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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-12-19 · 45 (19.12.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
45 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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T MWÄwckZrllmz Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e, V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^«jährlich w. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: u im Mitgliedsbeilrage enchalten. :: :: u Chefredakteur: Dipl.»Ing. Bruno Doyda. vle „Jüdisch-liberale-Ssttung^ erscheint jeden §reitag. Schrittiebuna und SsschüflsftsNs: Veriin- Mauerstratze22. fernruf: Amt Merkur Nr. 8725 pofttaechfeontot Berlin n\VTnr.l3T069 (Vereinigung IDr&ds liberale Judentum) Nachdruck fflmtllctjer Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der ReDahtton gestatte« Anzeigenpreise: Die IS gespaltene NonpLreillezeile 0.45 Goldmark» die Reklamezeile 3,00 Gold mark, :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt, r: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz. VerlagsabteUung. Berlin S.ü). 08, Lhariottenstr. SS Oemsprecher: Dönhoff 5360—65), sowie sämtl. Annoneen-Expeditionen. Nr. 45 Berlin. 19. Dezember 1924 4. Jahrgang Das Chmmkah-Fest. Die heutige Nummer erscheint in verstärktem Umfange und mit einer Notenbeilage, die leicht vom übrigen Teil getrennt werden kann. Die nächste Nummer erscheint wegen der staatlichen Feiertage in verkleinertem Umfange und erst am -7, Dezember 1924. Jüdisch-liberale Zeitung. ChanuKah, das ewige Wunder. Bon Rabbiner Tr. Diene m a n n - Offenbach a. M. Das Symbol des Ehanukahfestes ist feit ältesten Zeiten das Lichts und der achtarmige Leuchter ist ein vertrautes und Uebgewordenes Symbol nicht nur des 8 fynagogalen Gebens, sondern des gesamten jüdischen Gebens und Denkens. Man kennt die reizvolle Sage von der Begebenheit, die angeblich dem VicOt als Symbol des Chanukahfestes zugrunde liege, das; Inda Makkabi, als er den Tempel zu feiner Wiedereinweihnng betrat, ein einziges Krüglein Oel entdeckte, das durch das unversehrte alte hohenpriesterliche Siegel sich als nnentweiht erwies, daß er mit ihm das Vicht im Heiligtum znm Zeichen der neugewonnenen Reinbeit anzündete, und daß es, obgleich dem Ausmaß nach nur für einen Tag ausreichend, doch acht Tage anhielt. tzßriten naiven Denkens nahmen in ruhiger Harmlostgteit Erzcihlnttg und Wunder schlicht und in unkritischer Gläubigkeit ans. Als aber dann Zeiten kamen, in denen man zu geschichtlichen Berichten solcher Art sich mit eigener Kritik 5u verhalten begann, in denen man das Wunder, die Tnrchbrechnng des Naturgesetzes nicht mehr gläubig hinnehmen mochte und konnte itufi eS nicht mehr als Begründung religiösen Brauches gelten lassen mochte und auch'innerlich nicht gelten lassen konnte, war es natürlich, das; man zu fragen begann, was das Vichtsymbol bedeute, wie es eutstanden sei und wie es sich mit ähnlichen Symbolen und Sitten anderer religiöser M.reife berühre. Und was lag näher, als in dem Channkahlichte Erinnerung und Anllang an einstige mit der Sonnenwende in Zusammenhang stehende Feiern zu finden? Der Anklang drängt sich;a geradezu auf. es ist dieselbe Zeit dort wie hier, iu der inan aas Vicht ansleuchten lägt, dieselbe Zeit nicht blas; im ungefähren, sondern ans den Tag fast, wenn man die Monate im jüdischen nnd im allgemeinen Kalender gegeneinander anstanscht, es iit das gleiche Symbol. Vasten wir cs dahingestellt sein, ob hier Zusammenhänge tatsächlich sind, die Frage ist an und für sich gleichgültig uitö ohne Belang, nehmen wir gar an, cs bestünden hier Zusammenhänge und Berührungspunkte und Uebergänge, so tritt der Sinn, die Bedeutung und die Absicht des ChannkalilichtsmnüolS nur um so stärker nnd eindringlicher hervor. Und cs mag gar nicht überflüssig seit!, den Unterschied, tcn Gegensatz zn benennen, als ja jene alte Sonnenrvenüfcier heutigen Tages eine fröhliche Wiederauferstehung feiert, dabei nicht blos; „völkischen" Kreisen Symbol ihres neuen Heidentums ist, sondern weiteren Kreisen Sinnbild eines innigen Berbnndenfeins mit der Natur geworden ist,' und von daher haben cs ja auch jüdische Iugendkreise mit übernommen, Kreise sogar, die sonst jegliche „Assimilation" als Ursnnde ablchnen. bei jeder Gelegenheit „Assimilation" wittern und über sie schimpfen, und es hat in den letzten Jahren manche indische Wandergruppe gegeben/die ihre Sonncnwendseier begangen hat und dabei die Empfindung hatte, das; mau eine Unterlassung alter Zeiten wieder gntmache und endlich einmal wieder ein Verhältnis zur Natur gewinne. Dieses Vichtsymbol, das an das Steigen und Sinken der Sonne anknüpft und von dort her den Zusammenhang mit der "Natur pflegt, ist ein ausgesprochen heidnisches. Heidnisch nicht etwa in dein ältesten Sinne der Götzcncmbetnng, das würde uns beute ia kaum mehr sonderlich interessieren, aber heidnisch, gottlos in einem viel tieferen, viel gefährlicheren Sinne. Ein Mechanisches wurde damit iit das Denken und Fühlen eingepflanzt: alles Natnrgeschehcn ist zwangsläufig, ist nicht der freien Willensbestimmung untergeordnet. An dem Symbol deS Lichtes, wie es sich wieder zum Ausstieg anschickt, aber auch wieder zum Sinken sich neigen wird, must sich der Gedanke von dem Zwangsmäßigen auch im Lcben des Menschen und der Kölker entzünden. Es mag für den Augenblick jubel- Aus dem Inhalt: Rah-. Dr. Dienemann-Oifenbach: Ehanukah, das ewige Wunder. — Hnao Spiegle r-Wie«: Wiener Brief. E. Kirschner-Müucheri: Snnagogengesang und deutsches Volkslied. — Sophie Iacobsohrr-Berlinans dem Friedhof. — A. vom Berg: Aphorismen eines namenlosen Philosophen. — Max Rosenfeld-DreSden:* Ein Tag im alten Babel. j & Die jüdische Gegenwart. — Ans de« Gemeinde». — * Der jüdische Lpreäyaal. — Bücherschan. — jfi Ans der Bewegung. — Versammln« gskalerv- - der. — Kalendarium. Notenbeilage: Originalkomposition von Musikdirektor A. Frirdmann-Bcrlin. u. a. Der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden. Auf Verlangen des Kitlt'rsnnnisterimns würde diesem im Ianimr n. I. von dem Preußischen Landesverband indischer Gemeinden und dem Halberstädter Verband gesehestrcner Gemeinden gemeinsam eine Anfstellnng über die ^eeleu.zabl der ihnen angeschlossenen Gemeinden eing-ereicht. Danach ergaben sich für den Preußischen Landesverband indischer Gemeinden k>21:!00. für den Halberstädtcr Verband 17 001 Seelen. In der Iwüchcnzcit haben sich weitere rund 100 Gemeinden dem Landesverband angeschlossen. Die Krise im Alpenverein. Am Sonntag, den 11. Dezember, fand in München eine außerordentliche Generalversammlung des Deutschen und Oesterreichischcn Alpenvereins statt. Einziger Punkt der Tagesordnung irar die Frage des Ausschlusses der in der Mehrzahl ans Inden bestehenden Wiener Sektion „Donaiilarid". Bekanntlich hat sich die Sektion Dvnaulnnd gegründet, als mehrere Sektionen Oesterreichs den Arierparagraphen annahmcn und Inden ansschlvssen. Seit dem Bestehen der Sektion „Tonanland" ivurde gegen dieselbe seitens der völkischen Mreife eine ununterbrochene Hetzkampagne dnrchgeführt. Die völkischctl Sektionen betrieben mit aller Energie den Ansschlns; von Donanland ans dem Alpenverein. Der Alpcnvcrein gab diesem Drängen teilweisc nach und forderte in seiner letzten Generalversammlung sie Sektion Donanland znm freiwilligen Austritt auf. Donanland lehnte aber diese Aufforderung in seiner letzten Generalversammlung einstimmig ab. ' xU der jetzigen außerordentlichen Generalversammlung stellte der Hauptansschuß selbst den Antrag auf Ansschlns; der Sektion Donanland wegen Verstoßes gegen die Interessen des Alpenvercins. Der Berichterstatter des Hanptausschust'es. Oberbaudirekkor Nehlen, begründete diesen Antrag n. a. auch mit dem Hinweis daraus, das; bei Donanland eine Zentralisierung von Beschwerden jüdischer Bergsteiger wegen antisemitischer Bchandlnug ans gewissen Alpeuuereinshütten erfolgt sei, und daß Donanland auch sonst durch Heranfbeichwörnng von Pcessediskussrvnen den Hauptverein geschädigt habe. Das seien „Verstöße gegen alpine Sitten -und alpinen Anstand". Der zweite Vorsitzende der Sektion Donanland, Herr Oskar Marmorck, sprach gegen den Ausschlttßantrag und bczeichncte die Gründe für den Ausschlußantrag als an den Haaren herbcigczvgen. In besonders wirksamer Weise nüdcrlegte Dr. Badt von der Sektion Berlin die Vorwürfe gegen Donanland. Als er aber von München als der Stadt des ,1-echenbach-Nrteils sprach, crgrisf die Mehrheit die Gelegenheit, um den Redner nicderzubrüllen. Die Versammlung beruhigte sich erst, als der Redner das Podium verlies;. Von „arischer" Seite wurde dargelcgt, daß. wenn Tonanland im Verband verbleibt, 110 österreichische' Sektionen und eine große Anzahl rcichsdentscher Sektionen dem Alpenverein den Rücken kehren würden. Hierauf wurde zur ^lbstimmuna geschritten ES waren vertreten 247 deutsche Sektionen mit 1439 Stimmen und 93 österreichische Lektionen mit 470 Stimmen, im ganzen also 1900 Stimmen. Es wurden abgegeben 1877 Stimmen. Bon diesen 1003 für den Antrag des HauptanSschusses, also für öett Ausschluß der Sektion Donanland und IW dagegen. 24 Stimmen waren ungültig. Da die notwendige Zwcidrittelmehrheit 1236 Stimmen betrug, war somit der Antra« des Hanptausschusscs angenommen und der Ausschluß der Lektion Donanland zur Tatsache geworden. ' erregend, freudespendenh, hoffnunganzündeitS sein, mit dem wieder zum Steigen sich anfchickenüen Sonnenball das Aufsteigen des Lichtes seines eigenen Lebens« und seines Bolkes zn begrüßen, aber dann kann man sich von der Empfindung nicht losmachen, daß dieses Anffteigen sich vollziehen mitß unabhängig vom Willen, unabhängig von jeglichem Einfluß: und hier den Uebergang znnr persönlichen und geschichtlichen Leben gewinnen, das heißt dann, auch das geschichtliche! und persönliche Leben ist dieses Müssen, ist dieses Berechenbare und Zwangsläufige einbanen, die in dem Menschen wirkenden naturhasten Brächte als die Träger des Aufbaus und Ausstieges verehren, alles geschichtliche Leben unabhängig machen von der sittlichen Beschaffenheit des Einzelnen nnd der Völker. DaS aber ist das Heidnische schlechthin, und dieses Heidnische beherrscht das Denken in weiten Bezirken. Und neben dem Mechanischen liegt das Pessimistische, das in jedem Anknüpfen an den Kreislauf der Natur notwendig gegeben ist. Mit dem Werden, das die Fronde erregt, die Freude, die man sucht, ist das Vergehen untrennbar verbunden, und es kann gar nicht ausbleiben, daß in den lautesten Jubel sich doch der Gedanke an das am Ende doch winkende Anslöschen einmischt, auch das geschichtliche und kulturelle Leben steht dann unter dem Zeichen des Untergangs und Erlöschens. Und nun lösen wir uns von der Anknüpfung an jenes alte heidnische Symbol ab, es ist ja auch ganz gleichgültig, vb es geübt wird,'bewußt oder gedankenlos, Tatsache ist, daß jener Pessimismus nnd jenes heidnische Denken, das soeben flüchtig skizziert ward, das Empfinden in einem starken Maße beherrscht, das; es geradezu zur Signatur der Zeit geworden ist, die uaturhasten Mächte des Blutes, der Triebe, der Instinkte, die Zwangsläufigkeit der Wirtschaft als Träger allen Kultur- und geschichtlichen Lebens anzusetzen und zn verehren. In stärkstem Gegensatz dazu steht nun das Lichtsymbol, das mit dein Channkahseste unauflöslich verbunden ist. Es ist nicht die Natur mit ihrem berechenbaren Kreislauf von Auf nnd Ab, mit ihrem Mechanischen und Zwangsläufigen, die die Anknüpfung gibt und die Idee lenkt, cs ist im Gegenteil das W u n d e r, von dem ausgegangen wird. Dieses Wunder bleibt und bestimmt das Denken, auch wenn man längst über den Glauben an das Wunder in seinem wörtlichen und naiven Sinn hinausgewachsen ist. Es ist das Wunder der menschlichen Schöpscrkrast, der geistigen und sittlichen Ernencrnngskraft, die hier im Symbol sich ausdrückt, jener Erneuernngskrast, die von der sittlichen Beschaffenheit und dem sittlichen Willen nicht ablösbar ist nnd ihr eigentlicher Ausdruck ist. Als Wunder wird die Geschichte empfunden nicht blos; in ihrer Abhängigkeit von dem ziclsctzcnden nnd erhaltenden Gott, sondern als Wunder in dem Zielsinden des Menschen. Daß wir Juden in jeder Epoche unseres Seins die Kraft und den Willen fanden, uns als Träger von Ideen nnd zukunftwebenden Gedanken zu empfinden, als Erfüller einer Aufgabe uns zu fühlen, daß wir uns nicht von den Ereignissen tragen ließen, uns nicht dem uaturhasten Leben überließen, das über den Einzelnen, auch über das Bolk als Persönlichkeit zur Tagesordnung übergeht, das ist Wunder und tritt uns mit dem Chanukahlichte als Wunder vor die Seele. Das; es möglich ist, ans einem Kulturkreis, in den man hineingestellt nnd eingesponnen ist, herauszutreten, mit einem andern Kulturkreis in Berührung zn kommen und sich selbst dabei als schassende, wollende Persönlichkeit zu empfinden und zu betätigen und in sich Kulturelemente verschiedener Art und Herkunft zu verschmelzen, ist Wunder, weil es nicht naturhaft und zwanasmäßig ist. Das war einst das Große und Beispielgebende, das mit der Chanukaüzeit erstmalig in das Bewußtsein der Inden einzog, daß man aus der nationalen Geschlossenheit, in der man bisher auch unter nichtjüdischer Herrschaft gelebt hatte, heraustrat und aus den Elementen des Judentums und des Griechentums ein Neues, Fruchtbringendes geschaffen wurde. Diejenigen, die damals sich willig dem Griechentum in die Arme warfen, man braucht sie gar nicht als böswillige Abtrünnige und Verbrecher zn betrachten, cs waren Menschen uaturhasten Denkens, die vor der neuen stärkeren, in ihrer Schönheit und ihrer Formensprache anziehenden Geistesmacht, vor veränderten sozialen Verhältnissen als vor etwas

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