Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 44 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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schalten. ES hat auch keinen Sinn, mit dem Vertreter der zelvtischsten Richtung der Gesctzeötrcuen darüber zu rechten, wie religiöses Massenbewußtsein „zusammengesetzt" sein mutz. Denn wir würden aneinander vorbeireden, weil wir von grundverschiedenen Weltanschauungen ausgehen. Wir achten die Weltanschauung auch des Gegners, und dies tun wir selbst dann, wenn dieser Gegner nicht daran gewöhnt ist. dies zu tun. Wir verbitten uns aber Ratschläge, die unerwünscht und unnötig sind, zumal wenn sie im Rahmen eines Berichtes gegeben werden, der die wahren Ergebnisse un,d Zusammenhänge unserer Tagung durch tendenziöse Auslassungen und Kürzungen so entstellt, datz man meinen könnte, man befinde sich nicht im Lichte religiöser Wahrhaftigkeit, sondern in ihrem Grabgewölbe. Dr. Max M a y e r. Feriensortbildungskurse für jüdische Lehrer. Im genügender Beteiligung beabsichtigt die Freie Jüdische Volkshochschule in Berlin in Gemeinschaft mit dom „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" und der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin", sowie mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in den Tagen vom 28. bis 81. Dezember d. I. und evtl, über Neujahr hinaus Fortbildungskurse für j ü d i s ch e R e l i g i o n s l c hr e r und - l e h r e r i n n c n einz-urichten. Diese Kurse sollen die Teilnehmer über den neuesten Stand der Wissenschaft und der pädagogischen Praxis auf den wichtigsten Gebieten, die für de» .Religions-Unterricht in Betracht kommen, orientieren. in angeschlossenen Aussprachen Gelegenheit zur Klärung von Zweifeln, Vertiefung einzelner Fragen nnv. bieten. und endlich die Hörer mit ausgewähltcr Literatur aus den Borlesungsgebieten vertraut machen. Die Vorbereitnngsarbeiten sind eingeleitet Namhafte Gelehrte — «enannt seien nur die Herren: Rabbiner Dr. Bleich'ode, Goldmann (Leipzig). Gottschalk. Jampel. sowie die Herren: Prof. Dr. Julius Guttmcmn. Studienrat Hammerstcin. Dr. Torczyner haben sich als Dozenten zur Verfügung oosGllt. An Gegenständen, die in Referaten mit Aussprache behandelt werden sollen, sind bisher angcmeldct: die Pvblemc der r e l i g i o n s p ä d a g o g i s ch e n Behandlung der Bibelwissenschast, der biblischen Archäologie, der Mischna, der Methodik des Talmud, des nachbiblischen Geschichtsunterrichts. des Kultureinslnsses der Inden im Mittelalter, der jüdischen Religionsphilosophie. der religiösen Strömungen der Gegenwart, sowie homiletische Grundfragen für Lehrer und neuere Methoden des hebräischen Sprachunterrichts. Jeder Kursus soll etwa drei Stunden umfassen. Eine Teilnehmergebühr von insgesamt 6 M. ist in Aussicht genommen. Für die von auswärts kommenden Kollegen weroen die genannten Lehrerorganisationen bei rechtzeitiger Anmeldung gewünschtensalls für billige oder kostenlose Unterbringung und Verpflegung, sowie nach Möglichkeit für Reisebeihitscn, soweit solche nicht von den einzelnen Gemeinden gewährt werden, bemüht sein. Ter im Interesse der Lehrerfortbildnng' sehr begrüßenswerte Plan kann nur verwirklicht werden, wenn die Fr. X V. bis » pätestens 18. Dezember Wmau übersehen kann, mit welcher Beteiligung sowohl aus Berlin und Umgebung wie auch aus dem übrigen Reich fest gerechnet werden kann. Alle Lehrer und Lehrerinnen sowie sonstige interessierte Personen, die an den Kursen ganz oder teilweise teilzunehmen beabsichtigen, werden gebeten, ihre .Anmeldungen sofort an den Vorsitzenden der Wissenschaftlichen Bereinigung. Herrn Robert Hirschfeld. Berlin W. 15, Joachimsthalcr Sh\ 14, zu richten. Vom Hilfsverein der deutschen Juden. November dieses Jahres hat eine Sitzung des Gefchäftsführenden Ausschusses des Hilfsvercins der Deutschen Juden unter Vorsitz des'Herrn Dr. James Simon stattgefunden, an der auch Mitglieder ans dem Reiche, n. a. Hamburg, Bremen und Stettin, vertreten waren. In der Sitzung wurde das Problem der gestrandeten ^llffischen Emigranten, die in Hamburg und Bremen wie in anderen europäischen Hafenstädten wegen Schließung und Reduzierung der amerikanischen Quote zurnckbleibcn muhten, eingehend erörtert. Die Vertreter von Hamburg und Bremen berichteten im Zusammenhang damit über den r^ ' . /A-.n HHi ««<» D»TT/V\ Unterricht an FlüchtlugSkinder, wozu auch der Hilfsverem Mittel zur Verfügunj gestellt hat. Einen Hauptpunktder Tagesordnung bildete der Bericht über die Emigrantenürsorge des Hilfsvereins in den verflossenen Monaten, rwzn namentlich auch die anwesenden Vertreter der Hafenstädte wertvolle Beiträge lieferten. U. a. wurde über dassich jetzt üppig breitmachcndc Agentennnweserr verhandelt md die Mahuahmcn zur intensiven Bekämpfung desselben sovohl in den vstencopäischcn Ländern wie an den Grenzstelln in den Durchgangsländern und in tn:n Hafenstädten. von reuen die Ausreise erfolgt, besprochen. Um die Machenschaftcn betrügerischer Agenten, durch die Auswanderer, besonders auch Jeanen und Mädchen, um große Summen geschädgt werden, anszltdecken, hat der Hl'nsverein an einer Anzahl vom Grenzorten durch seine Vertreter Nachforschungen tz /. lassen. Herr Generalsekretär Dr. Wischnitzer berichte /.rüber im einzelnen. Die Aktion zur Lind ng der 'Notlage unter den jüdischen Studierenden aus de. Osten, die auf Veranlassung von Herrn Dr. Paul Nathan — der der Sitzung auch beiwohnte — in die Wege geleitet wurde, hat ein erfreuliches Resultat gezeitigt, insbesondere ist es den Vorsitzenden des Hilfsvereins gelungen, auch vor anderer Seite ganz erhebliche Beiträge für diese Zwecke flüssig zu machen. Die Erziehung und Alsbildnng der ukrainischen Waisenkinder, für die der Hilfsverein der Dentschen Juden die Fürsorge in Deutschland üoernommen hat und die sich in Anstalten in Ahlem und Frankfurt a. ,M. und Berlin befinden, wird dauernd von ciner Kommission des Hilssvereins überwacht. Erst kürzlich wieder sind im Auftrags derselben Frau Henriette May. Herr Oberstudierrrat Pros. Dr. Scharfer und Herr Tr. Wischcritzer nach Ahlem gereist, wo 16 Knaben ihre berufliche Arsbildnng erhalten, BZ käst allen Kindern ist eine ansge-eichnete Auffassungsgabe und großer Lerneifer vorhanden: euch physisch gedeihen die Kinder bestens. Jic der Aussprache über Organisation des Vereins konnte festgcstcllt werden, das der Mitgliederbestand des Hilfsvercins demselben über dtz Kriegs- und Nachkriegszeit hinaus treu geblieben ist. Wen» auch die Mikgliederbeiträge eine verhältnismäßig beträchtlich' Höhe erreichen, so wurde doch ans die dringende Notweniigkeit hingewicsen, dieselben noch in möglichst weitem Ausmaße angesipsttS der Ausgaben und Verpflichtungen des Hilfsvercins zu steigern. Ilm dieses Ergebnis herbeizuführen, wird in Aussicht genommen, zu Beginn des kommenden Jahres eine persönliche Propaganda zu entfalten. Die leitenden Persönlichkeiten des Hilfsvcreins haben hierzu ihre Mitwirkung zugesagt. Gefängnisstrafen für antisemitische Beleidigungen. Der Obcrreichsanwalt hat den Antrsemitenapostel Theodor Fritsch anfgefordert, am 11. Dezember seine vier-. mouatige (Gefängnisstrafe in Kottbuö awzntretcn. zu der er seinerzeit durch den Staatsgerichtshvf wegen Beleidigung Rathenaus verurteilt wurde. Jetzt ist Theodor Fritsch wegen Beleidigung des Herrn Max M. Warbnrg und Dr. Carl Melchior zu Äner weiteren Gesängnisstrafe von drei Monaten verurteilt worden. | IS j Lerscurnnlangskalender. 11| | Breslau. (Jttdisch-bveraler Jugendvcrein „Abraham Gei ger".) Geschäftsstelle: Breslau 7. Höschen str. 61. Vereins lokal: Vereinszimmer des Konzerthauses. Gartenstraße. Portal 1. parterre links. .... Dienstag, den 16. Dezember, abends S'a Uhr: -icr Erziehnngsgedanke im Judentum. Referent: Hermann Sachs, Freie Aussprache. Sonntag, den 21. Dezomiber, abends 7/.• Uhr. un lleinen Saale des Konzcrchauses: ChanukkaH-Feier. Lichterweihc: Herr Kantor Wartenberger. Festansprache: Herr Rabbiner Dr. Sänger. Tanz — Künstlerische Darbietungen — Kanectasel. Eintritt ein'schlietzlich Steuer 1.— M. pro Person. Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen. ■< m Kalendarium für die Zeit vom 12.12. diS 20.12. I Dezember 1824 Kisleur 5683 i Freitag 12. 13. | Sonnabend 13. 16. Wochen-Abschuict: Wajischlach (1. B. M. .Kapitel 32,3— 36) Haftargl>: Obadja 1—21 I Sonntag 14. 17. 8 Montag 15. 18. | 1 Dienstag .16. 16. 1 Mittwoch \7. '20 I Donnerstag 18. 21. I Freitag 16, 22. 1 Sonnabend 1 20. 23. Wochen-Absrhniit: Wa-j je schein (1. B. M. Kapitel 37—10) Hastarah: Amos Ncnmondwcihe Max Beatus Juwelier . Berlin C 2, Königstraße 1-6 Fernsprecher: Merkur 1018 i,o«+ Silberbaadgetriebene Kultusgegenstände, Sabbat- und ChanukaMeuchter, Becber, BsoainMcbsen, Rogen Dovid sowie Logenabzeicben aller Art. eine unendliche Ausgabe von höchster Aktivität. Hellenistisches Denken will in mystischer Gottesschau, in geheimnisvoller Erkenntnis Gottes von der Schwere der Erdenwelt erlöst werden und bedarf des mythischen Heilbringers. Bald wurde auch in Palästina die Feindschaft gegen das „Gesetz" in den breiten Massen lebendig, besonders an der Peripherie des Landes: es kam der Begriff des Amhaarez, des im Gesetz Unkundigen, auf, der aber wohl nicht bloß den ungebildeten Pöbel, sondern auch alle das Gesetz verachtenden, ans dem Boden des Hellenismus stehenden Kreise bezeichnete. Mannigfaltig aber waren die jüdischen Sekten außerhalb Palästinas, die sich der Mystik weihten: die Thcrapcnten, die durch beichauliches Leben die Erlösung suchten, die Kainiten und andere Vereine, die die alttcstamcntlichcn Vertreter der widergöttlichen Welt, wie Kain und Korah. zu ihren Helden erhoben und dem „Gesetz", dem wahren jüdifchen Prinzip, den Kampf an sagten. Dies ist der Boden, aus dem das Christentum bervvrgewachsen ist. Der antike Gnostizismus, die Astralmytholoqie und der Messiasglaube des Judentums sind die Wurzel des Christuslegrisss. Dabei ist der Erlösergott nicht als Mensch gedacht, sondern ausschließlich ein göttlicher Heilbringer im Mythischen Sinne. Ans dieser Grundlage ruhen nach Drews alle Schriften des neuen Testaments. Scharfsinma und kritisch, mit unerbittlicher Logik und unbestechlichem 'Wahrheitsstreben geht nun der Verfasser an die Darstellung des Paulinismus und der Evangelien. In keiner Schrift des Neuen Testaments findet er eine Spur von dem Glauben an die menschliche Existenz Jeiu. dessen Name sa „Hilfe durch Gott" bedeutet. Bald machte sich das Bedürfnis fühlbar, die übergeschichtlichc -HcUandsaestalt in eine geschichtliche umzuwandeln, wobei der sog. Weissagungsbeweis des Alten Testaments eine wichtige Rolle spielte. „Die Verkündigung »der Heilsbotschaft im Gottesdienst, der Wunsch, das Bild dc> Erlösers den Gemeindemitgliedern möglichst eindringlich vor die Augen und die Seele zu malen, mußte unwillkürlich zu einer immer genaueren dichterischen Ausgestaltung seiner angeblichen Geschichte führen." Diese Geschichte ist in den Evangelien enthalten. Worin liegt nun nach Drews das Wesen des Christentums'? Die vielsagende Antwort ist höchst charakteristisch: nicht in einer neuen Gvtteslehrc. denn der Gott der Evangelien „ist nur der alte Gott des Spätindentums, der liebende „Vater des Himmels und der Erden": nicht in einer neuen Ethik, denn es ist ausschließlich die des zestgenösiischen Judentums: nicht, wie Harnack sagt, in neuer, scharfer Fassung des Gedankens: „Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott", denn dieser Gedanke war den Mysterienrcligionen gemeinsam: endlich nicht in der „alles überwältigenden" Persönlichkeit des historischen Menschen Jesus, denn dieser hat nicht existiert. „Vielmehr besteht das Wesen des Ehristentums einzig und allein darin, daß es die im Judentum nach der babylonischen Gefangenschaft vorhandenen und durcheinander gärenden religiösen Ideen in einen einzigen Brennpunkt gesammelt und di» mangelnde Heilsaewißheit dieser Ideen, vor allem derjenigen der persönlichen Unsterblichkeit, durch sein angeblich geschichtliches Christnsbild in vermeintlich unerschütterlicher Weise begründet hat." Die jüdischen Ideen zur Zcit des Hellenismus aber hat Drews zum großen Teil durchaus unrichtig dargestellt. Wir finden bei ihm dasselbe wegwerfende Urteil über den Pharisäismus, wie es in der christlichen Theologie durchgängig ist. Er spricht von der ,emsigcn Viclgeschästigkcit des pharisäischen Gefetzcsdiensteo" von der „amtsförmltchen Tempel- und Gesetzesfrömmigkcit". von der dumpfen Enge der „pharisäischen Gesetzcsfrönmiqkeit". Man vermißt die objektive, historische Ersassune des späteren Judentums, wie sie in gerechter Würdigung R. Travers Herford in seinem Buche „Das pharisäische Judentum" geboten l>at. Das Bild dieses Judentums ist von Drews verzeichnet, dadurch, daß er dem Gnostizismus und der Astralmytholvaie eine zu große Bedeutung beigelegt ha-. Hätten diese beiden Anschauungen die Wichtigkeit erlangt und die Verbreitung gesunden. die Drews ihnen zusprictst. so hätten sich zahlreichere und positivere Spuren im jüdischen Schrifttum zeige» müssen. Und es zeugt von dem gesnndon Geist des Jnden- . tums, daß es die mystischen Spekulationen der Gnosis ebenso wenig in seinen Gedankengehait ausgenommen hat. wie später die Träumereien der Kabbala. Die sonnige Klarheit des Prophctismns und des Nabbinismns mit der Vorherrschaft des ethischen Prinzips sticht wunderbar ab von dem geheimnisvollen Hell- und Halbdurvkel der hellenistischen Gottcsschau und Ekstase. Ist aber die Basis des Drcws'schen Gebäudes nicht auf solidem Grunde erbaut, so wird auch seine Hanptthcse von der Ungeshichtlichkcit Jesu solange eine Hypothese bleiben, bis neue, unzweifelhaft historische Tatsachen oder echte Dokumente gefunden werden. Denn geschichtliche Erscheinungen Tönncu nur durch die Geschichte, nicht aber durch noch so starke logische und philologische Beweise widerlegt werden. Immerhin muß man seststcllen. daß viele bedeutende Theologen und Geschichtsforscher sich die Kritik Drews zu eigen gemacht haben: zu ihnen gehört H e r m a n n Ras ch l c mit seinem Buche: „D i c W e r kst a t t des M a r k n s c v a n g e l i st e h. Eine neue E v g n g e l i en t h e v r i e." lBerlgg bei Engen Diedcrichs in Jena. 1624.) Dieses Buch lllaschkeS behandelt scheinbar eine innerchristliche Spezial frage, nämlich die Entstehung des Markusevangelimns. — das den ErJürern des Renen Testaments seit langem die stärksten Schnsterigkciten bereitet. Der Verfasser wendet bei seiner Eregeic ein Prinzip an, das er das topologische nennt und das da hin zielt, aus Orts- und Larrdschgstsnamen und ihrer Ausdeutung das ganze Markusevaugelium hervorgehen zu lauen. Die Voraussetzung dieser Methode ist die Ansicht, daß der Verfasser dieses Evangeliums ein aramäischer Hellenist war. der griechisch schrieb, und das Ergebnis bcstcht darin, daß das Markusevangelium in der Form des aramäischen Wortspiels einen Bericht von sechs galiläischen Misiionsrcisen darstellt und ,?die Namen der Städte und Landschgften das Material zu den verschiedenen Handlungen und Wundertaten Jesu Christi" sind. Damit ist ausgesprochen, daß wir im Marknsevangeliiun nicht Ge^ schichte, sondern einen bewußt znrechtgemachten, vom Evangelisten mit Absicht verhüllten ÄAythns vor uns haben. Do steht auch Naschte vor der Grundfrage, vb Jesus gelebt hat oder nicht, hält aber diese Fragestellung für unvorsichtig mti> ungenau. Er macht einen grundlegenden Unterschied zrvischen dem antiken und modernen Wirtlichkeitsbcn'ußtscin. Wir dürfen nicht mit unserem Begriff von geschichtlicher ülealitäh an die USberlieferrrngen aus dem Altertum herantreten. „Berichte über Jesus im Sinne der Historie gibt es nicht." Der antike Mensch aber war so stark auf den Rkythus eingestellt, daß er an der Menschwerdung der Götter keinen Anstoß nahm, wie ja auch Menschen zu Göttern erhoben wurden. In diesem Sinne komme Jesus Chrisins gleichsam eine metaphysische Existenz und Realität zu. Raschle leugnet also Drews These nicht, sondern will das verschiedenartige Wirkkichkeitsbowntztsein psychologisch erklären und ist selbst der Meinung, daß das Marknsevangelinm ein Werl aus der Schule des christlichen Gnostikers Martion und etwa 156 n. d. q. Z. entstanden ist. So überaus geistreich di^ durchgehende Anwendung des topologischen Prinzips ist und zn welch frappierenden Einzelrcsnltaten diese Methode auch kommt, die im Rahmen dieses Aufsatzes im Detail nicht angeführt werden können, — alles dies ist zu geistreich, um wahr zu sein. Während wir uns mit den Werken von Drews und silaschke allzu stark auf dem Boden der Hypothesen befinden, betreten wir mit der jüngsten Arbeit Paul Fiebigs den festen Grund literarischer Tatsachen. „I e s u B e rgpredigt. Rabbinische Texte zum Verständnis der Bergpredigt. inS Deutsche übersetzt, in ihren Ursprachen dargcboten und mit Erläuterungen und Lesarten versehen" lVandenhoeckLr Ruprecht. tziöttingen 1924) heißt das mit echter wissenschaftlicher Methode und vollendeter Objektivität geschafsenc Buch dcS höchst verdienstoollen Kenners der rabbinischen Literatur. Alan sieht in der christlichen Theologie jetzt ein, daß das Leben und die Anssprüche Jesu, wie sie das 'Nene Testament darbietct. ans dem hellenistischen, besonders aber aus dem jüdischen Milieu heraus erklärt werden müssen und daß stilkritisch nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form der Reden mit der tziedankenwelt des späteren Judentums zn vergleichen ist. Erscheint ia gegenwärtig ein rveitschichtiger Kommentar zum Reuen Testament aus Talmud und Midrasch non Strack und Billevbeck. Fiebigs Schrift verzeichnet 433 Parallelen aus dem rabbinischen Schrifttum allein zur Bergpredigt und ist darum so besonders wertvoll, weil sie auch die Originaltexte bietet. „Wer das Neue Testament nnssenschaftlich verstehen will, mutz vor allem auch die AnSdrucks- und Denkweise der Juden jener Zeit an den O r i g i n a I c n studieren und sich hier cinleben." Würde dieses selbstverständliche. einzig wahre, wissenschaftliche Prinzip FiebigS zum Gemeingut der christlichen Forschung werden, dann würde nicht bloß das Wesen des Christentums, sondern auch das Wesen des Judentums und sein ewiger religiöser Wert im Lichte der Wahrheit erscheinen.