Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 39 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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> I 4 Jahrgang Nummer 39 Beilage 7. November 1884 Aus den Gemeinden. Berlin. Das Präsidium -es Vorstandes -er Berliner Jüdischen Gemeinde wurde gestern nachmittag vom Reichspräsidenten Ebert empfangen. Die ans drei Herren bestehende Wbordnuna trug dem Reichspräsidenten den Inhalt einer formellen RechtsverwaHrung wegen -er Nichthinzu- Ktehuns eines jüdischen Feldgeistlichen bei der am 9. August v. I. stattgehabten allgemeinen Gedenkfeier für die im Welt, rvisa Gefallenen vor. Die gleiche RechtsverwaHrung war vorher -em ReichSininister Jarres schriftlich übersandt worden. Der Borstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hielt es aber doch für angemessen. in der Angelegenheit auch bei oem obersten Reichsrepräsentanten vorstellig m werden, ob- EvHleS ihr bewntzt war, daß der Reichspräsident verfassungsrechtlich keine Beschwerdeinstanz gegen daS Verhalten eines Neichsministers darstellt. Der Reichspräsident behielt eie Delegation etwa eine halbe Stunde bei sich. Er schilderte eingehend die Entstehungsgeschichte der Gesallenenfeier. die ursprünglich nur als eine Feier der Reichswehr gedacht sei und erst später einen weiteren Nahmen bekommen habe. Er versicherte ihnen aufs eindringlichste. Latz sowohl ihm wie auch jeder anderen Amtsstelle die Absicht einer Verletzung der Empfindungen der Berliner Jüdischen Gemeinde vollständig ferngelegen hätte. Die Abordnung war von diesen Erklärungen des Reichspräsidenten offenbar befriedigt. Berlin. Die Mitglieder und Freunde des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde von Berlin werden nachdrücklich ans die am 23. November stattfinvenden Wahlen der Synagogenvorstände hingewiesen. Wahlvevechtiat zu diesen Wahlen sind alle männlichen Plätzinhaber der Synagogen. Der Liberale Verein hat darauf hingeivirkt. «atz die Beschränkung des akttven Wahlrechtes auf die mäun- ^ichen Platzinhaber aufgehoben und auch den Frauen das akture Wahlrecht zwgestanden werde. Aus technischen Gründen konnte diesem Anträge für dieses Mal nicht mehr stattgegeben werden. Für die Zukunft wird der Anregung des Liberalen Vereins zweifellos entsprochen werden. Es wir sich darum handeln, daß zu Vorstehern der Synagogen mit liberalem Ritus Persönlichkeiten gewählt werden, j»e mit dem Interesse zur Sache entschieden religiös liberale Einstellung verbinden. Auch in manchen orgellosen Synagogen sind eine erhebliche Zahl von Besuchern liberaler Gesinnung vorhanden, die eine entsprechende Vertretung ihrer Interessen beanspruchen können. Breslau. Die freie jüdische Volkshochschule eröffnete ihr diesjähriges Wintersemester am Sonntag, den 2. d. Mts., vormittags 11 Uhr, im großen Saale der Leffingloge mit einem Bortrage Martin Bubers „Das prophetische Wort". Nach einleitendem Harmoniumspiel und Begrützungsworten deS Vorsitzenden, in denen er die Aufgabe der Volkshochschule scharf umrstz. ergriff Buber das Wort. In der Betrachtung der Prophetenworte habe die moderne Wissenschaft versagt in ihrer motiv^geschtchtlichen und in ihrer völkerpsychologischen Auffassung derselben. Im Kern der propihettschen Verkündigungen stehe das ungeheure Wort , ,^Nenn". Somit hänge die Erfüllung des Provhetenwortes % von der Entscheidung der Menschen ab. Das gesprochene ^Wyrt ergänzten die Propheten: sie waren keine Ekstatiker. rEs sei ein wesentlicher Unterschied zwischen dem religiösen Wtü dichterischen Wort. Ein Gedicht müßten wir rein aufnehmen. das prophetische Wort müßten wir hören. Die Schviftprvpheten stünden in der Mitte zwischen den Ekstatikern und den späteren apokalyptischen Propheten. Bei den lebendigen Worten der Propheten hätten wir die beiden Fragen zu beantworten: Von wem aus redet dieser Mensch, zu wem und wozu? Der Prophet sei der Mund Gottes, aber nicht sein Sprachrohr, das prophetische Wort sei eine unzerlegbare Mischung von Göttlichem und Menschlichem. Das Göttliche gleiche sich dem Menschlichen an. Das prophetische Wort sei gesprochen zu bestimmten Menschen in ganz bestimmter Situation, dann über diese hinaus zu allen Menschen. Der Prophet stehe in dem Punkte der Zeit, wo sich das Schicksal entscheidet. Das prophetische Wort wolle bekehren. Der Sinn der Prophetie beruhe auf dem jüdischen Urglanben an das Wort Gottes an den Menschen. Die Tat des Menschen sei die Mitentscheiduna des Weltgeschickes. — Den fünfviertelstündigen Ausführungen des Redners lauschte der übervolle Saal in Aufmerksamkeit. Breslau. Die Repräsentantenversammlung vom 80. Oktober beschäftigte sich ausführlich mit der Einrichtung der ZweiggotteSbienfte unb deren besserer Ausgestaltung in der Zukunft. Dabei kam auch die beabsichtigte Errichtung zweier Bethallen im Süden der Stadt zur Sprache. Ferner wurde -ec Wunsch geäußert, bet zu vergebenden Gemetndearbetten die jüdischen Handwerker in größerem Umfange als bisher zu berücksichtigen. — Die Grundsätze, nach denen das Gemeindeblatt geleitet wird, entfachten eine umfangreiche Aussprache. — Für die durch Inangriffnahme eines neuen Feldes auf Friedhof Cosel entstehenden Unkosten wurden als erste Rate M. 10000,— bewilligt. — AlSdan» wurden als akademisch vorgebilbet« ReligionSleHrer im Gemeindedtenste angestellt: Fräulein Dr. Gertrud Bronn aus BreSlau, Rabbiner Dr. Goldschmidt aus Königshütte und Rabbiner Dr. Halpersohn aus Karlsruhe i. B. Cassel. Am 1. November trat nach WSHriger Tätigkeit im Schuldienst Lehrer und Kantor Rothschild in Hof in den wohlverdienten Ruhestand. Da die Schule noch zu den best, besuchtesten rmd ältesten des Bezirkes gehört, lim nächsten Jahre besteht sie 100 Jahre), so wird die Wiederbesetzung der Stelle außer federn Zweifel fein. Ueber die Person des Amtsnach^lgerS ist noch nichts bekannt. Elberfeld. Ueber das jüdische Gemeindeleben in Elberfeld wird unS geschrieben: Mit dem Eintritt fester Währung-Verhältnisse begann daS jüdische Leben in unserer Stadt wieder zu erwachen. Den Auftakt dazu bildete die Gründung einer Ortsgruppe deS NeichSbundeS jüdischer Frontsoldaten, welche in wenigen Monaten einen großen Aufschwung genommen hat. Sie steht unter -er Leitung von Herrn Direktor Fritz Grnnewald. Am Dienstag, den 26. Oktober hat eine GrÜnüungSversammlung der Gruppe der Förderer und Freunde im hiesigen Ortsbereich deS RIF. stattgefunden, bei der Rabbiner Dr. Klein aus Düsseldorf einen Bortrag hielt. Eng zusammen arbeitet der RIF. mit dem hiesigen Jugendverein auf sportlichem Gebiet«. Im neutralen jüdischen Jugeudverein fand am 28. Oktober ein Vortrag über jüdische Bor- und Zunamen statt. Eine besonders reg« Arbeit entfaltet der WohlsahrtSverband unter Vorsitz von Frau Klara Samuel. Die besten Vorträge bringt in diesem Winter-er MendelSfohn-Berein, der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, der mit einigen anderen Organisationen zusammen lz. B. der Loge) unter dem Namen .Merband zur Förderung und Pflege jüdischen Wissens" folgende Redner verpflichtet hat: Herrn Dr. Simchowitz aus Köln. Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher aus Düsseldorf, Herrn Oberkantor Singer aus Halle an der Saal«. Herrn Erich Toeplitz vom jüdischen Museum zu Frankfurt a. Main und Herrn Professor Dr. Goldstein aus Darmstadt, welch letzterer über „Amerikanisches Judentum" sprechen wird. Zur Förderung deS jüdischen Liberalismus Sei den kommenden Wahlen für den Verband der preußischen Synagogen« emeinden hat sich unter Führung von Herrn Rechtsanwalt Brück ein Ausschuß gebildet, der sich auch für die Repräsentantenwahlen in Elberfeld, die am 1. Dezember stattsinden, im liberalen Sinne betätigt. Außerordentlich wird das jüdische Leben in unserer Stadt dadurch behindert, daß kein geeignetes Versammlungslokal zur Verfügung steht. Es sit daher der biesigen Loge sehr zu danken, daß sie bereitwilligst fast sämtlichen Organi- . sationen in ihren Räumen Unterkunft gewährt. Di« hiesige Gemeinde hat das Fehlen eines Gemeinderaumes anerkannt und einen Ausschuß gewählt, der baldmöglichst einen großen VersammlungSsaal mieten soll, so daß zu erwarten steht, daß diese'Kalamität im Interesse deS Judentums noch im Laufe dieses Winters behoben wirb. Frankfurt a. M. Am 26. Oktober veranstaltete der Frankfurter Verkehrsverein eine Besichtigung deS neuen jüdischen Friedhofes im Rahmen eines Zyklus von Führungen durch jüdische Sehenswürdigkeiten in Frankfurt. Herr Emil Münster, dessen Jniticttive diese interessanten Veranstaltungen zu danken sind, kennzeichnete vorher in einem kurzen Vortrag die Eigentümlichkeiten des jüdischen Bestattungswesens, Lessen Grundformen auf das 8. Jahrhundert zurückzuführen sind. Wir finden in unserer jüdischen Gemeinde eine orthodoxe Richtung, die sich streng au den alten Ritus hält und ihre Toten in einem abgetrenntcn Teil der Friedhofsanlagen ohne jeglichen Blumen- und sonstigen Grabschmuck außer einer einfachen Gedenktafel bestattet, und eine freiere Richtung, deren BestattungSart trotz Beibehaltung der von den Vätern überkommenen Formen einen modernen Einschlag aufweist. Dieser Teil des Friedhofs, in dem wir eine Reihe von Gräbern von Trägern der besten Frankfurter Namen finden, die in Handel unb Wissenschaft 'einen guten Klang haben, bietet einen interessanten Einblick in die Entwicklung der Grabsteinkunst und die Eigentümlichkeiten jüdischer Bestattung. Hier fiel uns eine gespreizte Hand auf einem Steine auf, als Zeichen der Angehörigen LeS Stammes Aaron, die berechtigt sind, der Gemeinde den Segen zu spenden, dort eine Menge kleiner Steine auf dem Grabmal» die, wie uns unser Führer Herr Lindemann belehrte, den Besuchern des Grabes zum Zeichen ihrer Anwesenheit zurückgelassenwurden. Ein besonderer Platz ist den Kriegsopfern gewidmet. soweit sie in die deutsche Erde zurückgebracht werden konnten: hier wird demnächst ein Denkmal von Elkan. dem Schöpfer des Kriegsopferdenkmals, errichtet werden. — Im ganzen eine interessante praktische Belehrung. die neben den Erweiterung der Kenntnisse Einheimischer und Fremder über Sehenswürdigkeiten unserer Stadt auch dazu beiträgt, der Legendenbildung entgegenzuwirken, die gerade über jüdische Gepflogenheiten üppig wucheri. weil sie wie alles ans alten Zetten Ueberkommene geheimnisvoll zu sein scheint und wenige die Möglichkeit haben, sich einen Einblick zu verschaffen. In Wirklichkeit geht doch alles ebenso natürlich zu wie bei anderen Religionen, die manche ethischen Momente der jüdischen Religion entnommen haben. Gleiroitz. Am 22. Oktober tagte im hiesigen Gemeinden hauS der Verband der Rabbiner Oberschlesiens unter Leitung von Krerrgel-Ratibor. Der Verband hatte an die oberschlesischen Rabbiner-Gemeirrden ein Rundschreiben gesandt, in welchem gefordert wurde, daß der Rabbiner grundsätzlich auf Lebenszeit anzustelleu fei und kraft seines Amtes dem Vorstand angehöre. _ Zum Vorsitzenden wurde VraunschweMr-Oppeln und zum Stellvertreter Ellguther-Neiße gewählt. Nach eingehender Debatte über die Wahlen zum preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden wurde beschlossen, dem oberschlesischen Gemeindeverband die Aufstellung einer Einheitsliste zu empfehlen. Ferner wurde beschlossen, bezüglich der Ausarbeitung eines Lehrplanes für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten mit dem Vorstand des allgemeinen. Rabbiner-Verbandes in Verbindung zu treten. In dem folgenden wissenschaftlichen Teil der Tagung wurden Referate über zwei talmudische Themen erstattet und ein Bortrag im Anschluß an die Broschüre Heinemanns über den jüdischen Geist gehalten. Kirchhain (Hessen). Mit dem hier in der letzten Woche zur ewigen Ruhe gebetteten Lehrer Viktor Bachenheimer ist ein Nestor der hessischen Lehrerschaft zu Grabe getragen worden. 38 Jahre hat er hier als Lehrer und Kantor gewirkt, und sein Leichenbegängnis legte beredtes Zeugnis ab von der außerordentlichen Wertschätzung, derer er sich bei seinen zahlreichen Schülern und allen Bürgern erfreute. Die letzten Jahre des Ruhestandes hatte der Verewigte, der ein Aller von 76 Jahren erreichte, in Frankenberg verlebt: seinem Wunsche gemäß wurde er aber in Kirchhain» dem Orte seines segensreichen Wirkens, beigesetzt. Al8 Zeichen der Verehrung war der Sarg in der Synagoge aufgebahrt. Provinzialrabbiner Dr. Cohn ans Marburg gab in eindrucksvollen Worten eine treffliche Charakterzeichnung des Verklärten. Am Grabe sprachen noch Lehrer Ster» aus Frankenberg über den vom Verstorbenen gewählte» Text: ,Mrs habe ich hier und wen habe ich hier, daß D» hier ein Grab errichtest", und Lehrer Rapp aus KirchhMM der als Amtsnachfolger des Verblichenen die letzten Grüße und den Dank seiner Gemeinde in tiefempfundener Wvß zum Ausdruck brachte. Magdeburg. Die hiesige Gemeinde veranstaltete eine Gedenkfeier auf dem Friedhofe für die im Weltkriege Gefallenen. Rabbiner Dr. Wilde hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, die auf alle Anwesenden einen ttefen Eindruck machte. Saarbrücken. Am 20. Oktober lSimchas Thauroh) wurde der neugervählle Rabbiner, Dr. Ernst Jakob, nachdem die Bestätigung von der Regierungskommission des SaargebietS erfolgt war, feierlich in sein Amt eingeführt. Jeder Leser» dem die „Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Belehrung bietet, fühle sich verpflichtet, uns einen neuen Abonnenten zuzuführen! Zum 20jährigen Todestag Walter Cale's. Die seelische Struktur mancher überragender, aber sensibler Menschen ist zu fein, als daß fte der brutalen Not und Kleinheit des Alltagslebens Widerstand leisten könnte. Bei den ersten Schicksalöschlägen zerbrechen diese vom Schöpfer zu zart gebauten Instrumente, nachdem ihnen zuvor unvergeßliche Melodien entströmt sind. — Hölderlin und Lenau sanken in geistige Nacht. — Kleist starb den Freitod! ... Auf der jüdischen Psyche lasten ererbt die Sorgen und Kümmernisse von Jahrtausenden, und gerade das als „materiell" verschrieene Judentum hat Künstler hervorgebracht, die tote Blüten nach frostiger Lenznacht noch vor der Reife entseelt zu Boden sanken. — Der geniale W e i n i n g e r jagte sich als Bierundzwanzig- )Zhrig«r eine Kugel in die Schläfe, und der jüdische Komponist Adolf Schreiber ging, nachdem ihn die Not gezwunfen hatte, «ine Reihe moderner, blödsinniger Operetten zu irigieren, mit dem Manuskript einer wundervollen Symphonie in der Tasche in den Wannsee. Am 8. November dieses Jahres iährte sich zum zwanzigsten Male ber Tag. an dem sich der blutjunge jüdische Dichter Walter Cale in Berlin erschoß. Er wollte nicht berühmt weroen. Er hatte eine vornehme Zurückhaltung, einen kindlich- -cheuen Widerwillen vor jeder Oeffeutlichkeit. vor ieder Berührung mit der Allgemeinheit, und vor seinem Tode verbrannte er alle seine Manuskrivte und Tagebücher. Nur durch einen Zufall wurde eine knappe Handvoll seiner Berse, Aphorismen, Tagebuchblätter, Novellen. Dramen- Lruchstücke gerettet, und das wenige genügt, um ihn unsterblich zu machen. Fritz Mauthner gab 1607 die kärglichen Uebereste seines Schaffens in einem schönen Bande bei S. Fischer heraus, und damals war das Echo dieser Veröffentlichung bei allen Geistigen Deutschlands vicht gering. Es sind viel Verse von wundersamer Klangschönheit und großer Gedankentiefe in dem Buche, viel Zartes und Unver» Heßlich-Gchönes von bleibendem Wert. Untergehen kann das Gedenke» an Walter CalL nicht. Ganz vergessen kann er niemals «erden! Für daS große Publikum ist .er. freilich nichts. Er wird immer, nur. zu den wenigen sprechen, die Ohren für die Dirrge haben, die hinter dem Leben liegen. Mer unser« seelenlofe Zeit mit ihren Kinos, Revuen unplattesten Aeußerlichkeiten ist für -aS Verständnis und die Resonanz dieses ganz verinnerlichten Dichters leider besonders ungünstig. Auch die Besten können sich honte den Sorgen und Bitternissen des Alltags nicht entziehen. Darum ist es — nicht nur heute — Ehrenpflicht, auf diesen zu früh Heimgegangenen hinzuweisen.Ich möchte gerne hier etwas besonders Schönes von Cal« zitieren, blättere gerade in seinem Werk — und kann mich schwer entschließen; eS ist zu viel Wunberfeines in dem Buch! .... Vielleicht passen folgende ernste Zeilen am besten auf sein zu kurzes, unglückliches Leben: Wie sich der Gast vor seinem Wirt« schmückt, Der Wirt mit Kränzen die Gemächer ziert, So legt das Heute — karger Gast — für uns Der Seligkeiten roten Mantel um. Wir wollen ihm mit Kränzen grüßend nah'». GS traulich leiten in- Gemach der Seele, Uns seiner milden Sprache zu erfreu'n. Und dem Geschick« kindisch nimmer zürnen, DaS uns zu frühem, stillem Abschied drängt, Das beft'ger Lietze. welche zu gewaltsam Geliebtes an sich reißt, mit weisem Finger wehrt. Sienkiervicz zum Judenhaß. Aus Anlaß der eben stattgefundenen UeberfüHruna -er sterblichen Reste deS großen polnischen Dichters Henrik Sienkiewicz nach Warschau, wo ihm ein Staatsbegräbnis zuteil wurde, veröffentlicht das „Neue Wiener Journal" zum ersten Male einen Brief Sienktewicz' aus dem Jahre 1918 an den jüdisch-deutschen Journalisten Davis Erdtracht, der in seinen Hauptteilen lautet: „Der Brief des Grafen Tolstoi, den Me mir einzusenden die Liebenswürdigkeit batten, hat mich wahrhaft gefreut. Es ist zum ersten Male, daß ein russischer Staatsmann so mutig für die gemarterten Opfer des Zarismus in die Bresche tritt. Ich zweifle nicht, daß feine Stimme in der gesamten Kulturwelt Widerhall finde« urtt> in erster Reihe di« offiziellen russischen Kreise zur Besinnung bringen wird. Nicht nur Ihre Glaubensgenossen, alle anderen Völker und ini erster Reihe mein eigenes Volk leiden fürchterlich. Was helfen aber unsere Proteste, wenn das gesittete Westeuropa den Ungeheuern Greueln des Niobs unter dem Schutze der russischen Regierung stumm gegenübcrsteht. Juden sind es, die! die Pogrome finanzieren, Juden sind es, die ihre internationale Macht und ihr Kapital der russischen Regierung zur Erhaltung dieses barbarischen Systems zur Verfügung stellen. Juden sind es, die ihre eigene Würde verloren haben und nur den Geschäften um jeden Preis nachjagen. Ich meine selbstverstäridlich jene Juden, die satt sind und den Hunger -er Millionen ihrer Glaubensgenossen nicht sehe», die ehrgeizig sind und ihre Menschlichkeit der Machtgier verkauft haben. Wir Polen, selbst gemartert und verfolgt, empfinden das große Unrecht, welches Ihren Glaubensgenossen tagtäglich zugefügt wird, hören mit größtem Mitgefühl den Schrei -er unschuldigen Opfer der Soldateska. Wir Alten haben nicht mehr die Kraft, diese Verlotterung der heutigen Kultur auSzurotten. aber unsere Jugend — hoffe ich — wirk» in einem anderen Geiste erzogen werden, im Geiste der Verständigung und Versöhnung, der Liebe und Zusammenarbeit. um die Regenerierung unserer dem Verfall nahen Kultur . . Hoffentlich findet dieser Brief des Dichters de'S „Quovadis" auch in Polen zahlreiche Leser, damit die dortige chauvinistische Jugend erkennt, daß schlimmer als der Pogrom-Antisemitismus die jetzt in Polen beliebte gesellschaftliche Aechtung und moralische Verfolgung des jüdischen Staatsbürgers ist. i i! Gb echt oder nicht . . . In -er völkischen Zeitung „Der Aufrechte" sin-et sich daltz folgende charakteristische Inserat: ^Geheimnisse der Weisen von Zion. In deutscher Sprache tzerausgegeüen von Gottfried zur Beek. — Die ./Geheimnisse^ sinnuu in der ganzen Welt verbreitet. Von jüdischer Seite wird zwar behauptet, die hier gegebenen Richtlinien zur Erlangung -er jüdischen Weltherrschaft seien gefälscht. Ave« ob echt o-er nicht — was tuts, wenn die Ereignisse die Wische Herrschaft immer mehr bestätigen?."