Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 43 (5.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sonett Von Franz Cingia. Wir schreiten oft wie «iau#nkne TWf* In der Lebentbnutduflftg auf und Wieder. Hären nicht den frohen Klang der Meder Und geben jede, belle Ziel verloren. Wir wollen keiner Göttlichkeit mehr glauben Und verdüstern uu» im tiefsten Selswrigen. Aber manchmal tönt ein Rot $0 eigen Und läßt von stolzer Kraft uns ganz berauben. Und wenn wir dann mit aufgewecktem Denken In das frohe Spiel des Lebens sehen« — Das wund erreich ein großer Gott geschaffen; Dann müssen wir beschämt die Augen senken Und das ewig waltende Geschehen Nimmt leise uns die selbstgemachten Waffen. ,w iiwui«|. T Von L Land«u» Das klein» podohsche Städtchen hatte sch»» gfoßa Aufregung. Seine Sensation. Her $cb»lklopf»r, der früh beim Sonnenaufgang von Haus?u Haoa gmg 0*4 V00 Fensterladen zu Fensterladen mit seinem kurzen Stecke pochte, um die Schläfer zum Morgengebet zu wecken, erzählte es den wenigen Frühaufsteher», denen er begegr nete, oder die gleich nach dem Klopfen ihre Fensterläden öffneten. Das Unerhörte! Das Unbegreiflichel Das große Ereignis, dessen Gleichen die Gemeinde noch nie erlebt hatte. Perez, R e b P e e z , wie man gewohnt -war, ihn trotz seiner neunzehn Jahre respektvoll zu nennen, Gittel's Perez, wie man ihn vordem hieß, war gestern Abend aua dem Beth Hamidrasch, aus dem Bet- und Lernhause, nicht heiir.gekehrt. Man hatte die ganze Nacht vergeblich nach ihm geforscht. Er war verschwunden. Sogar den Polizisten des Städtchens, der sonst mit derlei Amtsgeschäften nicht behelligt wurde — wenn er nicht gerade seine Trommelvirtuosen-Konzerte gab, so oft es galt, eine b®* hördhehe Bekanntmachung in jeder der wenigen Gassen zu verkünden, pflegte er geruhsam beim Schänker Elias sein Gläschen zu trinken, es mochten auch etliche mehr sein, denn der befreundete Schanker nahm von ihm keine Bezahlung an — sogar diesen besten Polizisten der Stadt, unbedingt den besten, denn er war ja der ejnzige, nahm man in Anspruch. So ungern man ihn sonst mit den Angelegenheiten der Gemeinde befaßte. Er verstand aber auch die ganze Bedeutung des Falles, und er gab sich redliche Mühe, das Dunkel zu lichten, de»» eine reiche Belohnung in fester und in flüssiger Form, stand i» Aussicht. Vergeblich. Nirgends eine Spur von Perez. Eine halb« Stunde später als sonst fing im Tempel die Morgenandacht an, weil die Menschenrudei draußen mH der Erörterung de» merkwürdigen Falles gar nicht aufhären konnten. Eine Stunde später als sonst, öffneten auch die betriebsamsten Kaufleute ihre Läden, weil der Fall Perez alle Gedanken beherrschte, alle hochgespannt«; Aufmerksamkeit in Aff* Spruch nahm und gege» jede andere Angelegenheit unempfindlich machte. Auch gegen Geschäft und Erwerb. Die Frauen standen in ihren Umschlagtüchern zu dichten Gruppen vereint, schlugen die Hände über den Köpiß» zusammen und tauschten die verwegensten Vermutungen, die wildesten Mutmaßungen aus über das Verschwinden von Reb Perez, Was kümmerte sie heute der Gemüseeinkauf. was Aufräumen oder Küche? Perez, Per«?, Reb Perez verschwunden! Warum dieses Aufhebens, fragt Ihr? Wißt Ihr denn auch, wer Perez war? Das Wunder der Stadt, ihr .§tolz, ihre grpße Hoffnung. Von einem so „scharfe» Kopf“ hatte man invganzen Lande seit undenklichen Zeiten nie gehört. Schon da seine früh verwitwete Mutter Gittel den Verwandten, Freunden und Nachbarn d&s üblich? Festessen gab, als der vierjährige KnirPS i» den $ck»lhe#uqh und in das Studium der Bibel eingeführt wurde« mit dem im „Cheder“, in der hebräischen Schule, der Unterricht beginnt, erregte der frische, kecke Dreikäsehoch besonderes Aufsehen. .Ein neues, buntes Seideptüchlein war über eine Eeke der weißgedeckten Tafel gebreitet, und auf dieses Tuch wurde der winzige, blasse Perez vom „Behelfe?'-, dem Hilfslehrer, gestellt. „Was beginnst du jetzt zu lernen?“ fragt dar Hebellar, „Chumisch.“ „Was heißt Chujnisch?“ „Chumisch heißt fünf,“ antwortete Perez wieder frisch und hell. „Was bedeuten diese fünf? Etwa fünf Stück Honigfinden?“ „Nein. Chumisch, fünf, das sind die fünf Bücher Mosis ..." So ging das Katechisieren neck eine ganze Weile weiter fort, und der vierjährige Prüfling antwortet« immer mit einer so freudige» Sicherheit, al? holte er jede Antwort aus dem eigensten., langauge#amm«lte» wissen heraus. Mutter Gittel strahlte vor Styl», »»4 auch die beiden Tanten strahlten. „Aus dem wird einmal etwas Großes werde»,“ prophezeiten die Gäste rings, wie aus innigster Ueberzeugung. „Eine Leuchte in Israel." Und Perez blieb weiter das Wunder des Ortes. Mutter Gittel saß nun um so beharrlicher in ihrem kleinen, er, erbten Kramladen, beugt« sich in jedem kundenfreien Augenblick emsig über ihre» $irick?ahme», um durch kunstvolle Handarbeiten de*u?uv«rdj«»*»i was che Aus* bildung ihres einzigen Junge» erforderte. Ihres klein*» Perez, der immer i» seinem saubere» Seidankaftan, M seinem Sammetkäppöbea »«d «eine» feinen Schuhe» wf» eine podoliscfr-jüdischa Paradepuppe aussah. Mit vßmy Jahre» hatte Per«# beftiu die Kurse 1» dm» beide» hebräische» Schule» des fM** mit Auszeichnung abg«r schlossen. Ein Gerücht, I» nach der orthodOKtn «der liberalen Einstellung *ur Steh» boshaft »der bewundernd verbreitet, flüstert» »«gar davon« daß Peru «ich a««h h Dnv>v\ deutsch«« Lesen und Wissen angeeignet hätte. „Bei uns ka»» «r nichts mehr zulerpen," hatte mit einem Aufdruck, aus Bewunderung und Aerger gemischt, der $chu)vor* Steher gesagt. §0 bezog denn Perez die RabbinatfrHochschul« m emer naben größeren Stadt. Von da ging ihm der Ruf tiefer Gelehrsamkeit und seltenen Scharfsinns in che Heimatstadt voraus, und wen» er, wieder heiwgakekrt, im Beth Hamidrasch forsche»«! und «jngend über den Talmud-Folianten sich wiegt», ruhten »11« Blicke bewundernd auf ihm- Jede kriffliche und knifflichst« Au»* legungsfrage wurde ihm vorgelegt, und immer fand er ein» Überraschende, treffende, oft auch »ine witzige Lösung. wenn ei» Wanderprediger irn Tempel erschien und seine geistvollen SchriUausleguaga» vortrug -*• denn ZU* der eigenartig neuen, überraschende» SchrifterWürung bestand»» djese Predigten immer —7 dann rief unser jugendlicher Perez oft keck seine Einwendungen dazwischen. schmettert« er sein scharfes „tomer verkehrt!" — verhält es sich denn nicht umgekehrt? — zur Kanzel hinauf. Und immer wußte er seinen Einwurf mit Geist und Scharfsinn zu rechtfertigen. weithin war die Gegen» erfüllt vom G»}ehrt«»ruhm des jugendlichen Perez und die Heiratsvermittler de? ganze» Provinz bedrängten Mutter Gittel i»R Vorschlägen Für die glänzendsten „Partien“. Kein reicher Man» im Lande, dtef es sich nicht zur Ehre und rum Stolz angerechnet hätte, «eine Tochter dieser Blüte hoher Gelehrsamkeit zur Frau zu geben. Perez wollte freilich von Verheiratung lange nichts hören. Aber die Mutter drängt, die Verwandtschaft?«dtt auf ihn ei», der Brauch, die Sitt» will'»! Bo wurde den» unser Per»« eines Tages mit dem Tüebterchen des reichft«» Kaufmanns am Ort verheiratet, in dessen Heus er auch als der verhätschelt« Schwiegersohn einzsg. Und »«» war Per«? diesem frohe» Rehagen und Glück jäh entrückt, verschwunden, verschollen. wie von einer Welkt entführt, ohne «in« Spur zu buHerlasien- * Monate wäre» vergangen, und steh immer hatte dl« Nachforschung kein« Spur vq» perez ergeben. Frau Gittel war ruhig, gefaßt, stumm- Auch sie wußte nichts, wie es schien, «»rach jedenfalls, nichts über das Entschwinde» ihres Sohnes u»4 duldet» weder zudringliches Frage» noch Trost oder Zuspruch, Am schwersten schien die jung« Pjau betroffen, dim. aber in der Naivität, in der Harmlosigkeit ihrer siebzehjf Jahre den Fäll nicht sonderlich tragisch nahm. War sie Witwe? War sie verlassen? War sie frei? Diese Frage» wurden viel erörtert. ha bracht« ei» grauer, »ebliger Herbstmorgen eine neue Sensation, ein« »eue Unruhe und Aufregung in das Städtebau. Ein Fremder war angekommen, hatte nach dem Hau» des reichen Kaufmanns gefragt, überbrachte seiner Tochter eine» Brief und war blitzschnell verschwunden. Dieser Brief aber war ein „Q*tMein Scheidungsbrief, In aller vpm talmudiichen Gesetz und der alten U»berli«feru»g genau vorgesebriebenen Form. Für die Trennung de? Ehe ebenso gültig, wie die Schließung der Ehe unter dem Baldachin, der „Chuppe“, durch den Rabbiner gültig war. Der Staat hat damals, --- noch war der Begriff der iiviL eh» nifiht gehöre» derlei Ehe-Schließungen wie Scheidung«» »«eh jüdischem Brauch durchaus anerkannt und geschützt. Pie jung« Frau war also wieder frei, zugleich aber war di« erste Kunde yon Perez in die Stadt gedrungen, che Kunde, daß er lebt. Die Jagd nach dem fätstlhlften Ueberbpinger des Scheidungsbriefe§ war so ergebnislos, wie ehedem die nach Perez selbst. Wie ein gespenstischer Schatten war er gekommen und verhuscht, ohne eins Spur ZU hinterlassen. Frau Gittel aber verblieb in starrem Schweigen. Wußte che etwas vom Mt« SehwundsnsQ Sohne? Wußte sie nicht«? Wie seit 00« deakÜche» Teile» «aß sie Tag aus Tag ein in ihrem Kram* Iad«nf freundlich gegen jedermann, aber dar Name Ihrtztz Sohnes kam nie über ihre Lippen. Wie «ber geschah es, daß ire Städtchen langsam das Gerücht entstand und rasch sich verbreitete, rere» f«i \n eine Universitätsstadt gelangt, habe, wie di« geringelt«» SeitenUMbehen, so aueb 4«n langen Kaftan kur« schachde» lassen und studiere. Etwas dergleichen hatte man schon lange vermutet. Die Talmudfomh«?, du im ^.ßstk Ha« Sldraieh' klein« Bändchen mit Schillers Gedichten ege» ramen bfnt«? den große» TalmudfoUanUn verbargen öder gar 6oeth«-ß „Fa»st“, waren nicht selten, Vp» Fese« aber ging die Sage, daß er gar philosophische 8ehvfH»n, und nicht etw» nur die des Maimonidei, sondern deutsehe und sogar französisch« mit Eifer studiert habe- «uer seiner vertraute» Freunde brach enger endiiek da« Schweigen und verriet, daß Per«? „Las Ruine®“ des Grafe» Volney gelesen hatte, ein Buch, da# damals «e Ocheimlsktftfe der großen Zweifler, eine Revolutionierung der religiösen wie der politischen Begriffe bedeutete. Ein Blich' von d«m man in der jüdischen Bildungswelt nur im Flüstertöne sprach. Ein wahres Teufelsbuch. Wie sieb aber di« Meinung gebildet, verdichtet, festgesetzt hatte, daß Perez studier«, dies ist nie recht ermittelt worden. Aber sie bestend. Und Wolf Ehrenkranz, der Jargondichter der Gegend, der gefürchtete Liberale und Satiriker^ besang die Flucht des Peres und seinen Ucbertritt zur Profanwissenschaft in einem balladenartigen, hebräischen und Jargon-Gedicht, dessen Kehrreime in der Jargon-Fassung lauteten: Ein so junger Jung, ein so schöner Wie unsere? Schwester Sien (Sohn), Und 's is an dem nit schildiß K eener Wie nor dies wüste Wien. * Jahre verstrichen« und wieder rüttelte eine Ueberraichung das Städtchen auf, Ein Rätsel, ein ganz unverständliches Ereignis, das man für undenkbar gehalten hätte. Giftei, di» stille, greise Frau eine Frau galt damals im Städtchen mit fünfzig Jahren schon für eine Greisin — Gittel, di« seit Jahrzehnten Tag für Tag in ihrem Kramladen zu ritzen pflegte, hatte diesen Laden plötzlich verkauft und war, gleichsam über Nacht, ohne viel Abschjed »u . nehmen, verzog«». 1» die Kreisstadt — wie die zurückgebliebenen Schwestern endlich zögernd, widerstrebend, verrieten. Aber nach und nach löste sich das Rätsel zum maßlose» Staunen, zur Verblüffung der Gemeinde. In awet gesonderten Etappen vollzog sich diese Lösung. Aus der pake» Kreisstadt war erst die Kunde hefübergeklungen, ein neu dahinversetzter Gerichts- «djunkt am Obergericht sei ei» Jude. Ei» Dr. S c h o r r. Und «in f r e m rn e r Jude As den hohen Feiertagen sei «? im Tempel erschiene», und als der Tempelvorstand schnall darin einig geworden war.. die Respektsperson durch einen Aufruf zur Thora-Vorlesung zu ehren, da habe ff d«n vorgesebriebenen Segensspruch frei und so klangvoll schön geaproehen, daß man ihn bald danach in gelehrt« Gespräche zog und über seine gründlichen, mit Scharfsinn vorgetragenen Talmudkenntnisse erstaunt war. Da man nun aueh daran sich erinnerte, daß der im Gcmemdel«b»n fast nie «»gewendete „deutsche“ Familienname des verschollenen Perei t- Scharr war, und endlich ln Verbindung mit der Übersiedlung von Mutter Gittel »aeh der Kreisstadt, war «s klar, der neue Gerichlaadjunkt, Dr. ßeherr, war kein anderer als der verschollene Perez, Gittel's Per»», Mit der geistig«» Elastizität, die er im Talmud- Studium gewonnen, hatte er Sein Gymnasial-Pensum im Siebenmeilenstiefel-$chritt erledigt, wie man jetzt erfüllt. Als Hauslehrer l«i»f« Unterhalt erwerbend, hatte »r die 'Rechte studiert und die Staatsprüfungen so glanzvoll bestand»», daß die Regierung ihn einlud. die Richterlaufbahn einsuseWagen. Auf eigenen Wunsch wurde Dr. Schörr in sein« Heimatgegend entsandt. Im amtlichen Verkehr hat Dr. Schorr freilich nie etwas von seiner Zugehörigkeit zur nachbarlichen Kleinstadt merken lasse», und di« Partei»» brachten ni« den Mut auf, di» alte» Beziehung»» zum ehemaligen Perez in Erinnerung zu bringen. String sachlich ging es zu, wenn die Landsleute bei Berufungen an die obere Instanz in d«jr Kreisstadt mit dem neuen verhandlungführenden Richter zu tun hatte», Aber #9 achnch und klar durchschaute er jeden Reehtfhindel, «q f«j» wußte er den Knoten zu entwirren, «9 scharfsinnig waren seine Urteile und so lichtvoll ihr« Begründung, daß die jüdischen Parteien ihn allgeeM» »eapektvnit „Reh Kreisrichter“ nannten. Iftf Pf. Ifhorr selbst in währender «» di» Vergangenheit des ehemalig«» m GtfiÄtsvif, Perei, an Gittel> Ei» Reehtshandüii «l» Ir-bschaftsstreit, führte die Tochter eines reichen, des reiehats» Kaufmannes in seinem HeimMseft» im „Rekurs",Vm^fahrsn vor das Kreisgsricht. Sie nannte scheu, verwirrt, ihren Name». „Haben Sie eine Legitimation?" mußte der Richter RI**™**, die Fr*. „Nei, R . . . R« . . Reb Kreisrichter wollte sie sagen, hielt aber schnell zurück- „Ist auch nicht nötig. Schreiben Sie: gerichtsbekannt", .sagte er dem protokollführenden Gerichtsschreiber. „Wir war»» nämlich einmal" wandte er sich der FraU?U, „vorübergehend verheiratet wurden." IAURIN Feinste 7 tÜO Cor nu'.r.buUer - v 11 WttiVR 1»- Uu- TM,; ISIS Mündeln, ik hi' M -3 * 11 bu FfeL m i>!.i ririp. : ‘iai'ig.j.. 4