Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 39 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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||8j Aus der Bewegung" Breslau. Am 22. Oktober fand eine gemeinsame Versammlung deS Liberalen Vereins der Gynagogen-Gemetn.de und des Jlt unter Vorsitz des Herrn Alfred BielschowStt im Saale -er Leffing-Loge, anläßlich des SO. Todestages Abraham Geigers, statt. Die Festrede hielt Herr Gemetnderabbiner Dr. Vogelstein. Stimmungsvolles Harmoniumspiel des Organisten der neuen Synagoge leitete die zahlreich besuchte Feier ein und beschloß sie. Die Feier gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung. BreSlan. (Jüdisch - liberaler Jugenoverein „Abraham Geiger"). Am 28. Oktober vereinigte sich unsere Gruppe H unter Leitung von Alfred Berger unter erfreulich starker Beteiligung zu einer Zusammenkunft, in der zunächst ein kurzes Stimmungsbild über die erfolgreiche Berliner Tagung gegeben wurde. Lotte Rosenthal sprach über den Anteil der Juden an der Literatur. Die Referentin wies zunächst auf ü.e Eigenheiten der jüdischen Dichter hin, die sich aus der Geschichte der Judenheit entwickelt haben, mit der jeder cirrzelne eng verknüpft ist. Der jüdische Dichter ist bekannt durch seinen Zweifel und siöht oft als Führer des Extrems auf. Der Zionismus hat es jedenfalls verstanden» den Dichtern Jnteresie und darüber hinaus Begeisterung, zu entlocken. Arnold Zweig, Stefan Zweig. Max Brod, Herzl, Buber. Beer-Hosmann. Franzos. Ernst Toller. Werfel, Schnitzler, Nahe! Vernhagen, Walter Rathenau. Peter Altenberg, Alfred Kerr sind u. a. zu nennen. Aufgabe der jüdischen Dichter ist es letzten Endes, die Brücke der Menschen zueinander zu. schlagen, die zur Liebe und Verständigung führen und so die messiianische Zeit vorbereiten. Nach herzlichen Dankesworten des Gruppenleiters für das tiefgründige Referat setzte eine sehr lebhafte Aussprache ein. Stoll ist der Ansicht, daß das Ghetto die Juden zu negativ beeinflußt bat. Jedes Volk besitzt eine Höhe und seine große Zeit. Toller und Buber u. a. hätten genau so geschrieben, auch wenn sie keine Juden wärensie besitzen nichts von dem jüdischen Zweifel. der Heinrich Heine eigen ist. Die moderne Literatur befaßt sich mit diesen Zweifeln im Kampf nach der neuen Gesellschaft. Bet den Juden tritt dieser Zweifel durch den Geist am stärksten hervor. Die Romantik der modernen Zeit liegt den Juden nicht. Lucie Jacabson sieht seit der Diaspora bei den Juden keine Genies. Kantor Fink erinnert an die Bedeutung von Moses Mendelssohn in der deutschen Literatur. Frieda Karger vertritt den Standpunkt, daß ein wahres Genie Kosmopolit sein muß und beruft sich auf die Bedeutung von Goethe. Gabirol und Juda Halevi. Stoll sieht im Genie das allgemein Menschliche erfaßt und Berger betont den großen literarischen Wert der Bibel, durch die wir allein der Welt -atz Beste gegeben baden. Hier »st Bescheidenheit, was Feststellung dieser Tatsache anbelangt. nicht angebracht. Lotte Rosen thal bemerkt in ihrem Schlußwort, daß die Bedeutung des Zionismus für die nidischen Dichter nicht abgeleugnet werden kann, aber es gibt Dichter, die über der Nation stehen und die u. a. auf den Wahnsinn des Krieges Hinweisen. Die Gegner der jüdischen Dichter haben durch den Hinweis auf Fehler in den Reihen der Juden es erreicht, daß wir intensiver an «ns und an der Kunst arbeiten können. Pflicht und Aufgabe der jüdischen Jugend ist es, sich durch das Lesen guter Bücher Kenntnisse zu erwerben. Eine Forderung, die Berger durch den Hinweis auf die nun im Verein-lokal wieder zur Benützung stehende Vereinsbrbliochek unterstrich. Ein geselliges Beisammensein hielt alle Anwesenden noch längere Zeit zu- > Janmten; unsere Mitglieder Irma Freund, Kantor Fink. .Bruno Fuchs und Hermann Sachs erfreuten uns, jeder in ferner Art, durch ihre Mitwirkung in diesem Teil unserer Veranstaltung. Unsere Zusammenkünste finden nunmehr regelmäßig jeden Denstag Abend im Bereinszimmer des Kvnzerthauses statt. Die Diskussion auf der Hauptversammlung. (Fortsetzung aus dem Hauptblätt.) Dr. Goldftein-Wieöbaden: Dr. Wiener sagte, wenn ich es kurz zusammenfassen soll: Subjekt des Gottesdienstes ist Mcht der Einzelne. Subjekt deS Glaubens. deS religiösen Empfindens ist nicht der Einzelne, sondern dr« Gemeinde, Klal JrSroel. Er brauchte weiter den Ausdruck, »aß dieses üanze religiöse Empfinden nach seinem Begriff eine soziale Erichcinung ist. Ja, ich Habe eS bisher anders geglaubt. Ich habe bisher geglaubt, daß daS religiöse Empfinden etwas ist. was nur den Einzelnen berührt, was nur der Einzelne mit sich abzumachcn hat. Ich habe mich mit der Frage des Unterschieds zwischen dem Judentum und dem Christentum als Laie beschäftigt, und ich war bisher der Meinung, daß ein fundamentaler Unterschied zwischen den beiden Religionen der ist. daß SaS Christentum einen Mittler braucht zwischen Gott und den Menschen, und daß das Judentum diesen Mittler nicht braucht, daß bei dem Judentum der einzelne Mensch direkt in Verkehr tritt mit dem Göttlichen. Sie. Herr Dr. Wiener, haben den Begriff des gesamten Judentums, den Begriff der Gesamtheit sozusagen als Mittler eingeführt. Den indifferenten Menschen, zu dem machen. waS ihn aus dem JndifferentiSmuS heraushebt, heißt doch nichts weiter, als ihn zum Nachdenken bringen über sich und über das Judentum. Wenn wir das können, haben wir gewonnen. Das ist aber eine Aufgabe, die schließlich nur bei jedem Einzelnen möglich ist. Das führt unS schließlich zu der Frage: kann ein Gottesdienst überhaupt gestaltet werden für denjenigen, der nun wirklich religiös sein will? Ich meine für denjenigen, der ein bißchen philosophisch auch diese Fragen ansieht, ist es außerordentlich schwer, im Gottesdienst unter den anderen und zu bestimmten ^Stunden und nach bestimmten Riten und Formen zu religiösem Empfinden zu kommen. Dagegen will ick» durchaus nicht gesagt haben, daß für die große Menge nicht diese Formen und Normen notwendig sind. Dr. Breslauer-Berlin: Ich habe bisher in meinem Laienverstand gemeint, daß sich einander gegenüberstrhen Liberalismus und Autoritariömus. Auf der einen Seite der Liberalismus: der Geist der Selbftverantwortuna deS Einzelnen im Judentum, im jüdischen Liberalismus, also der Geist der Selbstverantwortuna des einzelnen Juden, demgegenüber auf der anderen Seite der Geist deS Autoritarismus, der von Sem Einzelnen verlangt, daß er sich Sepienigen Formen einfügt, die gottgewollt sind, die organisch oder geschichtlich gervachsen sind. Und nun kommt Herr Dr. Wiener und sagt: wir sollen uns bewußt sein, daß öas jüdische Bewußtsein, nach der Bibel sich nicht wendet an den jüdischen MensHerr, an den einzelnen Juden. . sondern an Klal Jisroel, und daß wir den JndifferentiSmuS leichter überwinden würden, wenn wir den Einzelnen Hinweisen würden auf diese jüdische Gemeinschaft. Ich glaube, wir kennen die Weise, »vir kenne» den Text, wir kennen auch ihren Verfasser mit dem Hinweis auf Klal JiSroel. Ich glaube auch weiter, daß, wenn »rtr bien Ge- Hanken verfolgen, wir wieder zn dem jüdischen AutoritariSvtus kommen. ES ist freilich leichter» zu lagen: thr fetb Juden» ißt gehört der Mischen Gemeinschaft an, da sind die und die Formen üb sich, ihr müßt sie befolgen. — als die einzelnen zu veranlassen, daß sie das erwerben, was sie ererbt haben. Aber ich glaube, daß dieser Weg nicht unser Weg ist, und ich glaube, »ab er nur auf eine gewisse Zeitspanne ein praktischer Weg ift. Denn Autorität wird sich mit der Zeit lockern. DaS erleben wir im politischen wie im religiösen Leben immer wieder, daS wird auch der jüdische Nationalismus erleben. Wenn die einzelnen dieses Gefühl nicht mehr in sich tragen, weil sie eS sich selbst nicht lebendig erworben haben, bricht eben die Autorität zusammen. Deshalb antworte ich Herrn Dr. Vaeck: Der Enkel des Indifferenten ist der nationale Jude, aber der Enkel des nationalen Juden ist der Indifferente. Darum glaube ich. wir dürfen nicht den Weg gehen, daß wir unsere Juden auf daS Klal Jisroel Hinweisen, sondern wir müssen den Weg deS jüdischen Liberalismus weiterschreiten, wir müssen möglichst viele mit unserem Geist erfüllen, und die einzelnen zu bestimmen suchen, daß sie im Geiste der Selbstveranttvortung mit. uns unseren Weg gehen. (Bravo.) Dr. Sahenstein-Bieleseld: ES ist versucht worden, daS Bild deS Indifferenten ziemlich - abzuschwächen. Es ist gesagt worden: Den JrrSiffcrentismus überwinden wir durch Liebenswürdigkeit. Ja, da besteht doch «ine erhebliche Gefahr. Sehen Sie sich einmal den Indifferenten an. Jetzt rede ich von dem indifferenten Normaimenschen» a. B. dem Centralvereinsmann. Ich bin selbst Centralvereinler. ich bin selbst in meiner Ortsgruppe ziemlich tätig. Darum kann ich es ruhig sagen. Der Centralvereinsmann spricht von seinem positiven Judentum, vom bewußten Judentum. Aber wo ist dieser Indifferente, den man liebenswürdig behandeln soll, wenn in den kleinen Orten die jüdischen Schulen eingehen, wenn die Kinder ohne Religionsunterricht auswachsen, wenn die Seminare zurückgehen? Welches Interesse nimmt dieser Indifferente an den Geistes- und Gewissensnöten unserer Lehrer und Geistlichen. die vielfach auf einem viel liberaleren Standpunkt stehen, als sie zu äußern wagen, weil ih'.e Gemeinde nicht hinter ihnen steht, wenn sie liberale Ansichten vertreten? Wo steht dieser Indifferente, wenn es sich darum handelt, den Gottesdienst so auSzngestalten, wie eS unserem religiösen Empfinden am meisten entspricht, dem Empfinden des Menschen im 20. Jahrhundert? Wo stehen alle diese Leute nun? DaS ist meiner Ansicht nach die große Gefahr für das Judentum. Unmerklich, wenn hier auch noch soviel vom Judentum geredet wtxd. führt diese Richtung zu einer Verödung, führt sie aus dem Judentuin heraus, vielleicht zum Zionismus. Aber auch der Zionismus ist in diesem Sinne ein Weg. der auS dem wirklichen, lebendigen Judentum heranSführt, weil er areligiös ist, religiös nicht interessiert ist. Ich bin der Meinung, daß wir den JndifferentiSmuS positiv überwinden müssen, nicht allein durch Liebenswürdigkeit, sondern dadurch, daß wir das religiöse Interesse zu erwecken suchen durch Formen und durch eine Ausfassung, wie eS eben unserem heutigen, Empfunden — in der Beziehung bin ich ganz so Subjektivist wie Kollege Geiger — entspricht. Herr Dr. Baeck hot gesagt, am Anfang jeder geistigen Bewegung stehe die Theorie. Rein, ich bin der Meinung, daß im Ansang daS Gefühl, nicht die Theorie, steht. Das „Kapital" wäre nicht geschrieben worden von Marx, wenn nicht porher das DfitleidS-gefühl bestanden hätte mit den groben Massen. Geistige Bewegungen sind vielfach durch Theorien verknöchert und versandet worden. Dieser Gefahr wollen wir zn entgehen suchen. Theorie ist Menschenwerk, bringt Irrtum mit sich, fordert zur Kritik heraus. Wir wollen uns das Gefühl, das die Gründer unterer Bereinigung beseelt At. zu erhalten suchen. Wir wollen daraus zurückkommen» daß wir die Liebe zum Judentrun in einer Form zu wecke» suchen, wie eS unserem Empfinden. dem Empfinden unseres, jüdischen Menschen entspricht. Damit werden wir den Jndiffer-entismus bekämpfen. Damit werden wir unsere Glaubensgenossen zu uns heran» ziehen. Nabbiner Dr. Bogeljtein-BreSla«: Ich glaube zunächst, daß die meisten Redner Herrn Dr. Geiger mit seinen Bemerkungen Uber di« Form nicht richtig verstanden haben. Wenn Herr Dr. Geiger davon sprach, daß nicht die Formen es sind, mit denen wir die Menschen gewinnen. so habe ich die Auffassung, daß er nicht meinte, daß es ein Judentum ohne Formen gibt. Was.Herr Dr. Geiger gemeint hat. und worin ich ihm beipflichten muß, ist die Tatsache, daß wlr mit den Formen nicht die Indifferenten für die Religion gewinnen können, sondern daß erst einmal das religiöse Empfinden da sein mutz. . Aehnlich liegt eS. glaube ich. anch auf der ästhetischen Seite. Es ist selbstverständlich, daß man tn der ersten Zeit vor 120 Jahren die ästhetische Seite der Reformen weit überschätzt hat. Man wvüte aus dem verwilderten Zustand erst einmal herauskommen, und da hat man auf das ästhetische Moment den ganzen Nachdruck gelegt. Man hat geglaubt, wenn »nan die Sache ästhetisch gestaltet, werde man das Judentum reformieren. Diese Uebertrcibnna der Aesthcttk hat Herr Dr. Geiger nicht gemeint. Wohl hat er gemeint, daß das äschetische Moment bei allen religiöien Formen eine sehr wichtige Rolle spielt. Herr Kollege Rülf hat gesagt, die Zionisten sagten. Religion sei Privatsache. DaS werde von der Orthodoxie bekämpft. daS könnten wir nicht bekämpfen, weil wir Individualisten sind. Ja. wenn wir auch Individualisten sind, so stehen wir doch alle auf einer religiösen Grundlage. In der Frage, wie jeder die religiöse Grundlage sich weiter ausbaut. können wir Individualisten sein. Aber daS geht nicht so weit, daß wir uns vom Judentum loslösen »vollen. Wenn also jemand sagt: Wie du eS mit dem religiösen Judentum hältst, das interessiert mich nicht, wenn jemand, wie eS eine zeitlang Sei den extremen Zionisten der Fall mar, sagt: Man kann auch getauft sein und ist dann doch Jude, so würden wir das von unserem Standpunkt evemo scharf zu bekämpfen haben wie die Orthodoxie. Darin hat Kollege Rülf die Sache urit Friedlänber und mit dem Probst Teller angeführt und gesagt, daß die Hausväter zum Christentum übertreten wollten, um in die Emanzipation hrneinzukommen. ES ist das Verhängnis des jüdischen Liberalismus, daß man ihn für daS falsche Sehnen einer gervissen Geschichtsauffassung verantwortlich macht. Der Liberalismus, die Befreiung auS dem geistigen Ghetto, fiel ja zusammen mit der Emanzipation in politischer und rechtlicher Beziehung. Aber wir wissen auch, daß d»ese erste Epoche der Reform überwunden worden ist. daß sie überwunden werden mußte. Damals hist man reformiert da und dort, wo es irgendwie angängig erschien, ohne, irgend ein festes Prinzip. Nicht die Theorie, sondern das methodische Prinzip fehlte damals. DaS ist das Große, was Abraham Geiger geschaffen hat. Daß die Emanzipation mit dem Liberalismus. mit der Reform sachlich, innerlich zunächst gar nichts zu tun hat, darüber dürfte doch heute eigentlich gar kein Zweifel sein. Wir sind und wollen sein eine religiöse Richtung, die in irgend einer Weise, und zwar aus dem Boden der geschichtlichen Entwicklung. - daS, weis ans der Vergangenheit überkommen ist, für die Gegenwart und für die Zukunft lebendig hält.. Rabbiner Dr. Geligmanrr-Franffurt a. M.: Wenn mein Kollege Dr. Baeck gesagt hat. 6000 Jahre lagen in unS. wir seien Verbunden mit dem Klal Jißroel, so ist daS ein frommer Wunsch und eine Forderung. ES ist aber leider keine Wirklichkeit. V»r 160 Jahren war eS vielleicht Wirklichkeit. Aber die BSter, di« Großväter, »te Urgroßväter haben aus irgend welchen Gründen — eS war ja die Zeit her Aufklärung, wo man geglaubt hat. es sei mit aller Religion zu Ende — die alten Altäre verlassen, und ihre 1000 oder 2 oder 30001 ährige Vergangenheit und ihren Zusammenhang mit Klal Jisrvll gelöst. Nun stehen wir einer Masse, die diese Traditio« nicht keimt, gegenüber und fragen uns, auf welche Weise können wir in ihr den wertvollen Teil der 2000jährigen Vergangenheit wieder erwecken. Mit dem theoretischen Gedanken allein, daß in ihnen die Vergangenheit stecke, werde» wir auf die Masse nicht wirken, wenn wir ihnen nicht daS Judentum nicht so liebenswürdig erscheinen lassen, wie ’t8 eine liberal« Ausgestaltung de- Judentums, auch im ästhetischen Sinne, vermag. Rabbiner Dr. Baeck-Berlirr: Es ist von Herrn Dr. Katze«- stein gesagt rvorden: Im Anfang war das Gefühl. DaS Et richtig, aber das Gefühl bleibt ein leeres, wenn es sich nicht mit dem Gedanken verbindet. In der Psychologie ist && Gefühl schon am Anfang, es wird aber etwas WirkendsS erst, wenn der Gedanke dazukommt. Erst dadurch, daß hie Theorie dazukam, ist die Beweguna geschaffen worden. Zb» der Theorie schwingt das Gefühl mit, aber das Gefühl allein schafft noch nichts. Herr Dr. Breslauer sagte: Der Unterschied zwischen de» Orthodoxen und den Liberalen sei der, daß Ser OrhodoKe im Autoritativen befangen sei, der Liberale aber nnsse, däß er erwerben müsse, um zu besitzen. Hier liegt ein kardinaler Irrtum vor. Autorität ist etwas, was in jedem Liberalen sein mutz, rvaS jeder Liberale anerkennen mutz. Vielleicht hat Herr Dr. Breslauer schon einmal gehört, Saß Kant, de» er allerdings unter die beschränkten Orthodoxen rechnest würde, von der Autorität des Sittengesetzes gesprochen hat. Ein- Liberaler, der nichts Hat, was für ihn Autorität ist« wird nichts errverben und nichts vererben und nichts-bksitzen. Herr Dr. Seligmann meinte, eS sollte so sein. Saß in uns die Jahrtausende loben, es sei aber nicht so. Gemißt eS sollte so sein, daß es uns zum Bewußtsein käme, aber dre Jahrtausende loben in uns, ob wir wollen oder nicht. DaS ist eine psychologische Tatsache, genau so wie es eine vsychölogische Datsache ist, daß' von den Augen, den Ohren, dem Mund des Herrn Dr. Seligmann etrvas wieöerkehrt tzr seinen Nachkönrmen, ob er davon weiß oder nicht. Es ist wertvoll, das wir uns dessen borvutzt werden. sZuruf 2fr. Seligmann: Das ist eine physische Tatsache.) Nein, das fft eine seelische Tatsache, denn unser Jüdisches ist nicht etwas Physisches, da steckt vielleicht viel Mongolisches, TatarischSS in uns. sondern es ist eine seelische, eine psychologische Tatsache. Herr Dr. Seligmann hat vor Jahren düs sehr wichtige und schöne Wort geprägt von dem Willen zum Judentum, der den Juden macht. Dieser Wille zum Judentum kommt eben aus dieser Tatsache. (Bravo!) Dr. Loewenberg-Berlin: Bei jeder Erziehuna handelt es sich um zweierlei. Einmal um Erziehung, ziveitens irtft das Objekt der Erziehung. Wollen »vir die indifferenten Menschen zu benmßten Juden erziehen, müssen wir beide Gesichtspunkte in Betracht ziehen. Ich möchte behaupten, daß die indifferente Masse sehr differenziert ist. Ich möchte behaupten, -aß es. ebenso wie es keinen Menschen gibt, der ganz nnmuisikalisch ist, es keinen ganz irrdifferenten Menschen gibt. Wenn es nun Menschen gibt, die wir indifferent nennen, so ist bei ihnen der religiöse Nerv nicht erfaßt worden. Wenn der geeignete Mensch gekomn»en wäre, wen» das gecigueke Buch diesem Menschen in dem geeigneten Augenblick zu Gesicht gekommen wäre, wäre er vielleicht ein liberaler Jude geworden. Wer dieses Thema behandeln will, muß die moderne ReligionSpsychvlogie ins Auge fassen, eine ganz neue und große Wisierrschaft, Sie von Amerika zu uns herübergekommen ist. Wenn wir die indiffe-, reute Masse behandeln wollen und zu unserem Stando^ktz erziehen wollen, ko müssen wir bei jedem einzelnen MemM» den religiösen Nerv zu treffen suchen. Infolgedessen i.st,»e- Kleinarbeit, die nfir leisten müssen. Wir müssen seden''Eiw' zelnen vornehmen und sehen, wie er behandelt werden muß. Nun kann ich begreifen, daß man den einen aewinnen kan», indem man ihm die große Vergangenheit seines Volkes vorführt. Ich kann auch begreifen, daß man einen anderL» Menschen individnalistisch behandelt, daß man von dem aysgcht, waS er durch das Studium Kants, will ich einmal sagen, sich persönlich erarbeitet hat, und ihn auf diese Weise zu unserem Standpunkt erzieht. Was das Christentum schon Jahrzehnte hat, die Massen durch das Soziale für düs Christentum zu gewinnen, das müßten wir heute »üch machen. Ein Herr hat von Seelsorge gesprochen. Das Wort paßt für unsere Verhältnisse nicht. Aber das. was das foztale Christentum macht, den Einzelnen gewinnen, und zwar so gewinnen, daß der religiöse Nerv in ihm getroffen wird, daS müßten auch wir machen. Borfitzender: Darnit ist die Rednerliste erschöpft. Dr. GeigerFrankfurt a. M.: Persönlich möchte ich bemerken: Die Auffassung einiger der . Herren Redner, alhütte ich die Abschaffuna der Formen mit Stumpf und Sfiel gepredigt, hat Herr Dr. Bogelstein bereits richtiggestellt. Ich habe lediglich erklärt: Ich erkenne keine Form'des liberalen Judentums für verbindlich an, nnd darum, weil sie sich fortgesetzt tn sich abändert, ist sie nicht imstande, irgendwelche Propagandistesche Fähigkeit auszuüben und die Massen zu uns zurückzugensinnen. Dr. Mayer (Schlußwort): Das Referat aalt nicht dem Karnpf gegen die Indifferenten, sondern es war eine An» klage gegen diejenigen Lvberalen, die durch gewisse Schattierungen des Liberalismus in Zlnführnngszeichen dem Jndifferenttsmus Vorschub leisten. Ich wollte Antwort geben auf die Frage: Welcher Liberalismus im wahrsten Sinne kann geistige Grundlage zur Ueberwindung des Jndifferentisrmis sein? Die Form ist nicht Vorbedinguna religiöser Gesinnurvg und religiösen .Massenbewußtseins: erst aus religiösem Massenbeivußtsein kann religiöse Gemeinschaftssorm er» wachsen. Kein Mensch ist das absolute Ich: er ist bedingt durch seine Unraebuna und durch seine Vergangenheit, ob er will oder nicht. Aber es komnrt natürlich darauf an, welche Folgerungen ich aus dieser geistiaen und Unterbewußtseinsgnmdlage zu ziehen habe. Der Mensch, der jüdische Gemeinschaft um ihrer selbst willen will, paßt nicht in unseren Kreis: n>er jüdische Gemeinschaft um der Sittlichkeit willen, um der Menschheit willen will, muß sein Gemeinschaftsgefühl beispielgebend bekunden in sittlicher Tat. Eine geistige Aristokratie darf nicht glauben, sie könne einer vermeintlichen mioera contribuens plebs des Geistes die Uebung religiöser Formen überlassen. Sie mutz sich erst recht ihrer Pflicht gegen die Gemeinschaft bewußt werden und in diesein Mnne Formen nicht nur für die anderen, sondern auch für sich verlangen. Zionismus und LiberaliSrmrs sind Begriffe, die von dem jeweils lebenden Menschen ihre Füllung und Formung erhalten. Ihr begriffliches Verhältnis zueinander kann wechseln. Mit den Zionisten von heute können wir in der Praxis nicht zusammengehen. Aesthetisches Empfinden im Gottesdienst darf sich nicht selbst genügen, muß sich weiter vertiefen lassen zu religiösem Gcmcinschasisempfinden und religiöser Gerneinschaftstat. ES wird unserer liberalen Bewegung, wenn sie sich geistig so weiter entwickelt, wie es den Anschein hat. in absehbarer Zeit nicht mehr an religiösen Führern fehlen, wir wertzey wirklich zu diesem Maflenbewußffein, zu diesem religiösen Massenwillen kommen. (Beffall.)