Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 39 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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In einem kommen an iett Sabbathen und Festtagen, auch nur an Hen hohen Festtagen.'doch nicht ganz als indifferente au bczerchnen sin!>, und weil man für LaS, was sie aus ihrer Berufstätigkeit. auS ihrer anderweitigen kulturellen oder Persönlichen Einstellung noch erübrigt haben für Religion, dankbar sein mnß. und vor allen Dingen auch, weil es "sich ja meist an die falsche Adresse wendet. Ich gehe sogar noch weiter. Ich sage, selbst diejenigen, die sich absolut nicht religiös betätigen, die aber auS irgendwelchen Imponderabilien jüdisch-geschichtlichen Bewußtseins sich betätigen im Centralvercin, in sozialer Hilfe, werden in ihrem jüdischen Empfinden gekränkt und beleidigt, wenn man sie einfach zur Masse der Indifferenten zählt. Damit gewinnen wir nicht, damit stoßen wir höchstens ab. Auch die rein politisch-jüdisch Eingestellten, die vielleicht die schlimmste Sorte der Indifferenten sind, möchte ick nicht schlankweg als Indifferente bezeichnet haben. Ein Stück Iikbischkeit steckt doch in ihnen. An die Kreise, die absolut nicht jüdisch sind, kommen wir in keiner Weise heran, die kennen wir überhaupt.nicht. Ich halte es für notwendig, daß wir sagen: euer Judentum ist. obschon cs nach unserer Auffassung nicht auf höchster Höhe steht, doch etwas, mit dem man anfangen kann, wenigsteus so weit, daß uns doch die Eltern ihre Kinder in die Schule schicken und sie nicht am konfessionslosen Unterricht teilnehmen lassen. Wenn es nur soweit kommt, -aß wir mit ihrer Hilfe die nächste Generation geimnnen, sind es keine indifferenten Massen. Der Liberalismus muß gewinnen durch seine Tätigkeit, durch seine Wirksamkeit» durch Liebenswürdigkeit. Aber nicht in dem Sinne, daß man Liebenswürdigkeit heuchelt, daß man eine Liebenswürdigkeit zeigt, die man innerlich nicht Hat, sondern indem man auch daS geringere oder geringste Maß der Leistungen und Opfer anerkennt, die diejenigen bringen, die irgendwo und irgendwie jüdisch zu erfassen sind. Wenn Sie irgendwo ansetzen wollen, um indifferente Kreise zu gewinnen, dann müssen Sie zunächst bei der Jugend ansetzen, und bei dem Alter insofern, -aß Sie das Alter bewegen, die Jugend den Lehrern und Rabbinern, oder denen, die, wie Herr Dr. Mayer, in Propagandaversammlungen reden, zu schicken. Aber damit noch nicht genug. Sie rver-en weder in der Schule, noch von der Kanzel aus irgendeine Wirkung auSüben auf die Masse, wenn Sie nicht die wirklichen Führer Haben, nach denen die ganze Zeit schreit. Führer in dem ganz hohen idealen Sinne, wie es Herr Dr. Mayer gemeint Hat, wie es Abraham Geiger gewesen ist, sind immer nur dünn gesät. Wir wollen mit Mittelgut rechnen, aber dies darf kein Mittelschlecht sein. Und da ist es Ausgabe der Vereinigung für das liberale Judentum, in allen ihren Gemeinden bei Repräsentantenwahlen. bei Vorstandswahlen dafür zu sorgen, daß nicht nur Finanzgenies, nicht nur Berwaltungsgenies, sondern jüdisch-interessierte Persönlichkeiten gewühlt werden, die als ihre dringendste Aufgabe die Erziehung eines Lehrerstandes und Rabbinerstandes betrachten. der eine neue Generation heranziehen kann. , Haben Sie die' Erzieher der Jugend und des Alters, dann, aber nur dann, haben Sie die Gleichgültigkeit ans der Welt geschafft. Diejenigen Gemeinden, welche Rabbiner und Lehrer haben, die von einem großen Idealismus, von großer Begeisterung getragen, ihr Amt auffassen und führen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten, die Jugend und das Alter zu gewinnen, werden in ihren Gemeinden den Jndifferentismus überwinden. (Beifall.) Rabbiner Dr. Wieuer-Stetti«: Ich möchte zu der Frage das Wort nehmen, wie wir die Massen durch Symbole und durch Formen, indem wir teilweise die alten Formen umschmelzen, teilweise neue Formen prägen, gewinnen. Der Referent geht im Grunde genommen davon auS. daß Religion eine Angelegenheit des Individuums sei. DaS jüdische - / Individuum sei durch eine bestimmte Art. und Weise seiner «»Beziehung zu Gott, zu dem Göttlichen,, religiös. Und so käme es infolgedessen darauf hinaus, daß,, wenn eine Anzahl Individuen ähnlicher Art, ähnlichen Bekenntnisses oder ähnlicher allgemeiner Stimmung da wären, es sich darum handelte: wie sind diese nun zusammenzufaffen zu einer religiösen Einheit, zu einer religiösen Gemeinde? Und hierbei ginge es dann ohne Formen, ohne Symbole nicht ab. Ich weiß nicht, ob haS richtig ist. Wenn ich von Anfang an beginne und frage, was ist eigentlich der allerursprünglichste Inhalt der jüdischen Religion, wie er uns in der Thora gegeben ist?, so ist es doch nichts anderes als: zwischen Gott Israel ist ein Bund geschlossen. Die Gesamtheit Israels, die Gesamtheit dieses Volkes, dieses Stammes hat den Bund geschlossen. Da werden bestimmte Verheißungen gegeben, und dieses Volk hat bestimmte Dinge, bestimmte Gebote auszuführen. Daraus hat sich in der Folge der Zeit abgeleitet, daß tatsächlich das jüdisch-religiöse Individuum von vornherein überhaupt die Gemeinde ist. die Gesamtgemeinde, das Klal Jisroel. nicht die Gemeinde eines einzelnen Landes, eines einzelnen, zusammenhängenden Gemeinwesens, sondern die jüdische Weltgemeinde. Und wenn. von -er Wetzlarer Eyna oge. Ein Kulturbilö aus dem 18. Jahrhundert. Von Dr. I. Jacobson - HermSdorf. Der Wandel in der Stellung, die den Juden in Deutschland eingeräumt wird, drückt sich nicht zuletzt in Aeußerlichkeiten aus. ja, man kann sagen, in diesen Aeußerlichkeiten symbolisiert er sich recht eigentlich. — Das kann man mit vollem Recht behaupten, wenn man beispielsweise beobachtet, wie anders sich hente die Sunagogen in Deutschland repräsentieren, wie ganz anders sie heute im Stadtbild hervortreten als vor der Zeit der Emanzipation und gesetzlichen Gleichstellung. Sprechen nicht die Synagogenbauten der Neuzeit, wie sie sich im Gegensatz zu früher gereckt und gerundet haben, wie sie oft Plätze beherrschen und gleich Kirchen und Domen mit ihren hohen Kuppeln manchmal in di« Silhouette ganzer Stadtteile eine charakteristische Note brnrgen. eine deutliche Sprache? Ist es nicht fast so. als dokumentiere sich damit vor aller Augen, daß der Jude, sich nicht mehr zu ducken und abseits zu halten habe, sondern frei sein Haupt erheben und in breitester Oeffcntlichkeit wirken und gewertet werden könne? Ja. so unnnttelbar überzeugenist die Sprache gerade der verschiedenen örtlichen Anlegung der neuen und alten Synagogen, daß es fast überflüssig erscheint. daS, was einem bei ihrem Anblick mit -er Sicherheit der Intuition entgegentritt, auch im Einzelfall quellenmäßig zu belegen und mit den Hlffsmirrein der Forschung zu beweisen, —ff Und doch ist ein solches Beginnen nicht ganz ohne Reiz, besonders dann nicht, wenn die Bangeschichte der Synagogen uns Kulturbilder aus einer Zeit.nahebririgt, die. wenn auch fast Jahrhunderte zurück, doch noch nicht so weit entfernt ist. daß nicht doch ab und an etwas von ihrem Hauch mit leisem Modergeruch zu uns hinüberstäubte. So mag denn hier — nur -es Beispiels wegen — berichtet werden, wie eS kam. daß in der alten freien Reichsstadt Wetzlar, der Stadt des RetchskammergerichtS und des *) Zu Grunde liegen diesem Aussatz in der Hauptsache die Akten des Wetzlarer Pensttschen Staatsarchivs: Preußen Pitt. $91/1825 und 402/1820, wie ich gbaikbe, der tüdische Liberalismus viel stärker, als er es bisher getan Hat, diese grundlegende Eigentümlichkeit, diese soziologische Eigentümlichkeit dsr jüdischen Religion betont: Subjekt des Judentums ist gar nicht der Einzelne, sondern Subjekt ist die große jüdische Weligemeinde, — so wirsich hieraus viel leichter ergeben, -aß Formen, Symbole, die vielleicht m Laufe -er Jahrhunderte und Jahrtausende in dieser jüdischen Weltgemeinde auSgebilbet sind, als AusdruckSformcn jüdischen Gemetnschaftsbewutztseins bewahrt werden,,-aß unS diese unvergleichlich mehr geben, als wenn sie einen unmittelbaren religiösen Ausdruck bedeuten sollen, was sie tatsächlich niemals gewesen sind und auch niemals bedeuten können. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist eS auch nicht wahr, -aß die Leute, die sich vielleicht nur im Centvalverein oder in der Abwehr des Antisemitismus betätigen, indifferent sind. ES ist vielleicht nur ein halb bewußtes Bekenntnis zu dieser großen jüdischen Weltgemeinde, die tatsächlich das Subjekt religiösen Erlebens, religiösen Fühlens ist. Wenn man sich von vornherein viel stärker die Frage vorlegt: wie formuliere ich die Religion dieser großen jüdischen Gemeinde und wie halte ich die Symbole dieser jüdischen Gemeinde zusammen?, dann wird man eher dazu kommen, das jüdische Individuum an diese Gemeinde zu fesseln. Alles Formelle, Gebräuchliche, alles, was wir an Zeremonien haben und betätigt wissen wollen, wirb unvergleichlich stärker den Individuen eingehen. wenn man von dieser Gesamtgemeinde ansgeht, als wenn man von dem jüdischen Individuum ausgeht. Es ist der grundsätzliche Unterschied zwischen Judentum und Protestantismus, daß beim Judenküm der Weg von der Gemeinde zum Einzelnen geht, währenbeim Protestantismus der Weg vom Individuum zur Gemeinde geht. Die Folge davon ist, daß, wenn auch von seiten der liberalen Bereinigung und überhaupt von seiten eines liberal aufgefaßten Judentums die Sorge, die wirklich tiefe, dem.Herzen eingehende Sorge für die jüdische Weltgemeinde von vornherein zu einer Religionspflicht gemacht wird, dies eine so starke Betätigung im jüdisch-religiösen Geiste ist, daß dann all dasjenige, was -wir über Jndifferentismus mit Recht zu klagen haben, zur Hälfte wird obgeworfen werden können, wenn eben tatsächlich ein starkes Verantwortungsgefühl jedes Einzelnen für die Gesamtgemeinde erweckt ist. Dr. Geiger-Frankfurt a.M.: Ich bitte, mich einmal als ein gewöhnliches Mitglied der jüdischen Gemeinde anzusehen, das von diesen theoretischen Angelegenheiten und theologischen Erwägungen gar nichts versteht. Wenn Sie sich einmal diesen Normalmerrschen unter uns Juden betrachten, dann werden Sie mit allen diesen wundervollen Theorien nicht einen Schritt woiterkommen. (Sehr richtig!) Das sind nämlich die Leute, an die wir uns zu wenden haben. Das sind die Objekte unserer Gesetzgebung. Das sind die Leute, die sich aus irgendwelchen Gründen oder irgendeinem Gefühl oder irgendeiner Empfindung heraus ein Stück Religion oder ein Stück Religiosität erhalten haben, die zu threm Gott einmal, zweimal, dreimal, fünfzigmal im Iahte kommen, um einmal an diesem Tage oder diesen Tagen ihrem religiösen Gefühl ein Opfer zu bringen. Ncber diese Leute sollen wir uns freuen, und wir sollen nicht daran deuteln, daß sie zu wenig kommen. Wir sollen uns freuen, daß sie überhaupt kommen. Ich habe mich in anderem Zusammenhang über die Frage der Form ausgesprochen. Ich bekenne Ihnen ganz offen: ich erkenne keine Form innerhalb des liberalen Judentums an, nicht eine einzige, und ich bin der Ansicht, baß die Uobung unserer jüdischen Religion, namentlich wie -er Liberalismus sie auffabt und auffassen soll, nicht von der Form abhängig ist. in dem Sinne, wie es von vielen gemeint-ist. Wenn Sie selbst zugeben, daß dieselbe Form in jeder einzelnen religiösen Handlung in tausend verschiedenen Arten gehändhabt wird: streng, weniger streng, holhstreng und schließlich ganz verwaschen» so werden Sie zugeben, daß man. mit derartig abgestnften Formen keine Masse gewinnen kann. Erst wenn die Masse religiös eingestellt ist. dann können Sie ihr sagen: wir wollen diese oder jene Form pflegen. Eines hat mich in den Ausführungen des Herrn Referenten erschreckt und erschüttert. Das war der Gedanke, daß wir in unserem liberalen Gottesdienst zuviel Wert auf das AeslHetische legen. Meine .Herren, wir können überhaupt nicht genug Wert darauf legen. (Sehr richtig!) Es ist doch gar kein Ziveifel, daß, wenn ein Gottesdienst durch schönes Orgelspiel, schönen Gesang eingefaßt ist und durch eine erhabene Predigt ansgefüllt wird, nicht nur das ästhetische Empfinden gestärkt, sondern das religiöse Bewußtsein. die religiöse Ergriffenheit gehoben wird. Verwechseln Sie nicht den Begriff des Aesthettsch-Rcligiösen auf der einen Seite mit der lieben, guten, alten Gewohnheit auf der anderen Seite. Sie werden nämlich finden, daß ein Gottesdienst, dessen Aufbau auch, vom Standpunkt desjenigen, der auf Formen Wert legt, schöner und eindringlicher und eindrucksvoller ist als ein altertümlicher, orthodoxer Gottesdienst, trotzdem auf viele Leute nicht den Eindruck macht, weil sie einen gewissen alten Gottesdienst von. Kindheit au gewohnt sind und sich ungern davon trennen^ Das ist ein Standpunkt, den ich durchaus anerkenne. Ich bekenne mich in gewissem Umfange auch dazu. Aber daS ist rein persönliches Empfinden der Gewohnheit. Damit habe ich nicht das Recht, zu sagen, daß dadurch der Gottesdienst weniger wichtig und weniger erheben- und weniger jüdisch wird, weil gewisse derartige Dinge verschwinden uüd auf andere Weise ersetzt werden. (Beifall.) Falkenberg-Berlin: Wir müssen, wenn wir die Masse -er Indifferenten gewinnen wollen, den Wea des Protestantismus beschreiten, den Weg der Gewinnung -eS Individuums. Das geht nur durch die sogenannte Seelsorge, obwohl ich den Begriff an und für sich im Judentum nicht für gegeben erachte. Die Erfassung der einzelnen Seele ist in -er Hauptsache auch die Aufgabe des Geistlichen, -er in der Großstadt leider Gottes nicht dazu in der Lage ist. Denn hier heißt es nicht zu warten, bis der Einzelne zu mir kommt, sondern es Heißt, die einzelne Seele suchen. . Das ist eine Aufgabe, für die die Geistlichen nach meiner Auf» saffuna die Behörden mobil machen müssen, insofern, als entweder die Zahl -er Geistlichen, die sich mit diesem Punkt beschäftigen, vermehrt werden muß, oder, was ich noch für besser erachten würde, aus der Zahl der religiös Interessierten HilfSpersonen gewonnen werden. Nur auf dem Wege läßt sich dann eine Gemeinde zusammenstellen und bilden. Und wenn wir sie so haben, dann müssen Sie allerdings diese Gemeinde durch die Form zusammenfassen und erhalten und eurporbilhen. Selbstverständlich: die Farm ist nicht Herr, ist nicht Tyrann, die uns einspannt. sonder« wir sind Herr über die Form, d. h. darüber. Sie Form zu schaffen. Diese Form darf nicht etwas Stagnierendes sein unb nichts Stabiles bleiben, sondern es muß eine Form gefunden werden, die geradezu andauernd beweglich ist. Es geht z. B. nicht an, -atz -er hebräische Teil fortwährend geändert werden kann, aber es muß dem Geistlichen die Möglichkeit gegeben werden, den Teil, den er gestalten kann, dm deutschen Teil, aus den Bedürfnissen heraus zu schaffen. Deshalb darf der Geistliche, das muß er beanspruchen, nicht gebunden werden an eine Route von Gebeten und Gebetsteilen. Das hatte ich für eine der grundlegendsten Bedingungen, eine Bedingung, die ich in dem Gottesdienst. den ich versucht habe einzurichten, auch bisher durchgeführt habe. Nun komme ich noch zu dem Punkt der Aesthetrk. Es tft gar keine Frage, daß wir Liberalen ganz andere ästhetische Anforderungen an den Gottesdienst stellen als die andere«. Aber das ist doch nicht zu bestreiten — ich weiß nicht, wie es in anderen Orten ist —, daß hier in Berlin eine, sagen wir mal Verziehung -es Publikums in die Wege geleitet worden ist, die geradezu aus dem Religiösen herausführt. Unser Gottesdienst ist — zum Teil durch die Schuld der maßgebenden Persönlichkeiten, zum Teil durch die Schulauch nur -er Funktionäre — in eine konzertmäßige unb theatermäßige Art hineingckommen, die wirklich dringenfordert. daß wir mal ein klein wenig aufhören damit. Es darf nicht in den Mittelpunkt das Konzertmäßige gestellt werden, sondern daö Gemeindemäßige gehört in den Mittelpunkt. Wenn wir die Gemeinde beim Gottesdienst aktivieren und in der Schule anfanaen, uns die Gemeinde zu erziehen, werden wir auch die Gemeinde schaffen. Wenn jetzt der Jndifferentismus herrscht, so ist das die Schuld der Gemeindebehörden. Darauf basiert auch die Erscheinung, daß wir keinen Idachwuchs von Lehrern haben, daß wir keinen Nachwuchs von Rabbinern haben. Die Gemeinden sind «och nicht erwacht zu den Ausgaben, die sie haben. Ich hoffe, daß der Tag kommen wird, an dem endlich die Aufgabe der Gemeinden erkannt wird, für das religiöse Leben der GeMrGde zu iorgen. (Bravo!) Rabbiner Dr. Baeck-Berlin: Der IndifferentismW ist unbesiegbar» denn Indifferentismus ist Beschränktheit, und mit der Dummheit kämpfen Götter bekanntlich selbst vergebens. Der Jndifferentismus überwindet sich schließlich selbst, weil er nichts vererbt. Mit dem indifferenten Menschen ist er zu Ende. Nur derjenige, der nicht indifferent ist, gibt etwas weiter und vererbt etwas. Der Herr Referent sprach davon, daß die Propheten die Massen angezvgen hätten. Das ist ein kardinaler Irrtum. Die Propheten haben immer nur wenige für sich gewonnen, die Massen sind durch die Propheten nie gewonnen worden. Wir dürfen uns ali'o nicht dieses Ideal stellen. Massen gewinnen zu wollen. Entschieden muß ich mich dagegen wenden, daß Herr Dr. Geiger von der Theorie gering gedacht hat. Jede geistige Bewegung beginnt mit einer Theorie, uni einer Teorie, die inhaltlich außerordentlich schwierig ist. Girier der Herren sagte: wer von der Theorie spricht, der spricht über die Köpfe hinweg, der wird nicht verstanden. Ja. wer etwas zu sagen hat, der muß sich zunächst einmal darein finden, daß er neun Jahre lang nicht verstanden wird. Wer Goetheschen Werther. die Synagoge in den verlorenen Winkel <ton Stadtrands, fernab vom Getriebe -er immerhin betriebsamen Stadt, sich verkrochen wo sie auch heute noch sich bkfin-ot. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts befand sich die Wetzlarer Bürgerschaft in heftigem Streit mit dem Stadtrat. in einem Streit, der fast alle Zweige des StadtregLments betraf und sich in Unbotmäßig ketten und weitschweifigen Beschwer-eschriften austobte. - Auch die Behandlung der Wetzlarer Judenschaft stand zur Debatte. Die Bürgerschaft warf dem Magistrat vor, daß er widerrechtlich von den Juden willkürlich« Abgaben erhebe, andererseits aber, und zwar wieder aus gewinnsüchtiger Absicht. — denn es mußten jedesmal 20 bis 80 ReichStaler dafür gezahlt werden — den Zuzug von Juden begünstigte und dadurch die wirtschaftlichen Interessen der Bürger schwer lchädtge.ff Die Bürgerschaft drang mit ihren Beschwerden wie im allgemeinen» so auch hier durch, uud so enthielt denn auch der Vertrag, der im Jahr« 1712 -lese Streitigkeiten beilegte, die Bestimmung, daß die Menge der im Schutz der Stadt befindlichen Judenfamilien auf zwölf vermindert, h. auf -ie von der alten Ilndenordnung. der sogenannten ,^Judenstätftgkeit" festgesetzte Zwölf-Zahl zurückgeführt werden sollte. Der Stadtrat bchrclt allerdings die Befugnis, nach Maßgabe der Iubcnstattigkeit Ausnahmen zu gestatten. Im übrigen sollte streng darauf geachtet werden, daß die Jude« ihren Handel nicht weiter über die ihnen bei ihrer Niederlassung gezogenen Grenzen hinaus ausbehnten.ff Das also — so ersehen wir eS schon aus dem kurz hier angeführten — war die Situation der Wetzlarer Juden zu Beginn beS 18. Jahrhunderts: Don der Bürgerschaft scheel angesehen und eifersüchtig beargwöhnt, von der Staötobrigff v. Ulmenstetn: Geschichte und topographische Beschreibung der Kais. Freyen Reichsstadt Wetzlar H. Wetzlar 1500, S. 488. D v. Ulmcnftettt n, 484. Di« gesetzliche Zulassung von nur 12 Familien sollte übrigens nach der Iudenstüttigkett 8 7 den Zweck verfolgt«, daß sich 'diese 12 Familen „desto leichter ernähren un-gemeiner Stadt Beschwerden desto leichter zu Hülfe kommen Mutend keit mehr ausgenützt als beschützt, waren sie offenbar energisch bemüht, die Fesseln der ihnen durch das besondere Wetzlarer Judengesetz aufgezwungenen Bevölkerungsun- HandelSbeschränkungen zu lockern und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der als Sitz des Reichskammergerichts auch für sie — und zwar in mehr als einer Beziehung — wichtigen Stadt zu erfassen. » . Im Lauf der Jahrhunderte hatten sie sich zweifellos m Wetzlar eine Position geschaffen und festgehalten: daß dieser Position aber das Merkmal des Geachtetseins nur zu deutlich fehlte, beweist besser als alles andere der Kampf der Wetzlarer Judem'chast um die Errichtung ihrer Synagoge. Nach der Jüdenstättigkeit bestand kein gesetzmäßiges Ghetto für die Wetzlarer Juden, vielmehr durften sie zwischen den Christen wohnen und Häuser unter ihnen erwerben. Ihre Religionsübung in Privathäusern war mcht beschränkt, und in dieser Form genügte sie wohl ursprünglich den örtlichen Bedürfnissen. Wenigstens fand der GemeindegotteSdienst bis tief in 'das 18. Jahrhundert hinein in Prrvathänsern statt. Um das Jahr 1734 hatte die Wetzlarer Judenschaft ihre „Schuh!" im Hause eines ihrer Mitglieder, nämlich des Juden Löbelff. Nachdem die-ser aber sein Haus an einen Christen. Dr. Schmidt, verkauft hatte und Ungewißheit darüber herrschte, ob der neue Hausbesitzer der Judenschaft die Schuh! aufkün'digen würde, hatten die Juden einen Platz an der sogenannten Jäcksburg an -er Stadtmauer zum Synagogenbau erworbenff und am 1. Oktober 1734 den Rat der Stadt um seine Einwilliguna -azu gebeten, waren aber abschlägig beschteden und auf weiteres Drängen immer wieder hingchalten worden. Es half ihnen wenig, -atz sie gleich von vornherein sich darauf sestgclegt hatten, -atz auf jedem Platze „nicht etwa" ff Vorher im Hause von Mardochai am Kornmartt, bei Simon Höchster und Salomon Liebmann. *) Van den Fritzeschen Erben. Die Jäcksburg war nach Ulmensteins Beschreibung a. a. O. III. (Wetzlar 1816) S. 74ff. eine in der Nahe des nordwestlichen Teiles der Stadtmaner. des Obertores gelegene Straße, auf deren rechter Seit« nur wen>e Häm'er standen, währenden übrigen Raum Gärten einnghmen.