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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-11-07 · 39 (7.11.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
39 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Diener Brief. Die israelitischev SultttSwahlcu. GS hat den Anschein, als ob die in diefemMonat statt- Vorstandswahl -er Wiener.Kultusgemeinde in -er Wählerschaft ein lebhafteres Echo fände, alS in früheren »reu. Ob dieser Schein nicht trügt, wird freilich erst die Wahlbeteiligung zeigen. Doch selbst, wenn die Symptome sich als falsch erweisen sollten, kann man ihr Borhanden - sein nicht in Abrede stellen: und das ist um so unerwarteter. als sich die heurige Wahl im Zeichen eines Kompro - miffes zwischen jenen Parteien Vollzieht, die einander bisher in hartem Kampfe die Mandate streitig gemacht hatten. Die Liberalen, die Orthodoxen und die Zionisten haben sich auf eine gemeinsame Liste geeinigt, und so schien diesmal jede Voraussetzung für einen Wahlkampf beseitigt m sein. Wenn nun die Kandidaten der gemeinsamen Liste trotzdem eine überaus rege Versammtngstätigkeit entfalten, so tun sie dies durchaus nicht aus oberschutz an Nedeeifer, sondern aus der unangenehmen trkenntnis heraus, daß die Wählerschaft die Abkartungen der Führer durchaus nicht widerspruchslos hinnimmt. Es macht sich vielmehr in- und außerhalb der Versammlungen ein oppositioneller Geist sehr bemerkbar, der sogar schon ziemlich sonderbare Blüten gezoitigt hat. Die sonderbarste ist ohne Zweifel die, Konstituierung einer frondierenden „sozialen Wahlgemeinschaft". die ganz unverhüllt unter der Patronanz der Sozialdemokratie steht. Um das Mißtrauen der Kultuswähler gegen die Liste einer Partei, die Hbti Religion gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenübers^ht, zu beseitigen, verspricht die genannte Wahlgemeinschaft, alle rein rituellen Angelegenheiten einem autonomen Komitee religiöser Sachverständiger zu überweisen, und will dafür im Rahmen des Kultusvorstandes ihre Hauptsorge auf soziale Tätigkeit tn der jüdischen Gemeinde zuwenden, deren Vernachlässigung sie den bisherigen Vorstandsmitgliedern vorwirft. Die Hauptankläger in dieser Beziehung und diejenigen, auf deren Hilferufe das Eingreifen der Sozialdemokraten in diesen Wahlkampf in erster Linie zurückzuführen ist. sind — die Beamten der Kultusgemeinde. Vergebens suchen die bisherigen Mandatare — Liberale und Zionisten — diese Anklagen sachlich zu widerlegen. Das Versagen solcher Argmnentik beweist, daß die Anti-, pathie der Wiener Juden ohne Unterschied der Partei gegen die Kandidaten der Kompromißliste tiefer wurzelt als in sachlichen Tagesfragen. Zum besseren Verständnis dieser Antipathie ist eine kleine historische Reminiszenz nötig. Die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahl- - rechtes imJahre 1905 für österreichische Parlamentswahlen ermutigte die Wiener Zionisten, damals in der Leopoldstadt mit,eigenen Kandidaten für die legislativen Körperschaften /Neichsrat und n. ö. Landtags mit den anderen Parteien in den Wettbewerb um die Gunst der Wähler zu treten. Diese Gunst erwies sich für die neue Partei ziemlich spröde, und ihre Wahlwerber konnten nur als Zählkandidaten gelten. Es waren Männer, die in bürgerlichen Berufen tätig waren und nach ehrenvoll erfüllter Parteipfvicht wieder in diesen zurückkehrten — bis auf den letzten,. Das war der Herr Eisenbahnbeamte Robert Stricker. D^r hatte am Auftreten in der politischen OeffeMichkeit solchen Gefallen gefunden, daß er sich nicht entschließen konnte, die schöne Zeit seiner mehr oder weniger rauschenden Versammlungstriumphe mit der kurzen Episode eines Wahlkampfes endgültig zu beenden. Er hing also seinen bürgerlichen Berus an den Nagel, d. h. er ließ sich mit dem Titel Oberbaurat pensionieren und warf - sich ganz der hohen Politik in die Arme. Zu diesem Zwecke mußte er sich zunächst erst in der eigenen Partei eine Position schaffen. Er tat dies, indem er mit einem beträchtlichen Maße von Brutalität und Grobheit alle feineren HLüpfe, die bis dahin im Wiener Zionistenlager die re- ".Ittäseniativen Rollen innegebabt hatten, mundtot machte, und Anihnen das Wirken in der Partei so verekelte, daß sie sich »-gkbllevd zurückzogen. Das Demagogentum, das ihre Stellen usurpierte, bemühte sich, sogar die gefährliche Erinnerung an die einstigen Leuchten der Partei zum Verblassen zu bringen, und nur aus gelegentlichen — Nekrologen darf die Oesfentlichkcit erfahren, daß auch die eigentlichen Schöpfer des Wiener Zionismus, ja des modernen Zionismus überhaupt. sich um die Partei doch auch einigermaßen verdient gemacht hätten. . . . Mit den Erfolgen in der eigenen Partei begnügte sich ' aber Herr Stricker nicht. Diese sollte ihm nur als Sprungbrett für eine politische Karriere in Oesterreich dienen. Er wollte durchaus offizieller Volksvertreter werden, und da seine Erfahrungen als Zählkandidat für den österreichischen . Reichs rat einer Illusion seines baldigen Einzuges in diese Körperschaft nicht eben förderlich waren, trat er einfach für die Schaffung eines eigenen indischen Parlaments ein. Der Gedanke einer jüdischen Autonomie auf nationaler Grundlage hatte im alten Oesterreich, wo bereits ' acht anerkannte Nationen hausten, so daß es aus eine «ehr oder weniger nicht mehranbam, wenigstens einen Schimmer von Berechtigung, fand allerdings bei den Ostjuden Galiziens und der Bukowina größeren Anklang als bei den Wiener Juden. Herr Stricker verfocht aber diesen Gedanken auch in dem Neu-Oesterreich der Nachkriegszeit. das zwar bedeutend kleiner ist ülS Alt-Oesterreich, aber dafür national einheitlich. In diesem staatlichen Neugebilde, das für alle sonstigen Vergewaltigungen wenigstens durch die Aussicht auf inneren nationalen Frieden entschädigt zu sein schien, wollte Herr Stricker allen Ernstes eine gesonderte Legislative für das Judentum organisieren. Sein Plan erweckte begreiflicherweise die größte Begeisterung — der Antisemiten. Die Juden, die zum Glück genug Intelligenz besitzen, erkannten rechtzeitig den Abgrund. in den sie die Sucht ihres „Führers", um jeden Preis zu Mandatsehren zu kommen, stoßen wollte, und taten nicht mit. Obwohl zu der Zeit, da Herr Stricker an die Zusammenstellung der Wählerlisten für die jüdische Konstituante schritt, die oft. jüdischen Kriegsflüchtlinge, die Hauptstützen der jüdischnationalen Partei, noch sehr zahlreich in Wien wellten, mußten die Wahlen, die bereits ausgeschrieben waren, mangels jeglichen Interesses der prädestinierten Wähler immer wieder hinausgeschoben werden, zuletzt ad kalendas graecas. ... Trotzdem darf keineswegs von einem Fiasko der nationalen Belange des Herrn Stricker gesprochen werben: denn diese leben weiter und leben kräftiger als je im Parteiprogramm — der Hakenkreuzler, die mit Begeisterung die Strickersche Forderung eines eigenen JudengesrtzeS im Staate zu der ihrigen gemacht haben. Und — glücklicher als Herr Stricker — beginnen sie diese Forderung auch, bereits dort, wo sie die Macht haben, in die Praxis umzusetzen. Unverkennbares Machtgobiet des deutschnationalen Chauvinismus ist zum Beispiel der heißumstrittene Boden der österreichischen Hochschulen. Dort haben es die Hakenkreuzler jetzt durchgesetzt. daß in das Nationale, welches jeder Inskribierende auszufüllen hat, die Rubrik ^Volkszugehörigkeit" ausgenommen wurde. In Friedenszeiten hatten die akademischen Behörden die Zumutung nach Einführung dieser Rubrik entschieden zurückgewiesen. Die Träger dieser Forderung waren damals die — Jüdischnationalen. Und da sie mit ihr nicht durchdrangen. forderte^ sie die jüdischen Studenten auf, in der Rubrik „Muttersprache" ungefragt das Bekenntnis zur jüdischen Nation beizufügen. Wer dieser Aufforderung nicht nachkam, also die vorgedruckte Frage nach der Muttersprache bloß sachlich richtig mit „deutsch" bzw. „polnisch", tschechisch" usw. ohne den Zusatz „jüdischer Volkszugehörigkeit" beantwortete, wurde von der Stricker-Partei als Verräter am Judentum gebrandmarkt und beschimpft. Man sollte also meinen, die Wafsenhilfe der Hakenkreuzler habe Herrn Stricker zu einem billigen Triumph verholten. Merkwürdigerweise ist von einem solchen Triumph nichts zu merken. Die jüdifchnationale „Morgenzeitung". da.s Organ des ,^ielbewußten" Volksführers Stricker, tobt und wettert jetzt vielmehr dagegen, daß die jüdischen Studenten, die gegenwärtig ' einen verzweifelten Kampf um ihre Lernfreiheit führen, zwangsweise ein nationales Bekenntnis zum Judentum ablegen sollen. Ja. sie machen diejenigen, welche heute diesen Zwang ausüven wollen, zum Objekt der gehässigsten Kritik, die zwar vom Standpurrkt des gesunden Menschenverstandes durchaus gerechtfertigt erscheint, sich aber gerade deshalb als eine wahrhaft vernichtende — Selbstkritik der Stricker-Klique darstellt. Also ist Herr Stricker, wie dieses Beispiel — eines für viele! — lehrt, inkonsequent? O nein! Herr Stricker verfolgt mit einer Konsequenz, die geradezu imponierend ist, sein Lebensziel: ein Faktor des öffentlichen Lebens zu sein. Nur. im.Sinne dieser Konsequenz ist feine Taktik zu beurteilen: „Geht es nicht „ so, dann geht es eben anders." Herr Stricker bekämpft die jüdischen „Assimilanten", ö. f. die jüdischen Nichtzionisten, bis aufs Messer, er befehdet sie viel schärfer und temperamentvoller als den Antisemitismus. Einem Mandat zuliebe ist er aber bei den letzten Parlamentswahlen mit einer jüdischen „Einheitsliste", die in brüderlicher Liebe Assimilanten und Jüdischnationale umfaßte, auf den Plan getreten. Seit dem Fiasko des eigenen Judenparlaments will sich nämlich Herr Stricker auch mit einem Mandat in der bsterreichischen Nationalversammlung „begnügen". In die Konstituante ist er 1919 auch wirklich hinetngekommen, und zwar mit Hilfe der damals gestatteten Listenkoppelung mit allen möglichen Parteien. Nach der Abschaffung der Listenkoppelung ist nun Herr Stricker bemüht, sich auf andere Weise die Stimmen politisch Andersgesinnter nutzbar zu machen. So ist er auf den Ausweg der „jüdischen Einheitsfront" gekommen, die ihm die Schützenhilfe jener sichern soll, die er noch kürzlich als die „ärgsten Schädlinge des Judentums" schärfer bekämpft hat als die Antisemiten. «Den Liberalen hat dieses Bündnis bisher wenig Nützest gebracht. Es konnte bei den letzten Wahlen in den ö ft e r * reichifchenNationalrat den Durchfall, des populären, um das Judentum hochverdienten Demokraten Dr. Schwarz-Hiller nicht verhindern. Bei den Kultuswählen ist die Gefahr eines solchen Debakels nicht gegeben. ■ Die Liberalen, die auch heute noch die Majorität tn der Kultusstube besitzen, wurzeln zu fest im Vertrauen der Wühler, um befürchten zu müssen, über Nacht hinweggofegt zu' wqrdeu. Das darf sie aber nicht die Gefahr verkennen lassen, die ihnen von dem Kompromiß mit der Stricker-Klique droht. Diese Gefahr wird vielleicht bei der jetzigen Wahl ziffernmäßig nicht einmal so recht in die Erscheinung treten. Es ist aber kein Zweifel darüber erlaubt, daß sie besteht — und zu Recht besteht. Denn die bisher schon so oft' und auch diesmal wieder deutlich genug zum Ausdruck gebrachte allgemeine Abneigung gegen Herrn Stricker beruht zum wenigsten auf politischen Gegensätzen. Tobt doch die Opposition gegen diesen Führer" gerade im zionistischen Lager am heftigsten, und die „Wiener Morgenzeitung" vom 1. d. M. enthielt eine ganze Proskriptionsliste prominenter Jüdischnationaler, die aus der Partei ausgeschlossen wurden, weil sie sich erkühnten, gegen die Strickersche Wahlparole zu agitieren. Andererseits muß festgestellt werden — und ich besorge diese Feststellung mit freudiger Genugtuung—, daß das Interesse am Wiederaufbau eines jüdischen Palästina auch in liberalen Judenkreisen ständig wächst. An gesichts dieser Tatsachen wird es Herrn Stricker nicht gelingen. sich als das Opfer eines Kampfes divergierender Weltanschauungen hmzustellerr. Die gründliche Ablehnung feiner aufdringlich angebotenen Führerschaft von seiten der Wiener Juden entspringt vielmehr einem sehr gesunden Instinkt gegen das Berufspolttikertum. Den Schaden, den die Usurpierung politischer Macht durch sozial impotente Ehrgeizlinge und Desperados anzurichten vermag, spürt Oesterreich in allen Gliedern. Eine wirkliche Sanierung dieses Staates ist nur von der Verdrängung des größenwahnsinnigen Dilettantentums durch sittlich und fachmännisch auf der Höhe stehende Gesetzgeber zu erwarten. Der israelitische Kuttusvorstamd bat sich in segensreichem Gegensatz zu den anderen parlamentarischen Körperschaften Oesterreichs von dieser Pest bis vor kurzer Zeit reingehalten. . Die Kultusstube wag niemals, am wenigsten, seit dem Aufkommen des Antisemitismus, ein . Sprungbrett zu politischer Macht. Die Gemeinde lebte vielmehr von dem Opfersinn solcher Männer, die sich im Privatleben eine hohe soziale und materielle Position zu schaffen verstanden hatten und diese persönlichen Errungenschaften aus idealen Gründen in den. Dienst der Judenheit stellten. Diese, gute Tradition macht die Abneigung - des jüdischen Wiens gegen Streber, die.den umgekehrten Weg einschlagcn wollen, begreiflich und sympathisch. Daher laden die bisherigen Erwählten der Wiener Judenschaft, indem sie Herrn Stricker durch ein Wahlkompromitz den Weg zu einer repräsentativen Stellung ebnend die er aus eigenem nicht so leicht erreicht hätte, eine tragische Schuld auf sich, die sich, wenn auch wahrscheinlich noch nicht diesmal, so doch bei späteren Wahlen sehr leicht rücken könnte. Caveant consüles! Dr. Hugo Spiegler. ff Versammlungskalender, j || j : Breslau (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geigers. Geschäftsstelle. Breslau 7, Höfchenstr. 61, II l. Bereinslokal: Vereinszimmer des Konzerthauses. Eingang Portal 1,pt.l. ' 'ii4\ Dienstag, dest 11. November, abendS 8*4 U h r: Zusammenkunft her Gruppe 1, Lektüre: Lehren des' Judentums^ 2. Bastd: Die sittlichen Pflichten des einzelnen. Leitung: Hermann Sachs. Bereinsmitglieder, die der Gruppe nicht angehören. als Gäste willkommen. Die Bibliothek steht den Mitgliedern wieder im Vereins-, lokal zwecks Büchertausch zur Verfügung. Freitag, den 14. Noyember, abends 8^ Uhr: Gemeinsame Freitagabend-Feier bei Lotte Rosenthah Reufchestraße 58/59. Cassel, Montag, den 10. November, in den Räumen der Sinai-Loge: Werbeversammlung! der ueugeründeten Ortsgruppe. Bortrag des Herrn Dr. Max Mayer, Syndikus der Bereinigung für das liberale Judentum, über: ,ZSas ist jüdischer Liberalismus?" Erfurt Sonnabend, den 8. November: Werbe- und Grünöungsversammlung der Ortsgruppe Erfurt. Vortrag des Syndikus der Vereinigung für das liberale Judentum, Herrn Dr. Max Mayer. ick sämtl. 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