Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 2 (9.1.1925)
- Date
- 1925-01-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Zahrga»« Stummer 2 MischÄeraleZeilmg Beilage 9.3mmar 1925 IV. Oelegterienversammlung -er Arbeiisgemeinschaft jüdischliberaler Jugendvereine Von Botho Laserstei». Dl« Magdeburger Tagung ist vorüber. Wieber einmal bat unsere Jugend mit Problemen gerungen, die nicht so wohlfeil sind wie die politische Phrase. Darum fing der ehrwürdige Dr. Franken st ein, Vorsitzender der Magdeburger Gemeinde, das Bild dieser Tagung mit dem Bibelwort: ,Fch laste Dich nicht, du segnetest mich denn." In dem gedankenreichen Heft, mit dem der Magdeburger Ili die Delegierten begrüßte, sprach er die Hoffnung auf ein befriedigendes Ergebnis der Tagung aus. Wenn die folgenden Bruchstücke aus ihr (Eilbericht) die Fruchtbarkeit der Beratungen der jüdisch-liberalen Jugend widerspiegelt, so ist diese hauptsächlich das Verdienst der Magdeburger, die die meines Empfindens nach Komposition und Organisation beste Tagung der Arbeitsgemeinschaft zustande gebracht haben. Die Aktivität einer solchen allein ist das Zeichen ihrer Bedeutung. Schon daß aus den Magdeburger Beratungen die Anregung des rührigen Potsdamer Ili hervorging, im März auf einer jüdisch-liberalen Jugend-Tagung in Potsdam erneut in Gedankenaustausch zu treten, beweist, wie kraftvoll sich unsere Jugendbewegung gestaltet hat. * Magdeburg, den 3. Januar 1925. An die Vorsbandssitzung der Arbeitsgemeinschaft schloß sich «ine interne Beratung der Delegierten an. Dr. L i l i e n t h a l, Berlin, erstattete den Geschäftsbericht über die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft seit der Breslauer Tagung im Dezember 1922. Danach wurde der Vorstand neu gewählt. Die Versammlung beschloß, ein allmonatlich erscheinendes Mtteilungsblatt der jüdisch-liberalen Jugendvereine zum Gedankenaustausch der liberalen Jugend und ein Abzeichen der Arbeitsgemeinschaft für Jugendgruppen zu schaffen, dessen Einführung allerdings den einzelnen Vereinen überlassen bleibt. Die rege Diskussion zum Generalbericht behandelte besonders bl« «künftige Propagandatätigkeit der Ais. Der Abend vereinte die Delogierten mit den Magdeburger Vereinsmitgliedern und Gästen zu einem gemütlichen Beisammensein, das durch die Sanaeskunst des Kantors Teller verschönt wurde. Nicht ganz am Platze war der Vortrag eines langen MelrHrams von Rainer Maria Rilke durch Fräulein Wiesenthal. Magdeburg, den 4. Januar 1925. Dr. Lille nt Hai, Berlin, der wiedergewählte Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, eröffnete die Sitzung und erteilte Herrn Ernst Heinrich S e l i g s o h n, Berlin, das Wort zu dem Thema: „Individuum und Gemeinschaft". Die Frage ist deshalb so brennend, weil das Gemeinschaftsgefühl im letzten Jahrzehnt erheblich erstarkt ist. Die Förderung der religiösen Kultur durch starke Individualitäten war das Ideal der vorhergehenden Generation. Weil diese die Gemeinschaft außer acht gelassen hat, sind als Reaktion die Jugendbünde uns dann die Jugendbewegung entstanden. Genau so ist die Entwicklung im Judentum vor sich gegangen. Die Epoche des Liberalismus war die eines überspannten Individualismus. Als man anfing, sich auf sein Iudesein zu besinnen, entstand die Mische Jugendbewegung. Das Erlebnis der Gemeinschaft besteht aus Herbenbewuhtfetn und Gefühl für das Kosmische. Jenes, das Gefühl für das Gleiche oder Aehnllche im anderen, schaffe ein Gefühl der Sicherheit. Dieses bedeutet, daß sich das Einzelwesen als alleinstehende Kreatur In die Natur hineingestellt fühlt. Ueber dieses urmenschliche Gemeinschaftsbewußtsein hinaus müssen wir zu einer Durchgeistigung Vordringen. Diese wird erreicht durch das Bewußtsein des heutigen Menschen von der Unterwerfung unter die geschaffene Norm. Dieses Normative ist Ausdruck gewordenes Zeitgefühl und nach seiner Erreichung verlangt es uns oder sollte es uns verlangen. Ihm entspricht als Erlebnis der jüdischen Gemeinschaft das Gefühl für die Gesamtberufung des Judentums. Aus ihm heraus muh sich der Instinkt schärfen für das gleiche im Zeitgenossen und vor allem bei den Vätern. Es gilt, den Anschluß an die Tradition zu finden, aber diese im liberalen Sinne fortzubilden, nicht von außen her, sondern durch Einstellung in den Kreis jüdischer Norm. Und wie auch der Prophetismus, die höchste Blüte des Judentums, neben dem Universalistischen das Gesetzmäßige, Besondere des Judentums betonte, so verlangt von uns das Gesetz, nicht als Einzelvorschrift, sondern in seiner Haltung Unterwerfung. Gerade wenn wir das Judentum in seiner Eigenart erhalten, wenn wir als Gemeinschaft das Salz der Erde bleiben wollen, bieten wir die stärkste Gewähr für das Kommen des Messias. Insofern wir aber das Judentum aus dem Stilgefühl der Zeit heraus weiterbilden müssen, bildet auch der Zeitgeist ein bestimmendes Erlebnis für die Gemeinschaft. In der Betonung dieser und der Gesamtberufung des Judentums (Klal) stimmt der Vortragende mit Wiener überein. Dieser aber habe den Fehler begangen, die Bedeutung des persönlichen Erlebnisses nicht zu beachten. Wir müssen jedoch gerade das spezifisch jüdische Offenbarungserlebnis wiederzugewinnen suchen, das in der Offenbarung an das ganze Volk liegt. Ist es dazu gekommen, dann steht auch der geniale Führer in einer Reihe mit iedem Juden. Diese Verbindung von Klal und persönlichem Erlebnis, von Gemeinschaft und Individuum, zeige sich besonders deutlich in Jehuda Halewi, der von Wiener immer als Vertreter des reinen Klalgedankens in Anspruch genommen werde. Es ist eine eigenartige Erscheinung, daß das jüdische Gemeinschaftsbewußtsein immer dann erstarkte, wenn das individuelle religiöse Gefühl zu entstehen begonnen hatte. Der Weg zur neu zu schaffenden jüdischen Gemeinschaft führt daher über das Individuum. Wir können keine andere Arbeit leisten, als die Jahrhunderte in uns frei zu legen, soweit es möglich, soweit es für uns tubar ist. Dann finden wir beinahe wie von selbst den Anschluß auch an die Tradition und an Gegenwart und Zukunft der jüdischen Gemeinschaft. Aber benutzten wir unsere günstige Lage, die uns den Wert des Normativem erkennen ließ, auherdem, so daß sich der innige persönliche Gottesglaube mit dem Gefühl des Klal Iisroel verbindet. Denn erst dann sind wir würdige Glieder der Jahrtausende währenden Kette von Iudengenerationen vom Sinai bis zu den Tagen des Moschiach. (Starker Beifall.) In der darauf folgenden Diskussion nahmen das Wort Hirschfeld, Berlin: Wenngleich der Vortragende nicht Alltägliches gegeben habe, so bestehe doch die Gefahr, daß diejenigen, die nicht von innen heraus an die Dinge gedrängt werden, nur das Aeußerliche erfassen und sich einen Formalismus aneignen, der dem Vortragenden fern liege. Dr. Scheyer, Liegnitz: Rach seiner Ansicht haoe Seligsohn unter dem sensus ju<inieu8 lediglich das Gefühl der Gesamtberwfung verstanden. In diesem Unaussprechlichen liege aber mehr: jüdische Abstammung, jüdische Geschichte, jüdisches Herz, übechaupt unser Iudesein. Frl. Markus. Berlin bedauert das Fehlen der De- Handlung der praktischen Frage, wie Individuum und Gemeinschast zusammen wirken können. Dr. Lilienthal, Berlin: Der Fehler des Referats fei es. daß Seligsobn als spezifisch Mischet Problem eine allgemeine Lebensfrage behandelt habe. Auch sei di« Gesamt- oder Einzetberufung kein Unterschieb zwischen den Religionen, sondern einer der Entwicklung. Aach dem Denken der Nomadenzeit muhte die Berufung an das ganze Volk ergehen, in weniger primitiven Zeiten an den einzelnen. Das Unterscheidende sei -er Inhalt des Judentums. ES fei auch nur historisch richtig und bedeute keine Wertung, wenn man feststellen könne, daß zuerst das religiöse Gefühl und dann erst das ethische Bewußtsein vorhanden ist. Die Gemeinschaft müsie aufgebaut werden auf dem Individuum, das von vornherein auf die Gemeinschaft eingestellt ist. Dann werde aus dieser daS große schöpferische Individuum hervorgehen. Frl. Rosenthal, Breslau hält das Erschaudern vor dem Göttlichen für das Primäre. Das Erlebnis des jüdischen Menschen könne nur das Erleben des jüdischen Gottes sein. Lewin, Berlin vermißt in dem Referat die Fragezeichen. Man tue falsch daran, bei der Beurteilung religiöser Fragen von seinem eigenen Erlebnis auszugehen. Selig sohn, Berlin (Schlichwort): Eine praktische Lösung für das Berhältnis zwischen Individuum and Gemeinschaft kann heute nicht gegeben werden und kann eS nicht, solange es stch um eine lebendige Frage handelt. Im Gegensatz zu Lilienthal ist die sinaitische Offenbarung als spezifisch jüdisches Gut aufzufassen. Andere, auch in Zeiten primitiver Kultur entstandene Religionen, (Buddhismus, griechische Orphiker) kennen nicht die Offenbarung an das ganze Volk. Daß Ethik für dle Religion etwas Sekundäres ist, bedeutet kein Werturteil. Rachmittagssihung. Nach dem gemeinsamen Mittagessen nahm das Wort zu dem Thema „Wie gewinnen wir den jungen jüdischen Menschen für unsere Bewegung?" Frl. Lotte Rosenthal, Breslau. Sie führte etwa fol-! gendes aus: Durch die Rot des Krieges und die Wirren der Inflation haben viele junge Menschen den Halt verloren, hat die Jugend am Bestehenden zweifeln gelernt. Besonders schwer ist aber der Kampf der jüdischen Jugend, weil diese erst um ihr Judentum ringen muß. Hier haben unsere Jugendvereine, die auf allen > Gebieten arbeiten müssen, der Jugend helfenbeizustehen. Wir können dies nur, indem wir sie auf die sittlichen Pflichten Hinweisen, die das Judesein uns auferlegt. Denn dies ist für uns der Weg zur sittlichen Vervollkommnung. Wir dürfen aber nicht nur bei unseren religiösen Zielen bleiben, weil feder wirklich Ringende mit seiner Umwelt in Konflikt gerät. Darum müssen wir wie die allgemeine Jugendbewegung dem Men, Hergebrachten, den Kampf ansagen. Wir brauchen aber auch die spartliche Betätigung, um den seit Jahrhunderten verkümmerten Körper der Jugend zu erstarrten. Sehr schwer ist es, eine Altersgrenze für unsere Mitglieder zu ziehen. Wir müsien aber besonders an der schulentlassenen Jugend arbeiten. Gerade dieser können wir in gemeinsamer Arbeit ein Ideal geben. An den gemeinsamen Vortragsabenden findet pe Arbeit und muß an FreitagMHden, die nicht nur religiöfen Charakter tragen, zu guter Geselligkeit erzogen werden. Rach außen hin gilt unser Kampf, der das persönliche Empfinden nicht verletzen darf, dem Zionismus und der Orthodoxie. Während diese aber mit uns auf verschiedenen Wegen zu einem Ziel streben, muß der Neutralität als dem Indifferentlsmus schärfster Kampf angesagt werden. Man kann wohl sein Wiffen aus Vorträgen ziehen, die objektiv gehalten sind, man kann aber ohne Stellungnahme keine positive Arbeit leisten, außer auf sozialem Gebiete. Roch schlimmere Feinde des Judentums aber sind diejenigen, die nur an wenigen Tagen im Jahre die Synagogen füllen, sich sonst aber nicht ihres Iudeseins erinnern und am Religionsunterricht nicht leilnehmen. Daß dieser gebessert werde, muß als unsere wichtige Aufgabe angesehen werden. In unseren 3lis müssen sich dle Mitglieder in kleinen Groppen mit den Problemen des Judentums befassen. Diese müssen ihnen durch kurze Referate nahegebracht und in Diskussionen lebendig gemacht werden. Besonders verliert der Freitagabend in größeren Gruppen leicht seinen familiären Charakter. Auch kann nur auf diese Weise sich in den Gruppen ein näheres Verhältnis entspinnen. Dafür sorgen müssen wir, daß nur wertvolle Persönlichkeiten in diese kommen, Menschen, die dem Sturm des Lebens aufrecht standhalten, die sich der Verantwortung bewußt sind, Träger der messiamschen Ioee zu sein. Korreferat Ludwig L e w i n - Berlin: Die brennendste Frage des jüdischen Liberalismus ist die nach dem Nachwuchs, aus dem die zukünftigen Führer entstchen. Wir müssen schon an die Jüngeren heranzukommen suchen, um sie mit unseren Ideen zu erfüllen und zu verhindern, daß sie von den anderen Parteien in Anspruch genommen werden. Deshalb dürfen wir sie nicht den neutralen Jugendvereinen überlassen. Es werden ja auch nur diejenigen zu uns kommen, die bereits im Elternhause liberal beeinflußt sind. Auch wollen wir der Jugend durchaus keine fertige Lebensweisheit eintrichtern, da sie nicht selbst erkämpfte Lösungen bereitwillig preisgeben wird, wenn unser persönlicher Einfluß erlahmt ist. Als Führer kann aber der Jugend nur ein Jugendlicher dienen. Diese Führer müßten des öfteren Zusammenkommen, um ihre Erfahrungen auszutaufchen. Auch dürfen wir den Gruppen keinen Führer aufdrängen, da sie sonst leicht auseinanderfallen. Sobald die Jugendlichen Ater werden, sollen wir sie nicht aus den Gruppen in einen großen Ili, sondern sogleich in die Bereinigung überleiten. Den Nachwuchs für unsere Gruppen erhalten wlr durch planmäßige Arbeit an möglichst allen Schulen, mit allen Religionslehrern, Rabbinern und Mitgliedern der liberalen Vereine. Auf diese Weise müssen wir zunächst einen hochwertigen Kern sammeln, um den sich allmählich auch die Mitläufer gruppieren. An die Jüngsten kommt man durch die Eltern, an weniger Jugendliche auch durch persönliche Werbung heran. Mit-unserer Jugend müssen gemeinsame Feiern veranstaltet, Geselligkeit und freundschaftlicher Zusammenschluß gepflegt, Ausflüge gemacht und Sport getrieben werden. Auch kommt eine gemeinsame Beteiligung an Wohlfahrtsbestrebungen in Frage. Am wichtigsten aber ist die religiöse Arbeit und die Verbreitung jüdischer Kenntnisse, über der die allgemeine und politische Bildung nicht vernachlässigt werden darf. Hier muh die aktive Mitarbeit der Einzelnen, durch Referate, Vorträge und Anregungen, gefordert werden. Ein Fehler ist es. den jungen Menschen fertige Anschauungen zu geben. Hier seht die Verantwortung des Führers ein, der ja gerade bei feiner Beliebtheit großen Einfluß, und dessen Wort, besonders bei den Jüngsten, großes Ansehen hat. Der Führer muß sich individuell auf seine Anhängerschar einstellen und darf sie nur durch Anregungen dahin bringen, selbständig über religiöse Fragen nachzudenken. Wenn wir auf diese Weise in den Ilis die Jugend erziehen, dann wird die Zukunft des liberalen Judentums gesichert sein. Die Referate wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Diskussion. Friedman«-Magdeburg: Richtig verstandene Neutralität der Jugendvereine bedeute Energie. — Je mehr Teilnehmer unsere Freitagabende und unsere Veranstaltungen haben, desto erfreulicher sei, es: doch müsse der Ili auf dle Jugend beschränkt werden und sich auch der körperlichen Ertüchtigung seiner Mitglieder widmen. Rosenberger-Berlin vermißt di« Behandlung der Frage der eigentlichen Gewinnung neuer Mitglieder und fordert dazu stärkere Betonung des Gesellschaftlichen. Dr. Frankenstein-Magdeburg: Da, wo die Neutralen wirklich neutral sind, können wlr Mitarbeiten, wo es nicht der Fall ist, müssen wir die liberale Jugend in liberalen Vereinen zusammenfassen. Die sportliche Tätigkeit der Aimitglivder sei notwendig, weil sie häufig aus anderen Vereinen ferngehalten werden. (Starker Beifall.) Dr. Scheyer-Liegnih: Nicht die Altersgrenze, sondern das jugendliche Herz bedinge die Zugehörigkeit zum Ili. Wir müssen unsere Jugend durch das Religiöse gewinnen. Während sie im vorigen Jahrhundert die Orthodoxie aus dem Judentum heraustrieb, müssen wir sie dadurch begeistern. — Die neutralen Vereine müssen wir bekämpfen, weil sie sich immer gegen uns entwickelt haben. Daß stch auf der letzten Logentagung die Vertreter aller positiven Organisationen gegen die Indifferenten für Neutralität ausgesprochen haben, gäbe doch zu denken. Zu fordern sei dagegen eine neutrale Stätte (Jugendhalls), wo sich die Jugend in neutralen Angelegenheiten trifft, wo aber nicht z» religiösen und politischen Fragen neutral Stellung genommen wird. (Nicht endenwollender Beifall.) Kahenstein-Sobernheim: Durch unsere religiöse« Feiern werde die Jugend auf das Religiöse hingewiesen und damit jüdischer Geist in die Familie getragen. — Das mangelnde Interesse am Religionsunterricht liege daran, daß die Lehrer ihre religiöse Entwicklung nicht auf die Jugend überfließen z« lasse» vermögen. Seligsohn-Berlin: Als Ili haben wlr nur Arbeit zu leisten, die sich auf das Religiöse bezieht: Sport und Gesellschaftliches sei nur Nebenwerk. Nathan-Magdeburg fordert stärkste Betonung des Heimatgefühls. Dr. Cohn-Potsdam: Wir müssen unseren Anhängern eine universelle, auch sportliche Ausbildung zuteil werden lassen, weil sie sonst in anderen Vereinen absorbiert werden. (Beifall.) Frl. Wiesenthal-Magdeburg tritt für Arbeit im kleinen Kreise ein. Hirschfeld-Berlin: Im Anfang der Vereine muß das Alter Mitwirken, später wird die Jugend allein den Weg finden. In den Ilis ebenso wie im Religionsunterricht muß zu allen Problemen klar Stellung genommen werden. Laserstein-Berli n: Es sei erfreulich, daß endlich zugegeben wird, daß man allmählich aus den Ais herauswächst. Dadurch werden diese zu Reservoirs der großen Bewegung. Anders, wenn die Jugend den neutralen Vereinen zugeführt wird, wo sich die Liberalen in gewohnter Weise an die Wand drücken lassen. Der Nachwuchs werde schon im Religionsunterricht allzu neutral behandelt; darum, nicht wegen des mangelndem Interesses der Schüler, liegt es auch so im Argen. Frau Hamlet-Magdeburg: In großen Klassen kann «an die Jugend nicht religiös erziehen. Frl. Schneider-Llegnitz warnt vor den antMberalen „neutralen" Jugendverelnen. 3n ihren Schlußworten fassen L e w i n - Berlin und Frl. Rosenthal- Breslau das Ergebnis der Diskussion für die fernere jüdisch-liberale Jugendarbeit zusammen. Hierauf schließt der Vorsitzende die Tagung mit Dankesworten an die Delegierten. Das Paktieren mit dem neutralen Judentum sei ein solches mit dem jüdischen IndifferenttSmus. Me Arbeit der jüdisch-liberalen Jugendvereine in oen nächsten zwei Jahren müsse weitere Durchdringung der Jugend mit religiösem Geist bedeuten. Diener Brief. Ein ernstes Wort zu einer heileren Angelegenheit. Das scheidende christliche Kalenderjahr hat noch in letzter Stunde den Zusammenbruch der auf arisch-christlicher Grundlage gestandenen Banken in Wien um ein Opfer vermehrt. Die Klientel dieses rassereinen Schnackerlunternehmens kamen indes glimpflicher davon als diejenigen, die stch von den völkisch-religiösen Phrasen anderer Antisemitenbanken hatten verleiten lassen, diesen ihr Vermögen anzuvertrauen. Denn die Aktienmajorität der „Deutschen Kreditbank" —> so oder so ähnlich hieß die Bank, von der wir sprechen — wurde von einem englischen Bankier erworben und so das Unternehmen vor dem Bankerott bewahrt. Ilm so größer ist die moralische Niederlage des finanzpolitischen Hakenkreuzlertums, denn der besagte Bankier entpuppte sich als ein — Jude östlicher Herkunft. Darob großer Jubel in der liberalen Presse. Cs ist ja angesichts der geschilderten Sachlage wirklich schwer, keine Satire zu schreiben und so bekommen die Leser jener Blätter, die ihren Liberalismus noch offen zur Schau tragen, etwas zu lachen. In einem bewußt Mischen Blatte wird man aber doch auch den Versuch wagen müssen, der Sache eine ernstere Seite abzugewinnen. Ich bin gewiß kein Spaßverderber und mißgönne niemandem die erheiternde Wirkung des Schauspiels, eine antisemitische Bank als — Iudenbank gerettet zu sehen. Rur darf man sich nicht verleiten lassen, die Pointe der Satire, die das Leben selbst hier geschrieben, als einen Triumph des Judentums zu deuten. Mögen dies auch die Antisemiten in verbissener Wut über die neuerliche Deklarierung ihrer national-ökonomischen Impotenz heimlich tun — die große Masse der in hartem Daseinskampf stehenden Iuüenschaft hat hierzu — leider Gottes! — keinen Grund. Sie muß erst abwarten, ob der Uebergang der einer Aktienmajorität aus antisemitischen Händen in die irgendeines reichen Juden eine noch io bescheidene Linderung des traurigen Loses der jüdischen Barm- und Industriebeamtenschaft zur Folge haben wird, und sieht der Beantwortung dieser Frage nach den bisher mit jüdischen Unternehmern gemachten Erfahrungen sehr skeptisch entgegen. In Oesterreich, diesem „Kapua der Geister", wie es sein größter Dichter genannt hat, war die Zahl derer, die die bescheidene, aber sichere Versorgung in einer fix besoldeten Beamtenstelle dem riskanten Wettbewerb der Kräfte in den freien Berufen vorzogen, stets größer als anderswo. Das Restroy-Wort: „Ein Beamter hat nichts, aber das hat er sicher!" schwebte hierzulande allen Eltern und Erziehern vor Augen, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder dachten. In der Vorkriegszeit regelte sich der so bewirkte Andrang zu den Beamtenstellen konfessionell in der Weise, daß die Arier im Staatsdienst, die Juden bei den Banken Versorgung suchten und fanden. Der Umsturz nach dem Friedensschluft hat dieser praktischen Verteilung der Kräfte ein grausames Ende gesehl. Der Staatsdienst verlor gerade das. was ihn den meisten seiner Adepten batte begehrenswert erscheinen lassen: die Sicherheit seiner materiellen Fundierung. Dagegen schien die mit dem