Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 45 (19.12.1924)
- Date
- 1924-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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/ HerauKgeber ftiefc§ Blattes hat Herr Stricker selnerzett tat Kollektiv-Vertrag der Genossenschaft ber^ Zettungs- Verleger mit i»cr Organisation -er Journalisten unterzeichnet. Das mar aber für ihn lein Grund, die Bestim» mungen dieses Kollektiv-Vertrages auch einzuhalten. Er hat seine Redakteure immer weit unter den festgesetzten Ta« vifen entlohnt, so daß manch nicht einmal das Existenz« Minimum bekamen. Ein alter Journalist, jetzt sehr gut gestellter Kpinmunalreferent der „Stunde^ hat tu der gleichen Eigenschaft hei Herrn Stricker so wenig verdient, daß er einmal vor Hunger auf der Straße zusammen fiel und von der Rettungsgesellschaft nach Hanse gebracht werden mußte. Dieser skandalöse Vorfall bewog den zionistischen tsemeinderat, Dr. PlasckEes, de.r znm Unterschied von Herrn Stricker kein'Berufspolitiker ist, sondern den bürgerlichen Beruf eines Rechtsanwalts austtbt, zn energischem Einschreiten rui^ dem Erfolg, daß Herr Stricker sich zwar nutzerstandt» erklärte, das Fixum des betreffenden Redakteurs zv. erhöhen, öicfcm aber nebst dem Fixum ein Zeileuhonox^r für alte gelieferten Berichte versprach. Gleichzeitig lietz er aber durch feinen Schwager Geller, der offiziell als A^ministrationsches der Zeitung fungiert, für diesen Beruf <U*r soviel Talent mitbrachte wie ein Elefant zum Mono- Avammsticken, den Rachtredakteur ausfordern, die Berichte de» Kounuunalrescrentcn aufs äußerste Lilsammenzustreichen. Der Rachtredaktcur weigerte sich, seinen Kollegen auf diese Weile um den eben errungenen Vorteil des Zeilenhonorars ru prellen, und setzte schließlich durch, daß der Komnmualreferent jede von ihm geschriebene Zeile, auch wenn sie in der Redaktion gestrichen würde, honoriert erhielt. Erst nach diesem Versprechen ließ er sich zur Kürzung der Berichte herbei. mußte aber für diesen Akt der Kollegialität -einerseits büßen. So erhielt er trotz zweijähriger Zugehörigkeit zum Blatte von der Verwaltung lein Hochzeitsseschenk und wurde schließlich hiuausgeekelt. Das letztere widerfuhr auch noch vielen anderen Redakteuren. Fast alle?Lusgetreteneu haben mit der Verwaltung des Blattes, hinter dex sich natürlich Herr Stricker birgt, langwierige Prozesse um Anerkennung ihrer selbstverständlichsten Ansprüche ausznfechten. So prozessiert jetzt der volkswirtschasts-che Redakteur Polak, der dem Blatte fünf volle Jahre anLiMörte und eine Zcitlang auch als dessen verantwortlicher tIschristleitcr zeichnete, um seine Abfertigung. Diese wird ihm unter dcm Vorwand vvrenthaltcn, daß er den Redakteurdtenst nur als Nebenberuf versah. Abgesehen davon, daß dieser Einwand im .Kollektivvertrag keine Stütze findet, beleuchtet er die ganze Schäbigkeit seines Ersinuers angesichts der grotesken Tatsache, daß Herr Stricker durch die Elendsgehälter, die er seinen Redakteuren zahlt, diese 4nr Ausübung eines zweiten Berufes geradezu zwang und ihnen ans diesem Zwang jetzt eine neue Schlinge drehen will. . . . Wenn ein Privatunternehmer so vorginge, müßte ec sich mit Recht eine Anprangerung seines absoluten Mangels an sozialer Moral gefallen lassen. Was soll man «erst zu einem Manne sagen, der einen so bedauerlichen Defekt als Repräsentant einer politischen Partei, als sogenannter „jüdischer Volksführer" an den Tag legt, als Mandatar der .Kultusgemeinde und als ewiger Parlamentskandidat, der sich als solcher auch um die Stimmen der indischen Angestellten zu bewerben wagt'? Das richterliche Urteil in dem Prozeß des Redakteurs Polak ist noch nicht gesprochen worden, um so lauter pfeifen alle Spatzen vom Dach das allgemeine moralische über Herrn Stricker, das diesen in hoffentlich nicht allzuserncr Zeit in das Nichts zurückschlendern wird, ans dem ihn einst eine günstige politische Konstellation auf die Tribüne des öffentlichen Lebens; E^^^üehoben hat, auf der er sich znm Mißvergnügen aller * nichtzionistischen und eines täglich wachsenden Großteils Äsr zionistischen Juden Wiens nur durch brutalsten Gei brauch feiner Ellbogen länger behauptet hat, als es dem * Ansehen der Wiener Iudenschaft förderlich war. . . . Dr. Hugo Sp ic gle r. ii;niimmiiiii,.iiniiinniiiHmniimii!ii;!!iiiiniii!ifff>img Baumkuchen Torten * Feingebäck mit garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus Konditorei Paul Köhler iHiiiinniii>uiiiHiHliiiuiRiiuinuiiniinininiiiiumiimiiiiiiininniiniiiiiiiiisiiii!iiiiiir,:iiiiiiiiiii!iii Gegründet 1827 Berlin NW 6, Albrediistr. 19 Telephon; Norden SOZI Ein Landesverband Deutscher Gemeinden in der Tschechoslowakei. Dieser Tage fand in Taplitz unter dem Vorsitz des Präsidenten der Tcplttzer Kultnsgemeinde Dr. Kantor die konstituierende 'Generalversammlung des Verbandes der Kultusgemcinücn mit deutscher Geschäftssprache statt. Dr. Emil Margulies erstattete cm ausführliches Referat über die Ziele und Aufgaben des Gcmeindebnndes, welcher durch Zusammenschluß mit den anderen Verbänden zue Bildung eines Reichsoerbcindes führen soll. Die Wahlen ergaben folgendes Ergebnis: Dr. Kantor. Präsident des Verbandes: Tr. Emil Margulies lLeitmeritzi, 1. Stellvertreter: Dr. Leo Langstein (Reichenbcrg). 2. Stellvertreter: Dr. Birnbanm (Tcplitz), Schriftführer: Tr. Josef Polacek (Teplitzf, Kassierer: Beisitzer: Tr. Hugo Löwv sSaazt. Dr. R. Neubauer iKarlsbadl. Alfred Pächter lBodenbach), Tr. Hugo Pick (Aichig), Dir. Oskar Rix sTrauteiian). | g - Sersammlungskalender. j g j Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Bezirksgruppe Norden.! Im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 102, findet regelmäßig abends 6'/^ Uhr ein Freitagabend-Gottesdienst mit Orgel. Chor und Predigt statt. _ Sonntag, Seit 21. DezeuiBe r, in der tzynagog«, Schönhauser Allee 102, nachmittags 5 Uhr. Channkah-Feier. Predigt: Herr Rabbiner De. Baeck. BErlkin. (Jüdisch-liberaler Jugendvercin E.B.) Unsere Channkalj-Feier findet am 38. d. M.. abends 7 llhr, in der Aula der Mädchenschule, Kaiserstr. 29/80, statt. Eltern und freunde sind herzlichst eingeladen. An eine kurze Chanukah- Feier schließen sich zwei kleinere Aufführungen und andere Darbietungen der einzelnen Gruppen an. Bresla«. iIüdisch-liberalcr Jugend verein »Abraham Geiger".) Geschäftsstelle BreSlau VII, Höfchenstr. 01, II I. Sonntag, btn 21. Dezember, abends VA Uhr, im kleinen Saale des Konzcrthauses. Gartenstraße, Portal l, 1. Stock rechts: lfhanukah-Keier. Lichterweihe: Herr Kantor Wartenbergcr. Festansprache: Herr Rabbiner Dr. Sänger. Künstlerische Darbietungen, Tanz, Kaffee-. tafcl. Eintritt 1 M., einschließlich Steuer. Durch Mitglieder cingeführte Gäste willkommen. Am 23. und 30. Dezember finden leine Veranstaltungen statt. Nächster Vereinsabeud: Dienstag, den 6. Januar. Potsdam. lIüötsch-liberaler Jugendvercin.) A m 22. Te -- ncniD er findet im Hotel Stadt Königsberg. Brauerstcatze, ein Channkah-Feft statt. Nachmittags A n z ü n d e n der Ehan»kah-Lichter. Darauf Kinbertafel mit Schokolade und Kuchen. Abends 8 Uhr: Ge se llschaft s a b e n d mit Tanz, Gcsangsvorträgen und Thcateraufführungeu. Alle Mitgliedcc und Freunde unseres Verbandes find herzlichst ein* geladen. KalmdmlM für Ne Zelt vom 19.12. bis 27.12. Dezember 1924 Kislerv 5685 Freitag 19. 22. Sonnabend 20. 28. Wochen-Abschnitt: Wajjesrhew. (1, B. M. Kapitel 87—40). Haftarah: Amos Sonntag 21. 24. 1. Ehanukah-Abend Ntontag 22 .25. Channkah 1. Tag Dienstag k 26. Mittwoch 24. 27. „ 8. „ Donnerstag 25. 28. „ 4. „ Freitag 26. 29. ,. 5. „ Sonnabend 27. 20. Wochcn-Abschuitt: Mikkez- Sabbat Channkah 6. Tag 1. Tag Rosch chvdcsch (1. B. M. Kapitel 41—44,17) Haftarah: Scharia 2,14—4,7 Max Beatus Juwelier Berlin C2, Königstraße 1-6 Fernsprecher: Merkur 1018 Silberbandgetriebeae Kultusgegenstände, Sabbat- und Rogen Dovid sowie Logenabzeicben aller Art. b,i aus dem Charakter des Stils, aus seiner ritualen Stellung, auf die Zeit noch vor dem 12. Jahrhundert — so wissen wir von dem nun zu behandelnden Pismon. Iachbienu zcl jodo, daß er Isaak len Samuel, nach Znnz vermutlich einen französischen Pcitan des 12. Jahrhunderts in Rarboune. znm Verfasser hat. Er fand Eingang in den polnischen Ritus und zeichnet sich durch eine ungemein innige Melodie ans. Sic illustriert die Text,Worte musikalisch so überaus treffend, Wort und Weise decken sich so vollständig, daß die Annahme einer Entlohnung kaum glaublich erscheint. Und doch fand ich die Originalmelodie in einem deutschen Liede, das unter dem Namen Gresingers, eines Meisters aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in einer Liedersammluug ans dem Jahre 1536 erschienen ist und mit den Worten beginnt: Ach Gott, wem soll ich klagen. Notenbeilagc Ha und Ilb. Die Nutende i läge IIc bringt die Melodie unseres Pismon in der Aufzeichnung von L. Lewaudomskn. Ihre im Verhältnis zur Notierung von Baer Ilb in die Augen springende große melodische Abweichung dürste als Beleg für die vielfach beobachtete Tatsache gelten, daß die traditionellen Singweisen im polnischen Ritus weit größere und willkürlichere Veränderungen anfwcisen als diejenigen des deutschen Ritus. Ein anderes in mehrfacher Hinsicht sehr merkwürdiges Bci-spiel bietet uns die weitverbreitete und berühmte Melodie des Eli zijvn. Ihr Vorbild fand ich in der Ritterballade „Die Frau zur Weistenburg", die nach Böhme vor dem 15. Jahrhundert entstanden ist und im 16. Jahrhundert rveit verbreitet war. Es existiert aber auch ein kirchliches Weihnachtslied aus dem 11. Jahrhundert, dessen Melodie, bei dem Vergleich mit unserem Vvlksliede. eine unverkennbare Verwandtschaft ergibt. Während aber die Volksweise noch vollständig in der mittelalterlichen dorischen Tonart sich bewogt, neigt ein Teil der außerordentlich zahlreichen kirchlichen Bearbeitungen gerade dieser Melodie, die als sehr aller, katholischer Gesang bezeichnet wird, schon mehr dem modernen Tonartenstistcm zu. Durchaus modernen Mollcharakter trägt Misere Stinagogenmelodic. indem sie gleich zn Anfang dea Halbton als Leitton der siebenten Stufe erklingen läßt, siehe IHa, Illb, IIIc. Jlld bringt das Volkslied „Die Frau zur Weißenbnrq". dem die traditionelle Snnagogenweisc Eli zijon nacl-gebildet ist. Diese Elegie auf Zion, deren Dichter ebenso unbekannt ist, wie Zeit und Ort ihrer Abfassung, führt uns zu den Dichtungen gleicher Gattung und gleichen Namens, unter denen die Zionide des spanischen Dichterfürsten Iehnd-ah hrleoi „Zioualo ßischali lischlom astrirojich" ganz besonders «durch Schönheit -der Sprache, durch Tiefe der Empfindung sich anSzeichnet. Salomo Gabirol im 11. und Fehuda halevi im 12. Jahrhundert blühend, sind die unerreichten Meister und Muster der spanischen Tichterschule, deren klassische Poesien in sämtliche Riten für fast alle Fest- und Fasttage Eingang gefunden haben. Bon 'den Dichtungen Gabirol» sei ihrer Singweise wegen diejenige angeführt, welche er für den 17. Tamus gedichtet hat, der Pismon Schceh nestar. Nachdem Gabirol Sie fünffachen Leiden» die Israel an diesem Tage trafen, in poetischem Gewände aufgezählt. entringt sich seinem bekümmerten Herzen folgender .Schmerzonsschrci: „Stolz meines Herzens, du meine Schutzveste', wird dein Zorn ewig rauchen'? Eiehest du nicht das matte Volk, welches schwarz wie ein Ofen geworden? Verbessere mein Gebrechen durch den Sohn Davids, suche die Rose aus den Dornen hervor, erbaue das Hau» deiner Wohnung, bringe uns zurück nach den Gebieten des Karmel und des Borfanl Tiefer Pismon wird mit einer Melodie gesungen, die stark anklingt an das Volkslied „'Ritter mtö Herzogstochter", dessen Ton als Tagweise schon, im 16. Jahrhundert sehr bekannt und verbreitet war. Siehe IVa. Ter melodische Bogen dieses Volksliedes ist etwas weiter gespannt als der des Pismon IVb in der Sülzerfchen Notierung. Die Phrase über „jv'.n gvwar hvoiew" findet sich tu einem anderen deutschen. Liede „Stete Liebe" IVc im 8. und 9. Takt, das offenbar IVa nachgebildet ist. Die Schlüße gehen auseinander, indem beim Pismon die übliche Schlußformel von Tischvh b'aw angefügt wird. Sind meines Wissens die bisher von mir angeführten Synagogenmelvdien auf ihren Ursprung noch nicht untersucht worden, mit Ausnahme des Eli zijon, worüber Ackermann und Friedmann kurze, in jüngster Zeit Idelsohn anssühr. lichere Andeutungen machen, so tvar dies schon zu wiederholten Malen der Fall, insbesondere durch Birnbanm, bei der Chanukkah-Hymne Moos zur ies.hnvßi. die nach dem Akrostichon einen geivissen Mordccl»tj znur Verfasser hat. sfttnz, der die Identität dieses Dichters mit Sicherheit nicht feststellen konnte, meint für die Entstehung des Textes die Mitte des Ist. Jahrhunderts ansetzen zn sollen. Was die Melodie betrifft, so wird ihr Ursprung zurückgeführt auf ein Martin Lnther znaeschriebeneS, im Jahre 1523 entstandenes Kirchenlied „Nu:- freut euch, liebe Ehristengemein' und laßt uns fröhlich springen". Notenbeilage Lu, von welchem die zwei Anfangstakte allerdings mit unserer EhanukLahhnmne überetnstimmcn. Außer diesen zwei Ansangstakten aber finden wir keinerlei Anhalt, der uns überzeugen könnte, daß unsere Hymne als eine von diesem Kirchenlied entlehnte Musik sich darstellt. Es müßte denn sein, daß das altdeutsche Volkslied, nach welchem Luther feinen Choral gearbeitet hat, wesentlich anders lautete. Eine bedeutende Variante findet sich z. B. 'schon in dem Ktrchenltede „Freut c'vch in dieser Zeit, ihr werdet Ehristeu alle". Rotenbeilage Vb, das in Nürnberg als Einzeldruck etwa 1530 erschienen ist mit der Anmerkung: in dcm Ton als man singt: „So weiß ich eins, das mich erfreut, das plümlein auf preyter Heyde". Nach diesem Volkslied nun wurden diese Leiden .Kirchenlieder gearbeitet. Bon dem Volksliedc selbst aber fehlt bis jetzt noch jede Spur. So lange jedoch die Originalmclodie nicht entdeckt ist und unS dadurch ein weiterer Vergleich mit unserer Hymne unmöglich gemacht ist. so lange dürfen wir die herrliche Vertonung des Moos zur. die sich durch charaktervolle Melodik wie durch hinreißenden Schwung aus,zeichnet, als unser geistiges. ittdifcheS Eigentum reklamieren. In den von mir bisher besprochenen Beispielen finden sich zwar auch nicht unbedeutende Abweichungen von der Originalweise. aber immerhin hat sich der Kern insoweit eichalten, daß er sich uwschmer aus den Barrante» herautzfinden läßt, wechrend die jetzt in Frage stehenden Lieder wie gesagt, nach den ersten zwei Takten hinsichtlich ihrer Melodik vollständig anseinandcrgehcn. Vc. Zum Schluß möge als letztes Beispiel noch ein Lied folgen, das in der häuslichen Liturgie am Freitagabend feine Stelle gefunden l'mt. ES ist dies der Gesang: Kol mekaddesch! fchwii korouj lv, der sich bereits im Machsor Vitrn aus dem 12. Jahrhundert findet. Gerade die Semirost bildeten von jeher ein Gebiet, das sich die mnsikalische Willkür znm Tummelplatz erkor. Tie neuesten Opern- und Operettenmelodien, die gangbarsten Lieder und Gassenhauer, wurden und -rverdew mit Vorliebe hierbei verwendet. Um so merkwürdiger er-- jchetut es, daß für unsere Kok mekaddesch fch'wii-Dichtnng eins Melodie Verwendung findet, die von altersher schon in den deutschen und polnischen Ritusgcbieten ihre Herrschaft behauptet. Liehe Via. Sie hat Aehnltchkeit mit dem „Bruder Veitston", einem Landsknechtgcsang, der zu Anfang des 10. Jahrhunderts im deutschen Volke sehr verbreitet nxtr. Geradezu frappant aber tritt diese Aehnlichkeit hervor in dem Kirchenliede „Der Himmel jetzt frohlocken soll". VIb, wo bt» aus den etwas veränderten Schluß leide?Nelvdien völlig gleich sind. An den behandelten Beispielen glaube ich den Beweis für ihre Abstammung vom altdeutschen Volksliede erbracht zu haben. Jedes nur einigermaßen musikalisch geschulte Ohr wird znm ruindesteu eine große Verwandschaft in tvuUcher: und rhythmischer Beziehung zugeben müssen, die auf Rechnung des bloßen Zufallunmöglich gesetzt werden tan». Eine andere und wohl nicht nnmichtiae Frage sretlich ist es: woher stammen die angeführten deutschen Volkslieder? Erwiesene Tatsache ist es. daß, so wie weltliche Lieder in Kirchenlieder umaewandelt wurden, so drangen auch.uralte Kirchengesänge asiatischer und italischer Herkunft ins Volk, nm weltlichen Texten alS Singweisen zn dienen. Daher kommt es. daß ein nicht aertnger Teil altdeutscher Volkslieder kirchlich klingt, ein Umstand, der allerdings auch -durch den Eharakter des mittelalterlichen Tonarteusysterns her'vorgeruscn wird. Weiterhin sollte nicht übersehen iverden, wie die Kreuzzüge fremden Einflüssen ans Künste und Wissenschaften auch in Deutschland Tür und Tor öffneten. Es ist nicht nur möglich, sondern in hohem Grade wahrscheinlich, daß so manche arabische Melodie von de,l Kmuzstzlirern mit in ihre Heimat verpflanzt worden ist. wo sie se^t als altdeutsches Volkslied in den Liederfammliuigcn paradiert. Wenn ich an einigen Melodien, die znm eisernen Bestände unseres Syuogogengesangcs gehören, die seit Jahrhunderten trotz der nur mündlichen Tradition sich nahezu gleichlattteu-d in den verschiedenen Gegenden erhielten, wenn ich an diesen Melodien fremde Einflüsse nachznweisen versuchte, so wollen wir uns trotzdem die Neberzeugung nicht rauben lassen, daß auch begabte Söhne unseres Stammes cs waren, die in alter und neuer Zeit unsere Liturgie mit herrlichen Melodien bereichert haben, b^ß jübischcr Geist, jüdisches Empfinden m unseren synagogalen Gesängen ebenso krästia pulsiert, wie der Geist jener Gesänge, die aus anderen Bolksftämmen in unsere» Kultus herüber» genommen worden sind. Beider wallen wir ntt8 auch fortan freiten; denn durch bertie spricht oder singt der Mund, was das Herz fühlt, beide führen uns himmelan und wirken am rechten Ort und au rechter Zeit veredelnd, erhe-enü und tröstend ans Geist und ans Gemüt.