speisegesetze sind also bestimmt vorexilisch, ja altisraelitijch. Falsch ist auch der Ausdruck, sie seien irgendwann „eingeführt" worden: vom Blulverbot gilt das vielleicht; aber die meisten Vorschriften, welche Bibel und Gesetzlehrer normieren, haben sich in vorhergehenden Jahrhunderten langsam aus VolkSbrüuchen entwickelt. Aber das Älter ist auch ganz nebensächlich: Kaddisch, Jahrzeit und Seelenfeier sind die jüngsten Bräuche und doch am meisten geschätzt! Auch der .ursprüngliche Sinn" ist gleichgültig: Daä Blutverbot ist im Deuteronomium Ersatz deS Opfers, 100 Jahre später im LeviticuS c. 17 hat es schon eine hohe metaphysische Bedeutung. Gefällt uns eine überlieferte BÄ>eutting, so übernehmen wir sie; gefällt sie uns nicht, aber der Brauch gefüllt uns, so erfinden wir einen neuen Sinn! Bei der Laubhütte z. B. kennen wir den ursprünglichen Sinn gar nicht mehr, die spätere Bedeutung, sie mahne zum Gottvertrauen, spricht nicht lebendig zu uns, — wer aber möchte di« Stimmung der Laubhütte entbehren! Kurz: Die Hochschätzung der Geschichte war Sache des 19. Jahrhunderts; wir Heutigen negieren sie. Sie war Notbehelf einer Zeit, die keine Gegenwart hatte, die nicht wußte, was sie will. Ein Liberalismus, der in der Vergangenheit kramt, ist unlebendig und darum wirkungslos! — Dasselbe gilt von einem Liberalismus, der sich fürchtet, seine Anhänger in „schwere religiöse Konflikte" zu bringen: Und wer nun gar nichts glauben und hatten mag? Sollen wir liberalen Rabbiner für alles und jedes den „Heiler lernen?" Lange genug haben wir offen gezeigt, was wir alles freigeben, — in der Hoffnung, man würde uns dann um so lieber folgen, in dem, was wir positiv fordern. Aber die andern haben in allem nur das Rein gehört und das Ja überhört! Zeigt jetzt ein liberaler Rabbiner einmal, wo der angeblich „positiv gerichtete" Liberalismus positiv sein kann, ohne den Liberalismus zu verlassen, dann schafft er religiöse Konflikte! Ist das die Meinung, wenn ihr sagt: Der Rabbiner soll wieder religiöser Führer sein? Wozu dann der Lärm? Wenn doch der Amhoorez und der Unreligiöse weiter Alleinherrscher bleibt mit seinem Thorahwori: Das ganze Volk ist heilig! — Und mein Kritiker geht noch weiter: Auch das Unreligiöse, das Nrchtiüdische, die abseits der Religion stehenden Lebensbedürfnisse sollen daS Judentum modernisieren: „wir wollen uns nicht abschließen".... Hinterher läßt sich dann schön über Mischehe und Stphilis samt GeisteSkrankheiten-Gefolgschaft in der Iudenheit jammern!! .... DaS sollten hundert Jahre Liberalismus doch wenigstens gezeigt haben, daß Raschi recht hat, wenn er zu Leo. 19, 2 erklärt: Heilig sein heißt separatistisch sein (vgl. Baeck, Wesen deS IudtS? S. 45 f.j. Alles hat seine Zeit. Das vorige Jahrhundert hatte recht, wenn es verlangte: Zäune einreißen, sich nur nicht absondern! Denn nur so konnte das geistige Ghetto überwunden werden. Aber unsere Zeit verlangt wieder Konzentration; sonst verfliegen wir. Ich habe die absondernde Kraft der Speisegesehe als Grund, sie zu hatten, ausdrücklich abgelehnt, weil es kein religiöser Grund ist. Aber als Nebenprodukt ist sie mir, offen gestanden, höchst willkommen. Mir ist es wicht! ger, daß meine Glaubensgenossen bei mir koscher essen können, als daß ich mit Nichtjuden trefo essen kann! Den Höhepunkt der Selbsttäuschung aber bildet eS, wenn mein Kritiker mir Kompromisse und Halbheit im Liberalismus vorwirft (mir kommt dos alte Erklärerwort in den Sinn: Er weissagt unvermerkt gegen sich selbst), weil ich auS religiösen Prinzipien etwas empfehle, waS er auS Kompromiß mit dem Leben verwirft. Nein! Kompromisse will auch ich nicht! Liberales Judentum steht mir zu hoch, als daß ich eS nur für einen Ausgleich zwischen Lehre und Leben hielte. ES ist mir Anwendung der wissenschaftlichen Wahrheit auf die lieberl i e s e r u n g. In praxi aber verlange ich gerade deshalb vom Liberalen ebenso wie der orthodoxeste Rabbiner von seinen Anhängern: daß die Religion daS Leben gestalte und veredle, nicht daS^ Leben die Religion! Dazu haben die Speisegesehe jahrhundertelang mit belgetragen, — und ich glaube, sie können es noch. Ich möchte wahrhaftig die „besseren Erziehungsmittel" deS Liberalismus (und ihre Erfolge!) sehen, von denen mein Kritiker spricht. Sie würden übrigens nichts gegen die bewährten guten alten beweisen, die ja daneben weiterbestchen könnten! Beweisen müßte man, um die Speisegesehe als aufhebenswert hinzustellen. daß sie unserem heutigen sittlichen oder religiösen oder meinetwegen bloß ästhetischen Denken und Fühlen widersprechen, daß sie unS hindern, irgendwelche Pflichten zu erfüllen oder unseren allgemeinen Idealen näherzukommen. daß sie unS innerlich schlechter oder mindestens nicht besser machen, daß sie die Iudenheit hindern, ihre Aufgabe zu erfüllen, ein Volk von Priestern und ein heiliges Volk zu werden, — oder ähnliche religiöse Schäden für u n S. die wir heute leben: Dann würde ich selbst alS erster sie aufgeben und dafür unter meinen Kollegen agitieren! — DaS ist mein Liberalismus: nicht „göttliche Ewigkeitswerte" lege ich irgendeiner religiösen Vorschrif! bei und nenne sie alle darum nur „Bräuche": auch ich will sie nur gehalten wissen, so lange und weil sie Wert für uns haben, — und das ist der stärkste Gegensatz zur orthodoxen Theorie! — Aber allerdings, solange mir diese Beweise nicht gebracht werden, bleibe ich dabei, daß unreine und todkranke Tiere, und Blut und Spannader Ekel erregen, daß gegenüber dem Schä6)ten jede andere Tötungsart Tierquälerei ist. an der ich mich nicht beteiligen will, und daß jede Gehorsamsübung im Namen deS Judentums sowohl die Frömmigkeit des einzelnen wie die gottgewollten Zwecke der Iudenheit nur fördern kann! Darüber hinousgehend aber glaube ich, daß der Zusammenbruch des Liberalismus, den mein Kritiker befürchtet, wenn man nicht entschieden genug liberal ist, — int Gegenteil dann ganz sicher wird, wenn er nicht einmal den Mut aufbringt, positive Forderungen zu stellen! Unsere Zelt sehnt sich, verlangt, schreit nach Bindung. Wir haben es satt, daß jeder seinen eigenen Schulchan aruch sich macht und machen muß. Wir sehen endlich ein, daß der einzelne zu schwach ist. allein

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