Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 39 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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BILANZ. Skizze von Andreas Latzko. / (Copyright by „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin '1924.) (2. Fortsetzung.) ' Dreihundert Jahre, und noch njehr, war jeder Vorfahre äet Hauses Gelehrter gewesen, wie der Vater selbst! Keiner hatte sich um Waren und Ziffern gekümmert, keiner mit der Wirklichkeit und den Menschen draußen sich herumgeschlagen. Dreihundert Jahre Zimmerluft hatte den Brustkasten, dreihundertjähriges Kauern über heiligen Büchern die Beine und Arme untüchtig gemacht für das harte Ringen um Geld. Aber der Herr selbst wollte die Reihe seiner Diener abreißen, er schickte dem alten Blum, als er gerade mit unendlich viel Mühe für seinen vierten Sohn das Lehrgeld aufgebracht hatte, unerwartet noch einen Spätling, und auch diesen Fünften noch zum Rabbiner auszubilden, dazu konnte alle Achtung vor der Gelehrsamkeit des Vaters die überlasteten Wohltäter nicht mehr bewegen. Genau zehn Silbergulden hatten die Verehrer des großen Schriftgelehrten zusammengesteuert für den dreizehnten Geburtstag des fünften Sohnes. Mit diesem Kapital und dem väterlichen Segen mußte der 'Jüngste aus dem Elternhaus, seit Jahrhunderten der erste, der sich hinauswagte in die feindliche Welt jenseits des Juden viertelst Wie hatte der Redner eben gesagt?.In gemeinsamer harter Arbeit!“-„Hand in Hand!“-- als wären sie Kompagnons gewesen, der „reiche“ Rosenthal und der dreizehnjährige Sohn des Rabbiners Blum mit seinen zehn Silbergulden! Nun ja, ein Advokat war ja «ur da, um schöne Sätze zu drechseln,-cs machte sich nicht schlecht, die beiden Familiengründer brüderlich, einander stützend, kämpfen zu lassen! An der Hochzeitstafel, aus den Mitgliedern der beiden Häuser gemischt, wie ihr Blut sich in dem neuen Paare mischen sollte, da war es gar nicht dumm, den seligen Großvater des Bräutigams „Hand in Hand“ zu zeigen mit dem Alten, der im Hause der Brauteltern der Tafel präsidierte! t,Hand in Hand!”... „Hand in Hand!“... Ein fröhliches, ganz leises Kichern schüttelte den langen, dürren Leib Nathan Blums, so lautlos, daß ein Zuschauer in Zweifel geblieben wäre, ob es Schluchzen 5. oder Lustigkeit war, was ihn durchlief. Hand in Hand? t, iWenn man wollte, ja, auch das. Am Sonntag bekam er die Waren wohl Stück für Stück vom Rosenthal in die X Hand gezählt, um kein Stück mehr — am Anfang — als : die zehn Silbergulden voll decken konnten. Und am ^nächsten Sonntag mußten sie — unversehrt! — in die Hand ihres. Besitzers zürückgclegt werden; nicht ehe für Hede» fehlende Stück das Geld dem Rosenthal in die Hand gezählt war, wurde das Wanderlager ^wieder aufgefüllt! Er war ja eitf großer Herr, der „reiche“ Rosenthal, durfte; schön daheim sitzen in seinem verglasten Verschlag, im Menm »Relsenrtlliel j aus gutem Rindleder mit reichhaltiger Einrichtung von Mlc. 27.50 an tilHHIIIIIIIIUlllllllUUIlllllllllll I». Raddaiz «& Co. Leipziger Straße 122-123 geheizten Laden au! die Kunden warten, statt ihnen die waren ins Haus zu tragen, von Dorf zu Dorf, viele hundert Meilen im Jahr, ganz gleich ob die Landstraße spiegelglatt gefroren war oder Staub die Kehle verstopfte, und Augustsonne und Gewitterregen abwechselnd von innen und von außen alle Kleidung durchnäßten. — — —, Na ja, der Rosenthal riskierte freilich auch seine Waren, von Woche zu Woche! Wäre der kleine Blum erschlagen und ausgeraubt worden unterwegs, wer hätte für ihn bezahlen sollen? Und da der Rosenthal seine Waren riskierte, und nicht nur seine ganzen Glieder, war es selbstverständlich, daß er sich den größeren Teil des Gewinnes behielt. S o arbeiteten sie „Hand in Hand“, acht Jahre lang! Dann, allerdings ... dann! ... Du guter ... guter Gott! Langsam löste sich eine Träne aus den überquellenden Augen, stolperte mühsam über die tiefen Runen der faltigen Greisenwange, und fiel endlich auf das Tischtuch, das durch den Tränenschleier in einem trüben Weiß schimmerte, als flackerte das Licht einer qualmenden Petroleumlampe durch verglaste Ladentüren auf den schmutzigen Schnee des Marktplatzes.--— Wer — — — konnte sich heute noch vorstellen, welche schwebende Glückseligkeit die ersten Tage erfüllt hatte, die ersten Tage hinter dem eigenen Ladentisch, neben dem prasselnden Ofen, in Sicherheit vor Hunden und Menschen, als richtiger Kaufmann, den das Gesetz beschützte in seinem Heim! .., Wer sein Lager nicht acht Jahre lang auf dem Rücken getragen hatte, das Zittern nicht kannte von Woche zu Woche vor denselben Rohlingen, die nicht müde wurden, dieselben Streiche und Quälereien zu wiederholen, wer solche Marter nicht ausgekostet hatte, konnte auch die Freude nicht lassen, die sie gemeinsam durchlebten, seine Betty und er, als junge Nachfolger des „reichen” Rosenthal! Wer damals prophezeit hätte, daß auch sie — recht bald sogar — in die Hauptstadt verziehen würden, zu reich geworden für den bescheidenen Betrieb des kleinen Kramladens, genau wie ihr Vorgänger, — --der Prophet hätte bestimmt keine Freude erweckt, im Gegenteil, sie hätten Gott gebeten, bleiben zu dürfen wo sie waren, am „Z i e 1“, das sie endlich erreicht wähnten! Viel hatte der Himmel gewährt, aber kein Erfolg, keine Freude, nicht einmal die erste Nacht in dem vier Stock hohen Familienhaus, unter einem Dache vereint mit allen Kindern und Enkelkindern, — kein noch so großer Gewinn und keine noch so überwältigende Genugtuung konnte noch einmal die Seligkeit jener ersten Woche entflammen, als sie jede Nacht nebeneinander liegen durften, die Angst vor Hunden und Bauernknüppeln degradiert zum Traum, dessen Alpdruck sie beim Morgen-, kaffee schmunzelnd besprachen.- Die ganze Wahrheit hatte die gute Betty ja nie erfahren! So schwer es auch oft wurde, er verschwieg alle Gefahren, würgte seine Angst hinunter; nur zwei Härten gab es, die er ihr nicht ganz hatte verheimlichen können! Wenn ein übermütiger Kutscher im Vorbeifahren sich den Spaß leistete, den Juden „tanzen zu machen”, und mit der Peitsche nach seinen Beinen knallte, die Striemen um Waden und Knöchel verrieten, daß er geschlagen worden war. Und auch die Existenz des Metzgerhundes, den sein Herr eigens abgerichtet hatte, den Juden anzufallen, der zweimal wöchentlich vorbeikam, auch diese Bitternis konnte er nicht verbergen, denn die ausgezackten, zerbissenen Hosenbeine verrieten jeden Ueberfall, auch wenn es gelungen war, die Beine selbst zu retten. Wie hatte sie aufgeschrien jedesmal, die gute Betty! Dem alten Herrn war’s, als fühle er ein sonderbares warmes Kitzeln unter dem Tisch, unter der Kleidung seine Beine entlang rinnen, wie damals, wenn die Tränen seiner Frau die Wundmale seines Leidensweges netzten. Hingehen wollte sie zu dem Metzger, zu den Baucrnburschen! Wem tat denn ihr armer Mann Unrecht an? Sich selbst, ja sich selbst jagte er bei jedem Wetter auf die Straße! War es menschlich, ihn dafür zu schlagen, daß £r ihnen die Pferde schonen half, mehr als er sich selber schonte? — .— — Wie ein richtiger Advokat hatte sie gesprochen, die Wangen entflammt, — —- — es war das reine Glück, daß sie die Sprache der Bauern nicht richtig sprechen konnte, und einsah, daß der Sing-Sang ihres Jargons doch nur Spott und Heiterkeit wecken würde,-sonst hätte keine Ueberredung sie abhalten können, die Rohlinge zur Rede zu stellen, ohne Angst vor ihren Fäusten. IAIIRIN Feinste t£)ZD Cocos n ussbuffe r TVfflVR iar deIm ilch ' " PI; an^ehbüHer. Vargarine . / . etvnqYVPlH % -v Um den zahnlosen Mund ein Schmunzeln, die ent« zündeten Lider zugekniffen, damit den Tränen der Weg versperrt bleibe, so lauschte der alle Blum in sich hinein, dem Echo der lieben Stimme nach, die längst verstumr war. Die-die eine, die hätte es den verwöhnte Schicksalslieblingen rund um den Tisch, richtig sagen können, was „schwe r“ hieß, wirklich schwer zu der, Großväter Zeit, und daß niemand dem Nathan Blum an die Hand gegangen war, der reiche Rosenthal am aller« wenigsten! Seine gute Betty!-Wie hätte sie wohl gelächclt und ihrem Manne belustigt zugezwinkert« während der Rede des Rosenthal-Enkels.-Aber sie hätte sich nicht wohlgefühlt» wäre auch nicht auf ihrem Platze gewesen in diesem Kreis; verbraucht, zer-. drückt von dem ungeheuren Gewicht der ersten Jahr« zehnte, ein Vorwurf und Freudenstörer mehr für di« eigenen Nachkommen!- Denn was hatte man noch gemein mit dieser Jugend? -Mit diesen so wunderbar sicheren Stadt« hindern am Tafelende? Die sprachen von Kämpfen und Schwierigkeiten, und was gerade die schwersten Kämpfe gekostet hatte, das bemerkten sie gar nicht mehr, das nahmen sie hin, so selbstverständlich wie die Luft, die man zum Atmen brauchte. Daß dieses Atmen, frei atmen können, einmal das Ziel aller Wünsche Uittt Anstrengungen gewesen sein konnte? ... Wem fiel cs ein, dankbar zu sein für längst Erreichtes, das gar nltffft mehr da war, weil man cs ja nie entbehrt hatte.-, Die Dankbarkeit, die bei festlichen Anlässen immer wieder herhalten mußte, galt nur dem Ueberfluß, galt Sekt und, Blumen, — — dafür nur, was nicht jeder! h alte, dafür nur, was der Neid umrahmte, wähnteq sie heute Dank zu schulden! '(Schluß folgt.)’ / Geschäftliche Mitteilungen. Ausgerechnet Paul Sstninrl lautet der Titel eines neuen, mir einem originellen farbigen Selbstbildnis des Künstlers geschmückten, prächtig auSgestatteten Ouartalbinns, in dem der beliebte lmnitlcr und Mitarbeiter der »Lustigen Blätter“ auf 64 Einten eine bau ih,n selbst getroffene Auswahl seiner lustigsten Bilder mit humoristischen Texten bietet, die sonst noch nirgends deröstentticht tvnrden und die mit ihrein drastischen Humor, ihren urkomischen Situationen, den immer tresssichcren Pointen wieder wahre Lachsalven Hervorrusen werden! Das hübsche nibniu ist für den billigen Brei-:- von 2.— Mart durch alle Buchbaiiblnugen ^n vc^ichen. (Verlag von T r, (r l) i-1 e r fc Eo. A.-Ä.. Berlin SW Ob.) Tic Vorbercitung-Zanstalt von Direltor Danziger (Bismarck-Pädagogium)', Alte Lalvbstr. 124, beging um 5. Pobember die ststior des 69jährigen Be« stehens. — Tor Direktor der Schule ist seit langen Jahren Mitglied der Der« cinigung. «»»«I i AutolahrsdiHle I Oroft-Barllit f Ein tritt Jederzeit | § loh. Vsktzmnl i. D. Quedefeld | B Ansbacher Stt 30*21, a. WittenbergpL § Jj Telephon» Steinplatz 2854 | ÜmimmiHiiininmn«MmHiiimmiiini*niimimimmiiinT ■1 Sonderangebot für den FamlUengebraadi anm I KonKnrrenzios sind meine HefUzbiisdiea ■aarwnsrnsetfem in Qualität stark schäumend. H 1 Wed mit dem mubommb MiampoMHriiiver. 1 1 l Liter -----15 Waschungen. H ■ Flüssige Teer-Seife, heil und dunkel . . 1 Probeliter 1.00 Mk. 1 r . . H ■ Flüssige aiyzerin-Seife, sehr mild ... 2 Liter 0.80 Mk. / frei I1aus ■ 1 Postkolli, franko.4 Liter 0.00 Mk. 1 1 aiirefl warnte. Benin w 30. Mflndicacr »ir. S3 , nrnw» r«r J Pz obeflaschen gegen 50 Pfennig io Briefmarken WWMDMMMMD-W ■ Dampfwäscherei Kronprinz II ■ Berlin S016, Mlchaelklrchstraße 20!■ ■ Telephon: Moritzplatz 12813 :: Inh. 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