Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 39 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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] zu sagen hat, wirimmer erst tm zehnten Jahre frühestens verstanden. Es ist Habei ungefähr so wie mit den - tc das Volk Israel durch die Wüste ging. Erst 4i ^bre sind sie in das gelobte Land, in das Gebiet des Verstehens, hineingekommen. Jede geistige Bewegung hat mit einer Theorie angefangen. Die stärkste geistige, wir »nnen sogar sagen religiöse Bewegung, die wir in unseren Tagen miterleben, der Sozialismus, hat mit einer Theorie von einer Schwierigkeit sondergleichen begonnen. Wer einmal mrt den Bänden des Marxschen „Kapital" gekämpft o,r .n,cr öas Lassallesche „System der erworbenen Vechre^ einzudringen suchte, der weih, wie schwierig diese Theorie ist, und aus dieser Theorie ist der Sozialismus hervorgegangen. Oder nehmen Sie die französische Revolution. Sie hat mit den Theorien der Enzyklopädisten begonnen. Das sind sehr schwierige Theorien gewesen, aber aus diesen Theorien ist die Befreiung des dritten Standes hervorgegangen. So wird unser Liberalismus, wenn er nicht bloß Bezirksveremssache sein will, sondern eine Bewegung, darauf hinarbeiten müssen, daß er seine Theorie gewinnt, und daß diejenigen, welche Führer der Bewegung sein wollen, zunächst einmal sich theoretisch über den Sinn dieser Bewegung klar zu werden suchen. Darum ist es notwendig, wenigstens mit einigen Worten den theoretischen Unterbau zu der Frage zu geben: was eigentlich Form für uns bedeutet. Wenn ich ein Beispiel anführen soll, das mit der Religion viel Verwandtschaft aufweist, die Sprache: ich schaffe mir doch nicht meine Sprache, ich werde in eine Sprache hineingeboren. Nicht das Individuum ist Träger der Sprache, sondern eine Gesamtheit. Darum habenia die ganz konsequenten Individualisten, die Dadaisten, sich ihre eigene Sprache geschaffen. Wer deutsch spricht, der bat schon erklärt, daß er kein echter Individualist ist. : Jedes Individuum kommt aus der Gesamtheit heraus. Ich bin nicht geboren worden vor 40. 50. 60 Jahren, sondern ich bin geboren worden vor 2000, 3000. 5000 Jahren. Von diesen 5000 Jahren steckt etwas in mir. Ich kann nicht heraus, selbst wenn ich will» selbst wenn ich ein Dadaist werde. Ebenso bin ich aus einer gewissen Breite heraus geboren worden. Ich bin nicht geboren worden durch Parthenogencsis auf irgendeiner einsamen Insel, sondern ich bin aus einer Gesamtheit heraus geboren, und diese Gesamtheit, der ich angehöre, ist ein Stück von mir. Worin haben nun die Formen ihren Ausdruck? Das einzige, worin die Gesamtheit, worin die historischen Richtlinien, diese Jahrtausende ihrer Einheit, ihrer Verbindung sich bewußt werden können, sind die Formen. Wir merken das an unserer Vaterlandsliebe. Vaterlandsliebe ohne Formen ift kaum denkbar. Wieso spielt das Hakenkreuz diese Rolle? Wieso spielt Schwarz-Weitz-Rot. wieso spielt Schwarz- Rot-Gold diese Rolle? Das sind eben Formen: Formen, in denen die Einheit, in die das Individuum hineingehört, diese historische, in die Breite gehende Einheit dem Einzelnen bewußt wird. Aber damit entsteht ein Konflikt, aus dem der Liberalismus hervorgeht. Das Individuum kommt eben in einen Kampf mit seiner historischen Gegebenheit, mit seinen Jahrtausenden und in einen Kampf mit seiner Gemeinschaft, mit dieser breiten Gegebenheit, in der es steht. Dieser Kampf ist gut, denn aus diesem Kampfe geht alle Entwicklung hervor. Darum ist es gut, daß der Liberalismus gegen die alten Formen kämpft, daß er diesen Konflikt zwischen dem Gegebenen, den Jahrtausenden und seinem Wunsche nach Individualität, den Konflikt zwischen der großen Gesamtheit, in die er hineingehört. und seinem Wunsch nach eigener . Persönlichkeit empfindet. Aber bloßer Konflikt um des Konfliktes willen ist etwas söMßriLes. etwas Unfruchtbares. Der Konflikt sph ein Faktor der Weiterentwicklung des Lebens sein. Und --darum, hat Referent, glaube ich, doch recht: wir kommen um . me Formen nicht herum. Es wird nicht möglich sein, sich seiner Religion bewußt zu werden, ohne Formen. Eine Welt, und sei es auch nur die kleine Welt einer Gemeinde, die aus lauter Individualisten besteht, das ist eine eontradictio in adjecto. Der reine Individualismus ist Anarchismus. Der Anarchismus hat sein gutes Recht, aber . aus Anarchisten kann man keine Gemeinde und keine Gemeinschaft aufbauen. Endlich ein letztes Wort über das Aesihetische. Gewiß, das Aesthetische ist für uns etwas Notwendiges. Aber in allem Aesthetischen, in allem Künstlerischen ist der Mensch bloß rezeptiv Er nimmt es in sich auf. Im Gottesdienst aber sollen wir eben nicht rezeptiv sein, sondern da sollen wir produktiv sein. Wir sollen nicht die Empfänger des Gottesdienstes, sondern feine Träger fein. Darin liegt eben die Gefahr des Aesthetischen im Gottesdienst, wenn cs zu sehr betont wird. Das Entscheidende in dem Referat von Hern Dr. Mayer war für mich das Erfreuliche, daß ein religiöses Erleben aus seinen Ausführungen hervorstrahlte, und das ist es ia, was uns im Gedanken an die Jugend auch so zukunftssroh fei« läßt. Gerade in k>ek jetzt snr A«zeik-, \n der liberale» Jugend, ist dieses Verlangen -tack Sem zWFtSler,..Simmel hat einmal gesagt: alle KulMr ist der JKenfdjttt zu sich selber.' Zu sich selbes Aber was ist mein Ich? Mein Ich, das sind meiste Jahrtausende, die mit «jr lebe», das ist meine Gesamtheit. auS der ich herausgeborrn bin. Das empfindet die jetzige -Jugend sehr stark, und darum empfindet sie religiös, darcktn Hat fte die Sehnsucht aukst.nach den religiösen Formen. Es sieht beinahe ans. als (ei ker ein gewisses Naturgesetz. Mir ift das immer eine störte Bestätigung der Freudsthen Dheorie, auch wieder eitfetf Theorie. Das Religiöse, welchedas Leben des Juden war, war zwei» drei Generationen zurückgedrängt. Zurückgedrängte Empfindungen bringen immer gewisie seelische Störungen mit sich. Aber diese zurückgedrängten Empfindungen brechen dann mit'stärkster Akzentuation hervor. Daher ist es ein psychologisches Gesetz, daß der Enkel und Ilrenkel öeS Indifferenten, der Zionist, der jüdische Nationalist ist. Wir können jedem Indifferenten, wenn er ein wirklicher Indifferenter ist, eine Prognose stellen: dein Enkelkind wird der extreme Zionist sein. Wohl uns, -atz diese Ab-Roaktiost, um mit der Freudfchen Theorie zu reden, sich heute auf normalem Wege vollzieht, in diesem Wieder« erwachen des Roligiöserr, und mit ihm verbunden in dem Verlangen nach der religiösen Form, wie es aus dem Referat zu uns sprach, wie es weiter aus der jüdischen Jugend zu uns spricht. Die Form wird ihr Reckt behalten, weil doch der Träger von allem die Gesamtheit ist, die Gesamtheit, deren Leben in mir lebt. Ob ich es will oder nicht, dieses Leben lebt in mir. (Lebhafter Beifall.) Rabbiner Dr. Rülf-Hamvnrg: Es wird wohl in unseren Kreisen ohne Widerspruch bleiben, wenn ich sage, daß der religiöse Liberalismus in den letzten 30 Jahren kaum einen Schritt weitergekommen ist. Es fragt sich nun: woran liegt es, daß der Liberalismus im Grunde genommen eine-eingeengte und stagnierende Bewegung ist? Ich glaube, die Antwort zu finden in der Tatsache der Verquickung des jüdisch-religiösen Gedankens mit politischen Bewegungen. Ich greife einmal, um konkret zu werden, ein Beispiel aus der Geschichte heraus. Noch vor der Emanzipation der Inden in Preußen hat eine Anzahl von jüdischen Hausvätern, unter denen sich auch der berühmte David Friedländer befand, ein Sendschreiben an den Propst Teller gerichtet, in dem sie eine Art Vermischung des Judentums mit dem Christentum erstrebten, und worin sie den Propst anffovdern, ihnen dabei behilflich zu sein, ein, sagen wir mal, geläutertes Judentum zu schaffen. In diesem Sendschreiben verhehlen sie gar nicht, daß ihr Ziel im Grunde genommen dahin geht, durch dieses geläuterte Judentum die Gleichberechtigung schneller und gründlicher zu erreichen. Es ist weiter bekannt, daß diese Hausväter später ohnedies zum Christentum übergetreten sind, und daß überhaupt der ganze Gedankenkreis, in dem sie sich bewegt haben, nichts gefördert hat. Heute liegen die Dinge natürlich ganz anders. Dieser flache, unehrliche Liberalismus ist ia längst abgetan. Aber ich erinnere doch daran» daß wir auch heute noch uns aus politischen Gründyn einengen. Religiöse Entwicklung brauchen wir. Aber die müßte von innen heraus kommen, sie müßte jüdisch sein, sie müßte hebräisch sein. In der rußländischen Judenheit, auch in der galizischen Judenheit gab es im vorigen Jahrhundert eine Reformbewegung, von der viele wenig wissen: die Haskala. Das war im Grunde genommen eine im geistigen Sinne umstürzlerische Bewegung. Zlber diese Reformbewegung hat die Mafien ergriffen» weil es eine hebräische Bewegung war. Haskala können wir heute nicht gebrauchen. Die Probleme lauten heute ganz anders. Aber das hätten auch wir tun müssen: wir hätten eine Bewegung schaffen müsien, die aus dem Judentum Heraus geboren ist. Wir haben andere Vorbilder gehabt. Wir. habest vor allem das proteftautiiche Vorbild gehabt. Und wenn man, wie ich in Hawvnrg; wo die GeburtKstätte des Liberalismus eigentlich ist, die Entwicklung verfolgen kann, die dort der Ternvel in 106 Jahren genommen hat, weiß man, wie verderblich die ganze Richtung gewesen ist. Da hat man sich das Vorbild des protestantischen Gottesdienstes genommen und gesagt: wir Mächen deutsche Gesänge und deutsche Gebete, und nun ist die neue Richtung fertig. Was wir brauchen, ist eine geistige Entwicklng von innen heraus. Wir dürfen uns nicht mehr vor den ungeheuren Gedankenkomplexen, vor dem Literaturkomplex der nationaljüdischen Literatur verschließen. Vorhin wurde vom Referenten gesagt: der Zionismus meine, daß jüdisches Leben nur auf dem Boden von Palästina möglich sei. lDr. Mayer: Nur eine gewisie Richtung im Zionismus!) Das stimmt doch nicht. Der Zionismus sagt: Religion ist.Privatsache. Das wird von der Orthodoxie bekämpft. Von uns kann es nicht bekämpft werden. Wir, die wir das Recht des Individuums ausgestellt haben, können unmöglich darau vorübergehen, daß Religion nun einmal Sache des Einzelnen sein muß. Wir können dem Zionismus wohl zum Vorwurf 1 machen, daß er zu wenig dazu tut. um das Individuum für l Religion zu gewinnen. Und sehen Sie: nun hätten wir Sine Aufgabe. Wir hätten die Aufgabe, nicht nur bei denen, die Nicht zionistisch oder antizionistisch sind, sondern auch bei .denen, bje national-jüdisch denken, die jüdisch-liberale Idee zu pflegen. Ein großer Teil der Zionisten ist ia im Grunde genommen durchaus liberal. Diese Leute gehen aber leider in die orthodoxen Synagogen, weil sie sich von gewissen Geschmacklosigkciten des liberalen Gottesdienstes abgestoßen fühlen. lZuruf Dr. Wertheim-Berlin: Das ist Taktik!) Das ist nicht eine Angelegenheit der Taktik. Ich kenne viele xrnste Zionisten, die mir das gesagt haben, und denenich düs glaube. Wenn wir alles Politische ausscheiden würden und sagten: wix wollen den Gedanken der religiösen Entwicklung pflegen, ihr Zionisten habt außerdem euer Palästina-Ideal. pflegt das in euren Ortsgruppen, ihr Centralvereinler habt euer Ideal, den Abwehrkampf, das bleibt euch unbenommen, hier auf dem Boden bleibt alles Politische weg, hier wollen wir nichts als liberal-religiöse ■ Manschen erziehen — wenn wir das täten, würden wir nicht nur größere Massen gewinnen, sondern auch in uns ein größeres geistiges Feld gewinnen. (Unruhe.) Ei« Antrag, die Redezeit auf fünf Minuten zu beschränken, wird angenommen. Rabbiner Dr/ Galliner-Berlin: Religiöse Persönlichkeiten wachsen nicht etwa durch Bücher und Unterricht, sondern lediglich durch religiöse Vorbilder. Und an diesen -religiösen Vorbildern fehlt es in unserer Zeit. Gerade diejenigen, die sich im Centralv-erem oder in sozailen Vereinen betätigen, sollten erst recht zeigen, daß sie tief religiöse Persönlichkeiten sind und dort erscheinen, wo das Letzte ist, wgs uns geblieben ist, nämlich im Gotteshaus. Es ist unser letztes Gemeinschaftsleben, das wir heute noch auf.zmveisen haben. Wir sind nun mal keine Aampfgenossenschaft und kein ÄGHltätigkeitsverein, wir sind eine Religionsgemeinschaft. , Und nun etwas zu den Formen. Abraham Gerger hat sich niemals gegen die Form gewandt, kein liberaler Jude hat sich gegen die Form als solche gewandt. Aber gegen eines wenden wir uns wohl alle: gegen diese starke Kvdifizierung. Hätte man nicht immer kodifiziert und gewisse Freiheiten nt den Formen gelassen, hätte sich manches stärker in unserem Judentum erhalten und wir wären viel weiter gekommen. Ich kann darum eiu solches Wort nicht verstehen, wie es von Herrn Dr. Geiger gesagt wurde. Wir sagen alle: die höchste Form ist die sittliche Tat. Aber um dahin zu kommen, brauchen wir Symbole. Genau so wie sich der Gedanke einen adaequaten Ausdruck gesucht hat in der Drache, so Hai sich das religiöse Gefühl einen Ausdruck gesucht in der religiösen Form. Ueber die Art der Form läßt sich freilich streiten. Ich möchte auch noch kurz auf das Aesthetische zu sprechen kommen. Stetnthal sägt: übertreiben wir nicht die Aestheteleien in unserem Gottesdienst.' Ich habe einem katholischen Gottesdienst beigewohnt. Das Aesthetische ist dort auch nicht immer gewahrt. Trotzdem kann man dort tief religiös sein. Gewiß, unseren Gemeindemitglisdern fehlt die synagvgische sucht. .Aber dies Uebernehmen der militärisch-preußischen Zucht in ein jüdisches Gotteshaus hat die Aesthetik hinaus-- getrieben und nicht wieder hineingebracht. Die Orgel, der Gesang, der Vortrag allein-sind doch nicht die Aesthetik, sondern die Menschen sollen selbst -das besitzen, was vom Vortragenden gewünscht wird: religiöse Demut. Die sollen sie mit hineinbringen. ■ . _ r. .... m r Unsere Jugend ist heute tief reügros. Geben wir unterer Jugend.das, wonach sie M sehnt, auch im Gottesdienst, dann werden wir eine Jugend aufwachsen sehen, die wirklich tief religiös' ist, L. S. im tiefsten Sinne liberal ist. (Bravo!) (Fortsetzung der Diskussion in der Beilage.) Katendarlum sür die Jett vom 7. UM 15. ll. November 1924 Cheschwa» 5685 Freitag 7. Sonnabend 8. Sonntag 9. Montag 10. Dienstag 11. Mittwoch 12. Donnerstag 13. Freitag 14. Sonnabend . 15. 10. 11. Wochen-Abschnitt Lech lecho (1. B. M. Kap. 12—17) Haftarah: Jesaia 40,27-31,41, 1-16 12. Sabbat-Ausgang: 6,10. 13. Taanis scheni II 14. 16. 16. 17... 18. Wochen-Abschnitt: Wajero (1. B. M. Kap. 18-22) Haftarah: VI. Könige 4 (137) eine förmliche Synagoge oder Tempel, wie doch an anderen Lorten die Juden besitzen, sondern nnr ein ordentliches Hans für der Jüdischheit Vorsinger gebaut, und hintenhinaus der Bau derart aptiret werden sollte, daß die sämtliche Judenschaft ihren Gottesdienst zugleich darin zu betreiben, Raum haben könne". .Es half ihnen auch nicht, daß einer der Nachbarn, der in feiner Zeit als Jurist weitbekannte Kamme rgerichtsbeisitzer Georg Melchior von Ludolfs, seinen ursprünqlichen Widerspruch gegen die neue Nachbarschaft ausgab und damit einen vom Stadtrat vorgeschobenen wesentlichen Hinderungsgrund entfernte. Es scheinen sich vielmehr neue Schwierigkeiten : aufgetan zu haben, denn die Judenschaft trat, trotzdem sie inzwischen auch ans ihrer alten Betstube vertrieben worden war, offenbar von dem Kaufkontrakt zurück und mit einem neuen Projekt hervor^). Als dieses aber um 1735 am Widerspruch der Nachbarn, zu denen wieder der Kammergerichtsassessor von Ludolf gehörte, gescheitert war. kam die Judenschaft auf ihren ersten Vorschlag zuxück. da ia dagegen kein Widerstand der Nachbarn mehr bestand, hatte aber in ihrem erneuten Antrag beim Rat wieder keinen Erfolg. Weil sie aber neuerdings „ihren Gottesdienst ganz verstreut halten mußten und in Judenhäusern keine Gelegenheit dazu hatten", hatten sie zunächst, einer Weisung des Magistrats nachkommend. eine neue Stube zu ihren gottesdienstlichen Versammlungen gemietet, was nur mit aroßer Mühe vor sich gegangen war. „da kein Bürger sie in sein Haus ausnehmen wollte". Da sie aber einer Wiederaufkündigung immer gewärtig sein mußten, hatten sie sich wegen -es Synagvgengrundstückcs nochmals an den Stadtrat gewandt und waren endlich nach erneuter Ablehnung Anfang des Jahres ') Siehe über ihn Allgem. Deutsche Biographie XIX. Leipzig 1864. S. 390—93. *) Sie wollten die hinter dem Hause des Juden Vachrach gelegene Scheune des Rat- und Gerichtsältesten Kupferschmidt kaufen, sie in Dach und Geschoß stehen lassen, inwendig aber zu einer Synagoge aus-gestalten. Vertreter der Judenschast waren bei diesen Verhandlungen Josef Marx und Salomon Vackrach. In vielen kleinen Städten deS westlichen Mitteldeutschland erkennt man noch heute in den Synällygenbauten ehemalige Scheunen wieder. 1736 bei ihrem AppellationsgeriHt. dem Reichskammergericht, vorstellig geworden. tv voluminösen Schriftsätzen, in denen »Hie Gravamina llen Tagen gelegt wurden", tobte dann der Kampf vor dem Neichskaimnergericht. Eine wichtige Rolle spielte dabei, wenn man von dem übrig-en und üblichen staatsrechtlichen Brimborium obsieht, die Asisleguna des § 26 aus der alten, erst 1726 wieder erneuerten Wetzlarer Jndenstättigleit, der da lautet: 26. Ist ihnen Juden auf ihr gehorsamstes inständiges Anhalten auch erlaubt und zugelass-en. daß sie auch für sich und ihre Kinder ihr Cowventus und Jüdische Zeremonien verrichten mögen, doch mit diesem expreßlichen Vorbehalt, daß solcher einsam oder in ihren Wohn- Häusern einem, und wenn sie denselben Ort dazu haben wollten, sollte es ohne Consens und Gutachten E. E. Raths nicht geschehen, sondern dessen Einwilligung hierunter ersuchet werden. Die klagende Jnrdenschaft nahm den Standpunkt ein, daß die alternative Bestimmuna nur den Sinn haben könne, daß sie entweder an einem ihr eigentümlichen aber einsamen Ort oder in einem ihrer Häuser ihre Zeremonien verrichten köUnen, und daß der Magistrat, wenn eben jener Platz nur einsam sei. seine Einwilligung unbedingt und ohne weiteres erteilen müsse. Der Rat der Stgdt Wetzlar bestritt jedoch diese seine Verpflichtung zur ConsenserteUung und legte diesen Paragraphen dahin aus, daß den Juden die Abhaltung ihres Gottesdienstes entweder an einem abgelegenen Ort im christlichen Hairse oder in einem der Judenwohnhäuser zn gestatten wäre. Daß es ihm aber nur darauf ankam, den Synagogenbau unter allen Umständen zu verhindern. das zeigte der ganze Ton und di« Art-seiner-aggressive» Replik. In dem Wunsch nach Errichtung einer Synagoge — noch dazu am Ort. des höchsten Reichsgerichts — erblickte er nichts anderes alS „DurmtreiLung des jüdischen Hochmuts, jüdische Keckheit einiger hiesiger Juden, die sich unter denen selben die Vornehmsten zu ferm bedttnkten", eitle und hochtrabende Gedanken, die ihre Vorfahren nie gehabt hatten, nur geeignet, den Christen zum Aergernis zu dienen. Er aab vor. daß die Wetzlarer Judenschast durch ihr Verlangen nur Juden „aus vier Enden der Welt heranlocken" wolle und sah mit Gruseln in Wetzlar durch die religiöse Anziehungs'.raft der Synagoge „eine Judenstaöt oder deren confluxum" entstehen Das Morsingevhaus" aber erschien seiner vorahnenden Phantasie bereits als eine „freie Herberg für die Betteljuden". deren man sich auch bisher schon in Wetzlar — „ime bekannter als bekannt ist" — trotz aller Vorsichtsmaßregeln ka>um hätte erwehren können. , .. c . . ., Davon befürchtete dann die vorsorgliche -Ltadtobrrgkelt —- so behauptete sie wenigstens —schwere Unzuträalichkeiten inr die christliche Bevölkerung, eine Zunahme von Dl eher eien und fahrlässigen Brandstiftungen — man höre und staune! „durch Verwahrlosung des Feuers bey dem denen Juden auf offenen Gaffen und Straßen angewohnten Taoarrauchen und dergleichen mehr". ’ Die bisherige Regelung erschien dem Magistrat, wre er unaufhörlich betonte, als völlig ausreichend und ernzrg richtig: er glaubte auch, daß es „nur. zmn Spott gerelcht haben würde, neben ein Pfarrhaus, wre der indnche Vorschlag in der Gegend der Jäcksbura gewesen, eine Juden- Schüle zu setzen". Seinen Hauptpfeil meinte er aoer wohl mit der an die Ildresse der Gerichtsherren selbst gerichteten Bemerkung abzuschließen, in der er es im Zwisel zog, -atz es bei .chenen vornehmen Angehörigen des hochiten Reichsgerichts Beifall aefunden hätte, wenn er den Juden „in Aufbauung einer eigenen Synagoge gehehlet, und gleichsam selbst eine Quelle zur Vermehrung des in re publica so bekanntlich pernittosen Juden Gesinds gegraben hätte". Sollten nickt besser Juden am Orte des höchsten ReichsgerichtA Überhaupt nicht geduldet werden?! Daß der Rat der freien Reichsstadt Wetzlar noch die Frage aufwarf, „ob und wie weit eine Christliche Obrigkeit in Aufibauung solcher Judcn- Schulen Gewissens wegen eoncurriren 'und consentirsn könne" rundet das" Kulturvildchen in aufschlußreicher Weile ab. Ob die vom Rat vorgebvachten Argumente Etiidruck ge^ macht hatten, oder was immer der Grund gewesen sein mag, jedenfalls kam es zu keiner Entscheidung und die Sache blieb — wie das so vor dem Neichskammergericht üblich war — lärme Jahre hindurch liegen. Erst 1763. also nach einer Unterbrechung von 17 Jähren, nahm sie wieder ihren K-ortaana. (Schluß folgt!)