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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-12-27 · 46 (27.12.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
46 (27.12.1924)
Date
1924-12-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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)!■ J.!1WI,1PWWWMWW^IMftWI,MW,WWMWWW^ rnwTmmm »WWW .. BOCHERSCHAU. Pro!. Dr. Walter Kinkel: Hennaan Cohen, Sein Leben and Wirken. Stuttgart 1924. Verlag Strecker and Schröder. 356 Seiten. Um eine Hauptsache alsbald vorwegzunehmen, es ist mit das Beste und Stärkste, wenn man von einem Buche, das mit einem Geistesriesen wie Hermann Cohen sich beschäftigt und seine Gedanken darlegen soll, sagen kann, daß man überall den selbständigen konstruktiven Denker herausspürt, obgleich der Autor in vorbildlicher Bescheidenheit bewußt hinter seinen Gegenstand zurücktritt. Es ist das Ziel des Buches, weiteren Kreisen das Verständnis Cohen’scher Philosophie zu vermitteln, ein Ziel, das an und für sich bei dem Wert der Cohen sehen Philosophie zu begrüßen ist, in diesem Falle bei der nun einmal vorhandenen Schwerflüssigkeit der Cohen’schen Diktion, die ihn auch dem Interessierten dunkel erscheinen läßt, doppelt begrüßenswert. Der Darstellung des Cohen’schen Systems schickt der Autor eine zeitgeschichtliche und biographische Einleitung voraus, die als ganz besonders wohlgelungen bezeichnet weraen muß. ln leicht verständlicher und dabei doch die wissenschaftliche Tiefe nie verleugnender Form wird der Stand der philosophischen Spekulation geschildert, ehe mit Cohen die kan tische Philosophie aufs Neue ins Bewußtsein gehoben, durchdacht und ausgebaut wurde. So wird diese zeitgeschichtliche Einleitung zu einem gut orientierenden Abriß der Geschichte der Philosophie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Mit Hebevollem Verständnis versenkt sich der Autor dann weiter in die Persönlichkeit Cohens, schildert sein Aufwachsen in der geistigen Atmosphäre des jüdischen Elternhauses, eines Lehrerhauses, vor uns ersteht dann das Werden und Reifen des vom Theologiestudium wir Philosophie übergehenden Jünglings, reizvoll wird gezeichnet, wie schon in den Jugend- und Lemjahren die eigenartige Persönlichkeit hervortritt, wie dann au® dem mit selbständigem kritischen Urteil an die Erklärung, Interpretation und Fruchtbarmachung Kantischcr Philosophie herangehenden Universitätslehrer der Philosoph heranwächst, der nicht bloß mit der Darstellung der Philosophie anderer sich begnügt, sondern der ein eigenes System der Philosophie aufstellt und ausbaut. Die Eigenart des Systems und die Eigenart der Persönlichkeit sind klar herausgearbeitet, man gewinnt ein Bild von dem akademischen Lehrer Cohen, wie er es versteht, seine Hörer nicht Philosophie sondern das Philosophieren, die Methode des Denkens, die Methode des Findens eines Verhältnisses zum Absoluten zu lehren. Die einzelnen Phasen im Leben Cohen« werden gezeichnet, und es ist reizvoll geschildert, wie in seiner Persönlichkeit die jüdische Prägung immer stärker hervortritt, wie die idealistische Richtung seiner Philosophie sich immer stärker mit der prophetischen Ausprägung des Judentums berührt, die für Cohen die Prägung des Judentum« ist, wie in Cohens Stellungnahme zu den sittlichen Problemen allerwärts die messianische Idee eine entscheidende Rolle spielt. Es ist Kinkel als besonderes Verdienst zuzurechnen, wie er, der Christ, für diese Seite des Cohen’schen Wesens ein starkes Verständnis zeigt und mit selten zu beobachtender Objektivität sieb in ihn ein fühlt, darin Cohen selbst folgend, der es ja auch — Kinkel hebt das des öfteren mit Nachdruck hervor — vorzüglich verstanden hat, sich bei aller Wahrung seines jüdischen Standpunktes und mit allem Widerspruch gegen gewisse Lehren sich in die religiöse Welt des Christentums einzufühlen, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und besonders die Bedeutung des Protestantismus für die Befreiung der Geister zu würdigen. Ein Irrtum ist in der Lebensbeschreibung Cohen« dem Autor unterlaufen, der zu berichtigen wäre. Cohens Schrift: ..Die Bedeutung unseres Ordens für die Harmonisierung der religiösen, sozialen und internationalen Gegensätze“ hat nicht den Freimaurerorden, sondern den Orden Bne-Brith, dessen tätiges Mitglied Cohen war, zum Inhalt, ein Irrtum übrigens, der nur äußerlich ist, denn sachlich war Cohens Ordensideal die Herausarbeitung und Erstrebung der umfassenden und keinerlei Schranke kennenden Humanität, die das Ziel aller Freimaurergruppen sein sollte. An die Biographie schließt sich die Darstellung des Systems der Cohen’schen Philosophie an. Hier Einzelheiten beraiiszuheben ist nicht am Platze, das hieße ja, auch hier einen ganzen Abriß des Cohen’schen Systems geben, was nicht möglich ist, so sei nur zusammenfassend gesagt, daß es dem Autor gut gelungen ist, in. knappster Zusammenfassung die wesentlichen Züge des Cohen’schen Lebenszweckes zu zeichnen und in das Verständnis Cohen’scher Gedankengänge einzuführen, dabei stets die eigene, selbständige Stellungnahme und das Recht zur kritischen Betrachtung wahrend. Uns interessiert am allermeisten der Abriß sw Cohens Religion» Philosophie. Aber auch hier sind Einzelheiten nicht gut hersuszuheben, sondern es ist die Geeamtaussage richtiger, daß Kinkel in knappstem Rahmen eine gut unterrichtende and de» Weeentliehe hervorhebende Darstellung von Cohens Gedanken au dem Problem der Religion »Ubt, dabet nicht bloß eoja größte nachgelassenes Werk „die Religion der Vernunft an» den Quallen des Judentums" beachtend« aondam auch die rieten teils in Abhandlungen teils in Zedtechriftaulrötsen verstreuten kürzeren Ausführungen Cohens geschickt verwertend und verwebend. Mit besonderem Nachdruck herauegaarbeitet ist Cohens bewußte and scharf hervortretande Ablehnung aller Gedanken, die irgendwie zum Pantheismus führen können, weil hier die Wurzel aller philosophischen Unklarheit und aller Trübung der Reinheit der Gottesidee und der Autonomie des sittlichen Selbstbewußtestes Hegt, Und selbstredend bildet das Hauptthema der Darstellung m diesem Te9 die Rolle, die im Cohen’schen System die Identität von Religion und Sittlichkeit spielt, und wie es Cohens steter WiUe ist, seine und alle Religionen in die Richtung auf die Alleinherrschaft des Sittlichen zu läutern. In dieser Einseitigkeit gegenüber dem Metaphysischen liegt nun allerdings auch Cohens Schwäche. Im Ganzen kann man, erneut zusammeafeesend nur sagen, daß die Lektüre diese« Kapitale ein abgerundetes und erschöpfendes Bild von Cohens religiöser Eigenart, seiner Auffassung der religiösen Probleme und seinem Glauben an die sittliche Zukunft der Menschheit gibt und den Wunsch reifsn läßt. Cohen seihst zu lesen und in ihn eich zu vertiefen. Der Schilderung der Cohen’schen Hauptwerke schickt dsr Autor einen „Rückblick und Ausblick" nach, der einen starken Eindruck hinterläßt und in all seiner Knappheit auizurütteln wohl geeignet ist. Er pflanzt aufs Neue das Cohcn'sche Bekenntnis zu der Vernunft als dam regulierenden und schaffenden Prinzip aller Wirklichkeit auf, sieb dabei bewußt gegen die Auswüchse der Ueberbetonumg de» Irrationalen wendend, zeigt an der Hand von Cohens Werk von dar Philosophie .•als der Lehre von den Grundlagen des Kulturbewußtseins,“ wie uns die Einheit des Kulturbewußtsein« mangelt und wie wir nur an der Hand der Idee des einen Gottes zur Ueberwind-tmg allen Pessimismusses, zur Einheit des Kuüturbewußtseias innerhalb des Volkes und der Völker gelangen können, und wie von hier aus die Durchdringung des Sozialismus — nicht im parteipolitischen Sinne — mit Idealismus sich vollziehen kann. Eine Cohen-Bibliographie beschließt das instruktive und interessierende Buch. Rabbiner Dr. Dienemann -Offenbach » M. Zwei jüdische Maler. Sind1 die Juden Verstandesmenschen? Fast scheint ee so. Das deutsche Wort „Einsicht“ bedeutet, in die Dinge hineinseben. sich in sie hineinversenken. Die hebräische Uebereeteurog „binoh“ bedeutet, zwischen den Dingen scheiden, ihr Anderssein klar erfassen. Takmuüscbes Studium hat die Juden Jahrtausende gelehrt, jedes Wort auf alle Bedeutungen bin prüfen, jeden Satz auf alle Möglichkeiten hin untersuchen. Aua den alten Talmudlisten ist in der neuen Zeit der scharfsinnige Jurist, der logisch denkende Mathematiker, der vorausberechnende Schachspieler hervorgegangen. Aber wie im Talmud selbst neben der Halacha die Hagada stand, so stand neben dem Talmudlrsten der Kabbalist, der Mystiker, der nicht aus dien Dingen heraus, sondern in die Dinge hinein lernte, so steht jetzt neben dem Kaufmann der Künstler, neben dem Juristen der Musiker, neben dem Mathematiker der Dichter, neben dem Schachspieler der expressionistische Maler. Der Expressionist sieht nicht, er schaut. Die Dinge werfen nicht Bilder in ihn hinein, sondern wecken in ihm Visionen. Die Wirklichkeit ist Täuschung, sein Empfinden ist Wahrheit. Er ist Phantast, er ist Mystiker. Marc Chagall, der russisch-jüdische Maler, ist Expressäonist. Unter seinen Ahnen mögen Kabbalisten gewesen sein, düe unter dem Gebetmantel in nächtlicher Stille harrten, bis sie die Bilder ihrer erregten Seele schauten. Bilder, wie sie der Prophet Ezechiel gesehen: Cherubim zwischen Palmen, der einen Palme ein Menschenantlitz, der anderen ein Lö wenige sicht zugekehrt. Geister, die den Propheten durch die Lüfte trugen, Engel, unter Flügeln Menschenhände verbergend« der Körper mit Augen bedeckt. Tiere, wie brennende Fackeln ansuichaueo, Zacharia sah den Fluch als fliegende Schriftrolle, die vier Winde des Himmels als rote, schwarze, weiße und scheckige Rosse. Siebt man so die Bilder Chagalls an, dann sind sie nicht neueste, nie gewesene Kunst, sondern nur büdgewordeaes mystische« Schauen uralter Zeiten. „Der grüne Jude“, dessen eine Hand schneeweiß, die andere rot ist, wirkt nicht mehr upericwaeji. ..Der Tod“ in seiner Symbolik scheint einfach. Der «.Namenstag1 mit den fliegenden Gestalten« dem rückwärts unerklärlich. enatag'1 gedrehten KopfT Ausdruck der Sehnsucht. „Ueber der Stadt" wie fliegende Menschen, die der Traum b nächtlicher Stunde über das schlafende Dorf UnwegfÜhft. Der jüdische Musiker hu Wandgemälde des jüdischen Kammertheotere in Moskau, auf kleinen Häusern stehend, der Mensch, den mehr die Sehnsucht nach Kunst als wirkliche« Können so hoch über das Urins Elend de« Alltags cmporwacheen läßt. Seine litauische Heimat umgibt ihn auch in Park. Man amä sie in seinen Bildern, seine Verwandten findet man wieder. *r^E»«.Verwandten 1* viel heiliger als gleichviel wer auf dar Welt. Er Hebt die tausend kleinen Dinge. „AHe die Zäune, Küchlein, Schafe, Juden schienen mir in Wftebsk ebenso einfach, schlicht, ewig »u sein wie die Bauten ln Giotto'e Fresken" Wie der Prophet nie nur Phantast ist, sondern immer die heilige Stadt, da* heilige Volk, den heiligen Gott vor sieb bat, eo Hegen HefcnotsbUder der Phantasie Chagall zugrunde. Aber ist deswegen Chagall rin jüdischer Maler? Der Expressionist, der nicht düe Dinge, sondern sich malt, muß jüdisehe# Empfinden verraten, wenn er es überhaupt besitzt. „Als Ich bekn Anblick eines Gemäldes, auf welchem alle Häuser schräg standen und nach links oder rechts umzufallen drohten, einen mit der Psychoanalyse vertrauten Kunsthändler fragte, wfa er sich diese Erscheinung denke, gab er die richtige Antwort: wall dar Künstler dta Häuser so siebt, malt er sie auf diese Weise und er muß eie so sehen, well seine eigene Seele umzufalten droht.“ (Phistar „der psychologische und biologische Untergrund expressionistischer Bilder ). Chagall sagt von sich salbet, „Mir scheint aber, wann ich nicht Jude wäre (welchen Geballt lege ich in dieses Wort), so würde ich entweder überhaupt nicht Maler sein, oder ich wäre ein ganz anderer." B. Aroneon sucht in seinem Buch: „Marc Chagall“, Chagalls jüdische Seele1). Er findet als ln jenen Kleinigkeiten, aus denen •ich sein Schaffen zueammansetzt. „Der Palmzweig ist an und für sich noch kein nationale« Symbol, aber der Pahnzwatg, den Chagall« schwarz-weißer Jude im schwarzen Atlaskäcpchea in Händen hält, trägt national-jüdisches Gepräge." „woher kommt seine Vorliebe für bestimmt« Farbenzusammensteluagea, für schwarzen Sammet, für Violett mit dem Uebergug in dunkelrotes Bordeaux, — wenn nicht vom Atlas, von der Saide der Talare, von den Tfillimbeutelchen, von der Patbetflc, dar Feierlichkeit ritueller Gegenstände, von seinen Kindheltaerinncrungen. In dieser Konzentration . , . vibriert seine Verehrung zu den heiligen Gegenständen dies religiösen Kults." „Chagalls Reichtum sind seine aus Liosno importierten kleinen Figuren — «eine Verwandten und guten Freunde. Er rechnet immer mit ihnen. Er fragt sogar vor seiner Abreise aus Witebsk den von ihm hochverehrten Rabbi um seinen Rat." Der Eiffelturm erinnerte ihn überraschenderweise an die Synagoge in Mohflew, die sein Großvater aus.gema.lt hatte. Der Enkel aber hat mit expressionistischen und doch aus jüdischer Seele stammenden Bildern das jüdische Kammertheater in Moskau geschmückt. Wie anders Moritz Oppenheim in seinem liebenswürdigen Buch „Erinnerungen“, das jetzt von seinem Enkel1 herauagegeben worden ist?) Fast 100 Jahre trennen Oppenheim von Chagall. Aber eben deswegen sind beide im gleichen religiösen FamiBenleben aufgewachsen: der deutsche Jude, der um 1800 in Hanau geboren wurde, und der litauische, der um 1900 in Witebsk lebte. Beide bat ihr Weg auch nach Paris geführt. Während man bei Chagall aber nach der jüdischen Seele suchen muß, liegt sie bei Oppenheim klar wie eine helle FrühHngslandadb&ft vor uns. Er ist kein himmelstünmender Geist und hält sich selbst nicht dafür. Er will den Menschen nicht zeigen, was e r schaut, sondern was s! e schauen. Aus warmem schlichten Herzen schafft er mit freundlicher Kunst die Bilder aus dem jüdischen Familienleben, die ihn bei den Juden weltberühmt gemacht haben. Er malt wohlgefällig die bedeutenden Juden seiner Zeit: Heine und Börne, die Rothschilds und Gabriel Rießer. Mit behaglichem, durch keine Unruhe gestörten Empfinden sieht man seine Bilder, die stimmungsvolle Illustrationen zur jüdischen Geschichte seiner Zeit sein könnten, „Lavater und Leasing bei Moses Mendelssohn“, „Die Rückkehr dies Freiwilligen aus dem Befreiungskriege“. Kein Nachkomme glühender Propheten, kein Nachkomme alles zergliedernder Talmussten. Das schlichte jüdische Herz, zur Malkuaat eraporgewaehaen. Das künden seine „Erinnerungen" in Worten und Bildern, Dr. Georg Wilde- Magdeburg. ‘) B. Aronson: Marc Chagall, Razum-Verlag, Berlin W 30. *) Moritz Oppenheim: Erinnerungen. Frankfurter Verlags- Anstalt, Frankfurt am Main. 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