Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 44 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ln lag im alle» Baisei (Erstes Kapitel aus dem unvollendeten historischen Roman „Die Pforte Gottes*'.) Von Max Rosenfeld, Dresden. Es war das Fest der Laubhütten. In dem entlegenen Stadtteil Babels, der den gefangenen Juden von Nebukadnezar zugewiesen war, herrschte reges Leben, aus allen mit grünen Zweigen geschmückten Hütten eilten festlich gekleidete Juden und Jüdinnen hervor, Psalmen singend versammelten sie sich auf einem freien Platze. Die Sonne schien heiter auf das bunte Gewimmel herab, das immer mehr an Lebhaftigkeit zunahm,’ man hätte heut wohl keinem der Gefangenen den Schmerz der Verbannung angesehen, alle Gesichter erhellte ein freudiges Leuchten der Hoffnung und des Glaubens. Und doch saß abseits auf einem Stein ein Greis in der Tracht eines Leviten, traurig das Haupt gestützt. Jetzt trat eine Frau aus der Gruppe der singenden Juden auf ihn zu, sie schaute noch einmal nach dem Volke zurück und rief: „So recht, singt Psalmen! Laßt im Gedenken an die Wüste uns vergessen, daß Israel im Joche schmachtet!" Der Greis nickte traurig vor sich hin und murmelte: „Allzulange drückt uns schon dieses harte Joch. Wahrlich Gottes Zorn ist groß!" „Scrubabel, warum heut so traurig?" wandte sich die Frau besorgt zu dem Greis. „Vertraue auf den Herrn, er wird uns beschützen! Wenn uns die Unterdrücker nur in .unseren Hütten den Frieden lassen, wollen wir nicht klagen." „Wie lange wird uns der Frieden noch bleiben?" versetzte Serubabel. „Persiens rauhe Kriegerhorden belagern rings die Stadt, und brechen sic erst ein, sie werden die verachteten Juden nicht schonen," „Sei getrost", versuchte die Frau ihn zu beruhigen, „Babel ist unüberwindlich!" „Und wäre es, wie du sagst, Ketura, — was kann uns hier in Babel noch für Heil erblühen, seit Nebukadnezar starb? Naboned floh, und sein Sohn Belsazar, der sich zum König ausrufen ließ, ist grausamer als alle seine Vorgänger." „Der Herr verhüte, daß uns der Tyrann bedräut! Vertraue nur gläubig! Und siehe! Der Allmächtige gab uns auch Trost im Leide: dort deine Thirza und mein Daniel — wie diese beiden sich in Liebe ergeben sind —, ist das kein Trost? Sieh nur, wie die Braut mit grünem Kranz den Jüngling schmückt! Stolz wie ein .Sieger schaut er auf sein Mädchen, und sie hängt trunkenen Blickes an seinen Augen." Dabei sah Ketura freudig erregt auf ein junges Paar, das kosend an der Tür einer Hütte stand. Der junge Mann, den sie Daniel nannte, war von hoher, schlanker Gestalt, braungelocktes Haar umwallte seine Schläfe, und aus seinem kühnen Gesicht leuchteten kluge Augen hervor. Er trug die weiße Tracht der hebräischen Priester erst seit kurzem, da er zu Nebukadnezars Lebzeiten an dessen Hof erzogen war und dort die Stellung eines Sterndeuters Angenommen hatte. Mit dem Tode des großen Königs aber1'war er zu seinem Volke zurückgekehrt, um dem glauben seiner Väter wieder voll und ganz zu leben. Das junge Mädchen an seiner Seite war von blühender Schönheit, sie schaute bewundernd zu dem jungen Manne auf und schien ganz in seinen Anblick verloren. „Die teuren Kinder," fuhr Ketura zu Scrubabel gewandt fort. „Nur kurze Zeit noch, dann feiern wir ihr schönstes Pest, ihre Hochzeit. Wie freudig sehne ich diesen Tag herbei." Serubabel. seufzte tief. „Freust du dich nicht, Serubabel?" fragte bestürzt die Frau. „Ach, liebe Ketura, wohl möchte ich einstimmen in deine Preudc, aber ich kann cs nicht, das Herz ist mir v ehe." „So vertraust du meinem Daniel nicht gern deine Thirza?" Der Lcvit sah sie vorwurfsvoll an. ' „Wie kannst du mich so mißverstehen, Ketura? Nicht um die Tochter seufze ich, denn sie wäre geborgen an der Seite deines Sohnes, — Ketura, Ketura, um was ich seufze, das ist die schreckliche Not, die über Israel nun sehen seit meiner Kindheit lastet. Ach, ich erlebe cs nicht mehr, daß man den Tempel Zions wieder aufbaut, ich werde die heiligen Gefäße Gottes, die uns die Heiden raubten, nicht Wiedersehen. Wieviele unseres Volkes wandten sich nicht schon ab vom Glauben der Väter; selbst des frommen Esra Bruder Hananja, jetzt der Feldhauptmann Belsazars, wurde ein Götzendiener." „Und dennoch wird Israel bestehen!" sprach Ketura mit eherner Festigkeit. Während dieses Gesprächs waren Daniel und Thirza den beiden alten Leuten näher gekommen, der junge Mann wollte das Mädchen verlegen zurückhalten, doch sie eilte auf Serubabel zu und rief: „Vater, ist es nicht wahr, daß Daniel dem Propheten Hesekiel gleicht?" Serubabel faßte des Mädchens Hand, er mußte trotz seiner trüben Stimmung lächeln. „Wie willst du das wissen, Kind? Hesekiel ist nun wohl an die zwanzig Jahre tot, und du zählst siebzehn kaum." „Aber hast du mir denn nicht oft genug den großen Propheten geschildert, so daß ich ihn leibhaftig vor mir sah? Und mein Daniel muß sein Abbild sein!" „0 gliche er Hesekiel!" sprach Ketura, jetzt gleichfalls seufzend. Daniel trat näher und wollte dem Mädchen Vorwürfe machen, als ihn Serubabels sinnender Blick traf. „Hesekiel starb als hochbetagter Greis," nahm der Levit wieder das Wort, „ich selbst habe ihn nur als Mann gekannt — und doch — du hast nicht so unrecht, Kind, betrachte ich Daniel heute, seine Augen, die in edlem Feuer glühen, die kühnen Züge, den beredten Mund — in seiner Jugend mag Hesekiel so ausgesehen haben." Ueber Daniels Gesicht fuhr ein Leuchten, und mit Begeisterung sagte er: „Ja, könnte ich wie Hesekiel werden, hätte ich die göttliche Kraft, meinem armen geknechteten Volke solchen Trost zu spenden, wie alle die herrlichen Propheten Israels! 0 wäre ich doch selbst ein Prophet und könnte in froher Zuversicht jubeln: Wach auf, du Tochter Zion, die Erlösung ist da!" Thirza warf sich an die Brust des Jünglings, während Ketura, seine Mutter, ihn stolz anblickte. Nur Serubabel schüttelte zweifelnd das Haupt. „Wäre die Erlösung nur gekommen," versetzte er; „Hesekiel starb selbst in der Gefangenschaft, und allein die Plagen, die er prophezeite, sie kamen. Hart kamen sie, sehr hart. Ich sehe nur mit Grauen in die Zukunft." Daniel jedoch erhob die Rechte, ein fester Glaube sprach aus seinem Blick. „Verzweifle nicht, Serubabel," rief er, „der Höchste wird das Schicksal unseres Volkes wenden, genug haben wir geschmachtet unter der Geißel der Tyrannen. Die Nacht der Knechtschaft ist vorbei: Vor den Toren Babels rauscht es in den Palmenwäldern wie Schwertergeklirr — die Erfüllung nahet, die goldene Morgenröte der Freiheit steigt herauf — der verheißene Erlöser — Kores, Kores, der große Perserkönig, ist schon vor den Mauern Babels mit seiner Macht." Daniels Worte wurden immer erregter und lauter, so daß sich viele der singenden Juden aufmerksam lauschend genähert hatten. Thirza und Ketura versuchten den Erregten zu beruhigen, er achtete ihrer aber jetzt nicht, eine Art Trunkenheit des Geistes schien über ihn gekommen zu sein, die Augen schließend, hob er die Arme | hoch empor und rief mit hallender Stimme der näherdringenden Menge zu: „So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, dem Kores: Ich will vor dir hergehen und die Höcker eben machen; ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen und will dir geben die heimlichen Schätze und verborgenen Kleinode, auf daß du erkennest, daß ich der Herr, der Gott Israels, dich bei deinem Namen genannt habe, um Israels willen. Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, der ich spreche zu der Tiefe: Versiege! Der ich spreche zu Kores: Du bist mein Hirte und sollst allen meinen Willen vollenden, daß man sage zu Jerusalem: Sei gebaut! Und zum Tempel: Sei gegründet! Ich bin der Herr, der solches alles tut." Als Daniel so gesprochen hatte, sank er in die Knie, verhüllte sein Gesicht und schien innerlich furchtbar zu kämpfen. Das ganze jüdische Volk aber war erstaunt zusammengelaufen, Rufe wurden laut, wie: „Der Geist Eliae kam über ihn! Hesekiel ist auferstanden!" Ketura und Thirza bemühten sich voll Sorge um den jungen Mann. Serubabel war während der prophetischen Worte seines künftigen Eidams aufgesprungen und hatte mit gefalteten Händen zugehört. „Gott sprach aus dir, o Jüngling," sagte er bedeutungsvoll, indem er Daniel die Hand aufs Haupt legte. Das Volk begann von neuem Lobgesängc, ein Jubel scholl aus allen Kehlen, als seien Daniels Worte schon in Erfüllung gegangen. Da klang, plötzlich eine angstvolle Stimme die Straße herauf. „Weh über Israel!" tönte es ernst und warnend. Und nochmals: „Weh über Israel!" Der Gesang verstummte jäh, alle blickten sich mit starrem Entsetzen an. Da kam schon ein älterer Jude atemlos herbeigestürzt. Ketura erkannte ihren Gatten und eilte ihm schnell entgegen. „Gott schütze dich, Jesua!" rief sic ihm zu. „Was ist dir Schreckliches begegnet?" Der Ankömmling vermochte kaum zu sprechen. „Ihr singet und jauchzet, während das Unheil über euch hereinbricht," wandte er sich an das Volk. „Wisset, der junge grausame König Belsazar hält mit seinem ganzen Hofstaat Umzug in Babel. Hört, schon nähern sie sich unserem Stadtteil." Mit Schrecken vernahmen die Juden auch wirklich jetzt Musik, und schon betrat eine Anzahl Söldner unter Führung eines babylonischen Offiziers den Platz. „Gebt Raum, ihr Juden," schrie der Offizier, „fallt nieder, euer König naht!" Damit stieß er einige Juden zu Boden, während die Söldner die anderen zurückdrängten. Serubabel trat dem Offizier streng entgegen. „Hananja, Hananja!" sprach er ruhig zu ihm. „Ich bin der Feldhauptmann Onnes," erwiderte der Offizier, Serubabel verächtlich messend. „0 Abtrünniger, du Sohn Seraja und Bruder unseres Esra," sagte der Greis unbeirrt, „willst du deinen Stamm verleugnen, wie du dein Volk und den Glauben deiner Väter verleugnest? Hananja, Hananja, fürchte den Zorn des Herrn!" Doch Onnes stieß den Greis rauh zurück. Indessen war die Musik immer näher gekommen. Da füllte auch schon der prunkvolle Zug des Königs die Straße. Unter Vorantritt der Musikanten und der Leib- Mi!! 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Und wie sie, unnahbar, mit kühlem Lächeln, die Augen halb geschlossen, regungslos auf der Trage ruhte, erinnerte sic an die Gestalt einer Sphinx. Eine verhaltene Gier glaubte man in den Zügen dieses Weibes zu erkennen, und das beinahe männliche Kinn gab ihrem Antlitz etwas Grausames, Unerbittliches. Mit einer gewissen Scheu blickte wohl mancher nach dem sphinxartigen Weibe. Man erzählte von Eti, daß sie einst ‘aus Aegypten als Sklavin an den babylonischen Hof gekommen sei, sich aber bald durch eine fast dämonisches Macht, die von ihr ausging, den schwachen Belsazar untef-i tan gemacht hatte und ihn vollständig beherrschte. Der junge König liebte sie mit wahrer Raserei, doch nur durch die Sinne des Uebersättigten, der in der Eigenart Thirfer, Erscheinung und ihres Wesens nie gekannte Reize empfand. Mit einer glühenden Eifersucht, die an Wahnsinn grenzte, wachte er über sie, ahnte er doch im stillen, daß1 er ihre Liebe nie erringen konnte. Und soviel er sich auch bemühte, vor ihr mächtig und groß, ja, als ein Gott zu erscheinen —, Eti setzte seinen Bemühungen nur kalten Spott entgegen, denn sie wußte ihn dadurch nur immer mehr zu fesseln und ihren eigennützigen Wünschen dienstbar zu machen. Der Zug hielt jetzt auf einen Wink Belsazars, die Musik schwieg. Geringschätzig schaute der König auf das Judenvolk herab. Doch plötzlich schwoll die Zornesader auf seiner Stirn. „Warum kniet dieses Vok nicht vor mir nieder?" rief, er mit grollender Stimme. „Nieder auf die Knie, Juden# betet mich an!" Die Unruhe und Furcht der Juden nahm zu, einige, wollten niederknien, wurden aber von Beherzteren daran verhindert. Jetzt kam zum erstenmal Leben in das Gesicht der Eti. „Erhaben, erhaben, Belsazar!" lachte sie belustigt auf. Belsazar, angestachelt durch den Hohn des Weibes, rief nochmals voll Wut: „Fallt nieder, Juden!" Da trat Daniel dem Könige entgegen, hoheitsvoll stand er vor dem Tyrannen und sprach mit lauter Stimme: „Wir beugen uns allein vor Gott, dem Allmächtigen, und nicht vor Menschen, noch vor Götzen!" Alle Juden stimmten ein und riefen: „Nur vor Gotf beugen wir uns, er schütze uns vor Tyrannei!" (Schluß folgt.); s Geschäftliche Mitteilungen. Wir weisen unsere geschützte Leserschaft auf das außerordentlich günstige WeiHnachtsangeHot der Firma Ott» Boenicke Hin. Das Nähere ist aus dem in dieser Nummer erschienenen Inserat ersichtlich. Wir weisen ferner auf die von Frau Clara Helene Ahnert herausgebrachten Präparate zu einer erfolgreichen Nagelpflege hin. Man geht nicht fehl, obiges Mittel als das schnellste und sicherste zur Erlangung gesunder uitö schöner: Nägel anznsprechen. — Siehe heutiges Inserat. —