Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 42 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. BG«g«prei» dttrch di» EefchäktAftelle st« jährlich M. r^o Ebrzeinummer 0^80. Bet trrier Ausrndung i. Inland 0,25 $ftt die SNttgltedar der Veretnignng ist der Bezugsprei» L :: :: t« Svvglledndeürage enthaUeu. n rr z TheirrdaKlenrr Dchl..I«g. Srnno Doyda. vio „Jüdisch - lidsrals - Zsttung" erfcfyeint jedsn Srettag Scdrittleiiuna und QsfcfräftsfteUe: Ser in, Mouers1ratzv22. Sernruf: Rmt CDerKur rir. 8725 postscN»«NNontor Berlin flW7 Hr. 137069 (Vereinigung tflr&as liberale JuOenlum) nadiürudt fjlmtllctjer Orlglnal-BeltrAge nur mit vorheriger Genehmigung Oer Redaktion gestattet! G«»et-,«preise: Die Ngespattme Ro«pareill<reil« 0.45 SoldmarA. Me ÄrbUmrjeile 8.00 Goldmark.;i » x M Diederholnnge» Sladatt. :: s r: A«rei-e»an«ah»er Herma»» Baewitz. Verlagoadteilung, Berlin S.W. 58. Thariottenftr. 05 Fernsprecher: Dönh ff 5350—55). sowie sämtl. A»non«eu-Expedttio«en. Rr. 42 Berlin» 28. November 1924 4. Jahrgang Die Der moderne Kamps gegen die Geschichtlichkeit der Pairiarchenreligion. Bon Geheimrat Th. König in Bonn. Nie hat eS eine Zeit gegeben, in der ein so heftiger «rd weithin lohender Kampfsturm gegen die geistesgeschichtliche Bedeutung der althebraischen Kultur gewütet hätte, wie er in unserer Gegenwart durch die Lande braust. Fragt man da nicht unwillkürlich nach den Ausgangspunkten dieser Sturmwellen? Nun. als solche Sturmerreger haben sich vor allem drei Erlebnisse und Gedankenbewegungen der neueren Zeit geltend gemacht. Der erste Ausgangspunkt jenes Sturmes lag in den neuen Entdeckungen, welche durch die Ausgrabungen i» Babylonien und anderen vorderasiatischen Ländern eyztelt wurden. Da brachte — um wenigstens den Hauptpunkt aus dieser Entdeckungsgeschichte Herauszug reisen — ei« Färber aus dem Dorf« Khorsabüd. einige Stunden nördlich vom alten Ninive, dem französischen Konsul Botta Ziegelsteine mit Schriftzetchen. aus denen er bis dahin seine Keffela«logv» gebaut hatte.' Daraus lieh Botta in jenem Dorfe KborltüiLd am 80. März 1848 den Spaten zu Ausgrabungen emsetzen. und der Erfolg war derartig, daß jener 30. März 1848 nickt mit Unrecht als der Geburtstag der Asiyriologie bezeichnet worden ist. Denn schon tu wenigen Tagen stellten die Nachgrabungen ein großartiges Eckaufvie! vor die A«ge« deS Forschers. Die Arbeiter legten nämlich die Tore und Säulen und Wände eines weitausgedehntcn Palastes frei, und bald konnte man auch den Erbauer dieses Palastes 'jgletchsam begrüßen. Denn prachtvolle Basreliefs an den Wänden der Säle stellten üfm dar. wie er auf seinem Throne saß. oder i« seinem Kriegswagen dahinsuhr, oder wie er be» Göttern opferte. Als nun weiterhin Tausende von kkontafeln mit Keilschrift gefunden, ia. eine ganz neue LiteraMr »nd Kultur entdeckt worden waren, traten diese aus wehr als einem Anlaß nicht bloß in den Vordergrund des Interesses, sondern auch der Wertschätzung. Oder wer wüßte nicht, was erstens die Eigenschaft der Neuheit einer Erscheinung ihr für einen bezaubernden Glanz verleibt? Dazu kam aber noch der gor leicht irreführende Gedanke, daß von einer große« und politisch herrschenden Nation auch , -er höchste Einfluß in der Kultur ausgegangen sein wüste. Ließ man doch z. B. diesen Satz drucken: „Das Dörfletn draußen (d. h. Israel) hat Babels Art, Babels Kultur, uur durch Babel ist es. was es ist" i-Otto Weber. Theologie und Asiyriologie 1001. S. 10f.). Welcher Ansturm gegen die bisherige kulturgeschichtliche Stellung der Literatur Israels mutzte durch solche Anschauungen hervvrgerusen werden! Dazu kam. daß diese auch noch Bundesgenossen fanden. Denn in derselben zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo die babylonische Kultur als Rivalin der israelitischen entdeckt wurde, hat die literarische Kritik des althebräischcn Schrifttums eine gewaltig umstürzeude Wendung erlebt. Denn da stellte man folgende Behauptungen auf. Erstens: das älteste Geschichtsbuch Israels stammt aus den Iaüren „000—840" (Gunkel. Kommentar zur Genesis. S. 13 LXXXIX), mvb zweitens: „Das Gesetz des Judentums ist auch das Produkt des Judentums" (Wellhauien, Prolegomena zur Geschichte Israels. S. 3). jedenfalls hat das Gesetz seine Stelle erst hinter den Propheten lebenda. S. 1). Mit welchem Niedergang wurde die überlieferte Geltung des altisraelitischeu Schrifttumauch durch diese zweite moderne Meinung bedroht! Das Schlimmste war aber, daß zu den beiden erstgenannten Ausgangspunkten des Ansturms gegen die Kulturstellung Iiracks sich noch folgender dritte hinzugesellte. Dies war eine neue Geschichtsauffassung. Nämlich «S war die Philosophie Hegels (st 1831). welche die Ansicht verbreitete, daß alle Geschichte sich aus einem stetigen Wechsel von Gegensätzen, sozusagen aus dem Auseinanderprallen von Wellenberg und Wellental, erkläre. Diese Geschichtsauffassung der Hegelfchen Philosophie ist dann vom Materialismus und Darwinismus zu dem Doama ausgestaltet worden, daß alle Geschichtserscheinungen sich nur auS diesseitigen Ursachen erklären und von unten nach oben sich entwickelt haben und entwickeln müssen. Do« diesem Standpunkt aus schrieb der Hegelianer Batke fein Buch: »Die biblische Theologie. Bd. I": „Tie Religion deS Alten Testaments" (1835), und Batke ist es. von dem Well hausen ausdrücklich sagt, daß er von ihm ..das Meiste und Beste gelernt habe" (Prolegomena s. S. 14). In Wellhausens Fußtapfen gehen nun eine ganze Anzahl von Bearbeitern der altisraelitischen Religionsgeschichte einher, wie z. B. Stade in seiner „Biblischen Theologie des Alten Dvstaments" (1905) und der schon erwähnte Gunkel. Sie alle gehen also von der darwinistischen oder entwicklungstheoretischen Voraussetzung aus. daß auch in Israels Religion kein Lichtstrahl aus der jenseitigen Welt aus- -eleuchiet haben könne', und daß auch sie aus primitiven Anfängen „sich langsam entporgearbeitet habe", wie Wellhausen buchstäblich sagt in: „Die Kultur der Gegenwart" ft, 4, S. 14). Deshalb war es keine unerwartete Folge, daß diese versuche, die altisraelitische Religionsgeschichte umzudrehen. endlich in der Schrift Friedrich Delitzschs: aDie große Täuschung" (1920), in der er sich (S. 7) ausürück- Aus dsm Inhalt: Geheimrat Ed. König-Bonn: Der moderne Kampf gegen die Geschichtlichkeit der Patriarchenreligion. » Arthur Silberglekt-Berli«: Psalm. — Dr. Ludwig Tavidsohn-Bcrliu: Zum Ableben von Hermann Heijecmans. — Joseph Weinsaft- Berlin: Unendlichkeit. — Maria Elisabeth Werte: Der Schritt über die Grenze. Die jüdische Gegenwart. — AuS den Gemeinden. — Ans der Bewegung. — VersammlnngSkaleuder. — Kalendarium. >> Radiogottesdienst. Jul Nahmen der von der Südweftdeutfchen Rundfunk- Aktiengesellschaft veranstalteten religiösen Morgenfeiern kam am Sonntag, den 16. November. Herr Nab-biner Dr. Seligmann zu Wort. Seine gur-gewählte Ansprache, die von der Bibelstelle der Opferung Isaaks auSgiug, unterschied sich 4n Form und Inhalt nicht von seinen Predigten im Gotteshaus. Sie bot jedoch gleichzeitig Gelegenheit, zuhörendcn Andersgläubigen ein Bild von jüdischer Religionsauffassung zu geben, durch die sich die Juden in alter Zeit weit über die sie umgebenden Völker stellten, und die heute noch wie damals lebendig und tu ihrer Ethik unübertroffen ist. Deutsche und hebräische Gesänge, von Herr« Oberka-nwr Nanmow-Fleischmann meisterhaft vorgetragen und von Organisten Herrn Würzburger begleitet, umrahmten di« Ansprache. Wie wir erfahren, drückten zahlreiche Hörer, insbesondere solche, die durch Krankheit außerstande sind, den Gottesdienst in der Synagoge zu besuchen, ihre Dankbarkeit für diese Gelegenheit aus, eine Stunde der religiösen Erhebung zu haben: und vielleicht wurde mancher andere dadurch angeregt. häufiger dem Gottesdienst beizuwvhnen. Damit rechtfertigen sich diese Andachten, welche keinen Ersatz für einen Gottesdienst darstellen, sondern in ihrer Weise zur Bereicherung des religiösen Lebens beitragen sollen. Herr Professor Dr. Jsmar Elbogen hat bereits an dieser Stelle über derartige Gottesdienste in Amerika berichtet, die eine erfreuliche Bereicherung der Möglichkeiten zur Ausbreitung religiöser Ideen darstellen. Und der Herr Iusüzmimster? Wie aus Cassel telegraphiert wird, wurden die Mitglieder des Jungdeutschen Ordens, die vor einigen Tagen in die Synagoge von Hersseld eingebrochen waren, die Bun-dcslade beschädigt und beschmutzt, sowie den Vorhang der Bundcslade gestohlen und in den Fluß geworfen habe«, aus der Haft entlassen. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Unfugs und Sachbeschädigung, aber nicht wegen Kirchenraubs und Schändung der heiligen Geräte. Es erscheint uns unbedingt erforderlich, daß sich das preußische Justizministerium sofort die Akten einfordert und bei der Cassler Staatsanwaltschaft auf eine sachgemäße Durchführung des Verfahrens gegen die Hersfelöer Synagogenichänder dringt. ie Wahrheit über die ostjüdische Einbürgerung. Eine der antisemitischen Wahl-Legenden der Rechtsparteieu ist die, daß der sozialdemokratische Innenminister Preußens. Herr Sevcring, die ostjüdische Einwanderung besonders protegiert. Der Führer der öeutschvölkifchen Freiheitsparlci. Neiuhold SSuBc, hat in einer Wahlversammlung behauptet. Minister Severing hätte in einem einzigen Jahre 90 000 Ostjuden naturalisiert. Die gesamte rechtsradikale Presse gab diese Bchiurptnng wieder. Minister Severing hat nun dem von Wulle heransgegebenen „Deutschen Tageblatt. das als erste Zeitung in seinem Bericht über die Wnlle-Nede die Ziffernangabe dieses Redners brachte, die folgende presscgesetzliche Berichtigung zngehen lassen: „Es ist unwahr, daß ich in einem Jahre 90 600 Ostjuden naturalisiert habe. Wahr ist vielmehr, daß in Preußen eingebürgert worden sind: insgesamt davon sremdstämmige im Jahre 19-! „ 1322 „ 1923 Ausländer . 6 953 . 19 895 . 17 817 Die Zahlen der Eintürgerungen b OstanSländer 757 993 360 iflürfy 1 °:M stehen noch nicht fest, jedoch Jahr eingebürgerte '--'int sie sich noch unter den im letzten ■ ■ nr*;ftl%1 Nch auf Welltzausen als fehle* vvraffsser fetuft, ftxts extremsten Ausläufer saudeu. Die Stoßkraft der drei gekennzeichneten Gturrmvelle«. die sich gegen die aeistesg«schtchtlich« Stellung der alttsraelitischen Kultur überhaupt neuerdings berauwälzten. mußte sich aber naturgemäß am heftigsten gegenüber der Patriarcheureltgion geltend mache». Dem» erstens kam Abraham aus Babvlout««. kounte atto am leichtesten babylonisches Kulturgm herübergebracht habe«. Zweitens schien die neuere B«-»veifelu»a der Vertrauenswürdigkeit der altisraelitischen Geschichtsbücher natürlich in bezug auf die Anfänge Israels am meisten geübt werde« zu können. Drittens könnte die darwtnistische VoratrSietzung. daß alle Geschichte sich auprimitive» oder rohen Grundlage« evtporentwtckvlt habe, gerade an der ä l t e st e n Gestalt der israelitische» Religionsgeschichte am meisten eine Bestätigunq findem Aber kau» die Patriarchenreligion durch die drei Stöße, die ^uerdtuggegen sie unternommen worden sind, wirklich auS ihrer geisteSgeschtchtlichen Stellung geworfen werde»? Untersuche» wir diese Sache! X Die moderne V«5y1v«isier»,««»etg»»a i» Kampf« mit der Vatri« rch«»r«ligto». Wie völlig berechtigt war der Jvbel über die geLungen« Entdeckung der babvlontlcken Kultur! Er roar der schöne Ausdruck des echtmenschliche» Streben-, all« erreichbaren Quellen der ErkennttviS za öffueu. mu durch alle von chne« dargebotenen Materialien «nd Farbe» da» Gesamtbild der menschlichen Kultur zu ergänzen «nd anschaulicher a»S» zumalen. A-ber mußte oder durfte dte neue Erkenntnis dazu führen, das frisch aufgedeckte Stück alter Krcktur nun als die AuSgaugS- »nd Gipselre ligio« aller Kultur deS Altertum»«uzuLrcheu? Nein,dtefepa«« babylonische Ansicht, welche alle Hauptmomeute der spätere« menschlichen Kultur a»f Babylon atS ihre» A»Sga»»gSv«»kt zurückführen will (hauptsächlich Hugo Wiuckler: Die babylonische Geisteskultur. 1907). die ist ein falscher AuSflutz der Begeisterung für die »enere» Entdeckungen. Und was ferner ist über solche neueren Sähe, »che ». B. den schon angeführten von dem ^Dörflet»»" Israel. baS seine Kultur aus der-Gro ß stadt Babylon bezöge« haben müsse, zu urteilen? Hängt wirklich von der Kleinheit eines Gebiets auch dessen politische und insbesondere kulturelle L e i st u n a ab. wie hauptsächlich auch Hu. Wiuckler behauptet? In: „Die Keilinschristen und daS Alte Testamentz' (S. 5) sagt er ja: „Dem kleinen Volk Israel fehlen für die Entwicklung einer eigenen Kultur die Vorbedingungen. Das Gebiet ist zu klein, es fehlen die Flüsse, welche als natürliche Verkehrsstraßen dienen könnten." Um eine richtige Beurteilung dieser Sätze zu finden, schaue man doch in die Blätter der Geschichte! Wie roaren di« griechischen Staaten so klein gegenüber dem Perserreiche mit seinen einhunöcrtunözwanZig Satrapien (Esch. 1, 1) und doch sind sie dem Koloß erfolgreich entgegengetreten! Hat sich ferner auch der g e i st i g e Einfluß des Hellenenvolkes nach der Kleinheit seiner Anzahl gerichtet? Nein, der Zwerg an äußerlicher Ausdehnung ist nach seiner Kulturbedeutung ein Riese geworden. Oder kann die Möglichkeit der kulturgeschichtlichen Selbständigkeit Israels durch den Hinweis auf die Schweiz (bei Hu. Winckler. Abraham als Babylonier, 1903, S. 12) bestritten werden? hat schon SDettti in der Zeitschrift „Der Beweis des Glaubens" (1904. S. 120f.) gewiß mit Recht geantwortet, daß die Sc^velz zwar „wohl entscheidende Anregungen von den großen Kulturstaaten empfangen hat. zwischen denen sie liegt, aber in der Hauptsache ihrem eignen Genius folgte und in der neueren Zeit sogar selbst Anregungen gegeben hat." Auf geistigem Gebiete wirkt eben nicht die natürliche Schwerkraft und Anziehung grober Körper. Hat doch auch sogar daS politisch besiegte Griechenvolk durch seine philosophisch gefchulte Geisteskraft, seine hervorragende künstlerische Anlage und seine schriftstellerische?lusbildung den siegreichen Römern „Gesetze gegeben" und überhaupt der Nachwelt bis heutigen Tageeinen unsterblichen Schatz von Ideen und Idealen hinterlassen. Wenn nun manche Neuere aus den soeben VeurteUten Beweggründen und Gesichtspunkten im allgemeinen geneigt sind, die israelitische Kultur von der babylonischen herzuleiten. wie sehr muß sich diese ihre Neigung in bezug auf die überlieferte Patriarchenreligion geltenmachen wollen, da Abraham aus Babylonien ausgewandert ist! In der Tat hat mau erstens RS in die neueste Zeit — erst wieder in der Schrift von W. Erbt: „DaL Judentum. Die Wahrheit über seine Entstehung". S. 10 — den babylonischen M o n d g o t t Sin als die Gottheit AbrahamS hinzustellen gewagt. Das leitet man daraus ab, daß in Abrahams Hcimatsort Ur (etwas südlich vom untersten Euphrat) der Monögott der Hauptgögenstand des Kultus war. und daß Abraham mit seinem Vater nach Charran (im westlichen Mesopotamien) wanderte. und auch in dieser Stadt der Mondgott ein Hauptheiligtum besaß. Aber welche Art von Logik zcigt sich in dieser Ableitung! Nach den Oircllcn und Tatsachen ist ja Abraham bei der Wanderung bis Elil-rrau nur der Begleiter feines Vaters Tcrach (><'t Tharaü) gewesen. Bis dahin hat er also nicht seinerseits