Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 44 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Synagogengemeinde Spandau hat für die Ermittlung der Täter eine Belohnung von 300 M. ausgesctzt. Spangenbera (Hessen). Als weiteres Opfer der Abbaubestimmungen ist von der Regierung zu Kassel die Auslösung unserer Volksschule zum 1. Januar 1925 beschlossen worden. Der derzeitige Inhaber der Stelle. Lehrer Moses, wurde in den einstweiligen Ruhestand verseht. Wien. Die amerikanische Negierung hat den Oberraübiuer Prof. Dr. Ehajes-Wien berufe«, um durch ihn die Hochschule für orientalische Geschichte in Washington erweitern zu lassen. Die Hochschule für jüdische Geschichte in Washington -Mß sich schon mehrmals vergeblich bemüht, Dr. Chajes als Dozenten zu gewinnen. Nachdem der Gelehrte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien vor kurzem mitgeteilt hatte, das, er im Laufe des nächsten Jahres von seinem Amt als 'Wivner Oberrabbiner zurücktreten werde, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen, hat er sich nun bereit erklärt, für zwei Monate in Washington an der Hochschule für vrienta- - lische Geschichte derart zu wirken, daß er einen Plan für neu zu errichtende Lehrstühle entwirft und diejenigen europäischen Gelehrten bestimmt, die für diese neuen Lehrstühle geeignet sind. Rach Beendigung seiner Tätigkeit in Washington wird er sich zunächst nach Jerusalem begehen, um dort an der jüdischen Universität Borträge zu halten. jfjj Aus der Bewegung. [@1 BreSlau. (Jüdisch-liberaler Inge ndv er ein „Abraham Geiger".) Am 25. November siel unser Vereinsabend aus. Wir gaben unseren Mitgliedern Gelegenheit, an diesem Abend im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr» Rabbiner Tr. Baeck über das Thema „Paulus und seine Trennung vom Judentum" sprechen zu hören. Es freut uns, seststellcn zu können, daß eine große Anzahl unserer Mitglieder und Freunde den feinsinnigen Ausführungen unseres Führers mit angespanntester Aufmerksamkeit folgte. Am 2. Dezember sprach bei uns Herr Dr. Ernst Fränkel. der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe des Rcichsbundes jüdischer Frontsoldaten, über,. Der Bölkerbundsgcdanke im Lichte jüdischer Weltanschauung". Der Herr Redner ging von der Frage aus. ob der Völkerbundsgedankc überhaupt mit indischer Weltanschauung zu vereinbaren ist. Die Bibel verherrlicht durch den Propheten den Krieg als Mittel zur Erreichung höherer Ideale. Der Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Auffassung beruht darauf, daß die christliche Lehre den Gedanken des Jenseils betont. Das Judentum steht fest auf dem Boden des Diesseits. Als Quelle zur Beantwortung dieser Frage zieht man ant besten unsere Propheten heran. Ferner ist die Frage zu beantworten, ob der Krieg ein Verbrechen oder ein Jungbrunnen für die Menschheit ist. Den Krieg mit der Redensart abzutun. er ist unnütz. ist ein kümmerlicher Standpunkt. Der Militarismus . schöpft seine Kräfte aus dem Kräftegefühl heraus. Die geistigen Vertreter dieser Idee. Metzsche. Hebbel und Bismarck sind nicht einfach zu übergehen. Treitschke sieht zum Beispiel im Militarismus heu Sinn für Pünktlichkeit. Das Gottvertrauen entwickelt sich seiner Ansicht nach, auch erst ans dem Schlachtfeld. Das Heldentum bei den Christen offenbart sich in der Selbstübevwiudung. während es bei den Inden aktiver Heroismus bedeutet. Als Beispiel sind n. a. Makkabi und Bar Äochba zu nennen. Den Völkerbund muß man in seiner jetzigen Gestalt ablehne«, da er ans Grund des Machtgcdankens aufgebaut ist. Die jüdische Weltanschauung will Gerechtigkeit und Frieden, wofür die jetzige Verfassung und die bisher geleistete Arbeit des Völkerbundes keine Gewähr bietet. Reicher Beifall dankte dem Redner für seine interessanten Ausführungen, an die sich eine sehr lebhafte Aussprache schloß. Den weitesten Raum nahm in der Debatte unsere Stellung zur Friodensbewegnng in Anspruch, bei deren Erörterung es als sittliche und ethische Pflicht jedes einzelnen Juden betont wurde, für diese Idee mit aller Hingabe eiuzutrcten. ungeachtet aller Schwierigkeiten und Verkennungen ob dieses Standpunktes. Auch dieser Abend erbrachte uns. wie unser Vorsitzender Herr Dr. Korn mit Recht betonte, den Beweis, wie fruchtbringend und anregend jede Aussprache in unserem Kreise verläuft. Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugendverein.) Am 27. November sprach Herr Dr. Lilicnthal über: „Die liberalen Vereine und der Landesverband". Sein Hauptaugenmerk richtete der Herr Vortragende auf die „Vereinigung für das liberale Judentum". Das Ziel dieser Vereinigung sei Sammlung aller religiös liberal denkenden Juden und Propagierung des liberalen Gedankens. Durch Gründung von neuen und Unterstützung von bereits bestehenden Ortsgruppen glaubt die Bereinigung am besten ihr Ziel zu erreichen. Sind an einem Orte nicht genügend Personen vor^ Händen, um einen eigenen liberalen Verein zu bilden, so sorgt doch lvenigstens ein Vertrauensmann für die Verbind düng mit der Zentrale in Berlin. Die Bereinigung stellt auch Vereinen, die selbst finanziell nicht in der Lage sind, eigene Redner zu bezahlen, solche: außerdem werden auch sonstige Veranstaltungen von Berlin aus arrangiert. Die Zeitung des Vereins ist die erfreulicherweise wieder wöchentlich erscheinende .^Jüdisch-liberale-Zeituirg". — Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen wandte sich Herr Dr. Liliein thal den Aufgaben der Vereinigung für das liberale Judentum zu. Besonders in Frage« des Gottesdienstes und der Schule müsse die Bereinigung gegen Orthodoxie und Zionismus das Gegengewicht halten und tue dies auch. Auch in Fragen der Wohlfahrtspflege müsse sie ihren Einfluß gegenüber den beiden genannten Parteien geltend machen. Sei schon in Fragen, die die Repräsentantenversaimmlung angingcu. das Auftreten der Bereinigung von großer Bedeutung gewesen, so werde dies noch in weit stärkerem Maße beim Landesverband der Fall fein. Der Herr Vortragende schloß seinen Vortrag mit einent Uobcrblick über den gegenwärtigen Stand der „Vereinigung für das liberale Judentum", wobei er auch auf die Bedeutung der Jlis hinwies. Leider schloß sich diesmal keine Diskussion an den überaus interessanien Vortrag. Das Preisrichtcrkollegium hat von den elngereichten Entwürfen für ein Jli-Abzeichen, den von Ruth Jakob (Gr. Norden) preisgekrönt. Als Preis erhielt die Preisträgerin: „Tie Jude» von Barnow" von K. E. Franzos. Lobend erwähnt wird Hermann Schert. Der jüdische Spredtsaal. Spenden im Gottesdienst Das in den folgenden Zeilen niit Reckt gegeißelte Unwesen hat nichr mir im Friedcnstempcl, sondern in zahlreichen Synagogen eine S'tütle. Die Red. Vor mir ließt ein Rundschreiben des Friedenstempels Berlin-Halensee, in welchem zur Anmeldung von Namen verstorbener Angehöriger ausgefordert wird, die bei den einzelnen Seelenfeiern von dem Rabbiner vorgelesen werden sollen. Es heißt ferner in dem Schreiben: „Es ist üblich, daß derartige gottesdienstliche Handlungen von einer Opferspendc der Angehörigen begleitet wird". Ich weiß nicht, ob es berechtigt ist, diese Einrichtung als eine grobe Ungchörigkeit zu bezeichnen, als welche ich sie empfinde. Hat man denn kein Gefühl dafür, daß es taktlos ist und jeden Zartgefühls entbehrt, den Leuten, die „Opferspenden" sich leisten können, die Möglichkeit zu geben, die Namen ihrer Angehörigen vorlesen zu lassen, mährend Unbemittelte dabeisitzen und es schweren Herzens empfinden, daß sie auf Erwähnung ihrer Angehörigen verzichten müssen. Und wenn sie auch von dieser Vorlesung nicht sonderlich viel halten, unter diesen Umständen empfinden sie es als bittere Zurücksetzung, als Beschämung, daß ihre Angehörigen ausgeschlossen sind, weil sie die „übliche Spende" nicht zahlen können. „Du sollst deinen Nächsten nicht beschämen — wer es tut, handelt wie ein Mörder, denn dem Beschämten weicht das Blut aus dem Gesicht, wie dem Gemordeten" — so heißt es, und mau beschämt den Nächsten an heiliger Stätte, in heiliger Stunde! — Man wende nicht ein, daß den Unbemittelten jene Spenden zugute kommen, denn cs ist keine Wohltätigkeit. die um den Preis von Kränkung und Beschämung erfolgt. Auch werden nur wenige von ihnen Almosen- EÄipfänger sein, die anderen werden solche sein, die unter schweren wirtschaftlichen Verhältnissen mühselig ihr Brot verdienen, keine Unterstützung annehmen, aber auch nichts erübrigen können für „übliche Opferspenden". — Wohl zu , tun ist nur berechtigt, wer zartesten Empfindens ist, auf diesem Wege wandelt sich Woyltun in Wehtun. Es gilt nicht, die Bruderliebe durch ein Linsengericht abzukaufen — nicht Pflicht, sondern aufrichtige Bruderneigung muß die causa novens sein, die sich in rücksichtsvollster Zartheit betätigt. Nun aber weiter: ist diese Vorlesung überhaupt eine zu rechtfertigende Einrichtung? Ich meine, man merkt Absicht und ist verstimmt — eine Verstimmung, die sich zur Empörung steigert, denn der Zweck ist doch wohl nur „die übliche Opferspende". Das Judentum kennt und braucht keine Mittler. Es soll jeder für sich allein in innigster Seele seiner Heimgegangenen gedenken und man soll nicht veräußerlichen, was tiefste, tiefste, innerlichste Angelegenheit jedes Einzelnen ist. Wer so seiner Angehörigen gedenkt, wird von selbst dazu kommen, es durch Wohltätigkeit zu bekräftigen, daß der edle Sinn der Dahingcschiedenen in ihm sortwickt. gleichviel ob er darin eine Ehrung der Eltern oder eine Rechtfertigung ihrer Seele vor Gott erblickt. — In diesem Sinne wäre es selbst angebracht, in dem kurzen, stillen Gebete des Gedenkens die Erwähnuna der Spende fortzulasscn. Nicht nur der Jugend, der Zukunft des Judentums, dürfte es anstößig erscheinen, daß ein Gebet und irgendwelche Geldangelegenheit miteinander verquickt werden. Es dürfte modernem Empfinden weit näher kommen, wenn in den Gedenkopfern etwa zum Ausdruck käme, daß die Eltern uns den Aufblick zu Gott und Gott uns den Glauben, das Vertrauen, die Hoffnung, die Zuversicht ins Herz gelegt haben, daß jenseits des Grabes uns ein neues Leben erwartet, indem dem Dahingeschiedenen zuteil werden möge, was Gott den edelsten der Menschen bestimmt hat. — Noch eines spricht gegen jene Vorlesung: die unnötige Verlängerung der Andacht. Eine Andacht, die zu sehr in die Breite geht, muß an Tiefe verlieren und ihrem idealen Zweck seelischer Erhebung verkümmern. Und nun noch dazu die Vorlesung von Namen, an der doch nur ein Interesse hat. den sie angeht. Letzten Endes ist der Vorgang also eine Herabwürdigung der Andacht und eine Beeinträchtigung der Erhebung zu Gott, die auch durch das Ergebnis der schon an sich zu verurteilenden „üblichen Opferspenden" keineswegs gemildert werden. Ebenso empfinde ich es als eine arge Herabwürdigung der Synagogen-Andacht, für welche stärkste Worte der Ablehnung zu schwach wären, daß man bei der Vorlesung aus der Thora M'schaberachs sprechen und die Summen der Spenden sogar in deutschen Zahlen ausrnfcn läßt. Die Stunden der Andacht sind nicht dazu da, der Protzerei und der Eitelkeit zu dienen und wahre Andacht verträgt es nicht, durch Zahlen, durch Geld, durch ein Gebühren der Blasphemie in ihrer tiefsten Tiefe gestört und verletzt zu werden, das an ein Auktionshaus erinnert. Wir Juden kennen und brauchen keinen Mittler und trauen dem wortlosen Gebete, das wir in innerster Seele für unsere Angehörigen empfinden, das aus innerster Seele zu Gott empocstrebt, die Kraft der Erhebung und die Stärkung des Vertrauens auf Gottes Gnade zu — hoch erhaben über den Wert des Hersagens jenes Schemas durch einen fremden Mann, der trotz seiner Würde nichts dabei empfinden kann. — Und nun kommt nach dem Einen, der eine große Summe in die Gemeinde hat Hineinrusen lassen, ein anderer, der wirtschaftlich schwächer ist. aber es für eine Beschämung halten würde, zurückzustehen. Die Folge: er geht über seine Kraft und schädigt seine Familie oder er geht gebeugtem, beschämten Angesichts von der Thora fort, bei der ec Erhebung finden sollte. Ferner hat man gar kein Recht, die Andacht durch die endlose Wiederholung dieses Schemas in die Länge zu ziehen, sie zu verflachen und ihren idealen Wert stark zu beeinträchtigen — die Hauptsache aber bleibt die Herabwürdigung der Synagogen-Audacht durch Bräuche, welche gerade wertvollste Mitglieder der Gemeinde und vor allem die Jugend — die Zukunft Israels — vom Gotteshause fern halten. Es müßten die Ehrungen, zur Thora aufgerusen W werden, überhaupt nicht immer den Inhabern der teneM bezahlten Plätze zuteil werden, von denen man grötzt^ „Opserspenden" erwartet. Wäre vielleicht die Einsühruüg möglich, daß die reichen Leute vor der Andacht diese Ehrungen erwerben und sie den Unbemittelten nberbringen? Ab und zu müßte freilich auch ein Wohlhabender ausübend auftreten, damit nicht das Ganze zu einem Brauche für arme Leute gestempelt wird. Georg Kuttner. Gottesdienste in den Kur~ und Erholungsorten. Bingen a. Rhein, 7. November 1924. Sehr geehrter Herr Professor Wölbe! Ich fühle mich gedrungen, Ihnen für Ihren Artikel in der ,I?üdisch-liberalen Zeitung" „Gottesdienste in den Kur- und Erholungsorten" herzlichst zu danken und Ihnen zu sagen, daß Sie mir mit Ihren Ausführungen sehr ans der Seele gesprochen haben. Auch ich habe es auf meinen Reisen sehr bitter empfunden, daß unsere nichtorthodoxen Glaubensgenossen auch in ihren Mußestunden so wenig für ihre Religion übrig haben. Wenn es wahr ist, daß viele Juden dem religiösen Leben nur infolge Mangels an Zeit ferne stehen, so müßte doch gerade in den Ferien das Gegenteil zu beobachten sein. Ich glaube, daß in den Anregungen, die Sie gegeben haben, für religiös-liberale Laien und Rabbiner ein fruchtbares gemeinsames Arbeitsfeld vorhanden ist, dessen Bebauung als eine positiv-jüdische Tat allgemein angesehen werden müßte. Ich meine, daß die Vereinigung für das liberale Judentum die dankenswerte Aufgabe übernehmen sollte, die notwendigen Schritte zu dieser segensreichen Erweckung religiösen Lebens einzulciten. Es müßte eine Sammlung unter liberalen Glaubensgenossen veranstaltet werden, um Harmoniuminstrumente zu beschaffen. Rabbiner und Kantoren werden sich sicherlich auch ohne besonderes Honorar bereitsinden. ihre Kraft in den Dienst dieser guten religiösen Sache zu stellen. Säle werden überall zu mieten sein. Hoffentlich wird diese Idee in ihrer Verwirklichung einen derartigen Erfolg haben, daß in größeren Kurorten auch einmal an den Bau von Synagogen gedacht werden kann. Ich begrüße Sie aufs herzlichste Ihr ergebener D r. Appel. Kreisrabbiner. Das weihnaditsgesdierik für den HerrnI / E öh Mod. 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