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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-11-28 · 42 (28.11.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
42 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fhrtoitm maturierendes Gymnasium, eine Real- (Sfltttel») Schul« und eine Volksschule errichten. Woher daö Geld? Woher die Lehrer? Woher die Schüler für diese fünf Schulen mit je s bis 8 Klassen? Bielleicht aber gehen die Absichten der Orthodoxen so weit nicht, und sie begnügen sich mit einer femvschten Knaben- und Mädchenvolksschule. Sie. die sonst o stolz waren auf »höhere Bildung ihrer Kinder und mit Aufbietung aller Mittel bemüht, eine solche ihnen zuteil werden zu lasten, wollen sie jetzt jedegeistige Streben der Heranwachsenden Generation gewaltsam unterdrücken? Oder wollen sie diejenigen Schüler, deren natürliche Begabung ein höheres Niveau zeigt, aus der jüdischen DolkSschule herauSnehmen und in die deutsche Simultanschule schicken? DleseS wäre daun doch eine halbe Maßnahme, und halbe Maßnahmen sind bekanntlich schlechter als gar keine. Abgesehen davon werden die Orthodoxen wahrscheinlich selbst so klug sein, voranszusehen. dajüdischen Schüler seitens ihrer neuen (christlichen) Kicnenkameraden mit den Worten begrüßt werden: »waS moll'. ihr hier bei unS, ihr habt ja eine eigene Schule". — Und diese Begrüßung wird der Auftakt sein .zu weit schlimmeren Drangsalierungen und Demütigungen, als sic heute, vielfach übertrieben, empfunden werden. Was also wollen die ostjüdtschen Orthodoxen? Wollen sie in Dentsclstand ein neues Ghetto errichten, sie, dt« aus ihrem alten des zaristischen Rußlands hierher zu «nS geflüchtet sind? — Und zu welchem Zweck? Sin tristes Kapitel für sich ist eS. daß auch gewisie beutschjüdtsche Kreise, mit den östlichen Glaubensgenossen fraternisierend und durch Dünn und Dick gehend, deren Schulpläne begünstigen. Hat es doch ein Dresdner Herr, ein Doktor juris, fertig gebracht, in einer öffentlichen Versammlung denen, die durch eine deutsche Simultanschule gegangen sind, den »jüdischen Geist" abzusprechen! Der von ihm ausgestellte Lehrsatz lautet also: »Die deutsche Simultanschule ist christlich und negiert den jüdischen Geist. Also tötet sie den etwa im jüdischen Schüler vorhandenen jüdischen Geist. Also ist dieser Schüler, wenn er die Schule verläßt. oi)nc jüdischen Geist. — Quod erat demonstrandum. — Dieser selbe hervorragende Jurist und Logiker verdankt aber seine zweifellos sehr profunde Bildung dem erfolgreichen Besuch deutscher Gymnasien und Universitäten, also den von ihm als unheilvoll geschilderten (christlichen) Simultanschulcn. Da er selber seinen lebendigen jüdischen Geist bei jeder Gelegenheit betont, muß dieser doch vorhanden, kann also nicht lvl seiiu Schreiber dieses, der kein Jurist und kein berufsmäßiger Logiker iß. argumentiert also: Dr. I. L. hat 2 Jahre Vorschule, 8 Jahre Gmnna-ium und 4 Jahre Universität absolviert. Also iß Dr. I. L. 14 Jahre in (christlichen) Simultananstalten unterrichtet worden. Tr. I. L.'s jüdischer Geist ist über den Durchschnitt ausgeprägt und lebendig. Also war seine gründliche Ausbildung auf (christlichen) Simultanschulen der gründlichen Ausbildung seines jüdischen Geistes förderlich. Also bejaht die (christliche) Simultanschnle den jüdischen Geist. — Also negiert sie den christlichen Geist. — Also tötet sie den christlichen Geist. — Quod erat demon* strandum! — Jawohl. „Sophia" ist eine schöne Sach«, sie darf nur nicht in „Sophisma" ausarien. Berlin. Das Wohlfahrtsamt der indischen Gemeinde Berlin verbreitet folgenden Aufruf: »Ghannhch naht! Tausende von Kindcrherzen harren deS Augenblicks, da der Menorah-Kerzenschimmer wieder erstrahlen wird. Hoffen sie doch, daß ihnen liebe-volle Hände nach altem Brauch das Fest durch Gaten verschönern werden. Mancher L^arer und manche Mutter wissen aber heute unter dem harten Truck der seit nicht, wo sie die Mittel zum notwendigsten Lebensunterhalt hernehmen sollen, viel weniger können sie daran deuten, die Wünsche ihrer Kinder zu erfüllen. Sollen ivtr >da untätia zusehen, daß statt Festesfreude Betrübnis ins (temüt der Kinl-er einzicht? Nein, das wird keiner wollen, der wahrhaftig jüdisches Empfinden besitzt. Helfe uns daher jeder nach seinen Kräften, unserer bedürftigen Jugend ein frohes Ehannkah durch bescheidene Feiern, durch nützliche Gaben zu lereitcn. Wir bitten Sie, unsere Bezirke bei ihren Sammlungen zu unterstützen und ihnen für diese Arbeit Geld- und Sachspenden in reichem Maße zukommen zu lassen. Die Bezirke nehmen auch Namen dedürftiger Kinder entgegen. Wir halten uns b«r Mitwirkung aller GlauSenSgenossen versichert." , , Berlin. Die Wahlen zur Reprasentandenversammlung der jüdischen Reform-Gemeinde finden am Sonntag» beu 80. November, vormittags von 11—1 Uhr. im Logimhanse» Joachimsthaler Straße 13, statt. M Am 2. Dezemebr veranstaltet die jüdische Reform-^Demeinte, abends 7ih Uhr, in dem Logenhause Emserstraße 18, den ersten Gemeindoabend, an dem Herr Justizrat Dr. Brodnitz und Iran Samoje über «DaS jüdisch« HauS" spreche» werden. . Berlin. Der Ausschuß der Gesellschaft r«r Fvrderung der Wissenfchaft des Judentums E.B. hat jüngst in feiner Sitzung beschlossen, die Herausgabe der von ihr etngeleiteten Schriftenreihen energischer z« fördern und die Kommissionen für daS Corpus lannaitieurn. den Grundriß der Gefamtwistenschaft des Judentums und die Germania Judaica wieder in Wirksamkeit zu rufen. Zum Ersatz für die durch Tod auSgeschiedenen Mitglieder wird eine Anzahl Herren kooptiert. Berlin. Mit Rücksicht auf das wachsende Jntereste weiter Kreise für die Lesehalle und Bibliothek der jüdischen Gemeinde in der Jasanenstratze (Synagvgengebäud^ nnd vielfachen Wünschen entsprechend, hat der Gemeindovorstand be- MVinffMt Lesezeit im aenannten Institut ab 1. Dezember bedeutend zu erweitern. Die Lesehalle wird künftighin wie folgt geöffnet sein: Sonntag, Montag. Dienstag, Mittwoch. Donnerstag 4—10 Uhr abends. Freitag nnd Sonnabend vom Schluß des AbendgotteSdienstes bis 10 Uhr abends. Außerdem Sonntag von 10—3 Uhr vormittags. In den Leseräumen liegen ca. 100 Zeitungen und Zeitschriften ans. Die Bücherei umfaßt über 10 000 Bände. Di« Benutzung der Zeitschriften und her Bücher ist für jedermann frei. Breslau. Der Liberale Verein der Synagogen-Gemeinde zu Breslau veröffentlicht an die Breslauer Gemeinde-Rditglieder folgenden Aufruf: „Am 1. Februar 1025 findet die Wahl zum Landesverbände statt. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat außerordentlich große Ausgaben zu erfüllet^. Zu diesen gehören insbesondere die Vertiefung des religiösen Lebens, die Förderung des Religionsunterrichts, Schaffung und Erhaltung von gemeinsamen Einrichtungen und Anstalten zur Förderung und Verbreitung jüdischer Wissenschaft, die Hebung der Stellung unserer jüdischen Kultus- und Gcmeindebearnten, Ausgestaltung der sozialen Fürsorge, Erhaltung und Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden, und darüber hinaus die Vertretung der preußischen Juden nach außen, die Mitwirkung an allen gesetzlichen Maßnahmen, welche die jüdische Religionsgemeinschaft betreffen. Wem die gesunde liberale Entwicklung des Judentums und die Aneckennullg, sowie die Festigung seiner Stellung im Staate am Herzen liegt, der wähle in die Versammlung nur liberale Männer und Frauen. Erfüllt von Begeisterung für die unvergänglichen, von den Vätern überkommenen religiösen Werte des Judentums, durchdrungen von der Treue zur deutschen Heimat, lehnen wir alle nationaljüdischen Bestrebungen mit Entschiedenheit ab. Wir achten die religiöse Ueberzeugung aller Richtungen und werden für deren Wahrung stets eintreten. Wir fordern aber die gleiche Achtung und das gleiche Recht auch für unsere liberale Auffassung des Judentums und werden mit allem Nachdruck eine lebendige Entwicklung der jüdischen Religion, unserer Kultuseinrichtungen und unseres Religionsunterrichts zur Durchführung bringen. Männer und Frauen! Wer mit uns so Judentum und moderne Kultur für uns und unsere Kinder dauernd im Einklang erhalten will, der übe am 1. Februar 1925 sein Wahlrecht aus und wähle die liberale Liste: Alfred Bielschomsky. Justizrat Kalisch, Max Gins. Cuct Brienitzer, Frau Paula Ollendors, Dr. Darnowsky, Danttätsrat Dr. Jungmann. Lehrer Freundlich, Ignatz Malsch. Rechtsanwalt Spitz." Hanau. Im benachbarten Langenselbold konnte die israelitische Gemeinde unter reger Beteiligung ihrer Mitglieder und vieler auswärtiger Gäste das Fest des Mähriaen Bestehens ihrer Synag-oae begehen. Lehrer N. Ebrenreich. der über 20 Jahre als Kantor und Lchrer im Dienste der Gemeinde stand, seit dem 1. November aber aut Grund der ZMauverordnung in den vorläufigen Ruhestand treten amßte. hielt di« Festrede, die a»f alle Teilnehmer rraciHaltige» Eindruck machte. Hüfte». Schmutz-ftnger besudelte» fast alle Grabsteine des jüdischen Friedhof-. Allem Auschet» nach, wie nach den Hakenkreuzen auf de» Steinen zu urteilen ist, scheinen «S junge unerfahren« Bürschchen gewesen zu sein. Lambsheim. Auch auf dem hiesigen u«d auf de« »wische» Bodenheim und Roxheim liegenden israelitischen Friedhof zerstörte antisemitisches Gesindel zahlreiche Gra-bsteine. Die KuituSgemernde Roxheim (Pfalz) hat eine hohe Belohnung ausgesetzt, dennoch sind Mc Täter bisher w» der Polizei nicht ermittelt worden. Landsberg a. d. Warthe. Am Sontag, de« 18. November, fand hier eine Sitzung deS Verbandes der Synagogen- Gemeinden der Neu- und Grenzmark statt. Auf diesem Verbandstage wurde der Haushaltsplan beraten und genehmigt nnd vorläufig von der Anstellung eines Wanderlehrers abgesehen. Erfreulicherweise scheint mmmr-r die regelmäßige Abhaltung eines Gottesdienstes und des Unterrichtes durch die Beamten der BerbandSgemeinde» in den dem Verbände angeschlossenen Gemeinten gesichert zu sein. Bedauerlich ist, daß ein großer Teil von letftnngSfähigen Gemeinden dem Verbände noch «tcht bcigetreten sind, und daß sogar einzelne Gemeinden eS nicht der Mühe für Wert gehalten haken, auf eine entsprechende Anfrage zu anbworteu. Ein Zeichen von unerhörter Gleichgültigkeit. LandSberg a. b. Warthe. Wegen angeblich za hoher Steuern sind drei sehr wohlhabende Mitglieder ans der Synagogen-Gemeinde hier ausgetreten. Zwei dieser Mitglieder gehören den ältesten Familien der hiesigen Jute» an. Kommentar überflüsiig. Magdeburg. Einen erhebenden Genuß bot de« Mitgliedern unserer Gemeinde daS am Bußtag tn der Synagoge veranstaltete WohltätigkeitSkvnzert. Dte mustergültige Bortragsfolge wurde von Frau Mlzzi Marx-Jreiberg alS Sopranistin, Kantor Max Teller als Barritonist und dem Organisten Edmund Kitzel in glänzender Weise zu Gehör gebracht. Herrn Kantor Teller, der ein bewährte- Vorstandsmitglied des Magdeburger Jlt ist, muß. für die Veranstaltung noch besonderer Dank gezollt werden. Recklinghausen. Hier starb der seit kurzem fern Ruhestand lebende Lehrer, Kantor nnd Prediger, Simon Tanncnbaum. Bei der Beerdigung, an der u. a. auch die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden teilnahmen. schilderte Rabbiner Dr. Brater-Ansbach das segensreiche Wirken deS Verstorbenen. Für die Gemeinde sprach der Vorsteher, Rechtsanwalt Bachach, namenS deS Vereins israelitischer Lehrer der Nachbarkollege Emannel-Herue. Worms. Am vergangenen Sonntag wurde tn Anwesenheit des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Her Beamten und der Vorstände sämtlicher jüdischer Vereine ein jüdisches Museum eröffnet. Zur Erinnerung an dte vor 800 Jahren von David Oppenheim erbaute Raschi-Kapelle fand am letzten Sabbath eine gottesdienstliche Feier statt. Aus diesen Anlaß ist auch im hiesigen Verlag von Christian Herbst eine Schrift ..Nascht" von S. Rothschild erschienen, Hie ein Lebensbild des großen Mannes glitt und mit fünf Bildern geziert ist. Preis 1.50 M.) wescyasuuye '-ilriielrrmqen. Der heutigen Auflage liegt et« Prospekt der Deutschen Demokratischen Partei" bei. Dte Firma Friedrich Dorrt»«. PoiSdamer 6t*. 40, hat sich evttcblassen! yrer werten Mindlchalt ,ur re»u«tlig«n Dickung des rLciiinachlSbedarlS in levotchrn. Läufern und rlusiesettusfen t>,4 «nf n>*Urr»4 20 JjtcMitJ "aball au gewäbren. Die selten günstige Deteae^detl dürfte ledrrman» zum Sinkauf bei obiger Firma bewegen. NNes Naber, tfi au» de« 3nfetal der Firma Friedrich Doering. Potsdamer €tr 40, a» ersehen. gesellsftaffsu. Smokmaa^ttm mach Maß aus Ja Stoffen tn -g «* rj vollendeter Paßform Mark iJv/*“" ßso Sonnenschein, vasdatwr «5Ü-. 35 Telephon t Uttzom POST ■ui 1111 iiw mmii 1 iiimiiiiwiiii imiiii'iiiiii In dem künstlerisch belanglosen Tendenzstück ^Der Panzer^ hat er mit beredter Stimme vor den Folgen des Militarismus gewarnt: in einem anderen kurz nach Erfindung des Flugzeuges erschienenen Buche warnte er vor einer Verwendicng dieser neuen Waffe in einem zukünftigen Kriege. — Dichterisch höher steht sein 1Ü03 erschienenes öreiaktigeö -Spiel vom Lande" ,2Cca et labora". Es zeigt uns in niederorückender Elnsörmigkeit das Elend der friesischen Landarbeiter und soll beweisen, daß auch Beten und Arbeiten den Proletarier nicht vor dom Untergang bewahrt. Die sozialdemokratischen Gruppen aller europäischen Länder bcrben daraufhin Heisermans zu einem der ihrigen erklärt — zu Unrecht! Er stand über allen Parteien und hat auch eben diesen Parteien, diesen bureaukratisch organisierten Or<»orttlnisten öfters nachdrucksvoll den Spiegel oorgehalten. Seine meisten Stücke aus dem Anfang dieses Jahrhunderts schildern allerdings hauptsächlich soziales Elend. Wie ergreifend ist das 1U04 erschienene Drama „Blütenmond", dieses Bild ans der W-elt der alten Dienstboten, derer nach einem Leben voll Arbeit uud Mühen die Altersanstalt harrt, wo sie hungernd und frierend einem trüben Ende entgegenbrüten. Einen nachhaltigen Erfolg hatte seiner Zeit in Berlin bei ausgezeichneter Darstellung auch sein Drama ^Kettenglieder", Szenen aus dem Familienleben eines zum Fabrikariten gewordenen Arbeiters, der mit allerhand Banden an die 'Vergangenheit gefesselt ist. und schließlich von seinen ,/gebilde-en" Kindern um alles Lebensglück gebracht wird. Ausgesprochene sozialistische Tendenz liegt ferner in dem Schausoiel .Die neue Sonne", daö den erdrückenden Kampf des Warenhausbesitzers gegen den kleinen Ladeninhaber j. der sich aber nicht unterkriegen läßt und den Kopf oben behält. — Es wäre ermüdend, alle Bühnenwerke Herjermans aufzuzählen und ihre Wirkung und Verdienste gegeneinander ab- Luwägen: er hat bei seinem ungeheuren Fleiße ihrer zn viele geschrieben. Bei allem Talent und bei aller Virtuosität der Beobachtung sind fast alle seine Stücke doch zeitgebundcn und ke'nc Kunstwerke geworden» die die Jahrzehnte überdauern können. Sie wirken heute — ähnlich wie die meisten Hanptmannschc« Stücke — schon stark abgeblaßt und werden — mit Ausnahme der „Hoffnung aus Segen" — in kurzem lediglich nur noch literarhistorisches Interesse für sich in ck '.spruch nehmen können. Als fjlomanschriststell'er, Novellist und vor allem alS Verfasser unendlich vieler Skizzen hat sich ater HeijermanS einen dauernderen Platz in der Weltliteratur erworben. In rrrschiedeneu, umfangreichen Bünden — zum Teil unter dem 2.amen „Falklandsskizzen" — sind seine Kurzgeschichten erschienen,- ein Reihe von ihnen sind in alle Kultursprachen übersetzt morden. Hier hat der unerschöpfliche Schnellzeichner bewiesen, daß auch eine Kleinkunst groß sein kann. Viele dieser Skizzen werden noch eine Fundgrube für die Psychologen und Soziologen der Zukunft sein; in ihnen ist sein Stil ganz persönlich. Durch ganz neue, eigene Wortbildungen weiß er in außerordentlich glücklicher Weife zu typisieren, in wenigen Sätzen viel zu sagen, Lebensprühendes und Neues rasch und frisch zusammenzudr äugen. — In seinen größeren Prosaarbeiten hat HeijermanS vor allem da Ausgezeichnetes und Wertzolles geboten, wo er zu dem jüdischen Milieu seiner Vaterstadt, das er so ganz von innen heraus kannte, zurückkehrte. Die erschütternde Erzählung „D t a m a n t st a d t" — wie seine meisten Werke bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienen — spielt wieder im Amsterdamer Ghetto unter den armen jüdischen Diamantschleifern des östlichen Stadtteils. Sie ist aus einem tiefen, sozialen Empfinden heraus geschrieben. Hier ist er wieder zum Dichter geworden und hat mit Tränen in den Augen in das ganze Elend und die Verkommenheit dieser Deklassierten hineingelenchtet. Die Schilderung und Charakteristik dieser noch in Schmutz und unsagbarer innerlichen und äußerlichen Jämmerlichkeit dahin-vegiticcenden gedrückten Juden hat etwas Seelenauswühlendes. Dieses Buch kann ganz nur von Juden verstanden werden. Bilder voll düsterer und schwerer Tragi! hat der Autor hier anfgerollt, nicht nur mit der an Photographie erinnernden Detailkunst des damals modernen Naturalismus, sondern von einem anderen höheren Gesichtspunkt aus, inniger, wärmer, anteilvoller. Es ist sehr viel heiße Liebe und Herzblut und weniger von seiner „zeichnerischen Griffelknnst" darin. — Ergreifenist in dieser ganz und gar jüdischen Dichtung das an uralte Zeiten erinnernde Ringen um Gott. Es ist ein sehr guälcndes und trübes Buch, aber voll hoher dichterischer Schönheit und subttler Zeichnung der Hauptgestalten: es hat keine toten Stellen. Auch das Nebensächliche ist bedeutungsvoll und für das Ganze wichtig. Diel schwächer ist die besonders in Deutschland berühmt gewordene Novelle „Trinette", eine webe Klage über menschliches Altern und irdische Vergänglichkeit, (bei S. Fischer erschienen). An „Diamantstadt" ebenfalls nicht heranreichend ist auch sein schon erwähntes ,^Sabbathbnch", mit der peinlich getreuen Milieuschilderung, bei der man fortwährend des angehefteten Jargonlexikons bedarf, um sich znrechtftnden zu können. Als gereifter Mann gründete Heisermans in Amsterdam ein Theater, das nur der' Kunst dienen, das keine Geschäfte machen sollte. (Anders als gewisse Berliner Knnstkanflcute.) Mit bewundernswertem Idealismus hat er diese Bühne geleitet und sich nnd sie natürlich arm gemirtschaftet. Mit reinem Wollen und mit ausschließlichem Streben nach echter Kunst ist in unserer heutigen innerlich leeren, betriebsam-moterürilftische« Zeit noch niemand auf seine Kosten gekommen! — Während seiner ganzen Bühnenleitertütigkett hat «r jedoch noch „nebenbei" fast übermenschlich schriftstellerisch gearbeitet und außer seinen Büchern noch eine unübersehbare Menge von Artikeln für Zeitungen geschrieben. Jetzt hat ihm der Tod die Feder au8 der fleißigen Hand genommen. Bei aller Trauer um den Verlust, den die ganze Kulturwelt erlitten hat. darf sich ein Gefühl des Tankes dem Schicksal gegenüber geltend machen, daß das Leben dieses Ddannes so innerlich reich und von Arbeit und Erfolg in höherem Sinn erfüllt gewesen ist! Eine kleine persönlich« Erinneruna an den liebenswürdigen und immer humorvollen Menschen möchte ich noch erzählen. Ich lernte ihn 1907 bei einer Theateraufsübrung kennen. Er erzählte mir damals, daß ihn ein „-ur Pflege der Literatur und Förderung der Kultur" gegründeter Berliner Jungmädchenverein am nächsten Sonntag zu einem Anssluge nach Finkenkrna eingeladen habe. Er habe zngesagt, da er sehr k i n d e r li e b sei. und forderte mich auf mitzutommcn. Am darauffolgenden Sonntage fuhren mir dann gemeinsam mit den entzückenden Blaustriiwnschen vom Stettiner Bahnhof aus ins Freie. Es war Hochsommer und unerträglich heiß. Im Walde wurde Rast gemacht, dir Jungmädchen kochten im Freien Kaffee ab, und dann hielt der Oberbackfisch einen gewichtigen literarischen Vortrag über den Dichter, der das Lachen dabei nicht verbeißen konnte. Zum Schluß wurde der Hochgefeierte gebeten, in das große Vereinsstammbnch einige Zeilen zu schreiben von „ganz b e - s 0 n d e r e r Tiefe und von echt H e i j e r m a n s s ch e m Geiste erfüllt". HeijermanS überlegte lange angestrengt, nahm dann seinen Füllfederhalter, schrieb etwas in großen Buchstaben hinein und klappte das Buch zu mit der Weisung, das Geschriebene erst in einer Stunde zu lesen. Darauf zog er sich zu mittäglichem Schlaf in das Gebüsch zurück, während ich ihm die Mücken abwehrte. In ehrfürchtiger Geduld wartete di« muntere Schar einige Zeit, dann konnte sie ihrer Neugier nicht mehr widerstehen. Sie schlugen auf und lasen: „Es i st heute sehr heiß. Hermann HeijermanS". Vergeblich attackierten sie hieranf den Schläfer,- ec antwortete ans ihre flehentlichen Bitten nach „Erweiterung der Inschrift" nur mtt durchdrmgendem Schnarchen und Grunzen. Ob er späterhin noch eine neue Eintragung vorgcnommen hat. entzieht sich meiner Kenntnis. Genau entsinnen kann ich mich jedoch, daß er in Finkenkrna sehr drollig war und Süßigkeiten spendierte. — I^equiescat in pace!

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