Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 45 (19.12.1924)
- Date
- 1924-12-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Schicksalhaftem sich Lea-Len und sich willig btvt Mutz des Vergehens überließen. Diejenigen aber, die mit dem Neuen rangen, mit ihm den Kampf aufnahmen unnicht eher ruhten, «US bisie in ihrer Seele ein Irenes geboren hatten, da» Elemente verschiedener Kulturen nicht einfach als Wissen-inhalte nebeneinander liegen lieft, roiv-errr aus ihnen «ine Einheit reicherer Art wvb, die hatten ein Wunder getan, eine Neuschöpfung, nicht- Mechanische-, Statthaftes mehr, sondern ein ans dem Willen selbständig Erschaute-. In dieser Stunde war aus dem nationalen Gebilde, in -adie starken universalen religiösen Elemente ehtacßaut waren, ein Neues entstanden, die religiöse Gemeinschaft, in die die nationalen Elemente als untergeordnete Begleiter eingebaut waren, damals wurde in Wahrheit andem Volke die Religionsgemeinschaft. Daß so etwamöglich ist, ist das Wunderbare im Lebert deS Judentums. Ein Wunder, das ewig sich erneut; -enu auch wir müssen ja — wie man es in jeder geschichtlichen Epoche tun mutzte — innerlich ringen und kämpfen, um die Verwebung der jüdischen Bewußtseinsinhalte mit den allgemeinen Inhalten des Knltuibewußtfeius, damit sie nicht nebeneinander liegen und sich stoßen, sondern zur Einheit werden, müssen versuchen, ein für urrs Gültiges zu gewinnen, in dem dem Jüdischen sein Recht und sein Bestimmendes bleibt. Nie wird das anders geboren als ans dem Willen und der Anstrengung des Einzelnen, der in sich die Gesamtheit eingeschlosseu fühlt, zugleich aber sich als verantwortlichen Träger der Gesamtheit empfindet; und daß man solche seelische Berwebnng schaffen kann, Ist Wunder, wie die Schöpfung der Welt Wunder war. Jede sittliche Erneuerung ist Wunder und aus dem Rahmen des Mechanischen und Zwangsläufigen herausfallend. Daß der Mensch nicht ewig in dem Zwang seiner einmal getanen Tat, seiner em-mal gedachten Gedanken laufen muß, so wie der Ball in der Bahn laufen muß, in die er geworfen ist, daß er in sich die Kraft zu einer neuen Entscheidung, zn einem anderen Weg finden tan, ist das ewig neue, ewig sich erneuernde Wunder deS Lebens. Jedes Aufleuchten des Chanukahlichtes als eines an das Wunder anknüpfenden und das Wunder verherrlichenden Lichtes bringt uns dieses LKunder des Lebens zum Bewußtsein. Und es ist dringlich, baß eS uns zum Bewußtsein kommt. Denn die Erneuerung unseres jüdischen Lebens vollzieht sich auch nur aus einer nicht mechanischen, nicht zwangsläufigen inneren Entscheidung im Sittlichen. Die Erneuerung unseres jüdischen Leberts vollzieht sich nicht aus der Hin- und Herrede über Gültigkeit oder Nichtgültigkeit dieses oder jenes Brauches, in der Diskussion über gottesdienstliche Einzelheiten, sorrdern einzig nnallein aus -er Wiedergewinnung einer starken, bewußten, sittlichen Lebensauffassung, einer Lebensanffassnng» die nicht in den Erfordernissen -er Wirtschaft unin den augeMicklicheu Machtverhältnissett das oberste Gesetz erblickt, sondern das ganze Leben von sittlichen Ideen beherrscht sein läßt, ^das ganze Leben im wörtlichsten Sinne einschließlich oer Geschästsmoral und der Sexualethik, öisse ganz besonders betont. DaS 'neuzeitliche Leben in seinen X Formen 51t betrachten und die sittlichen Forderungen auszustellert, die für ihre Umpräguna gelten sollen, das ist die dringliche Aufgabe. Alle sülche sittliche Erneu er u unberechenbar, ist Wunder, und daß solch Wund« ilich ist und gewollt werden muß, falle mit dem S des Channkahlichtes auch in nufere Seele. Alle Litigiöse Erneuerung ist Wunder. Dah auf Zeiten, in denen die Religio« schon aufaehört zu haben schien eine das Leben beherrschende, das Leben gestaltende Macht zn sein, in denen sie als ein Ueberlebteerschien, so daß manche glauben mochten, kommende Geschlechter werden sie entbehren kvtnlcn, in denen alles Streben darauf ausging, von Bindmrgen frei zu werden, Zeiten kommen, in dtznett die Menschen von einem starken Sehnen nach einer das Leben regelnden geistigen Macht gepackt werden null Bindungen verlangen und anerkennen, ist eines der allergrößten Wunder. In einem solchen Wunder sind wir heute; eine ausgesprochen religiöse Sehnsucht zieht durch die Seelen. Sie verlangen nach einem Festen, nach einem Halt, man h a t wohl nicht die Gläubigkeit, denn man tau sie nicht einfach herbeiwinkeu, aber man hat die starke Sehnsucht nach ihr, den Wunsch, zn ihr gelangen zu können, und sucht nach einem Wege zu ihr als der Quelle, von der alles au-strahlt. Man suhlt, daß aller technische und ökonomische Fortschritt dem inneren Leben nicht genügen und ihm nicht die volle Bereicherung geben kann. Es ist gar nicht anders möglich als dieses Verlangen nach religiöser Erneuerung als Wunder hinzunehmen. Als Wunder, an dem man selbst mitwirkt mid mitschafst. ES ist das der Unterschied zwischen dem alten Wunderglauben und dem, dem wir uns hier zuwenden. Der alte läßt den Menschen ganz und gar als Objekt des Geschehens öastehen, an dem Gottes Allmacht sich answirkt. Wir glauben an das Wunder des wollendem schassenden, sich aus sich besinnenden Menschen. Diese Selbstbesinnung ist nicht ein einfaches ZnrnckkehrcN und Wiederbeginnen da, wo man vor Zeiten einmal aufhörte, sie ist ein eigenes Suchen. Wir müssen fühlen, daß wir irr der Verwirklichung der religiösen Sehnsucht eine eigene Note darstellen müssen. Das Denken wird heute beherrscht von einem stark mystischen Zug, es wäre verhängnisvoll, wenn wir uns einfach von ihm tragen ließen, weil er im Augenblick erhaltend und fördernd erscheint. Wir dürfen nicht müde werden, in die mystische Denkrichinng der Zeit unsere Kraft des aiksbanenben Denkens einzumischen, damit die Klarheit des Wollend und des Zieles nicht verloren gehe, die auf die Dauer allein Bestand verheißt. Aber daß wir das neu versuchen, daß wir es wollen und darum ringen, ist das Wunder unserer Tage, und diesem Wunder mag man sich freudig, mit geöffneten Armen hingeben. Mit dem Licht des Channkahlcnchters strahle dieser Witnderglaube auf. Ein Wunder, an dein man tätig mitwirkt, ist kein Geschenk, ist iminer Ausgabe, Leistung. Jede Leistung ist gegründet auf Opfer, verlangt Opfer, es gibt keine religiöse Erneuerung ohne Opfer. Ehe das Chanukahlicht ansstrahlen konnte, mußte Mathias sprechen: „Gebt euer Leben hin für den Bund"; aud> über unserer religiösen Erneuerung steht die Forderung der Hin nd der OpierwMgkeit, der frei gewollten, freudig tcn, nicht von außen erzwungenen und auferlc; Mm« Brief. Ei» Mischer „ttollfemuMi'V Ter Führer der Wiener Iüdischnati»«alen, der gewe^ serie Aationalret Robert Stricker, ist vom Präsi-mm des zionistischen LMl-e-komitees zurückgetreten. Die Motive s* diesem Schritt, -er allerdings rein formaler Natut ist, -a Stricker rr»d somit auch fein Einfluß dem Landesromitee erhalten bleibt, tonrplettteren das Midi ef es Mannes, Las ich bereits anläßlich der Vorbesprechung der hiesigen Knltuswahlen in der „Jüdisch-liberalen Zeiskizziert habe. Herrn Strickers Rücktritt ist nämttch eia Protest gegen öon von sec Mehrheit des LandeSssmtteesgejatzten Beschluß, »um Aufbau Palästinas auch die nicht national gesinnten Juden heranzuziehen. Das heißt: Herr Stricker erlaubt zwar den ttdcraten Jude«, Uh« zn Mandatseh-ren in der Kultusstnbe und in der österreichischen Nattonalversammluna zn verhelfen, nur die Erreichung jenes Ziels, das doch für jeden Zionisten das eigentliche Lebensziel bilden sollte, dürfen sie ihm nicht erleichtern. Herr Stricker statt sie für unwürdig, -en Zehent für den Loren hajessod zu entrichten. Kol>er diese seltsame Seelen« keuschheit eines Mensche», der sich um liberale Stimmen bewirbt, ausgerechnet gegen liberale Gelder'? Nun» gegen das „feindliche" Geld an sich wäre Herr Stricker sicher nicht untoleranter als jener römische Kaiser, der das Worin „non ölet" geprägt hat. Aber der treffliche Sachwalter des- Wiener Zionismus fürchtet sich, in die peinliche Lage des Bräutigams aus den „Fliegenden Blättern" zu kommen, der einer hohen Mitgift zuliebe ein häßliches Weib freite, und nun über die Unrichtigkeit des Sprichworts: „Geld allein macht nicht glücklich" philosophiert: „Wie glücklich wäre ich, wenn ich das Geld allein bekommen hätte!" Herr Stricker weiß, daß Leute, deren Interesse für den Aufbau Palästinas so weit erweckt wurde, daß sie sich für diesem Sacke hoch besteuern lassen, ganz gewiß auch in die Lerwal-- tung ihrer Stenergelder werden Einblick nehmen, sich an ihr beteiligen werden wollen, daß man ioM)e Wünsche unmöglich abweisen kann, den edlen Spendern vielmehr Einfluß auf die zionistische Parteigebahrung einräumcn müssen wird. Und davor graut Herrn Stricker in seinem Nichts durchbohrenden Gefühl. Hat er dazu mit brutaler Grobheit alle wirklich bedeutenden Köpfe aus der Partei htirausgeekelt oder doch wenigstens in ihr nredergehalten, um jetzt, am Ziele feines Ehrgeizes, als offiziell anerkannter Nachfolger Theodor Hcrzls in Oesterreich, plötzlich vor dem unabweisbaren Eintritt jener Elemente zittern zu müssen, die die geistige und soziale Elite der Wiener Iudenschaft bilden und in deren Schatten er eine lächerliche Figur spielett muß? So willkommen Herrn Stricker die Liberalen als Bundesgenossen dort sind, rvo sic ihm zu Mandatsehren und durch diese zu erhöhtem politischen Einfluß verhelfen können, so verhaßt sind sie ihm dort, wo von ihrer Mitarbeit eine Verringerung feines persönlichen Einflusses und eine Reduzierung seines politischen Nimbus aus feinen natürlichen Umfang zu erwarten ist. Darum pfeift er aus den Zuschuß von liberalen Geldern znm Ankauf palchtmenfischen Bodens als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes, der den ersten und wichtigsten Punkt des Baseler Zionistcnprogranrines bildet. Sonst läßt Herr Stricker nicht so leicht Geld aus. ^.avon wissen feine Angestellten ein Lied zu singen, besonders die Redakteure seiner „Wiener Morgcnzeitung". Als rnrnrnrnnrnrnrnrnrni^mmmmmmmmmmmmmmmm Jeder Leser, dem die „Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Belehrung bietet, fühle sich verpflichtet, uns eine» neuen Abonnenten zuzuführm! Gynagogengesang und deutsches Volkslied. Gon E. Ä c r s ch n e r - München. BiA vor wenigen Jahren krankte die Forschung über den Ursprung des SynogogeNgesanges an dem Mangel erschöpfender Bergleichsmüglichkeit zwischen den Sing» weisen in den verschiedenen Nitusgebieten des Orients und Oecidents. Diesem oft beklagten, recht fühlbaren Mangel, der auf wissenschaftlich einwandfreie Forschungsergebnisse ükeraus hemmend einrvirLte. abzuhelfen, war und ist allem Anschein nach A. Z. Idelsohn berufen, ein Mann, der in iahrzchntelartger, unsäglich mühevoller Arbeit Material zusammeugetragen hat.?as er unter dem Titel: „Hebräischorientalischer Melodienschatz" in einem mehrbändigen, umfangreichen Werke der OeffcntliÄkeit zugänglich macht. Schon die bisher erschienenen vier Bände, Band 1: Gesänge der jemenitischen Juden: Band L: Gesänge der babylonischen Juden: Band 8: Gesänge der persischen, kucharischen und daghestanischen Juden: Baud -1: Gesänge der orientalischen Sefardim, begegneten in jüdischen Fachkreisen dem leibhaftesten Interesse. Was aber als ganz besonders erfreuliche Erscheinung stervorgehoben zu werden verdient, das ist die Tatsache, daß nunmehr auch nichtjüdische hervorragende Vertreter der musikhistorischen Wissenschaft dem Aschenbrödel der allgemeinen Musikpflege, dem Srmagogengesange, erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden, Satz sie unumwunden die grundlegende Bedeutung des ältesten Synagogengesanges anerkennen für di- Entwicklung des frühchristlichen Kirchengesanges, wie er sich teilweise im ambrosianischen und gregorianischen Kircheugesange noch erkennbar erhalten hat. Diese Idelsokinscheu. von umfassendem Wissen, von einöringendem Verständnis zeugenden Sammlungen dürften in ihrer ungeahnten Reichhaltigkeit die zur Zeit noch fehlende Basis bilden für eine Geschichte der synagogaleu Musik. Einen kleinen Beitrag zu einer solchen mögen folgerrde Auö» süihrungen liefern durch den Versuch, die Herkunft einiger im deutschen Ritus gebräuchlichen synagvgalen Weisen aus uichtsüöischen Quellen uachzuweisen. Unverkennbar ist der Einfluß, den das deutsche Volkslied auf die Vertonung mittelalterlicher hebräischer Poesien ausgeübt hat. Diese Dichtungen gehören zmn weitaus größten Teile der religiösen Poesie an und bilden seit der nachtalmudischen Epoche einen tvesentlichen Bestandteil unserer gottesdienstlichen Uebnngen. Durch sie erst drang der ltedarttge Cte* fang, die festgefügte, geschlossene Melodie in die jüdischen Gotteshäuser, in denen bisher nur einfach erhabene Rezitationen das einzige «usikalksche Clement gebildet hatten. War Liese keusch« Blüte des Sprechgesanges jüdischem Boden, jüdischer Cigevart entsprossen, so hatten es setzt in den weiten arabischen LändergeVIeteu. namentlich in dem damals noch arabischen Manien unseren Altvorderen der Nigun Iischmoel, die im Volke verbreitete« Lieder angetan. Mit ihren süßen» einschmeichelnben Weisen eroberten sie sich auch die Herze« der musikliebenden Juden» wurden sie van ihnen gern und viel gefangen, trotz der Dexte, die den sittenstrengen Tälmuögelehrten ihres «retischen, oft unsittlichen IN'halts wegen rvohl wenig gesellen mochten. Da sollen denn einige jüdische Dichter auf den Gedanken gekommen sein, religiöse Dichtungen zu schassen, die den beliebtesten Volksmelodien als Texte unterlegt und in den Synagogen gesungen wurden, um einerseits die auch den Juden liebgeworöenen Sinaweiscn ihnen zu erhalten und arrdererseits die Glaubensgenosscu vor sittlichem Schaden zu bewahren. Entstanden so aus Liebe znm Gesänge, insbesondere znm volkstümlichen Gesänge, eine Reihe synagogalcr Dichtungen, so meinen wiederum andere. Neligwusverfolanngen hätten den alten gottesdieirstlichen Vorträgen ein jähes Ende bereitet und die Einführung einer neuen Art der religiösen Belehrung zur Notivcndigkeit gemacht. Diesen Standpunkt vertritt ii. a. auch ein zum Islam übergetretcncr Jude mit Namen Samuel ben Jechuda ifftt?lbun aus Fes in einem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Bericht, wo es heißt: „Der Islam traf die Juden unter der Herrschaft der Perser. Diese haben ihnen häufiq das Gebet verboten. Als aber die Juden sahen, daß cs den Persern mit dem Verbote des GolteMenstes ernst sei, machten sic Gebete, in welche sie Stücke des gewöhnlichen Gebets hineinschoben und narrnten sie al hizüna. Sie komponierten zu diesen viele Melodien und in den Gcbetszeiten pflegten sie zusammenzukonnnen. um sie zrr sittgev und zu lesen. Der Unterschied zwischen der Oizana und zwischen dem P'lichtgebet ist, daß das Pslichtgelet ohne Melodie verrichtet wird, es wird vom Vorbeter allein vorgelesen und niemand schreit mit. beim HizLna aber begleiten ihn viele mit Rusen und Singen und helfen ihm bei der Melodie . . Islnar Elbogen, dessen instruktivem Werke: „Ter jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" dieser Bericht entnommen ist, leitet von dem arabischen Worte Hiz^na, das im Sinne von Piut verwendet wird, die Bezeichnungen Elmsan und Chasonus ab. An die Stelle des Tarschan trat nun der Peitan. „Ter Pint wurde zum Surrogat für die Institution der öffentlichen Belehrung und allmählich gleichsam die stehende Cimrakteristik des Iestes, dessen Deutung und Airslegung. die Stimme der Geschichte oder die ins Wort gefaßte Stimmung der Geureinde" Und Uber ein Jahrtausend hindurch hat Israel seinem Gotte in der Diaspora Lieder gesungen, Lieder, deren Inhalt in uns erhöhte IesteSstimmung Hervorrufen, Lieder, die uns Mit guten Vorsätzen zu einem tugendhaften Lebenswandel erfüllen sollen. Lieder endlich, in deiren Szenen aus Israels Leidensgeschichte mit einer elementaren Gewalt, mit einer anschaulichen Lebendigkeit geschildert werden, daß uns, als späten Nachkommen jener S-ünycr, heute noch das Herz tlutet, daß wir heute noch von Tränen übermannt werden, wenn wir in den Bußtagen die Selichos, wenn wir am 0. Ab die herzbrechenden Äinnos in der ihnen eigentümlich klagenden Weise zum Vortrag bringen. All« diese religiösen Dichtungen haben sich erst nach und nach in die Gotteshäuser des Ostens und Westetts Eürgang verschafft und sind als das Produkt der mannigfaltigen Entwicktiurgen zu betrachten, die unser« gottesdienstlichen Berattstalrungen durchwachen mußten, bis sie die noch jetzt ülliche und wie «^scheint, endgültige Fassung erhielten. Jur . x vorliegenden Zweck, d. h. fitr den 9<ach,veis von Itr -melodien aus dem deutschen Dolkslicderfchatz, die einem Teil unserer krüditionellen Synagvgenmelodien zugrunde liegen, kommen zunächst folgende Verspiele rn Betracht: Ich darf hierbei wohl die Tatsache als bekannt voraussctzcn, daß Niekodien, die durch mündliche Tr<rdlttvn von Geschlecht zu Geschlecht sich fortcrbeu. mehr oder minder wesentlichen Veränderrrngeu unterworfen sind, hervorgeruren nmnentlich durch die Verschiedenheit der Temperamente» der Stimmung und der Geschmacksrichtung der Singenden. Die tttsprungsmekodie des Pismon „Kr lünne bachomer b'jad hajozcr" nach süddeutscher Weise glaube ich in dem mittelalterlichen deutschen Volkslied „Der Tummler" entdeckt zu haben. Ter Inhalt dieses Liedes befaßt sich allerdings nicht mit hohen Problemen, mit io schönen Gleichnissen von Gott uns Mensch wie rrnscr herrlicher Pismon. dessen erste Strophe nach der Näbersetzung von Michael Sacks lautet: So wie der Ton in des Töpfers Hand. Ter nach Willen ihn preßt nnd spannt, So sind wir in deiner Macht. Der rnrlde und schirmend liebt und wacht. C, schau auf den Bund Nnd nicht, was siindig das Herz gedacht'. Dagegen führt uns der Tummler rn einen sehr weltlichen, fröhlichen Llreis rvackercr?»ccher von rrrgermanischer Trinkfcstr-gkeit. Nach langem Zechgelage wird zum letzten Male das gefüllte Gläslein bis auf den Grund geleert, bevor man sich heimmärtstummelt. Es hat folgenden Wortlaut: »Irisch auf, gut gscll, laß rummer gan! tummel dich guts wctnlein'. das gläslein soll nicht stille stan. tirmmcl dich, tummel dich! tnmmel drch gutv Er setzt das gläslein an den mund, iwernlern. tummel dich guts'weinlein! er trunks herautz bis ans den grund. tummel dich, tummel dich guts wem lern! Er hat sein suchen recht getan, tnmmel dich, guts weinlein! Das gläslein soll herummer gan, tummel dich, tummel dich guts rveinleiu! Tie Melodie dieses Liedes wurde zuerst gesunden in Försters .^rußzug guter alter und neuer Liedleiv, einer rechten teutschen Art ans allerlei Instrumenten zu gebrauchen" vom Jahre 1539. Die Melodie, welche, wie damals üblich, der Telrorstimme zugewiesen ist, war ein vielgesungenes. weit älteres Volkslied, das jedenfalls durch die schriftliche Fixierung vor weiteren Variationen geschlitzt wurde. Ein Vergleich, der in äolischer Torrart stehenden Notenbeisviele Ia und Ib ergibt bei beiden die dreiteilige Liedform. Beim Aügesang gehe» die beiden Vorlagen auseinander. Verarbeitet bas 'deutsche Lied in diesem letzten Teile Motive aus dem ersten Stollen, so kenützt der Ehasan das Motiv des zweiten Stollen, um dann der eitwringlichen Bitte ,-weal tefLtr lajezer". über den modernen Leittvn gis hiiuveg, in der oberen Oktave der Tonika zu schließen. Sind bei unserem Pibmon Zeit und Ort der Abfassung, sowie der Name des Verfassers unbekannt, — Zunz schließt