Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Jahrgang Nummer 1 Beilage r. Januar 1925 (FMchliberaleZeitW gj Oie jüdische Gegenwart, rg | David Neumark. | Aus Cincinnati Oh. kommt die Trauerkunde vom Tode David Neumarks. So hat sich das lang Befürchtete erfüllt, denn schon lange war er ein Gezeichneter. Zu meinen schmerzlichsten Eindrücken in den Bereinigten Staaten gehörte es, daß jedermann, auch er selbst, von Neumarks schwerer Krankheit sprach — die anderen freilich mit der bedauernswerten Gewißheit, daß er aufgegeben wäre, er selbst in der Hoffnung, bei ruhigem Leben seine Jahre verlängern zu können. Ruhe bedeutete für ihn Befreiung von äußeren Sorgen und Erregungen, nicht etwa Einstellen der wissenschaftlichen Arbeit. Denn er war ein unermüdlicher Forscher, ein rastloser Arbeiter, ganz erfüllt von der gewaltigen, selbstgewählten Aufgabe, eine umfassende Geschichte der jüdischen Philosophie zu liefern. Neumark war 1866 in der Nähe von Lemberg geboren und studierte, nachdem er die Gelehrsamkeit des Beth Hamidrasch ausgenommen hatte, in den neunziger Jahren in Berlin an der Aniversität, wo Zeller und Dilthey seine Lehrer waren, sowie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, wo Maybäum ihn zu systematischem Arbeiten anregte. Zu seinen Alters¬ und Studiengenossen gehörten neben dem ebenfalls früh Heimgegangenen Gelehrten S. Poznanski in Warschau seine engeren Landsleute Ehrenpreis, Malter und Thon — alles starke Individualitäten, von denen jeder im Leben seine eigenen Wege ging. Ihre Studienzeit bedeutete den Sturm und Drang der damaligen ireuen nationalen hebräischen Kultur, sie betätigten sich eifrig im Sinne chres Ideals, die aufblühende hebräische Publizistik mit wissenschaftlichem, besonders mit philosophischem Geiste zu erfülle». Neumark war ein begabter Schriftsteller, eine überreiche Fülle von Gedanken stand ihm zu Gebote und das Wort strömte leicht tu die Feder — er schrieb ebenso geläufig in deutscher und hebräischer wie später in englischer Sprache. Die Philosophie war sei» Lebenselement. Da seine philosophischen Sürdien in dem kleinen böhmischen Städtchen, wo er Rabbiner war, verkümmern mußten, gab er 1805 kurz entschlossen sein Amt auf und siedelte nach Berlin über, um hier sein Lebenswerk auszuarbeiten. Gar bald berief ihn das Hebrew Anion College in Cincinnati als Professor für Philosophie; feit 1907 dozierte er dort, und obwohl es ihm nicht leicht wurde, sich in die fremdartige, neue Umgebung einzugewöhnen, gewann er doch durch seine staunenswerte Gelehrsamkeit und fein lauteres Wesen zusehends an Boden,- seine Schüler hinge« mit Bewunderung und Verehrung an ihm, die jüdisch-amerikanische Gelehrtenwelt rechnete mit ihm als einem Elgendrvdler zwar, aber nüt einer ihrer stärksten Kräfte. Gelehrsamkeit konnte ihn nicht leicht einer übertreffen; was er einmal gelesen hatte, hielt sein giganüsches Gedächtnis fest. So beherrschte er nicht nur die weitschichtige jüdische Literatur aller Zeiten, sondern ta gleicher Weise auch das philosophische Schrifttum, insbesondere die Klassiker der griechischen und der modernen Philosophie nebst ihren zahlreichen Kommentaren. Ein Anbeter Kants, nach dem er auch seinen einzigen Sohn benannt hat, arbeitete er mit der scharfen Dialektik Hegels; Zellers historisch-philologische Methode suchte er mit Hermann Cohens systematischer Richtung zu vereinen. Es ist unmöglich, Neumarks zahlreiche kleineren und größeren Aufsätze hier zu erwähnen, sie treten auch als Vorarbeiten hinter den Hauptwerken zurück, einer hebräisch geschriebenen „Dogmengeschichte des Judentums" und der „Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters, nach Problemen dargestellt". Als Aufgabe der modernen jüdischen Philosophie betrachtete er die Darstellung der Geschichte der jüdischen Religion unter philosophischem Gesichtspunkte, die Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters und eine systematische Darstellung der Grundlehren des Judentums auf der Grundlage einer modernen, philosophischen Weltanschauung. „Wie unsere Philosophen des Mittelalters im Kampfe gegen radikale Anschauungen nach außen und im Widerstreit der Meinungen im Innern den ethisch-monotheistischen Gedanken zu einem dem damaligen Stande der Wissenschaften entsprechenden, alle Erscheinungen umfassenden Erklärungsprinzip entwickelt haben, so müssen auch wir heute, dem fortgeschrittenen Stande der Wissenschaften gemäß, den Nachweis liefern, daß der Grundgedanke des Judentums, wie er einerseits alle Natur- und Geisteswissenschaften im Laufe der Geschichte befruchtet und ihnen den Weg zu ihrer Entfaltung gezeigt, so auch andererseits den Schlüssel bietet, um die von jenen Wissenschaften zutage geforderten neuen Rätsel und Erscheinungen zu lösen und zu beleuchten" (Geschichte, Bd. I, S. 10). — Seine Geschichte bezeichnete Neumark lm Titel als „nach Problemen i dargestellt", und er hat damit das Merkmal angegeben, das sie j mechodisch von früheren Darstellungen desselben Gebiets unterscheidet. Er hat das ganze Gebiet so eingeteilt, daß „drei Problemzwillinge", je ein weltliches und ein religiöses entstanden sind: 1. Materie und Form — Gott, 2. Psychologie und Erkenntnislehre -- Prophetologie, 3. Ethik — Dogmenlehre (1, S. 277). Diese Probleme sind nun in tiefschürfender historischer, durch die Erläuterung zahlreicher Quellenbelege gestützter Beweisführung vorgeführt. Auch in der historischen Grundlegung geht Neumark seine eigenen Wege. Nicht nur daß er mit dem Aufspüren philosophischer Gedanken in der BibÄ und den Apokryphen beginnt — er hat diesem Gegenstand auch eine vÄkstümliche Darstellung in englischer Sprache „Th« Philoaophy of Um Bible“, Cincinnati 1918, gewidmet — sie durch die talumdHch-midrafchische Literatur durchführt, teilt er die mittelalterliche« Philosophen iu eine mehr an der Physik orientterLe «Saadja"-Gruppe rmd eine an die Metaphysik des Aristoteles anknüpfende Satirol-Gruppe (I, S. 161). Ein Werk, das so viel Neues und Eigenartiges brachte, fand naturgemäß starke» Widerspruch, und der Verfasser verlor viel kostbare Jett und Kraft mit der Wideri«gn»g seiner Kritiker. Trotz aller Ausstellungen wurde ihm die Anerkennung zuteil, daß er eine Unmenge von Gedanken und Avslegungsmöglichkeiten anregte und der Forschung neue Wege wies. Bon dem monumentalen Werke liegen leider nur 2 Bänd« vor (Berlin, Reimer 1907, 10), der erste, der neben der Einleitung bas Problem „Materie und Form" (615 Seiten) und der zweite, der die „Altributenlehre" im jüdischen Altertum, d. h. bis Philo, behandelte (482 Seiten); der Druck ist durch den Krieg und die unleidlichen Arbeitsverhältnisse nach dem Kriege unterbrochen worden, doch ist damit zu rechnen, daß der größte Teil des Manuskripts druckfertig vorliegt. Trotz seines schweren Lettens unternahm Neumark auch eine hebräische Bearbeitung seiner Philosophiegeschichte, die er auf 10 Bände berechnete; erschienen ist davon nur der erste Band, der die Einleitung, zum Teil in völlig neuer Gestalt, bringt (1921, Stybel-Berlag, 398 Seiten). Es ist für Neumark charakteristisch, daß er den ersten Band seines Lebenswerkes der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin „in alter Treue" widmete. Treue war eine seiner hervorstechenden Eigenschaften. Die Jugendjahre in Berlin und die alten Freunde hat er nie vergessen, er blieb dankbar für jeden Beweis von Freundlichkeit. Treu ist er auch sich selbst geblieben, er hat seine Aeberzeugungen nicht gewechselt und seine Ideale nicht preisgegeben, auch wenn er damit auf WttersprUch stieß. Er war eine Kampfnatur und durch seine Krankheit im letzten Jahrzehnt auch reizbar geworden, aber er kämpfte nie mit vergifteten Waffen. Er war eine anima candida, einem hohen Ideal hingegeben und bereit, diesem alles zu opfern. Sein Leben gehörte der Forschung; mit den Seinen, denen er ein liebevoller Gatte und Vater war, trauert die Anstalt, der er seine Kraft geweiht, trauert die jüdische Wissenschaft. Secher Zaddik li Wrochoh, das Andenken dieses selbstlosen, hingebungsvollen Gelehrten bleibt zum Segen! 3. E l b o g e n. Malwin Warschauer, rin Zuruf zum 2. Januar 1925. Bon Rabbiner Dr. Marttn Salomonski. Es erscheint mir als unfromm und es wäre auch nicht recht, über den Mann eine Seelen-Analyse zu schreiben, der nun volle 25 Jahre im rabbinischen Amte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin treu dient und nichts anderes kennt, als die Arbeit, „patriae me inserviendo consumor“, so dürfte man eher von ihm sagen, wenn man einen Blick in dieses starke Herz und seinen rein glühenden Willen getan hat. Da der Schretter dieser Worte den gewürdigten Vorzug hat, unseren Iubllar durch lange Jahre zu kennen und seinen schweren Weg stets beobachtete, so soll das Bismarck-Wort, so seltsam es auch zunächst hier klingt, als Motto über diese» Zeile» stehe», die Gruß und Dank einer großen Schar darstelle». Warschauer ist uamtttelbar von der Hochschulbank. und fast ohne daß ihm Zeit blieb, seine Studien zu beende», ins Rabbinat der größten deutschen Gemeinde Pnaufgepsege». Ein Vorgang, der sich nie wiederholt, aber ln diesem Etnzeifalle aast Sücklichste bewährt hatl Freilich, et» Man» von der Bedeutung und Menschenkenntnis Maybaums und seine« Blick i» die Tiefe des Kllafvge» »atzte §eao», we» er empfahl »ch erst recht, warum er es wollte. And dies geschah i» einer Zelt, wo jede zionistisch« Regung — wahrer Liberalismus verpflichtet auch zu historischer Treue — noch wie das rot« Tuch wirkte. Zweifelsohne hat Warschauer es um dessentwillen anfänglich nicht leicht gehabt, aber mit wundervollem Takt und noch erfolgreicher mit männlich «frechlem Mute sich durchgesetzt. „Er ist nämlich, wie sein Ldndeskater Leinen- und Qebüdweberei F. V. Grünfeld Größtes Sonderhens f Leinen und W&sdie Berlin Wö Leipziger Strafte 20-^23 Bettbezüge Ans gutem, mittdstarkam Wäschestoff mit Ldnenglanz. 1 Oberbeit, * Gr,130P00,2KUsmQr.nf82 *7 A mit Knopfsddstß, Sofie M. 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