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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-02 · 1 (2.1.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
1 (2.1.1925)
Date
1925-01-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Bert Kantor Warten berget. entzündete die Chanukah-Llchler, und > Zerr Rabbiner Dr. Sänger fand packende Morte, um uns als > liberale Juden Sinn und Bedeutung dieses einzlgartiaen Festes für all« Zotmnft vor Augen zu führen. Wir find unserem sehr verehrten geistigen Führer herzlichsten Dank für die Art und Weise schmdig, durch die uns der Weg zu einem kraftvollen . Bekennen in jeder Form gewiesen wurde. Nach der Festansprache I folgten in bunter Reibe musikalische Darbietungen, die uns zeigten, wie unaemein aktiv viele unserer Mitglieder auf diesem Gebiete sind. Eine gemeinsame Kaffeetafel, die ein sehr launiges Festlled umrahmte, beschlob die schönen Stunden, für deren Gelingen allen Beteiligten in mitternächtiger Stunde Berger , unter freudiger Zustimmung dankte. j Magdeburg. (Jüdisch-liberaler Jugendbund „Heimat".) Edgar > Friedmann, der seinerzeit umständehalber sein Amt als erster! Borsitzender niedergelegt hatte, übernimmt ab 1. Januar 1925 , wieder die Geschäftsführung unseres Bereins. An Stelle unseres ausgeschiedenen zweiten Borsitzenden Ernst Steiner wurde Gerd Michaelis gewählt. Der übrige Vorstand bleibt | unverändert. j Potsdam. Unser Verein feierte am 22. Dezember wie in jedem Jahre sein Charmkahfest. Anschließend an den um 4 Uhr ftuttgefmidencn JugendgotteÄienst stellten sich über hundert Kinder > am Nachmittag zum Kinderfest« eia. Dieses wurde mit dem von j Oberkantor (duttmann vollzogenen Anzünden der Chanukahj lichter eröffnet, an welches sich dann der Gesang des Chanukahliebes anschloß, das von den Kleinen begeistert angestimmt wurde.; Dann gab es Schokolade und Kuchen, von den GemeinLemitj aitedern zur Erfreuung der Kleinen gestiftet. Darauf entzündete! Lvni Hercnstädt, die INäbrige Tochter der bekannten Vortrags- | Künstlerin {Jvrin Hr, rnsiähl-Oektinger, selbst schon eine kleine Meisterin, die Kinder durch launige Rezitation:». Ruth Fabian und Ruch Pagelsohn führten in anmutigster Weise einen Pbantasietanz vor, dem regster Beifall zuteil wurde. Zum Schluß fand noch eine große Cyanukahbescherung nebst Verteilung von Luftballons statt, worauf die Kleinen beseligt nach Hause gingen. Das diesjährige Chanunahfest wird den Kleinen eine stete Erinnerung sein. Der um 8 Uhr statttindende Gesellschaftsabend, der sich eines überaus starken Besuches (annähernd 200 Personen) erfreute,, wurde durch einen Klaviervortrag von Frl. Küche Wolfs, der von guter Begabung zeugte, eingeleitet. Msdann brachte Frau Direktor Wolfsssohn in formvollendeter Weise Arien von Schubert und von Bruch zu Gehör. Dann stieg das mlt Spannung erwartete, von Herrn Rochocz einstudierte Lustspiel von A. Schweriner: „Onkel Wolff, der Kleinstädter". DaS in allen Rollen aut besetzte Stück fand sich immer wiederholenden Beifall. Vorher hatte der Vorsitzende Dr. Cohn in seiner Begrüßungsrede die Anwesenden aufgefordert, auch an den sonstigen Veranstaltungen des Bereins sich in gleich starkem Maße zu beteiligen und auch für die Zukunft zur Stärkung des liberalen Gedankens und einer erfolgreichen Abwehr des Anttfemitismus einmütig znsammenzustehen. Alsdann blieb mau noch in fröhlichster Stimmung bis in die vierte Morgenstunde zusammen, wobei der Tanz ausgiebig zu seinem Rechte kam. Das Chanukahfest hat sich somit für uns zu einem vollen Erfolge gestaltet und Ansehen und Bedeutung unseres hiesigen Verents aufs neue gestärkt. Wir hatten auch die Freude, einige Mitglieder des Berliner 31i begrüßen und eine Anzahl Beitrittserklärungen verzeichnen zu können. ver jüdische Der Abbau liberaler Institutionen.! Die Ausführungen des Herrn Altmann über die Vorkommnisse in Dresden und die daran schließende Debatte haben nicht nur lokales Interesse. Sie find, wie jeder Kenner der Gemeindeverhältnisse wenigstens in Norddeulschland bestätigen kann, durchaus nur ein Symptom für die Bestrebungen gewisser sogenannter mittelparteilicher Kreise, uns in ihrem Sinn „frömmer" oder „jüdischer" zu machen. Von den vielen Gründen, die bei dieser Erscheinung mitsprechen, möchte ich nur einige ganz kurz betrachten. Der erste hängt sicher mit der Tatsache zusammen, daß infolge der Abtretung weiter Gebietsteile unseres Vaterlandes eine große Anzahl von Glaubensgenossen aus den kleinen Städten in die Groh-Gemeinden gekommen ist. Diese ist natürlich nicht mit den Traditionen der Groß-Gemeinden bekannt und' hangt an der Art des Gottesdienstes, wie er in ihrer Heimat üblich war. Soweit diese Kreise sich in der Großstadt dem konservutiven Gottesdienste zuwenden, bedeuten sie für die bestehenden liberalen Einrichtungen keine Gefahr. Ein großer Teil von ihnen wendet sich aber dem Gottesdienst in den liberalen Synagogen zu, was wir gewiß mit Freude begrüßen können. Diese Glaubensgenossen kommen eben zu der lieberzeugung, daß ein Gotiesdienst mit Orgel und Chor, einem guten Kantor und einem guten Rabbiner dazu angetan ist, das religiöse Gefühl zu erhöhen. Sehr oft ergibt sich aber, daß gerade diese neuhinzugekommenen Gemeindemitglieder die Empfindung haben, als ob manches in dem j sogenannten liberalen Gottesdienst, den sie besuchen, ihnen zu j liberal ist, und sie ziehen nun bedauerlicherweise daraus die Konj jequenz, daß etwas rückwärts reformiert werden müsse. Sie! finden hierbei eine ganz besonders lebhafte Unterstützung — und | dleses ist der zweite Grund — bei den Zionisten, weichen der Gedanke, daß irgendwo im Gottesdienste etwas gesagt oder ausgelassen werden konnte, was in anderen Gemeinden ausgelassen oder gesagt wird, etwas ganz Angeyeuerliches ist, soweit sie sich überhaupt um religiöse Einrichtungen kümmern. Hierzu kommen noch recht viele, die alle im Grunde ihres Herzens durchaus liberal sind, die aber unbedingt dem Volke die Religion in möglichst althergebrachter Form" erhalten wollen und die manch- : mal gar nicht als unbedingte Autoritäten auf dem Gebiete der > Geschichte des jüdischen Gottesdienstes anzufprechen sind. So! Huben wir es in Königsberg im Laufe der letzten 4K- Jahre er-! lebt, daß die ganz minimalen Errungenschaften des Liberalismus! stückweise udgebaut werden. Es verschwanden zunächst deutsche j Sologesänge von weiblichen Mitgliedern des Synagogen-Chors, I weil dieselben angeblich aus einige Besucher des Gottesdienstes; [bi'ati.iüiiö wirkten. Dafür wurden Einschaltungen in hebräischer Spracke zum Vortrag gebracht. Es kam auch hier eine Kapp-; cheiioersm-ung für die Knaben beim Religionsunterricht. Der; Frieding', welcher früher auch am Sabbat geöffnet war, damit , wenigstens diejenigen Besucher, die von auswärts kommend, sich : auf der Durchreise hier aufhielten, die Möglichkeit hatten, die Gräber ihrer Lieben zu besuchen, wurde geschlossen. Das Ehanukahtied, weickes seit Jahrzehnten in der liebersetzung „Schirm und Sckug" gesungen wurde, wird seit dem 21. Dezember 1924! mit dem hebräischen Text gesungen. Dieses und noch manches andere sind zwar alles keine fundamentalen Amstürzeleien, aber es liegt Sostem darin, und die alten Gemeindemitglieder, welche s mit der Tradition ihres sozusagen liberalen Gottesdienstes ver-! wachsen sind, merken die Absicht und.sind verstimmt. Run fragt > man, wie kann es dahin kommen? Wir haben doch liberale s Rabbiner! Bedauerlicherweise müssen wir seftstellen, daß diese > Herren Rabbiner vielleicht in der Theorie liberal sind, daß aber ' der größte Teil dieser Herren aus Gründen der sogenannten Neutralität niemals eine Entwicklung nach der liberalen Seite mitmachen, geschweige denn führend veranlassen werden. Für die meisten dieser Herren gilt das, was in dem liberale» Gebetbuck ihrer Gemeinde, sei es von Geiger, Joel oder Boaelftein, vor 70 bis SO Jahren festgelegt ist, als daS Aeußerste, was man sick als Liberalismus für die Gemeinde vorstellen kann, und dabei hätten es dock die Herren in größeren Gemeinden so einfach. Sie .könnten dock sagen: „Die Gemeinde hat für sämtliche Richtungen Gottesdienste eingerichtet" — in Königsberg bestehen fünf; Snnagogen verschiedener Richtungen, die zum großen Teil von - der Gemeinde unterhalten werden. — „Bei uns in der Orgel- ' Synagoge haben wir einen liberalen Gottesdienst. Wer dort hin- . kommt, bekennt sich zum Liberalismus und hat auf keine Reform nach rückwärts zu rechnen. Wer dieses nicht will, der gehe eben in eine andere Synagoge, die ja auch eine Gemeindemstitution; ift, und wo er den (Gottesdienst in der Form finden wird, die ihm gefüllt und an die er von Hause aus gewöhnt ist." Bebauer- ■ Iickerweise findet man leider auch in manchen Gememdekörperschaften sogenannte Vertreter des Liberalismus, die aus all zu großem, falsch verstandenen Liberalismus nur bereit sind, Konzessionen nach rechts zu machen, aber sich gegenüber der bescheidensten Anregung von links ablehnend verhallen.! Hier einzugreifen, die Laien aufzuklüren, und den Herren j Rabbinern das Rückgrat zu stärken, ist die wesentliche Aufgabe der Liberalen Vereinigung. In manchen Synagogen werden jetzt s die Beleuchtungsanlagen, welche in den Kriegs- und Nachkriegs-! jahren nicht instand' gehalten werden konnten, erneuert, aber j das Licht, welches I>ic neuen elektrischen Glühlampen ausstrahlen,; wirkt nur blendend für die Augen und kann nicht darüber hinweg-; täuschen, daß an vielen Orlen der Geist in das Dunkel des Mitteli alters zurückgeführt werden soll. ' Herbert P e r l m a n n , Königsberg. Spredisaal. Die Speisegesetze. In Ihrer Rr. 45 hat an dieser Stelle Frau Mathilde W e r l - h e i.in, Aachen, an die liberalen Rabbiner eine bescheidene An-! vage nach ihrer Stellungnahme zu den Speisegesetzen gerichtet, die ich nicht unerwidert lassen will. Ich hoffe, daß auch noch andere Kollegen sich dazu äußern werden. Frau Wertheim will eine Grenze gezogen sehen, wie weit auch von dem religiös liberalen Juden die Einhaltung der Epeisegesetze gefordert werden muß. Die Richtlinien, die vor einigen Jahren versohl worden sind, gäben dafür keinen sicheren Anhaltspunkt. Auch erkennt Frau Wertheim an, daß es bei den liberalen Rabbinern ein peinliches Gefühl erwecken muß, wenn ihre Entscheidung weiter nichts bewirken soll, als die tatsächliche Abwendung vieler liberaler Juden von den Spreisegesetzen nachträglich zu rechtfertigen Denn man fragt den liberalen Rabbiner in den meisten Fällen nur dann um eine religiöse Entscheidung, wenn man eine Erleichterung in den religiösen Forderungen erwartet. Ich will nun kurz meine Auffassung in dieser Angelegenheit skizzieren. Es ist nach meiner Ansicht falsch, wenn man die Speisegesetze aus dem Rahmen der übrigen Zeremonialsatzungen hevaustöst und die Frage nach ihrer Verbindlichkeit gesondert behandelt. Sie sind ebenso "als Heiligungsmittel zu bewerten wie die Feier der Feste und andere Bestimmungen. Bevor man aber die allgemeine Frage nach der Verbindlichkeit der Heiligungsmittel und vor allem nach dem Grade, wie weit spätere rabbinische Erschwerungen der ursprünglichen Verordnungen der Thora für den liberalen Juden noch Gültigkeit haben sollen, müssen wir erst folgende grundsätzlichen Probleme erörtern. 1. Nachprüfung der Anschauungen des Judentums über das Wesen des Menschen. Die rabbimschen Erweiterungen der Gesetze der Thora haben vielfach die Auffassung von der angeborenen Schwäche der menschlichen Natur zur Voraussetzung. Stark verwandt mit dem Gedanken der Erbsünde herrscht bei unseren alten Weisen der Gedanke vor, daß, je mehr sich der zeitliche Abstand eines Geschlechts von der Offenbarung am Berge Sinai vergrößert, um so geringer seine innere Fähigkeit wird, in den Geist der Lehre einzudringen, und daß es darum der Sünde um so leichter fällt, den Menschen zu verführen. Darum glauben sie, zum Schutze dieses schwachen Menschen den Zaun um die Thora immer weiter ziehen zu müssen. Das Festhalten an diesem alten dogmatischen Grundsatz hält auch heule noch selbst bedeutende orthodoxe Autoritäten davon fern, auf rabbinischem Gebiet Erleichterungen zuzugestehen und etwaige Entscheidungen früherer Gelehrter auszuheben. Hier müßte nun der Hebel eingesetzt werden! Entgegen der zugesiandenen tiefeindringenden Kenntnis unserer alten Weisen vom Wesen des Menschen, die jedoch nur rein ersahrungSmährg erworben ist, müßte eine psychologische Untersuchung mit neuen wissenschaftlichen Mitteln durchgeführt werden, ob diese alte dogmatische Anschauung haltbar ist oder ob wir mit Recht sagen dürfen: Der Mensch ist gut, und es besteht bei ihm krast dieser Veranlagung zunächst der gute Wille, die Gebote der Religion zu erfüllen. Haben wir diese Frage in bejahendenl Sinne gelöst, dann dürfen wir dem liberalen Juden bezüglich aller Heiligungsmittel völlig freie Hand geben. Rur das, was ihm durch Erziehung, Gewöhnung ans Herz gewachsen ist oder was ihn als gemütvoller religiöser Brauch aus irgendwelchem Grunde fesselt, braucht er zu halten. Voraussetzung ist allein, daß er die Forderung der Thora als verpflichtend anerkennt und ihnen nachzuleben gewillt ist: Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin Ich. der Ewige, Euer Gott, und Ihr sollt mir sein ein Reich "von Priestern, ein heiliges Volk! Denn die Anerkennung dieser Forderungen verlangt von ihm, daß er sich in der Beherrschung der Natur und in ihrem Gebrauch irgendwelche Beschränkungen auferlegt. 2. Die andere Vorfrage, die es zu beantworten gilt, ist die: Wie weit ist individuelle Religiosität im Judentum möglich? Sie ist innerhalb der strengen Wahrung der nachbiblischen Tradition nur möglich nach der erschwerenden Seile, indem der einzelne sich sonst erlaubte oder -nur im Zweiselsfalle erlaubte Dinge stets verbietet und sich etwa durch Gelübde an sich unschuldige Genüsse noch versagt. Diese persönliche Verschärfung des religiösen Lebens findet ihre Grenze nur in dem Grundsatz: Bei meinen Gesehen sollt Ihr leben und nicht sterben! und darin, daß die religiösen Vorschriften mit Freude erfüllt werden sollen. Nach der erleichternden Seite besteht auch die theoretische Möglichkeit einer persönlichen Frömmigkeit in der Weise, daß der genaue Kenner deö Religionsgefehes eine Entscheidung aus früherer Zeit mit Erfolg anfechten kann, wenn er logisch den Nachweis fuhren kann, daß in der Herleitung dieser Bestimmung ein Fehler vorliegt. Vor solchem verstandesmäßig einwandfreien Beweis schwindet die Ehrfurcht vor jeder Autorität. In der religiösen Praxis wird von der erleichternden Entscheidung für sich selbst gewöhnlich dock kein Gebrauch gemacht, da ihr der Grundsatz entgegensteht: Sondere Dich nicht ab von der Gemeinde! und weil der Gelehrte befürchten muß, daß seine Handlungsweise von den weniger gelehrten Menschen falsch gedeutet werden könne. Hier muß nebenbei eingeschaltet werden, daß es mir seltsam erscheint. daß man das von Frau Wcrtheim erwähnte Buch des Rabbiners Dr. Wiener s. Zt. unterdrückt haben sott. Denn hat er die Anhaltbarkeit mancher Erschwerungen der Speisegesehe nach talmudischer Forschungsweise erschlossen, dann lag darin eine anerkennenswerte Weiterbildung der Halacha in unserer Zeit vor, bat er sie aber von anderen Gesichtspunkten aus bekämpft, so hatten seine Anssührungen für die strenggläubigen Juden keine Bedeutung. Es bestandalso kein Grund zu ihrer Unterdrückung. Wie gestattet sich nun die individuelle Religion des liberalen Juden, wenn man die oben angeführte freie Auswahl aus den Heiligungsvorschriften grundsätzlich anerkennt? Sie muß chre Grenze finden in der Wahrung des Bestandes der Gemeinde und in der Schaffung eines weisen' Ausgleichs zwischen dem Verlangen der Seele nach eigener Beziehung zu ihrem Schöpfer und dem gleich starken Triebe nach höherer Bildung. Ich kann mir wohl denken, daß sich etwa Gruppen bilden, die ganz neue Formen oder eigenartig kombinierte alle Formen der Gottesverehrung befolgen und sich zugleich unter den Zwang eines selbstgewählten, besttmmten Zeremonialgesehes stellen. Hier entscheidet allein der Vorrang des Gefühls, das irgendein romantischer Zug gerade diesem alten religiösen Brauch in die Arme führt. Ein logisch festzulegender Grund für die Auswahl braucht dabei nicht vorzuliegen. Trotzdem fällt der Vorwurf des Hinkens auf beiden Beinen weg, weil lebendige Religiosität eben irrattonal sein darf. So könnte sich das liberale Judentum auch in der Diaspora schöpferisch erweisen, noch che wir etwa aus dem neuerwachenden religiösen Leben in Erez Israel befruchtende Anregungen erhalten. Dann würde bei den Heiligungsvorschriften mehr der fromme Mille entscheidend sein: Was will ich davon als ernste Verpflichtung auf mich nehmen und in meinem ganzen Leben befolgen? Das wäre wichtiger als das Forschen nach verstanbesmäßigen Gründen, warum gerade dieses oder jenes Gebot mehr Anrecht auf Befolgung haben soll. Wenn sich nur erst einmal Gemeinschaften von echter religiöser Sehnsucht ergriffener Menschen bilden würden, die sich die Klärung der angeführten Probleme am Herzen gelegen fein ließen und die bereit wären, ihren Erkenntnissen praktische Konsequenzen folgen zu lasseil und sie opferwillig durchzuhalten, daun wäre damit mehr gewonnen als mit jedem Zugeständnis zur Erleichterung der Speisegesetze. Rabb. Dr. Gärtner, Zwickau. *****A-A*^*»^^*^*-*** A 4AAAAA AAAAAAAAA A. A A A A A A A A A AA A A lg! BÜCHERSCHAU. W Kurt Walter Goldschmidt: „Quintessenz“. Ausgewählte Schriften. (Concordia Deutsche Verlagsanstalt, Engel und Toeche. Berlin, 1924.) Die schönste Aufgabe des Kritikers ist, immer wieder auf lebende Persönlichkeiten hinzuweisen, deren außerordentliche Bedeutung in unserer Zeit nicht genügend erkannt und gewürdigt wird. Kurt Walter Goldschmidt ist eine solche Erscheinung, deren überragende geistige Kraft, Ausdrucksfähigkeit und Kunst in gar keinem Verhältnis zu ihrem bisherigen Erfolg und ihrer gegenwärtigen Wirksamkeit steht. Die früheren Bücher des Verfassers, seine großen philosophischen und dichterischen Werke haben bei weitem nicht die Verbreitung gefunden, die sie verdienen. Seine „Halbm a s k e“, diese „Tragische Philosophie in Bekenntnissen“ hat das Unglück gehabt, in die „Obhut“ eines kleinen obskuren Verlages zu geraten und ist bisher leider mir in die Hände einer kleinen Schar Auserwählter gelangt, denen das Buch freilich ein überwältigendes Erlebnis geworden ist. Mit Recht ist in diesem Jahre in der „Schule der Weisheit“ zu Darmstadt nachdrücklich auf diesen Verfasser und sein Werk hingewiesen worden, das zu den besten philosophisch-künstlerischen Schöpfungen unserer Zeit zählt. — Jetzt hat endlich ein angesehener Verlag, die deutsche Verlagsanstalt „Concordia“ (Engel & Toeche) in Berlin, unter dem Titel „Quintessenz“ eine kleine Auswahl aus den Schriften dieses ausgezeichneten Kopfes zusammengestellt, die hpffentlieh eine weitere Verbreitung finden und auch ein größeres Publikum zürn Genüsse der früheren, bedeutenden Schriften Goldschmidts anlocken wird! Denn, um es gleich vorwegzunehmen, verschiedene der kleinen Essays und aphoristisch-geschliffenen Kunstwerke der Gedankenlyrik, die in dieser „Quintessenz“ vereinigt sind, haben in unserer modernen Literatur nicht ihresgleichen! Sie stehen wahrlich turmhoch über dem geistreich sein sollenden, aber oft so banalen Gewitzel, das die gelesenste Zeitung Berlins ihrem Stammpublikum von ihrem „kritischen Genie“ allwöchentlich bieten läßt, und das dieser für „Ewigkeitswerte“ ausgibt. Die Auswahl in der „Quintessenz“ ist ganz vortrefflich. Da finden wir das Schönste aus Goldschmidts Jugendlyrik (1898 - 1003), aus seinem Gedichtwerk „Chaos und Kosmos“, ferner aus seiner „Zweiten Fahrt“. Es sind die tiefen und geistvollen „kleinen Bosheiten“ gegen die Auswüchse unserer Zeit mit abgedruckt, die sich jedoch zu großen bitteren Wahrheiten erweitern. Einige Kapitel aus dem umfangreichen autobiographischen Roman Goldschmidts überraschen durch ihre suggestive Stimmungskraft und ihren weiten kultur-kritischen Aspekt. Die ausgewählten Skizzen und Essays sind fast alle große „Treffer“, einige sind stilistische Meisterwerke, die ich unmittelbar neben die beste Prosa Lessings stellen möchte. Diese Ansicht ist wirklich kein bloßer Panegyrikus meinerseits, sondern ein Urteil, das schon mehrere unserer berufensten deutschen Kritiker gefällt haben! — Wie schön und tief empfunden ist von den neueren Versen das Gedicht „Juda“, das die ganze Größe und Tragik des jüdischen Problems gleichsam auf eine ly rische Formel bringt. —■ Ueber Goldschmidts Schaffen und I.ebenswerk soll demnächst in diesen Blättern Zusammenhängenderes und Ausführlicheres gesagt werden. — Die „Quintessenz“ gibt vorläufig eine geschickte und gute Auswahl aus seinen Schriften. Der Verlag hat das Buch sorgfältig gedruckt und recht geschmackvoll ausgestattet. Die „kleinen Erotika“ hätte ich in dem schönen Bande gern vermißt: — Noblesse oblige! — Ein Geist von Goldschmidte Format sollte sich von dem „lächerlichen Drei- Sekundenbetrug der Natur“ nicht so häufig düpieren lassen. Dr. Ludwig Davidsohn -Berlin. tMax Beatus Juwelier Berlin C 2, KSnigstrasse 1-6 Fernsprecher: Merkur 1018 Silberhandgetriebene Kultusgegenstände, Sabbat- und Chanukahleuchter, Becher, Bsominbiichsen, Mögen Dovid sowie Logen- Abzeiclien aller Art. 2ESS8H35SSW

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