Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wie Mordechai, und dessen Kennzeichnung: „Gr beugte imt er bückte sich nicht!" hat sich auf ihn zum gleichen Segen übertragen. Darum mußten selbst Menschen, die schon ihrer Jahre wegen ein Recht hatten starr zu sein, gegen ihren anfänglichen Willen ihm gut werden. Das erinnert mich an einen kleinen, aber -och denkwürdigen Vorgang, da der betagte Vorsteher Iaeoby nach einer Warschauerschen Predigt spontan auf diesen zueilte unwirklich als Beauftragter der Gemeinde ihm mit einem herzlichen: „Tamen!" dankend die Hanschüttelte. Bei uns Juden siegte noch immer die Geistigkeit, uird wohl uns, wenn dies so bleiben wird! Warschauer ist nicht all^n auf )er Kanzel der Lehrer der Gemeinde. Wenn sein großes, sein vissend-ruhiges Auge, noch bevor der Mund sich erhoben, di« Verbindung mit den Zuhörern hergestellt hat, dann beginnt ohne Kunstgriff und ohne Mittel, die anderer Stärke, Glück und Erfolg sein mögen eine Unterweisung der Natürlichkeit, deren besonderer We-t und Bedeutung gerade die Einfachheit und Ungesuchtheit sind! Abhold jeder Phrase und ohne die Sucht, Gedankentürmer zu sein, gehört er niemals zu denen, die je bestechen wollen oder dies nur könnten. Aber, das Warschauer glaubt, was seine Zunge vertritt, das versteht, ja begreift sogar der geistig Arme; und wer wird leugnen wollen, daß es auch im jüdischen Kreise Menschen gibt, die gerade um dessenttoillen beim Worte, welches von Gott stammt, bedacht sein wollen. Das hat ihm Vertrauen geschaffen, mag Warschauer nun als Lehrer der Jugend oder als Meister der Schüler unserer Lehre, zu denen er freilich nur kurze Jahre sprechen durfte, oder als Prediger der Gemeinde seine Ueberzeugung vortragen. Natürlich leitet sich ein solches Vermögen von besonderen Gaben her, und schon in der Jugend Ist, wie mir vor vielen Jahren ein guter Freund Warschauers erzählt hat, dieser Vorzug sein eigen gewesen. Es ist das Eindrucksvolle, das jedem seiner Worte anhaftet und bezeichnend selbst dort nicht fehlt, wo er mit feinem Humor die Lösung der Probleme sucht. Er hat nämlich in jeder Sache, in jedem Satz ein klar und deutlich erkennbares Ziel, zu dem er jeden hinführt, der noch hören kann. Und seine grundlegenden und aufbauenden Gedanken verficht er nicht nur in der Lehre, sondern durch die Tat und in seinem Leben; ja hierauf beruht sein Sieg in allen Dingen und dann gewiß auch darin, daß er niemals die Ruhe verlor und, weil die Natur manches, was sie anderen in Verschwendung gab, ihm vorenthalten hat. Warschauer ist nicht der Mann, der auf den ersten Blick bezaubert oder gar besticht, aber daß man sich auf ihn verlassen " kann, das fühlen und erkennen die kleinen und die großen Kinder, die Menschen mit dem frohen oder weinenden Ueberschwang der Seele, die Scharen Hilfloser, die zu ihm kommen und getröstet und neu belebt ihn verlassen, aber im Herzen bewahren, was viele nicht mehr gekannt: die Liebe zu einem echten Judentum! So erklärt es sich schließlich, daß kaum eine Richtung in unserer Mitte besteht, die Warschauer nicht für sich beanspruchen möchte und seinen edlen Eifer nicht auf di« eigenen Ziele bezöge. Möge das viele lehren, die Lebenswallfahrt gleich ihm aufzufassen! Der Starke, der fähig ist, schwere Lasten zu tragen, muß immer ein einzelner sein. — Dem geistigen Schwerarbeiter war es bisher nicht vergönnt, nach seiner Neigung und, wie es seiner ursprünglich zarten Natur, die sich täglich mehr als anstrengen muß, behagt hätte, wissenschaftlicher Arbeit sich hinzugeben. Das soll ihm nicht allzu leid sein! Er ist ein größerer Seelenarzt geworden denn mancher, der die Krone der Berühmtheit beansprucht. Wer ein Viertelsahrhundert vermocht hat, — ich berühre nur einen Zweig von Warschauers Mühen, — jedem Leidtragenden einen eigenen wirksamen Trost zu geben, der darf selbst getrost sein! Aber wenn wir nochmals an die Lehraufgabe des rabbi irischen Berufes deuten, so hat er gewißlich auch dort mehr Schule gemacht als mancher, der dazu bestellt gewesen. ' Za seinen Füßen haben die Jünger gesessen und durstig seine Worte getrunken anbei ihm den Hunger nach Gottes Wort gesättigt. Er hat ihnen allen mehr als das geschenkt, nämlich das Forsche» nach der eigenen Seele, das Verlangen nach dem Festsein des Gemütes und die Liebe zu jener Bescheidenheit, die Warschauers höchste Tugend bleibt. Ja, er ist sehr demütig, darum sieben wir ihn von ' ganzem Herzen, und unsere Seele» sind miteinander verbunden! Möge der milde und fürsorgliche Mann, der mit seinem Worte einem ganzen Geschlecht« wohlgetan, der darum auch im persönlichen Leben seinen Jdealisnms gelohnt sieht, durch Gottes Schutz stets weiter sich entfalten: in seiner Zartbeit, in seiner Wahrheit, in seiner geweihten Kraft! „Isch jehudi," ein jüdischer Mann, oder wie ich es hier ohne jeden Zwang oöet Zusatz übersehen darf: ein wahrhaft liberaler Mann! Wiener Brief. Sport-Antisemitismus. Seitdem ein Jude vom Berge Sinai die Gesetzes - Tafeln herabgebrach! hat, die das sittliche Fundament der modernen Kultur geworden sind, sehen es gewisse Elemente nicht gern, wenn Juden auf die Berge steigen! Sie befürchten voir einem Ueberhandnehmen der jüdischen Touristik eine neuerliche Verseuchung der ganzen edelrassigen Menschheit durch die minderwertige Ethik der Semiten, die sich in Geboten wie „Du sollst nicht töten!" uuö „Du sollst nicht stehlen!" erschreckend kundgibt, und tun alles, um den Juden ihre Vorliebe für die schöne Gebirgswelt zu verekeln. In dieser Absicht haben sie im Oesterreichischen und Deutschen Alpenverein den Arierparagraphen eingeführt und die Wiener Ortsgruppe „Donauland", die sich dieser Einführung wiüerseht hat, vor einigen Tagen aus dem Verein ausgeschlossen. Diese Maßregelung war nur die formelle Anerkennung einer Taktik, die in der Praxis längst geübt wurde. Jüdische Touristen wurden aus den Schutzhütten, die sie seinerzeit mit großen Opfern erbauen milgeholfen hatten, mit Brachialgewalt hinausgeworfen und brutal den Gefahren der Gebirgsnächte in Eis und Schnee preisgegeben. Solche Heldentaten haben immerhin den beruhigenden Beweis geliefert, daß noch nicht alle Kreise des deutschen Volke von der jüdischen Ethik des Berges Sinai und einer späteren, leider gleichfalls sehr populär gewordenen „Berg predigt" verseucht sind . . . Die jüdischen Naturfreunde aus aller Herren Länder werden gut daran tun, diesem Umstand Rechnung zu tragen, indem sie die Leute, die sich so immun gegen den jüdischen Geist gezeigt haben, auch vor der Verseuchung durch das jüdische Geld bewahren und dieses nicht in die österreichischen Alpen tragen. Es gibt ja auch außerhalb des trefflichen „Bergländerbundes" noch Berge . . . Den österreichischen Juden aber braucht um ihr gerade in den letzten Jahren intensiv in Angriff genommenes Werk der körperlichen Ertüchtigung ihrer Jugend nicht bange zu sein. Es steht ihnen eine ganze Reihe von Sportvereinen zur Verfügung, deren rein jüdischer Charakter sie vor der Gefahr bewahrt, die materiellen Grundlagen für den Cportbetrieb legen zu dürfen und nach deren Sicherung hinausgeworfen zu werden. Die jüdische Sportbefähigung datiert gewiß nicht erst von der Gründung dieser Vereine her. Auch früher haben Juden aus allen Gebieten des Körpersports Rekordleistungen vollbracht, aber der Ruhm dieser Leistungen erhöhte nur den Glanz ihrer politisch neutral«; Vereinsfarben, dem Judentum selbst haben sie ebensowenig wie die jüdischen Blutopser im Weltkrieg die Rehabilitierung gegenüber den alten Vorurteilen der Feigheit, der Wasserscheu und dergleichen angeblich jüdischer Rasseeigentümlichketten, von denen die antisemitischen Witze leben, gebracht. Das tut erst die Wirksamkeit der rein jüdischen Sportvereine und zwar mit stets wachsendem Erfolg. Besonders die Leistungen der „H a k o a h" wirken in dieser Hinsicht bahnbrechend. Ihr sensationeller Aufstieg aus der letzten in die erste Klasse der auf der ganzen Welt berühmten österreichischen Liga-Vereine hat nicht nur in manche antisemitische Vorurteile Bresche geschlagen, sondern auch in weiten jüdischen Kreisen das von ihnen Jahrhunderte lang vernachlässigte Interesse für Körperstählung und Leibeskultur in höchst erfreulichem Grade geweckt. Am dieser Propaganda-Tätigkeit willen muß man der Hakoah ihren Fehler verzeihen, der darin liegt, daß sie ihr Hauptaugenmerk eben auf die Erzielung repräsentativer Leistungen richtet und zu diesem Zwecke sogar den Professionalismus ihrer Fußballspieler eingeführt hat. statt sich die systematische Durchbildung der jüdischen Jugend, die javnicht durchweg zu körpersichen Rekordleistungen befähigt ist, angelegen sein zu lassen. Denn zum Glück stehen für den letztgenannten Zweck noch genug andere jüdische Turn- und Sportvereine zur Verfügung und diese ziehe» aus den Spitzenleistungen der Hakoah nicht genug hoch einzuschätzenden moralischen Ge- I winn. Muß doch auch der keinen Sport ausübende Jude eine , große Genugtuung über die Tatsache empfinden, daß gerade in! diesen Tagen, in denen der Hakenkreuzlerkampf gegen die s jüdische Touristik die Renaissance jüdischer Körperkultur bedroht, I der genannte jüdische Sportklub nebst ansehnlichen Erfolgen! seiner Ringer, Boxer und Schwimmer die österreichische H e r b st -! Meisterschaft in Fußball und Hockey erringen konnte, i Dieser Doppelsteg ist ein Symbol, daß der alte Makkabäergeist I eine glorreiche Auferstehung feiert und die Anschläge der Judenj feinde auch auf solchen Gebielen zuschanden werden läßt, denen das jüdische Leben im Ghetto entfremdet weiden ist, d:e es sich aber unaufhaltsam zurückzuerobern anschickt . . . Dr. H u g o Spiegl c r. j Eine Lesser Ury-Ausstellimg in Berlin. In der Berliner Nationalgalerie findet gegenwärtig eine! Sonder-Aussteltung der Werke des bekannten jüdischen Malers j Lesser Ary statt. Zwei große Räume im ehemaligen Kronprinzen- > Palais sind für die Sonderausstellung der letzten Arbeiten Arys I hergerichtet worden. > Der Direktor der Nationalgalerie, Geheimrat Jusri hatte i schon vor einiger Zeit drei Werke Arys für die Staatsgaierie erworben. Nunmehr hat die Nationalgalerie eines der neuesten Werke Arys der Nationalgalerie «nverleibt. Aus den Gemeinden, f I Barme«. Bon der Vorsitzenden der Zentralstelle für jüdische Adopttonsvermilttung Frau Lina Mosheim, geht uns folgende Notiz zu: Wenn der Winter ins Land zieht. Schriee und Eis an's Vergängliche mcchnen, wacht in vielen Menschenherzen die Sehnsucht nach Liebe in ihrer reinsten Bedeutung, nach Liebe zum Kinde ins Angeahnte. Kinderlose Mütter fühlen das Manko in ihrem Leben schwerer als je und suchen ihm abzuhelfen, indem sie einem fremden Kinde Herz und Haus öffnen. Wohl dem Kinde, das, unter einem traurige« Stern geboren, solch Elternhaus findet, wohl den Eltern, die dort, wo Liebe und Sanne fehlten, das hinpslanzen dursten, was ihnen «inst zur Freude wachsen wird. Me jüdische Adoptions-Zentrale sacht beiden, Müttern und Kindern, zu Helsen und muß doch so oft versagen, weil zu wenig« Hände sich zur Mithilfe regen. Helfet doch alle, meldet Kinder cm, die tonst den Gemeinden zur Last fallen und jedem im Wege sind. Aber vor allem meldet Waisenkinder, Vollwaisen, denen sich so gern liebende Hände entgegenstrecken, die in gutem Hause eine schöne Heimat finden könnten. Wer uns hilft, hilft den Müttern, den Kindern, dem Judentum und der Gesamtheit. Berlin. Die von der „Freien Jüdischen Volkshochschule" gemeinschaftlich mit den Lehrerorgamsaüvnen eingerichteten Ferienfortbildungskurse, wurden am Sonntag, den 28. Dezember, nachm. 5 Ahr, nach kurzen Ansprachen des Vorsitzenden, Herrn Dr. Kirschner, sowie der Herren Dr. Löwenberg und Stern mit einer gehaltvollen Vorlesung des Herrn Prof. Dr. Julius Guttmann über die „Auswertung der jüdischen Religions-Philosophie für den Religions-Unterricht" eröffnet. Auch die an den folgenden Tagen begonnenen Kurse der Herren Dr. Torczyner, Rabb. Dr. Emil Lohn, Goldmann, Gottschalk und Jampel sowie Stod. Rat Hammerstein, fanden große und dankbare Hörerkurse. Aus dem ganzen Reiche, namentlich auch aus Süd-, West- und Ostdeutschland, haben sich zahlreiche Teilnehmer angesunden, deren Gesamtzahl ca. 80 beträgt. Me Veranstaltung schließt am 3. Januar mit einem geselligen Beisammensein in den Handwerkersälen (Sofienstraße, A9 Ahr) mit künstlerischen Darbietungen der verschiedensten Art. Auskünfte werden in der „Hochschule", Artilleriestr. 14, (Norden 216) sowie von Herrn Sawady (Weißensee 173) erteilt. Berlin. Seitens der hiesigen Gemeinde sind 5 Stipendien zur Ausbildung von Rabbinern in Höhe von 100 Ni. monatlich bereit gestellt worden. Gesuche sind an den Vorstand der jüdischen Gemeinde, Oranienburger Str. 29, bis zum 15. J a - nuar 1 9 2 5 zu richten. Brieg. Antrr dem Vorsitz des vom Herrn Regierungspräsidenten zum Wahlkommissarius ernannten Herrn Rechtsanwalt Dr. Markiewitz fand Sonntag, den 21. d. M., vormittags 10 Ahr, im Gewerbehaus« Hierselbst, die Reu- und Ergänzungswahl für die Ende 1924 ausscheidenden Mitglieder des Repräsentanten- Kollegiunrs der hiesigen Gemeinde statt. Die Beteiligung war, gegenüber früheren, gleichen Wahlen als außerordentlich rege zu bezeichnen. Mit sämtlichen Stimmen wurden für die Amtsdauer von 6 Jahren ne«, und wiedergewählt als Repräseutanten die Herren: Rechtsanwalt Dr. Markiewitz, Bankier Martin Stern, Kaufmann Bruno Friedländer, Kaufmann Hermann Gadiel, Rentier Max Loewy. Als Repräsentanten- Stellvertreter wurden gewählt: Herr Kaufmann Meier Schwersenz mit 84 Stimmen, Herr Kaufmann Georg Breslauer mit 27 Stimmen, Herr Kaufmann Simon Lewin mit 19 SUmmen. Die Wahl des Vorstandes erfolgt durch das neue Reprüsentanten-Kollegium Anfang Januar 1925. Lass«!. Das zweite Referat im Zyklus der Jüdisch-wissenschaftliqien Vorträge hielt Dr. Rudolf Hallo über „Ausgrabungen am Sinai". Von den Funden des englischen Aegyptologen Flinders Petri ausgehend, der im Jahre 1905 bereits in den Minenbezirken von Wadi Maghara und Serabit el Ehadem, an der Westküste der Halbinsel Sinai Ausgrabungen vornahm, wobei zwei Tempelanlagen freigelegt wurden und auch Felstafeln und Steinfiguren, mit einer unbekannten Schriftart beschrieben, ans Tageslicht kamen, beleuchtete der Vortragende die Entzifferungsveffuche Gardinert. der im Jahre 1917 den semitischen Arsprung der Inschriften «mvroies. Sethe, Eisler und Grinune (Orientalist an der AniverfliW Münster) ergänzten die Lesungs- und Deutungsversuche, die sich in erster Linie aus Pharaonennamen, semitische Gottheiten und deren Verehrer beziehen. Es wurde weiter ausgeführt, daß die durch Sinai-Inschriften erwartete Stützung her Bibel, deren Huuplhelden oft als mythische Figuren , oder Älltagsmenschen ungesehen wurden, deshalb ausblviden mußte, weil den Untersuchungen die philologische Sicherhett der Interpretation fehlte. Der Amsterdamer Theologe Völter widerlegte seinen Freund Grimme; nach ihm ist Moses nicht der aus dem Wasser Gezogene (ki min Uamajim meschisihn), sondern ein aus den Minengängen hervorgeholter Fronarbeit« (r). Als praktische Ergebnisse der Forschungen, glaubt man die Taffachen anführen zu können, daß der Weg vom ägyptischen zmn phönizisch-griechischen und unserm Alphabet als lückenlos gelten darf, daß ferner schon um 1500 v. Ehr. semitische Schriftzeugnisie auftauchen und endlich, daß am Sinai eine semitische Siedelung bestand, deren Bewichner sich der frühhebrAschen Sprache bedienten. An zwei Beispielen sucht Dr. Hallo noch die Bedeutung des Sinaiproblems für semitische Sprach- und Kulturforschung nachzuweisen: am Namen „Moses" und am Gottesnamen. Des Wort Moses soll dem Wort Sohn gleichzustellen sein, wie es von Thotmoses, Ramoses gleich Ramses nachgewiesen werde! Es müsse also der abgeworfene Bordername „Mosis" wiedergesunden werden, um über die wahre Persönlichkeit des Führers des jüdischen Volkes Aufschluß zu erhalten. Alexandrinische Juden sollen Moscheh in Mcyses umgesialtet haben, das ägyptisch als „aus dem Wasser gezogen" zu definieren sei. Die Betrachtungen über den Gottesnamen knüpfen an die Gegenüberstellung von Schaddai (aus Schaydai und ägypttschem Saydu entstanden, mit der uns geläufigen Bezeichnung. Dabei stützt man sich auf die Dorustrauch-Offeubarmrg: Gott, der bisher unter dem Namen Schaddai verehrt wurde, wolle nun als „der Ewige" airgebetet werden. Dieser Auslegung stehe die von Rabbiner Jakobs interpretierte Fassung des 3. Kapitels im 2. Buch Mosis gegenüber; die Offenbarung am Dornstrauch besage, daß der Ewige, schon lange unter diesem Namen bekannt, sich damals offenbart habe, um die Kraft und Fülle seines Namens darzutun. Bei dem hypothetischen Eharcmcr dieser Auslegungen und Antersuchungen wird ein wirklicher Gewinn für die Bibelforschung vorläufig kaum anzuerkennen sein. Gelsenkirchen. Die hiesige Synagogengemeiibde beging am Montag, den 29. Dezember die Feier ihres 50jührigen Bestehens. Aus diesem Anlaß fand ein großer Festgottesdienst statt, dem dle weltlichen und kirchlichen Behörden beiwohnten. Me jüdische Gemeinde Gelsenkirchen wurde im Jahre 1874 mit 22 Mitgliedern gegründet und hat heute eine Seelenzahl von 1600. Im Kriege sind 45 Mitglieder der Gemeinde gefallen. Einen tiefen Eindruck machte es auf die Teilnehmer der Feier, daß der 101 Jahre alte älteste Bürger der Stadt Gelsenkirchen, Herr Rlarkus Äias, bei dem Festgottesdienst aus der Thora vorlas. Magdeburg. Der Küster der Synagogengemeinde, Samuel Nußoculiii, begeht am 1. Januar sein 25jähriges Dienftjubiläum in dieser Gemeinde. Steinsfurt bei Sinsheim. Während eines Balles wurde« den israelitischen Bewohnern durch Verstopfen des Schlüssellochs die Türen versperrt, ferner wurde ein Stall angezündet. Für die Ergreifung der Täter wurden von der Staatsanwaltschaft 300M. uusgesetzt. Tilsit. Hier wurde in der Nacht vom 1. Feierbag am Einaang des Bahnhofs vou Tilsit der 30jährige jüdische Handlungsgehtlfe Julius Simon von drei jungen Leuten überfallen und so schmier verletzt, daß er am nächsten Tage seinen Wunden ettag. Rach dein bisherign Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen bmrdelt es sich um einen anllsemttischerr Roheitsakt. Die Täter, Mitglieder des „Preußenbundes" und „Frontkampferbvndes", wurden verhaftet. IUI Aus -er Bewegung. iMl Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugenüverein.) Am Dienstag, den 23. Dezember fand unsere Chamckahfvier in der jüdischen Mädchenschule statt. Ein Präludium von Bach leitete dle Feier, ein. dann entzündete Ernst Heinrich Seligsohn die Chanukahlichter und Ludwig Lewin sprach einige Worte über den Gedanken des F.stes. Heule gelte es nicht mehr dem Kamps um die äußere Freiheit der Religion, den die Makkabäer geführt haben, wohl aber dem Kampf im Irmern eines jeden um Freiheit und Festigung in seiner religiösen Aeberzeugung. In diesem Sinne könne gerade uns das Ehanukabsest etwas bedeuten. Das Ehamrkahlied schloß diesen Teil, der Feier. Es folgten dann die Abführungen des „Dr. Faust Puppenspiel" durch die Gruppe Norden und Osten und des „Fliegenden Arztes" von Möllere durch die Gruppe Süden. Musikalische Darbietungen, cwsaeführt von Gruppe Westen, umrahmten die Mrfführungen. Die Feier verlief in bester Stimmung. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger".) Lim 16. Dezember sprach unser Vereinsmitglied Hermann Sachs über das Thema: Der Erziehungsgedanke im Judentum. Der Referent wies zunächst auf die große Anwiffenheit in jüdischen Dingen hin urid beklagte es Hitler, daß wir uns nicht genügend Zeit nehmen, in die Eeistesschütze des Judentums einzodringen. Sieinthal vertritt mit Recht den Gedanken, daß an drei Stätten die Wurzeln unserer Bildung liegen: Rom, Athen, Zion. Die beiden ersten soll jeder Dediidete kennen lernen urrd wie sieb! es mit der dritten? In chr liegt die Herzwurze! unserer Humanität. I Die Kinder werden einst vor uns hintreten und sagen: Ihr habt! urls hierher gestellt urrd nicht gesagt, was Jude sein bedeutei? Die Bibel ist das bedeutendste Kulturwerk; nie hätte Goethe einen Faust schreiben können, wäre nicht ein Buch Hiob geschaffen. Die Ehrfurcht ist das Grundgebet der Erziehung im Judentum. 5 m Talmud steht eine wunderbare Erzählung von einem blinden Rabbiner, der ausstehl, als seine Äkutter zu ihm kommt und aus die Frage, warum er dies tue, antwortet: Ich erhebe mich, weii sich die Heiligkeit Gottes naht. Erziehung und Belehrung der Kinder war die erste Forderung der Männer der großen Versainmlung, d-e in Esras Geiste wirkten. Für reifere Jünglinge wurden Lehrkurse eingerichtet. Oefsentliche Schulen wurden für Knaben von sechs Jahren an eingerichtet. Heute vermitteln die Schulen nur ein notdürftiges Wissen. Der Beruf nimmt uns fast völlig in Anspruch. Nur sehr wenige können für eine gründliche Ausbildung ihres jüdischen Wissens sorgeir. Im Iudeirtum kannte man lange Zeit hindurch keine andere Tätigkeit als die wirbelt in Bibel und Talmud. Der Unterricht vollzog sich in Wechselwirkung von Frage und Antwort. Man erweckte den Sinn für Ideale. Wer lern! und nicht wiederholt, der gleicht einern, der sät und nicht erntet. Im Laufe der Zeit beschäftigten sich die Juden auch mit den Erzerrgnissen ihrer geistigen Umwelt. In Deutschland wurde im Jahre 1778 nach einem Plane Mendelssohns und Friedlanders die erste Freiichule für jüdische Kinder eröffnet, in der Deutsch ein Anterrichtsgegenftand war. 7n» Jahre 1791 erfolgte in Breslau die Gründung der Wilhelmsschule. Als diese in Not geriet, richtete der Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden an den Vorstand der jüdischen Gemeinde ein Gesuch, die Schule zu erhalten. Zunz schrieb damals die klassischen Worte: „An das Gedeihen oder den Verfall von Schule und Synagoge knüpft sich unser Fortschritt und das Heil oder unser Rückschritt und das Verderben." Rach Worten herzlichen Dankes für die überaus interesianten in Schlichtheit und warmer Art vorgetragenen Ausführungen folgte eine sehr lebhafte Aussprache, in der von allen Seiten die Notwendigkeit der Pflege des Wissens betont wurde und manch treffliches Wort der praktischen Anregung für Beseitigung der Mängel in den jetzigen Methoden fiel. Zu Beginn der Veranstallung wies Berger auf die Pflicht des Besuches des zweiten Freilag-Abendgottesdienstes für alle unsere Freunde hin und Lotte Rosenthal entwarf uns ein anschauliches Bild von ihren Eindrücken eines Vortragsabends im Liegnitzer 3li. Weit über 100 Mitglieder und Freunde vereinigten sich mit uns am 21. Dezember zu einer Chanukah-Feier. Unser Mitglied,