Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 42 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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We Richtung tber Reise unö daS Haltmachen an einer Stätte freS Mondkultes bestimmt. Sodann aber, was die Hauptsache ist, wieder nach Len Quellen und der tatsächlich vorliegenden Geschichte hat Abraham sich von der Neltgtou seiner Borfahren und Verwandten getrennt. Denn ihm warb die göttliche Weisung zuteil: „Gehe audeinem Baterlande unö von deiner Verwandtschaft und sogar aus -eines Vaters Hause usw." (1. Mos. 12,1), unö ausdrücklich wird in Jos. 24,2 f. als eine GotteSkunde berichtet: „Eure Väter wohnten vor Zeiten jenseits des Stromes ld. h. des Euphrat), Terach, der Vater Abrahams und Nahors, und dienten andern Göttern. Da nahm ich euren Vater Abraham von jenseits -es Stromes und ließ ihn wandern in ganz Kanaan usw." Ebenso hat Jakob sich ausdrücklich von Laban tn religiöser Hinsicht getrennt. Denn er spricht von „dem Gotte meines Vaters" (1. Mos. 81, 8a. 5b. 18. 42), und Laban sagt zu Jakob und den Seintgen „und ihres Vaters Gott" und dagegen „meine Götter" sB. 30). Also welche Willkür ist es, wenn die tn den Quellen ausdrücklich berichtete und in -er Tatsachengeschichte vorliegende 'Getrenntheit beS GottesalaubenS der Babylonier und der Patriarchen in Veröl n d u n g umgemandelt wird! Aber hauptsächlich hat man neuerdings zweitens die Idee deS Monotheismus aus Babylonien hergeleitet. Zum Beweise dafür beruft sich Delitzsch tn „Babel unö Bibel" I, S. 75. zunächst auf den Eigennamen Ilu-amraimi, indem er ihn mit „Gott, sieh mich anl" übersetzt. Aber ilu »Gott" kann bei Verehrern vieler Götter nur den Sinn von „ein Gott" oder „irgendein Gott" besitzen. Die Babylonier waren aber Verehrer vieler Götter. Denn das beweist z. B. Hammurapt gleich durch den Anfang seiner Gesetzesinschrift: „Als A n u, der Erhabene, unö Bel, der Herr von Himmel und Erbe, Marduk, dem Herrschersohne E a s, die irdische Menschheit zuerteilt hatten." Also da zählt er gleich in den ersten drei Zeilen vier Götter auf. Sodann bemerkt z. B. Alsr. Jeremias in „Monotheistische Strömungen innerhalb der babylonisch m Religion", S. 19, das) schon im dritten Jahrtausend der Gott Anu als der König der Götter bezeichnet worden sei. Aber dies ist nur die in der Geschichte des polytheistischen Gottesglaubens häufige Erscheinung, die z. V. auch bei den Griechen in ihrer Anschauung von Zeus begegnet und die am deutlichsten als monarchistische Vielgötterei bezeichnet werden kann. Diese Erscheinung eine „monotheistische Strömung" zu nennen, hat ketnen Wert und erweckt insbesondere bet den Babyloniern nur einen falschen Schein, da bei ihnen neben Anu auch andere Götter gelegentlich als „höchster Gott" gepriesen werden. Endlich wird immer und immer wieder behauptet: „Bereits in den ältesten Urkunden der altortentalischcn Welt zeigt sich eine einheitliche Geisteskultur, die in den Göttern Manifestationen einer einheitlichen Macht sieht" (Alfr. Jeremias im Theol. Literaturblatt 1910, S. 459). Aber die urkundlichen Aussagen, auf die dann hingcwiesen wird, zeigen, wie der Urheber jener Worte s e l b st gesteht, nur Lies, daß „bereits das Denken der ' ältesten babylonischen Urkunden astral ist". Also nur die Vorstellung der einheitlichen Sternenwelt liegt tn jenen Urkunden vor Aber nicht nur wird auch sogar dies von andern guten Kennern bestritten ivgl. tn meiner Geschichte der alttcstamentlicheu Religion 1924, S. 117 f.), sondern diese Vorstellung des einheitlichen Sternhimmels ist auch kein Monothet smus. Folglich hat auf keine W"ise begründet werden können, daß bei den Babyloniern Monotheismus geherrscht hat. Also konnte auch Abraham den monotheistischen Gedanken nicht mit aus Babylonien bringen. Außerdem ist das gar nicht wahr, was seit Delitzsch's Babel und Bibel I. S. 41, so gern gesagt wird, daß dte weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel im Monotheismus liege. Diese Bedeutung liegt vielmehr in der besonderen Verbindung mit Gott, die das Wesen der Patriarchenreligion und der biblischen Religion überhaupt ausmacht. Also hat dte moderne Neigung, den Inhalt der Bibel in weitem Umfange zu babylonisieren, nicht einmal einen Grundzug im an ellenmäßigen Bilde der Patriarchcnreligton erklären können, geschweige denn, daß aus ihr der angeblichen Heimat alle eigenartigen Züge dieses Bildes lder besondere Gottesname, die Nildlosigkeit des Kultus, die Abwesenheit der Wahrsagerei und Zauberei usw.» hergeleitct werden könnten. Demnach hat die erste SturmeSwelle, die tn erster Ante gegen die erhabene Stellung -er Patrtarchenrett-io« -er««» braust, nichts gegen dieselbe auSrichten könne». (Schluß tn der Beilage.) Aus den Gemeinde«. vor dem Untergang? Das Ringen um die Erhaltung -er Dresdner liberale» Gemeinde. Bon Bert hold Altmann. Dresden ist die Hauptstadt desjenigen deutsche» Lande-, Lessen Einwohner nach einem bekannte» und bisher unbestrittenen Lehrsatz „helle" sind. Wie anderen glänzende« Erscheinungen der Kulturgeschichte, hat die alle- Große anerkennende Historiographie auch der Stadt Dresden ein ihre Eigenart kennzeichnendes Cognomen verliehen, und keiner, -er tn der Welt Bescheid weiß, wirbezweifeln, daß der Zuname „Elbflorenz" für Dresden wie geschaffen ist. Zu den zahlreichen Monumentalbauten, die diesem Elbflorenz zum Schmucke gereichen, gehört auch die Synagoge, die einer der ganz Großen erbaut hat, besten herrliches Hauptwerk, das Opernhaus nämlich, seinen berühmten Namen trägt und in -er ganzen Welt als „Semperhaus" bekannt ist. Schon allein der Umstand, daß die damals weder große noch besonders wohlhabende Dresdner Kultgemeinde nicht dem Beispiel vieler anderer weit größerer und reicherer Gemeinden gefolgt war, die ihre Synagogen nach den schematischen Plänen irgendeiner zwar „renommierten" aber nicht zu teuren Baufirma errichten ließ, sondern Wert darauf legte, in ihrem Gotteshause ein wirkliches Kunstwerk erstehen zu lassen, und diesem wahrhaft edlen Zwecke wahrscheinlich große Opfer brachte. — dies allein schon zeigt, welch' hohen Geistes Kind das Kollegium war, das zu jener Zeit die Angelegenheiten einer jüdischen Gemeinde verwaltete. die nicht nur eine Gemeinschaft des Kultus war, sondern auch der Kultur. Stilvoll, harmonisch und erhaben wie das Gotteshaus war auch der Gottesdienst: Theologen, deren Namen in -er Welt der Wissenschaft einen hellen Klang haben. Männer, die dem Judentum und dem Deutschtum gleichermaßen zur Ehre gereichen, sprachen und sprechen noch snoch!) zu den Herzen und Hirnen der Hörer, kultivierte Gesangskunst auf deutschen Konservatorien ausgebildeier Kantoren veredelte die uralten Melodien, Klänge der Orgel und Stimmen deS Chores griffen an die Saiten der Seelen und stimmten zur Andacht. Wohl kann man sagen: der Gottesdienst der Dresdner Gemeinde war -es schönen Hauses würdig, das sie sich für diesen errichtet hat. Und ist es noch. Noch! — Wie lange noch? Schon hat kulturfremder Einfluß Harmonium und Ch^r aus dem Betsaal entfernt, worin wegen Ueberfüllung der Hauptsynagoge an den Hohen Festtagen der Gottesdienst ausgeiibt wird, und der Generalsturm auf die Hauptsynago-ge bereitet sich, nicht etwa in der Stille, sondern in aller Öffentlichkeit. vor. Das Vorpostengeplänkel hat bereits eingesetzt. Uneinge-denk der Regel, daß ein Gottesdienst, besten Aufgabe doch wohl sein soll, auf die Deelen etnzmvirken und sie zu konzentrierter Andacht zu stimmen, vom Anfang bis zum Ende Geist und Gemüt in seinen Bann ziehen und nicht einen Augenblick loslassen darf, ohne Rücksicht ferner auf die längst gemachte Erfahrung, daß eine in die Länge und Breit« gewalzte Liturgie Aufnahmefähigkeit und Spannkraft lähmt, also konzentrierter Andacht schädlich ist. haben Unverstand und Fanatismus, durch die letzte Dves-dner Gemeindewahl zu Einfluß gelangt, sich bis auf weitere Abderitentaten mit folgenden „Reformen" begnügt: 1. Der Thora-Wochenabschnitt, bisher vernünftigerweise auf zwei Sabbat-Gottesdienste verteilt, wird jetzt tn einer Vorlesung und selbstverständlich in ungekürzter Fassung absolviert. 2. Längst veraltete, längst vergessene „Gebete", üblich nur noch in jenen Gemeinden, deren Mitglieder gewohnt sind» den ganzen Sabbat, mit alleiniger Unterbrechung durch die Mahlzeiten, in der Synagoge zu sitzen, sind wieder eingeführt worden. Durch das Heosagen dieser „Gvbete", die keine Gebete sind, sondern wertlose Füllsel der Zeit, hat man glücklich erreicht, daß der Gottesdienst zwar hübsch larrg und breit geworden M. aber auch unsäglich flach. AuS dem seichten Wortgeplätscher erheben sich noch lwte lause noch?) die bisher erhaltcngebliebencn liturgischen Eturichtungeu wie schöne Inseln der Erholung, aber auch diesen droht der Untergang. Dem» eist schon angebeutet worden, daß dte bisherigen „S-euerungen" davorläufig« Ergebnis eines harmlosen Geplänkels sin-d und dt« Generaloffensive »och bovorsteht. Deren bescheidene Ziele sind: Abschaffung der Orgel, des EhoreS, der deutschen Predigt, der deutschen Gebetssprgche Über Hanoi. Jawohl, ein radikaler Ostwind weht in Dresden, und „tabula raaa" ist dte Losung. Daß die Schulknabcn am Religionsunterricht nur »och bedeckten Hauptes teilnehmen dürfen, daß die rigorosesten Anforderungen an die Schächtung gestellt werden, die bereits zu ärgerlichen Kollisionen mit der SchlachthauSbehörde geführt haben, baß, obgleich gewisse Kretse sich zwei Prtvatschächter zugelegt haben, von denen der eine kürzlich durch dte Arbeiter d«S Schlachthauses htnauSg>vworfen wurde, den beiden Gemeinderabbinern grundsätzlich daS Aufsichtsrecht über genannte Schächter entzogen werden soll, wird nach dem vorher Gesagte» nicht weiter überrasche«. » Wer diese temperamentvollen «nb gewalksamen Stürmer und Dränger nach rückwärts sind, auf welche Kreise sie sich stützen und wie es möglich war. daß st« in einer alt«» liberalen Kulturgemeinde zu Macht und Einfluß gelangen konnten? Nun, wie viele andere Gemeinden hat auch Dresden während der letzten Jahr« ein an sich ja sehr erfreuliches Wachstum erfahre», tn dem Umfange, daß die Zahl der neuen Mitglieder mindestendoppelt so stark ist wie die der alten. Und da. wie eingangs dieses Artikels gesagt, die Dresdner „Helle" sind, hat man sich beeilt, sie als Gleichberechtigte in die Arme zu schließen und ihnen das aktive und passive Wahlrecht zu geben. Nach de» Gesetzen des Landes und Reiches hatten sie zwar keinerlei Anspruch darauf. Zweifellos ist eauch absurd. Neuhtnzugekvmmenen und Kultursremden, die seit zwei Jahren Steuern bezahlen, das Bestimmungsrecht zu übertragen über hundertjährige kulturelle Institutionen, die von den Ahnen der Einheimischen errichtet und von deren Nachkommen Generationen hindurch ausgebaut und unterhalten worden sind. Aber sie verlangten es nun einmal und drohten, ein« eigene Synagogengemeinde zu bilden, wenn man cs ihnen versagen sollte. Jetzt sitzen sie sowohl im Gcmcinderat wie im Vorstand. zwar noch nicht in der Majorität, aber diese werden sie, dank ihrer Rührigkeit, Findigkeit und Unver—drossenheit auch noch bekommen. Sie wenigstens zweifeln keinen Augenblick daran, blicken vertrauensvoll kommenden Wahlen entgegen und — auf die ihnen sehr bequeme — Bequemlichkeit und Indolenz der Liberalen. Und wenn diese sich nicht endlich aufraffen und zusammennehmen, wird man das groteske Schauspiel erbeben, daß der Liberalismus, mit Hohn und Spott aus seinem eigenen Semper- Tempel getrieben, die von der Orthodoxie einst angedrohte und von ihm mit Aufgabe seiner Selbständigkeit verhinderte. Sezession nun selber vornehmen muß. Hoffentlich gestattet man ihm dann wenigstens. im neuen Synagogenbau sein« alte, abgebaute und auf der Versteigerung durch Höchstgebot wieder erworbene Orgel aufzustcllcn. il^einahe schlimmer noch als die Gefahren, di« der liberalen Syncmoge in Dresden drohen, sind die durch die Orkhvdoren propagierten Schulvläne. Ist man denn wivklich so bliud, nicbt m sehen, daß ein« jüdisch-konfessionelle Schule die Kluft Zwischen Juden und Christen unter denen wir doch leben um 5 leben müssen. nur erweitern und vertiefen kann? Da kommen sie uns nrit abgedroschenen allgemeinen Phrasen, sagen uns aber nicht, wahrscheinlich, weil sie eS selber nicht wissen, wie sie daS jüdische Schulwesen organisieren wollen. Abgesehen von den verschiedenen Mädchenschulen iHöhere Töchterschule — Volksschule) gibt eS die alten humanistischen Gymnasien, Reformgymnasien. Realgymnasien. Ober-Nealschulen. Mittelschulen und Volksschulen. JcdeS dieser verschiedenen Institute hat feine eigenen und ganz bestimmten Aufgaben zu erfüllen. und zu jedem gehört ein Lehrkörper von 10 bis 15 Köpfen. Zum mindesten müßten doch dt« Dresdner Orthodoxen. um ihre Pläne zu realisieren, eine Höher« Töchterschule. eine Mädcherrvolksschule, ein sür'S Unir*ersitäts- Psalm. Von Arthur Silbergleit Du bist die Harfe meiner Melodien, Und manches Lied erscheint mir nur geliehen Und auch mein Leben nur entlehnt von Dir. Ich weiß: Du »virst mir immer selig töne" Zum Harmonien preise alles Schönen Und einmal unter Deinen Harfensöhnen Mich finden und mit Deinen Sonnen krönen Und meinem Wohllaut Dich so eingcwöhnen, Als brauste sphärische Mitsik aus mir, Und mögen mich auch Spötter hechelnd höhnen: In meinem Saitenspiel und Deinen Föhnen Erwidern immer hymnischer uns wir. Smtt Ab'eben von Hermann Heijermans. Von Dr. Ludwig Davidsohn -Berlin. Aus Amsterdam kommt die innigen Anteil erweckende Nachricht, daß Heijermans, der bedeutendste Journalist Hollands, der Schriftsteller vou internationaler Bedeutung, dessen Stücke in der ganzen Welt gespielt wurden, nach qualvoll-langem, furchtbarem Krebsleiden gestorben ist. — Und eine Fülle von Erinnerungen an tiefe Theatereindrücke, an lebendige Bücher, nicht zuletzt persönliche Reminiszenzen werden wieder wach! — Was war das für ein ausrechter, uneigennütziger und seltener Mensch! — Kaum sechzig Jahre ist er alt geworden! — Bon seinen menschlichen Eigenschaften war eigentlich N neigen nützigkeit sein« Hanpttugeud. Darin ähnelte er Otto Brahm (A b r a h a m), mit dem er bis zu dessen Tode befreundet war. — In der Phantasie so vieler „Kenntnisreicher" malen sich „die Juden" als die stets geld- und raffgierigen Realisten, die immer danach streben, ihr Schäfchen ins Trockne zu bringen und um des Mammons willen ihre Ideale verleugnen. — Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus! — Heijermans war, wie Brahm. ein jüdischer Typus, ein ausgesprochener Diesseitigkeitsmensch, ein Realist durch und durch, aber trotzdem von reinstem Streben nach Kunst beseelt, nach Kunst in höchstem und tiefstem Sinne, dem es verhaßt und unmöglich war, mit diesem Größten Geschäfte zu machen. Wie Brahm. lebt« und starb er als a r m c r M a n n. Er war eigentlich kein Dichter, sondern „nur" ein Jour- Mttst, aber ein so ausgezeichneter. daß seine Werke in ihren besten Partien von ganzgroßer Kunst kaum noch zu uuterscheiden waren. Schon sein Vater war ein Journalist, dem jede Effekthascherei, jedes Mäntelchen-nach-dem-Winde-Hängen fremd war, und der deshalb ebenfalls ganz arm starb. Der Sohn mußte Kaufmann werden. Mer es litt ihn nicht lange hinterm Ladentisch, und bald griff er zur Feder und wurde einer der fruchtbarsten, fleißigsten, bekanntesten Schriftsteller; ein Autor von europäischem Ruf! Nicht weniger als etwa 40 Bände Skizzen. Romane. Novellen, Theaterstücke sind von ihm erschienen, und überall ist er ein Stürmer und Dränger, immer kämpft er gegen daS ewig unausrottbare Unrecht der menschlichen Gesellschaft an. Nichts Weiches und Dekadentes war an ihm. Dle meisten seiner Schriften waren temperamentvolle Angrisfsfaufaren. In diesem unablässigen, selbstlosen Kampf gegen alle irdischen Mächte, die nicht sittlich fundiert waren, zeigte sich das gnt« Judentum dieses Mannes. Auch er durste — wie Heine — von sich sagenr „Ihr könnt mir ein Schwert auf den Sarg legen, denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit". — Ein flammender Protest gegen di« russischen Progromverbrechen war der Ausgangspunkt seines dramatischen Schaffens. Er hatte die russischen Zustände studiert und in einer Broschüre das namenlose Elend der Verfolgten geschildert. In dem Drama „Ahasver" (1890 verfaßt) schildert er dann die Kischinewcr Judenmetzeleien und den seelischen Untergang einer zu Tode gehetzten Familie. Jüdisches Fühlen unö Empfinden bleibt dann für lange Zeit der Angelpunkt seines Schaffens: aber sein Wahrheitsdrang und seine Sehnsucht, zu bessern und zu helfen, bestimmten ihn gleichwohl, dem orthodoxen Judentum manche unangenehme Wahrheit zu sagen. In seinem Drama „Ghetto" und in seinem Buche „Sabbath" kämpft er leidenschaftlich gegen jüdische Absonderung, stellt er tu selbstquälerischer Weise gewisse jüdische Fehler an den Pranger. „Wir stecken noch heute in den Ghettos unserer Vorurteile" schreit Raphael in dem Trauerspiel in seinem erbitterten DiSput mit dem alten Rabbiner. Bei der Erstaufführung dieses Stückes in Berlin vor etwa 20 Jahren kam es denn auch zu einem häßlichen Theaterskandal. Zionistische Gruvven hatten sich mit Pfeifen und Knarren versehen und versuchten die Aufführung zu stören. Diese Ahnungslosen merkten eS scheinbar nicht, daß nur eine übergroße Liebe zum Judentum den Verfasser veranlaßt hatte, so bitter über einige jüdische Züae ab-uurteilen. Das Leben und Treiben in dem Amsterdamer Judenviertel hat Heijermans immer wieder mit aller Kraft seiner Darst-ellnngsaabe aeschildert, und überall tr^t er nnaestüm für liberales Judentum, für Fortschritt. Weiterentwicklung und sittliche Förderung ein und geißelt die Verbohrtheiten einer erstarrten Orthodoxie. In dem Juden stück Interieur" tritt abermals sein tiefgefühlter Gram zu Tage. Es war wohl tn Holland immer noch etwas von dem Milien übrig geblieben, das einst auf einen Spinoza ein Altentat verübte, weil er sich gegen die Engstirnigfeit der Tradition auflehnte. — Seine jüdischen Noveilen und Skizzen sind sehr zahlreich; mitunter ließ er sich sogar durch sein Temperament hinreißen, die ,4>octifd>c Gerechtigkeit" zu vernachlässigen, wie in der Novelle „Ein Judenstreich". Erst langsam, nach einigen Jahren seines Schaltens. löste er sich von der ausschließlichen Gestaltung jüdischer Probleme und wandte sich allgemeinen Themen zu. 1900 erscheint sein „Siebentes Gebot", diese deprimierende Ft»milientragödie aus dem holländischen Kleinbürgerleben, 1901 sein bekanntestes Stück „Die Hoffnung auf Segen", das wir erst in voriger Woche wieder einmal in einer greulichen Verfilmung zu sehen bekamen. In diesem Fischerdrama, das wohl so bekannt ist, daß dessen Inhalt kaum noch wiederholt zu werden braucht, hat der Antor vielleicht sein Bestes gegeben. Es hatte nicht nur in Berlin einen ganz außerordentlichen Theatererfolg. Es ist deshalb nicht höchste Kunst und bleibt zeitgebunden, weil Heijermans zu einseitig Partei für die Armen und Unterdrückten nimmt und Licht und Schatten zu cinäentig verteilt. Nichts von Shakespear'scher Gerechtigkeit — Tendenz und Dogma sind dichterisch nicht restlos gelöst. Ebenso wie aber Björnson sein Leben larrg letzten End.es nur Journalist, war. und nur einmal, in „lieber unsere Kraft", über sich selbst hinauswächst und zum wirklichen Dichter wird, so ist Heijermans auch in diesem „Spiel vom Meere" zum Dichter geworden. Der Mittelakt des Dramas, dieses naturalistisch breit hing>?pinselte Bild von der furchtbaren Nordseesturmnacht, in der die Oeimgeblrebenen wach blei ben und vor namenloser Angst über daS Schicksal ihrer auf dem Meere befindlichen Angehörigen fast verzweifeln, gehört tatsächlich mit zu dem Besten und Unvergeßlichsten, was die neuere dramatische Literatur hervorgebracht hat. Sonst sind wir ja iiber diese Art von Wirklichkeitsdichtung, die nur Znstandsschilderung'um ihrer selbst willen bringt, längst hinaus! — Die Schäden und Bösartigkeiten unserer Zeit bat Heijermans wie Wenige ansgezeigt. Darin war er ein wahrhaft „guter Europäer". Wieviel unermeßliches Unglück wäre d r Welt erspart geblieben, wenn seine Warnungen und sein unermüdliches „J'accnse" bei den Regierungen nicht taube Ohren gesunden batten. Schon ein Jahrzcbnt vor dem Kriege bat er auf die Folgen des Militarismus binaewiesen und prophetisch das Nnalück de^ W-'ltkriegs'wo^nnnns voransgesa-tt. wenn die stübrer Völker und Klassen zu keiner Verständigung kommen würden. s