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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-02 · 1 (2.1.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
1 (2.1.1925)
Date
1925-01-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Mission. Volk mit dem Kainszeichen Ini Antlitz, dem bleichen, Weichet nimmer Der Fluch, Lastend auf dir, Seit Jahrtausenden schier? — Pilgerst noch immer Ruhelos umher, Immer und ewig, Ahasver, Mit starrem Blick, T ränenleer. Welches Geschick! — — Nirgends findest du, Rast oder Ruh; Wo du erscheinst, Schließt man vor dir Tor und Tür. Warum? Warum?? — — Den Menschen tatest du wohl, Und doch sind sie des Hasses voll; Warum? Warum?? — —. Du wendest dich, Dein Aug klagt stumm. Wann wird dir Erlösung? — — Zieh hin, o Pilger, zieh’ hin in Frieden. Du bist zu höh’rem Los beschieden. Nicht der ans Kreuz Geschlagne Erlöste vom Uebel die Welt; Du kleines Volk, zerstreut auf Erden, Du wardst bestellt, Um Retter zu werden, Retter der Menschheit aus Sklaverei; Dein Geist wird siegen Ueber Haß und Lügen, Bricht die Fesseln der Menschheit entzwei. Noch lieget ferne diese Zeit; Doch einst wird enden alles Leid Durch Judas Stamm, verfemt bisher, Dann bist du erlöset, Ahasver, Brauchst fürder zu pilgern nimmermehr. Nur Mut, mein Volk und harre fort, Es bleibet bestehen das göttliche Wort. Emil Weisstock, Breslau Ahasver. Skizze von Maria Elisabeth Werle. Ich sah ihn an einem Herbsttage, der stumm mit umschatteten Lidern auf den Schultern der Berge ruhte wie ein Kranker in der Narkose. Man fühlte die Minuten heranschleichen wie Geißelknechte, die den Schlaf nehmen und grimme Schmerzen emporpeitschen. Der alte Mann saß in einem Haufen zusammengewehter Blätter, am Rücken eines abschüssigen Raines. Eine Wurzel des abgestandenen Ahorn- Baumes streckte sich wie eine Alraune über die vergilbten Grasbüschel. Hagebutten hingen wie verblutendes Leben über sein Haupt — oder waren es Perlen sündigen Lachens, oder Flammen an der Bahre der Natur oder grelle Rufe des Hungers nach Leben —-? Sie stießen an des Reglosen Haupt. Das hing grau, wirrsträhnig, wie von Foltergewichten einer unfaßlichen Ermüdung gezogen, auf die Brust. Sein Gewand war das der Straße, die endlos wandert durch Jahr und Tag, von den glühenden Sonnenpfeilen zerschossen, von Hagel und Winterodem zerschrundct. Neben ihm lag sein Stab, schwer und lang und geduldig wie der Schatten des Abendgestirns, auf den es sich stützt. Auf dem zerpfliigten Gesicht lag es wie Todess (arrj, di? von einer qualvollen Wachheit am Eindringen gehindert wurde! Ahasverus! In allen Farben wob sich der Teppich des Laubes. Lachen und Stöhnen, Fluchen und Beten wirrte sich lautlos empor aus dem Chaos der Buntheit. Nun lief ein Regen über des alten Mannes Gesicht, ein Zucken wie das flüchtige Wetterleuchten am schwerverhängten Abendhimmel; eine dünne Stimme flüsterte im Laub und kroch an des Müden Hände und Brust; ein leises Lachen girrte vom Munde der Hagebutten und pochte an des Einsamen Stirn; höhnische, geheimnisvolle Zeichen wob die Alraune in die Luft - alle wie Kammerdiener, die wecken; wie Kobolde, die dräuen, wie Herolde, die verkünden —. Stärker, rascher, pochen, rufen, , lachen, weinen sie — — —. Da hebt sich s empor wie Schultern des Riesen, stöhnend wölbt sich das graue, lichtzersträhnte Tuch der Lüfte, wirb sieh um der Bäume Häupter, sie zu erdrosseln, es schlagen die Zweige im wilden Todeskampfe - hoch springen wie irre Gedanken die bunten Blätter in die zerwühlte, keuchende Luit. — Wo ist Ahasverus? Riesengroß wächst er empor, seine wilden, jammererfüllten Schreie stoßen wie Todesvöge! m die unbarmherzige Geißel der Ruhelosigkeit, er lagt dahin in der Hetze der Naturgewalten; sein Haupt i;t von Wolken Umrissen, sein flatterndes Gewand hastet durch die aufgeschreckten Waldkronen, schleift! über das Antlitz der erschauernden Erde. - j Zerfetzt fliegt der Jammer des Ruhelosen durch di e Nacht; Tränen, schwer und kalt von Hoftnmigs- ] losigkeit stürzen unaufhaltsam hernieder- Miasj verus! — — — — | Ein Kind spielt am Hange. An seinem süßen Ant- ' litze prüft Maler Lenz seine verführerischsten Farben: i das Blau des Himmels, das Rosa der Pfirsichblüte, | das Weiß des Hagedorn, das Gold des hüpfenden Sonnenstrahls. Selig, verträumt ruht das Kind. Ein schüchterner, lockender Vogelruf irgendwo aus j dem Geäst, ein Zirpen am Rande wie Wandergrul), ein süßer fließender Duft aus der Ferne w ie lockende Verheißung,-und langsam dehnt sich das Blau der Augen zum schimmernden Aethermeer, das Blond der Locken zur Strahlenflut aus der Schale des Lichts, die Weiße und Pfirsichröte der Wangen weitet sich zum blühenden Jauchzen auf Erdenflur -schreitend, schwebend, fliegend, wiegend, neu gend, steigend ohne Rast, wandelt die freudvolle Schönheit am Scheitel des Himmels, an Sohlen der Erde dahin — — ewig ruhelos — Aha verus. — Kommtein müder Schritt an Kirchhofmauer, streicht ein schwarzer Schleier am verrosteten EriedhoEschloß. Wer ist das blasse Weib, dessen Schultern gebogen sind wie unter der Bürde ein-er das Weltall füllenden Last? Deren Augen brennend und leer schauen wie ein von der Sonnenglut ausgedorrter Blumenkelch — —deren Mund qualvoll zusammengepreßt ist wie von der Foltersehraube des Schmerzes — —-? diese Hände, die bleich und kraftlos herniederhängen, gleich hoffnungsleeren Blüten, denen das Glück entwichen? Schwer, schwer ist des Weibes Schreiten — es steht, rankt sich weit über die Mauer des Gottesackers in tieferscliütternilillkUillHHUIUlll I IlllUIIUnulllull I Baumkuchen Torten * Feingebäck mit garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus Konditor«! Pani «ffliler Gegründet 1827 Berlin NW6, Albreditstra&e 19 Telephon: Norden 8021 blilüUlilill dem Schluchzen — da tappen wie Reisige, die einen Toten auf ihren Schultern tragen, langsam Glockenklänge über die Nebelleiber im Grund — und aufslöhnt das Weib am Friedhofstor, ihre Arme steigen empor wie ein Notschrei, Schmerz um Schmerz ■flicht sich zur Leiter, an der die Märtyrin empörst c igt mul riesenhaft ins Dunkel des Abendhiinmels i wächst — rot zieht ihre Spur am Horizonte hin, ' Herzblut des ewigen Schmerzes, der sonder Ruhe wandert zwischen Erd und Himmel, Ahasverus! — Sieh, wie es heranzieht, schwillt, fletscht, röchelt,! geifert und zischt — aus den Kloaken der Großstadt steigt es auf in fauligem Brodeln, springt von den i buhlerischen Lippen der Dirne bu aufreizendem Lampenschein in der Höhle der Sünde, jagt von I der Kupplerstirn des Lüstlings, dem Verdammun! stöhnenden Auge des Mörders, rollt von den würfe!- 1 schüttelnden Fingern des Spielers, trauft von den | blaugeschwollenen Trinkerlippen; es wälzt sich heran, schwankt empor, windet und formt sich zu einer Gestalt, die wie ein Pesthauch, wie das fleiscii- I gewordene „Verflucht“ durch die nächtlichen I Gassen, durch Länder und Weiten des Weltalls | schleift, ruhelos, ewig — — — Ahasverus! — —! Durch der Atome Wände pochet der Schritt des Lebens, daß Kleinstes zerstiebt lind Kolosse sich ballen, Freude aufströmt in lachender Farbenflut und Schmerz sich krümmt im schwarzen Dschungel | der Nacht; er pocht und schreitet die Straße der weißen, betenden Güte, den blumenumlächelteu Pfad der Reine, durch den brütenden Sumpf der wissenden, ächzenden Schuld, läßt Schmerz um Schmerz im Grunde des Schachtes wie Schemel aufeinander sich türmen, an denen er emporsteigt zu den hellen, aufjauchzenden Klängen der Freude — — ewiger, i kbenaufschließender, wandernder Geist — ruhloses; Leben — — Ahasver? Rheumatismus* G ich t ¥ Nerve ns ch m erzen Neuralgie * Jschias+ Grippe * Migrän e-. Hermann Letzner Spez. Stempel und Sdtilder Berlin SW 68 Oranienstraße 115 Fernspr.: Dönhoff 5607. Gerson Feldmann Uhrmediermelster BRESLAU. Garienstr. 49 Telephon: Rtf. 11382 Uhren u. Goldwaren Eigene Reparaturwerkstatt. 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