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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-12-12 · 44 (12.12.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
44 (12.12.1924)
Date
1924-12-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ßrljölhtitß des Allen oder um Erhaltung der Juöenheit oder Vertcidlgnug gegen Antisemitismus o. dgl. zu tun ist. sondern um wirkliche lebendige Frömmigkeit, sie werden sich bald überall znsawmcntnn, und in kleinen Zirkeln ans Wahrhaftigkeit. Wissen und Begeisterung neue gottesdienstliche Formen aufbanen! Aus dem Echten, das sie schassen, wird die Masse lernen, sie wird zuströmen oder nachahmen, und das Alte wird von selbst seine Anhänger verlieren. Da die Alten zu sehr an der heiligen Gewohnheit hängen, so wäre das eine Ausgabe der Fugend. Ich könnte mir denken, daß ein Dichter wie Rialik moderne Gebete wie die in dem Gebetbuch von SeUgmann, ins Hebräische überträgt für solche Zirkel, und daß diese selbst im Ausbau des Gottesdienstes moderne Prinzipiell ansprobicren. Bald werden sich wenige Hauptsormen herausbildcn und so der Weg zur Konsolidierung beginnen. So ,st cs auch früher stets gewesen. Ans dem Minhag des Einzelnen ist der Din des Volkes geworden. So soll es auch heute wieder werden. Bei dem Einzelnen mutz die friedliche Revolution beginnen! Mcses: Na, Glück zn! Versuch 's! Ich bin nicht stark genug dazu, ich bleibe einstweilen beim Alten! Aber, „wo cs an Männern fehlt, sei Du der Mann!" Gelingt es. so lricgst Du vielleicht auch mich noch dazu! Hugo Weiter. m Die jüdische Gegenwart. Wiener Brief. T'.e Feinde des jüdische« „Parasitentums". Die Organisation der orthodoxen Juden Agudas Jisroel hat eine ans der Kriegszcit übrig gebliebene militärische Baracke an der Meidlinger Peripherie Wiens angekauft und -in ihr jüdische Kriegs- und Pogromwaisen angesiedelt, die dort zu Handwerkern herangebildet werden. Diese Bestimmung widerspricht dem antisemitischen. Schlagwort von der Arbeitsscheu der Inden und deren Bestreben, auf Kosten der Wirtsvölkcr und durch Ausbeutung fremder Arbeitskraft ein müheloses Parasitenlcben zn führen, und wäre der Judenhaß wirklich, wie seine Apostel glauben machen wollen, nur die Frucht so trüber Ersahrnngen der Arier mit den Fremdrassigcn, dann hätten mindestens die Meidlinger Hakenkreuzlcr, denen die Juden-Siedlnng in ihrem Bezirke und deren Zweck nicht lange verborgen blieb, reumütig einbekennen müssen, daß ihre sogenannte Weltanschauung auf einem fundamentalen Irrtum beruhe und daher der sittlichen Berechtigung entbehre. Die Meidlinger Borkämpfer des deutschvvlkischen Idealismus haben aber andere Konsequenzen aus der Desavouierung ihrer Lehren vom Judentum gezogen. Sie wollen sich und ihre verehrten Führer nicht -Lügen strafen lassen und darum ward ihnen die jüdische Handwerker-Kolonie nicht zum Anlaß innerer Einkehr, sondern im Gegenteil ein Dorn im Auge. Sie begannen eine Planmäßige Hetze aegen diesen „frechen Vorstoß des Judentums in einem arischen Bezirk" und erlebten die freudige Genugtuung. daß sich ein paar besoffene Jungen tatsächlich zu einem Ilcberfall auf die Baracke harangiecen ließen. Bon echt teutonischem Heldengeist erfüllt, führten diese ihren Streich zu nachtschlafender Zeit aus. Sie drangen mit lautem Gebrüll, das schon von Tacitus als ein wichtiger Faktor 'germanischer Kampfhandlungen gewertet worden ist, in die 'Mueswegs festnngsmäßig geschützte Baracke ein, wo unter den ans dem Schlafe geschreckten Jndenkindern eine solche .Panik ansbrach, daß einige im zartesten Alter stehende sich noch stundenlang in Schreikrämpfen wanden. Diese Heldentat sollte jüngst vor Gericht ihre Sühne finden. Tatsächlich wurden die drei. Angeklagten — mehr hat die Polizei nicht stellig gemacht — zu Arreststrafcn verurteilt — jedoch „bedingt" so daß sie ihre Verurteilung nur insofern tragisch empfinden werden, weil ihnen die mit drei Jahren bemessene „Bewährungsfrist" den Zwang auserlegt, so lange ihren sirror Teutoniens zu zügeln. Die Milde des Urteils zeigt ganz deutlich, daß der Richter dem Frevel der Hakenkreuzler-Jnngen — ideale Motive zubilligte. Wenn deutsche Bierhelden jüdische Handwerker überfallen, so schützen sie eben das „schaffend c" Ariertnm vor dem bloß aufs „Raffen" eingestellten Geiste schädlicher Parasiten. Das ist die Logik des Hakenkreuz-Katechismus, der sich, wie man sieht, auch richterliche Gehirne nicht entziehen können. Und -och bekommen gerade die Richter von Zeit zu Zeit ausgiebige Gelegenheiten, die moralische Legitimierung der Hakenkreuzler-Jugend zum Kampfe gegen das Parasitentum anderer zu überprüfen. Eine solche Gelegenheit war beispielsweise der Mordprozeß, der dieser Tage vor dem Wiener Schwurgericht geführt wurde. Eine alternde Frau wurde wegen Ermordung ihrer noch älteren Freundin verurteilt, und als die Ursache dieser Mordtat wurde — Eifersucht auf eineu jungen Menschen festgestellt, der aus der Brunst der beiden männecsüchtigen Greisinnen die größten materiellen Borteile für sich zu ziehen verstanden hatte. Er ließ sich von ihnen buchstäblich anshalten und ging während der ganzen Zeit keiner anderen Beschäftigung nach als der des Bekämpfers — jüdischen Parasitentums. Denn der Wackere ist natürlich Hakenkreuzlcr. Und dieser Umstand hat ihn dem Staatsanwalt so sympathisch gemacht, daß der sonst berufsmäßig Gestrenge in seinem Plaiboyer gestand, der Junge tue ihm leid, weil der Prozeß Intimitäten seines Privatlebens der Oeffentlichkeit preisgegeben habe. Wer die Brutalität aller Justiz-Organe gegen weibliche Prostituierte kennt, den muß das Zartgefühl des Staatsanwalts gegen die männliche Abart dieses Gewerbes, die der traurige Held des besprochenen Prozesses repräsentiert, aufs höchste befremden. Man könnte sich gar nicht verwundern, wenn sich unter dem Eindruck der geschilderten Episode das ganze Heer unter sittenpölizeilicher Aussicht stehender und unter dieser Aufsicht leidender Dirnen als Amazonenkorps in die Hakenkreuzler- Armee einreihen ließe. Es würde dieser ganz gewiß zur Zierde gereichen ... D r. H u g v S p i c g l e r. Aus dem Grabgewölbe der Trennungsorlhodoxie. Der „Israelit", das Zentralorgan für die jüdisch-orthodoxen Gemeindespalter in Deutschland, fühlt sich bemüßigt, in seiner Nr. 48 seinen Lesern einen Schauerroman vorzusctzen, der die ein angenehmes Gruseln erweckende Uebcrschrift trägt: „Aus dem Grabgewölbe des religiösen Liberalismus". Verwundert fragen wir uns zuerst, was bas lebendige Organ der jüdischen Orthodoxie schwärzester Färbung in einem Grabgewölbe zn suchen hat. in dem es einen angeblich Toten beschnüffeln und sezieren will, der dem Geiste des „Israelit" doch zum mindesten nur sehr entfernt verwandt war bzw. ist. Wir fragen uns ferner mit der gleichen Verwunderung, weshalb das Organ einer Richtung, die den religiösen Grundsatz: „Trenne Dich nicht von Deiner Gemeinde", gröblich mißachtet und Einrichtungen, die der Gesamtheit der jüdischen Religionsgemeinschaft dienen sollen, wie z. B. eine Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden in Deutschland, systematisch sabotiert, plötzlich Geschmack daran findet, seine Nase in Dinge zn stecken, die cs nicht das geringste angehen. Warum läßt man nicht mit einem Rest von Anstand und Pietät den religiösen Liberalismus in seinem Grabgewölbe ruhen? Wir wollen nicht in die Geschmacklosigkeit des „Israelit" verfallen und boshaft bemerken, es sei die Macht der Gewohnheit. die die Trennnngsorthodoxen Grabcsluft riechen lasse. Wir wollen auch nicht dem Naturforscher ins Handwerk pfuschen und feststcllen. daß Lebewesen, die ständig im Dunkeln leben, das Licht nicht vertragen können und deshalb die Augen schließen, wenn sic aus ihrer Höhle herauskommen. Die Folgerung, die aus diesem Tatbestand gezogen werden müßte, wäre die, daß der „Israelit" keinen Blick in den Bereich einer anderen Weltanschauung tun kann, und daß er deshalb die Verhandlungen der Berliner Tagung unserer Organisation nicht nur mit geschlossenen Augen, sondern auch unter Außerkraftsetzung anderer Sinnesorgane verfolgt hat. Nachdem der „Israelit" diese Verhandlungen unter den vorher geschilderten Voraussetzungen betrachtet hat. glossiert er sie auf seine Weise. Er konstatiert mit Befriedigung: „Der bie Versammlung beherrschende Grundton «a< Enttäuschung, Ernüchterung, Verzweiflung an einer Sachebje doch die Hoffnung von gestern war" Der „Israelit" hätte Gelegenheit gehabt, durch einen Berichterstatter, den zu entsenden ihm anheimgegeben war. die „Enttäuschung und Verzweislung", die die Versammlung >be-- - herrschten, an Ort und Stelle feststellen zu lassen. Er hat dies nicht getan, sondern diesen Eindruck erst einen Monat nach der Versammlung durch seine Arbeit mit der Schere empfangen. Vielleicht rührt der verspätete Bericht des .^Israelit" davon her, daß er die vor Wochen erschienenen Berichte der verschiedensten jüdischen Blätter erst sehr spät zn Gesicht bekam. Die Stimm»ng der Versammlung war alles andere als „enttäuscht, ernüchtert und verzweifelt", wenn man nicht dev Geist religiösen Verantwortungsgefühls, der dort herrschte» mit nur für Grabgewölbe eingerichteten Augen betrachtet. Das Referat sollte bartun. daß der Liberalismus der gegebene Ueberwinder des Jndisferentismus sei,' im Rahmen dieses Vortrages war es nötig, den wahren Liberalismus gegen verschiedene Abarten des Scheinliberalisnms abzugrenzen. Daß auf dem Wege zurück zur Orthodoxie die religiös gleichgültig gewordenen jüdischen Massen einem lebendigen Judentum nicht zncückgewonnen werden können, ist eine Selbstverstänidlichkcit. die auf der Tagung nicht ausgesprochen zu werden brauchte. Ein „Bekennermut", der aus der Gleichgültigkeit dieser Massen die Konsequenz ziehe« würbe, daß die Liberalen orthodox werden müßten, ist -bei uns leider auf absehbare Zeit nicht vorhanden, solange die Liberalen z. B. nicht einzusehen vermögen, daß neue jüdische Gemeinschaft mit der Einrichtung und Unterhaltung -einer Mik-wo steht und fällt, (f. „Israelit" Nr. 48, S. 2 in „Eirr Kapitel ber Not"). Dagegen steht fest, daß ohne die vielgeschmähte Reform, die in und nach der Judenemanzipation in Deutschland andere Wege ging und gehen mußte als ber Liberalismus von heute, «ine viel größere Anzahl von Inden sich hätte taufen lassen, weil eine unduldsame, starre und lebensfremde Gestaltung jüdischer Religion und jüdischer Neligionsübung, wie sie von den damaligen Parteigängern des „Israelit" beliebt wurde, sie in die schärfsten seelischen Konflikte getrieben hätte. Mögen auch im einzelnen die Vertreter der Reform d«r damaligen Zeit geirrt haben, eine Reform mußte kommen, um den größten Teil ber deutschen Inden vor bem restlosen Aufgeyen in ihrer Umwelt zu retten, um die sittlich-religiöse Idee des Judentums zu erhalten. In meinem Referat habe ich ausgeführt, daß religiöses. Massenbewußtsein Voraussetzung sei zur Schaffung von Gemeinschaftsformen, die den einzelnen in seinem Gefühl und seinem Gewissen zu binden imstande sind. Darin, daß religiöses Massenbewußtsein nichts anderes sei, als bas Zusammenwirken religiöser Gefühle einzelner, stimme ich mit dem „Israelis überein. Es ist auch mir bewußt, datz religiöses Massenbewußtsein nicht „gemacht" werden kann« Damit aber, baß man, wie es der „Israelit" tut, feststem, „man schöpft es aus den Tiefen ber göttlichen Wahrheit", ist noch gar nichts gesagt. Religiöses Massenbewußtsein und Gemeinschaftsgefühl entspringt religiösem Bedürfnis und ganz besonders religiösem G e m e i n s ch a f t s dedürsnis. Das religiöse Bedürfen, das in jedem Menschen lebt, der wert ist, Mensch genannt zu werden, muß den einzelnen Menschen in kleineren und größeren Kreisen zum Bewußtsein gebracht werden. Dieses religiöse Bedürfnis ist wirklich aus den heiligsten Tiefen geschöpft: aus der Erkenntnis der Unvollkommenheit jedes Menschen, der sein geringes Können an der Größe sittlicher Forderung, an der Ausgabe mißt, ein Ebenbild Gottes zu sein. . Nach der Ansicht des „Israelit" und der ihm nahestehenden Kreise äußert sich religiöses Massenbewußtsein der gewissenhaften Beobachtung der Vorschriften und Gebote, die von Gott als Träger dieser igöttlichen) Wahrheit bestimmt sind". Es hat keinen Zweck, sich mit dem Zentralorgan einer peripheren Richtung ber Orthodoxie darüber auscinanberzusctzcn, daß cs mit positiv liberaler Weltanschauung unvereinbar ist, als Mensch mit menschlicher Vernunft diese, bei der Betrachtung und Beurteilung jüdischen Schrifttums und der darin gegebenen Vorschriften auszu- Die neueste Leben-Iesu-Torschung. Von Rabbiner Dr- Löwen stamm. Spandau. Vor genau einem Vierteljahrhundert hielt Adolf Harnack seine berühmten Vorlesungen über „Das Wesen des Christentums". In beneidenswerter Einfalt und Größe erscheint hier Leben und Wirksamkeit des Stifters. Von aller Mythologie gereinigt, steht Jesus als eine einzigartige Persönlichkeit da, die wie ein Meteor sich abhebt von dem dunklen Himmel seiner Zeit. Er zeigt keine Verbindung mit dem Rabbinismus, auch nicht mit dem jüdischen Mönchsorden der Essäer, keine kulturellen Fäden verknüpfen seine Seele mit dem die Welt beherrschenden Griechentum, keine geistigen Konflikte und inneren Evolutionen machen sich in ihm bemerkbar. Diesen entschiedenen Behauptungen .Harnacks steht-sein Bekenntnis gegenüber: „Wir wissen nichts von der Geschichte Jesu in den ersten dreißig Jahren seines Lebens." Nur über ein oder zwei Jahre seien wir orientiert. Da ist es denn nicht weit zn der Feststellung: „Wir wissen tatsächlich nichts von Jesus." Dieser Satz ist die Quintessenz von Arthur DrewS' neuestem Buche „Die Entstehung des C y r i st c n t ll in s ans dem G n o st i z i s m u s". (Ber- Icgt bei Engen Diedcrichs in Jena 1924.) Der bekannte Philosoph schließt damit seine Christusforschung ab, die er 1910 mit der damals aufsehenerregenden „Christntzmythe" begonnen und in den späteren Veröffentlichungen „Das Marknsevangclium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu" und „Der Sternhimmel in der Dichtung und Religion der alten Völker und des Christentums, eine Einsührung in die Astralmythvlogie" fortgesetzt hat. Die von Drews vertretene radikale These geht nicht nur gegen das wichtigste Thema der Reiigionsgeschichte. sondern rührt auch au die Wurzel der modernen Kultur, sofern diese auf der Grundlage des geschichtlich gewordenen Christentums und aus der menschlichen Existenz seiner Stifterpersönlichkcit beruht. An Rcligionsgeschichte und Kultur sind wir Inden aufs stärkste beteiligt, und das Urteil von Scheftelowitz bei der Besprechung der „Christusmuthe" ist daher Unverstandlich und wird von ihm selbst nach dem neuesten Werk von Drews kaum cmsrechterhalten werden: „Uns Inden von heute interessiert cs kaum, ob Jesus existiert hat oder nicht." «Monatsschrift f. Gesch. u. Wissenschf. des Jnd. 1911 S. 1.) Nicht nur daß unsere Leidensgeschichte in den letzten anderthalbtauscnd Jahren sich unter der unbestrittenen. selbstverständlichen Annahme der Geschichtlichkeit Jesu vollzogen hat — es braucht nur u. a. an die bis zum heutigen Tage immer wiederholte Behauptung von ber Kreuzigung Christi durch die Juden erinnert zu werden —. sind wir als moderne Menschen, die mit ihrem ganzen Sein in dem Kulturbemußtsein der Zeit verankert sind, an der Fest- oder Richtigstellung geschichtlicher Wahrheiten ebenso stark interessiert wie die Umwelt. Und vom Standpunkt der Wissenschaft aus muß uns alles daran gelegen sein, ob eine frühere wichtige Epoche unserer Geschichte im Zusammenhang mit der damaligen allgemeinen Geistesentwicklung in rechter Methode voll gewürdigt ist ober in falscher Beleuchtung erscheint. In zwei Hauptteile gliedert sich unser Buch: im ersten zieht die Welt des Hellenismus mit feinen mannigfaltigen religiösen Erscheinungsformen und das durch ihn stark innerlich aufgewühlte Judentum an uns vorüber, beide Mächte einig in der Sehnsucht nach dem von allem Erdcnleid befreienden Erlösergott, nach dem mythischen Christusim zweiten Teil haben wir eine Analyse der neutestamentalischen Schriften mit dem Ergebnis, daß weder Paulus noch die Evangelien einen 'historischen, menschlichen Jesus kennen. Bei der eminenten Bedeutung der Frage müssen wir näher dem Gcdankengang Drews folgen. Welches war der religiöse Kulturstand der letzten zwei Jahrhunderte vor der gewöhnlichen Zeitrechnung? Das Weltreich des griechischen Geistes, das Alexander der Große begründet hatte, batte zu einer Vermischung der morgen- und abendländischen Kulturen und Kulte geführt. Die Religion der Antike hatte in dem Wirtel des Durcheinanderströmens der Volker die Geltung als Lebensprinzip des Staates und des Jndividunms verloren. Tie Nationalreligioncn des Heidentums waren bei der durch Alexanders Eroberungen erzeugten gegenseitigen Kenntnis der Götterverchrungen in die Brüche gegangen. Das Dasein der Menschen hatte allmählich seinen Halt verloren und die Frage war unabweisbar: was ist Wahrheit? Der Staat hatte nicht standgehaltcn, und damit war die Staatsreligion in ihrer Wirkung ans die Gebildeten und Nachdenklichen stark beeinträchtigt, wenn nicht ganz aufgehoben. Das Leben aber bot in dem allgemeinen inneren Zusammenbruch und den dauernden politischen Kämpfen der nächsten Jahrhunderte noch mehr Rätsel als in ruhigen Zeiten, ja die Wirrnisse des Daseins erschienen gerade jetzt in ihrer ganzen Wucht und Schwere. Man suchte Auswege und Stützpunkte, und als solche erschienen den Griechen die hereinströmenden orientalischen Kulte, besonders der Parsismus, der (Glaube an Ormuzd und Ahriman und der weitverbreitete Kultus des Mithra. der Dualismus des guten und dcs bösen Prinzips. Man juchte die Erlösuna von dem Wechsel und Druck des Daseins und flüchtete sich in die Mysterien, die geheimen religiösen Vereinigungen, die sich anheischig machten, ihren Eingeweihten die Lösung der Lebensrätsel zu vermitteln. In bas Dunkel dieser Kulte vermöaen wir nur mit schwachem Lichte hineittzulcuchten, weil das Geheimnis streng gewahrt wurde. Aber daß sie in der Darstellung des Lebens und Wirkens mythischer Persönlichkeiten ihren Mittelpunkt hatten, stobt fest. Ten gemeinsamen Inbegriff der verschiedenen Mysterien bezeichnet der Gnostizismus, d. h. die Erkenntnis der Gottheit durch geheime Offenbarungen, die Vereinigung mit ihr durch symbolische Kulthandlungen, die ekstatische Verzückung und die Gottcsschau und dadurch bedingt die Erlösung von aller Pein und Bosheit des Irdischen. Die Erhebung wird durch die Vermittlung einer besonderen halbgöttlichen Macht, des Logos oder der Sophia lWvct oder Weisheit Gottes), bewirkt, die die Gottheit aus sich heraus emaniert und die ihr bei der Schöpfung und Erlösuna der Welt als notwendiges Prinzip zur Seite steht. „Durch die Erkenntnis wird der Mensch vergottet: durch die Vergottung wird er erlöst." Diese ganze Religionsanschauung prägte sich symbolisch in dem uralten, im ganzen Orient vertret-« teten Astralglauben aus, daß die Ereignisse am Sternhimmel in der innigsten Beziehung zum Erdenleben stehen, daß ber Lauf der Sonne mit ihrem Absteigen in die Herbst¬ und Wintcrpcriode eine Unheilszeit, mit ihrem Aussteigeu im Frühling und Sommer eine Heilszeit personifiziere. Daraus entwickelte sich der Glaube an den sterbenden und iviederauscrstand-enen gnostischen Erlösergott in den heidnischen Mysterienreligioncn oder des Christus, wie er in Anspielung auf den indischen Messias genannt wurde. Kreuz und Lamm ivaren die geheimnisvollen Symbole des Gestirngottes in den Religionen um den Anfang unserer Zeitrechnung. „Wenn die Sonne zur Zeit der .Herbstgleiche den unteren Teil ihrer Balm betrgt und in die himmlische „Unterwelt", das Reich des Winters und des Todes, hinabsank. zeichnet die den .Himmelsgleicher schneidende Sonnenbahn mit diesem ein eingebildetes Kreuz am Himmel." „Im Zeichen des Widders oder Lammes kehrte der Gott aus der „Unterwelt" . . . wieder in „sein" Reich, den oberen Bogen des Tierkreises oder der Sonnenbahn, zurück." In solch phantastische Spekulationen hatte sich das Heidentum in der hellenistisch-römischen Zeit nach Drews hypöthesenreichcr, weit ansholcnder und tief schürfender Darstellung verirrt. Welchen Anblick bot damals das Judentum? Die babylonische Gefangenschaft 'hatte den Sieg des Monotheismus vollendet. aber auch die intime Bekanntschaft mit dem Parsismus ermöglicht, durch den der Glaube an Engel und Dämonen Aufnahme im Judentum fand, und ber Boden vorbereitet wurde für Zwischengeister. die die Vermittlung des rcingeistigen Gottes mit der sinnlich-irdischen Stoffwelt vollzogen. Im übrigen wissen wir ia so wenig von der persischen Periode des Judentums, daß die jüdische Tradition diese 200 Jahre in 84 Jahre zujammeuzoq. Erst durch Alexander treten die Juden in das klare Licht der Geschichte. Der Hellenismus grub tiefe Spuren in das Judentum. Ern einziger Begriff in eigenartiger Wandlung deutet die ganze Veränderung an: die Weisheit. Um ihn gruppieren sich die Sprüche Salomos, das Buch Kohelet, Hiob und von den Apokryphen Jesus Sirach und die Weisheit Salomos. Der reinmenschliche, weltbürgerliche Zug. die Subiektivieruna der Religion in diesen Schriften weisen ans ihren hellenistischen Ursprung hin. Allmählich vollzieht sich die Personifikation der Weisheit (Sophia» zur Mitteln zwischen Gott und Eröenwelt im Sinne der Gnosis, und der Messiasgebanke im Sinne des leidenden und sich opfernden Gottesknechtes nach Jesaja c. 53 verschmilzt mit bem heilbringenden Erlöser der Mysterien. Während in Palästina der ungeahnte Einfluß bes Griechentums durch die Taten der Makkabäer für einige Zeit zurückgedrängt wurde, verstärkte sich die Wirkung auf das Diasporaiudentum immer mehr. Je stärker dort die Pharisäer das „Gesetz" ausbauten. desto feindseliaer wurde hier die Stimmung geaen dasselbe. Für das Judentum ist die Weisheit mit dem Gesetz identisch. Erlösung nur aus Hem Woge der Erfüllung der göttlichen Gebote möglich, das Leben i

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