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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-31 · 38 (31.10.1924) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
38 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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EISSPEISEN TORTEN - FEINGEBÄCK liefert frei Haus Begtellungsannahme: BERLIN W », LEIPZIGER #TR, »4 Merkur 4871/73 Su folgen vermochten und hie »m töm voratrsgrsetzje ryissenschaftliche Forschung nicht pflegten. Ho -ließ Geiger, hex eine gesellige Natur war und stets Anschluß suchte, im Grunde genommen sein ganzes Lese» lang ein Einsamer, ein Anreger, ein Wegweiser, Mer jkei» Führer: ein Prediger Ler geschichtlichen Verstö-sdiMUS in einem Geschlecht, das mit Ungestüm das JuLentum hem Zeitgeist heK Ewigen, -em -Vergänglichen unterzuorhuen suchte. Die Zeit, in der Geiger seine Havptkömpfe zu -estehen hatte, war nicht ohne J-eal«, gher sie vertrat das hausbackene manchestexliche Ideal -er ruhigen -üxg-rlichen Behaglichkeit. der Fernhaltung jeder Erregung urÄ Erschütterung. Sie hatte genug hex romantische« Kchmtzmnerei. jener Gefnhlsseligkeit. die tm Traume, -te i« den Gehilden -er Phantasie die Wirklichkeit sah uns p-endretn Än Hort -er Reaktion bildete. Und die Juden Vollends waren erfüllt von dem neuen LebensgeMl. ihr Streben war durchaus diesseitig. Sie waren voll Verlange«, den ihnen nach so langem Schmachten gegönnten bescheidenen Platz an du Hanne auch wirklich zu genieße». Es war eine Zeit, die Vervollkommnungen der Technik für Fortschritt -er Kultur nahm. Befreiung von Polizeischikanen mit innerer Freiheit uerwechselte, eine Zeit ohne Perspektiven, die in dem deutschen Kleinstaat die Welt sah. in dem wohlhabenden Bürger den Typus des nach Vollkommenheit Strebenden, hie überall nur Fortschritt. nur Menschenverbrüderuns sah -ie non -ex Rebellion einiger Geistlicher in rascher Zeit den Zerfall der katho- .l-ischen Kirche, die von der Gleichgültigkeit begüterter und "gebildeter Juden den Untergang des alten Judentums erwartete. Geiger selbst hat diese Zeit späterhin als flach und faul charakterisiert, als man sah. wie kritiklos sie sich Hem ödesten Materialismus in die Arme warf. Diese Zeit war viel zu sehr geblendet von ihrem eigenen Lichte, als daß sie Verständnis für historische Kritik, für mühselige ausdauernde Gelehrtenarbeit, für abgeklärte Betrachtung der Quellen sowie der Entwicklung und ihrer Anwendung aus das Leben besessen hätte. In wilden Sprüngen überstürzte sie sich, vom alten Judentum beiseite zu werfen, was ihrem Lebensgefühl. was ihrem Freiheitsdrang entgegenstand. Jedes Banmit der Vergangenheit schien durch diese Stürmer und Drängex gelöst, die natürliche organische Entwicklung schien unterbrochen. Lassen Sie uns einige wenige Daten herausgreifen, die veranschaulichen, wie es damals zuging. Noch 1837 versammelt Geiger, damals als der Wortführer der Radikalsten verschrieen, eine Anzahl gleichgesinnter Rabbiner in Wiesbaden um sich, und als wichtigsten Beratungsgegenstand griff man heraus die jüdischen Trauergebräuche, die Sitte des Haartragens der jüdischen Frauen, ohne daß man sofort irgendwelche Beschlüsse zu fassen, sich entschließen konnte. Schon 1845 aber, also nicht ein Jahrzehnt später, wurde die Genossenschaft für Reform des Judentums gegründet, -je alle Bindungen der jüdischen Lebensform für ungültig erklärte. Und drei Jahre vorher. 1842. hatte sich in Frankfurt dex Verein der Neformfreunde gebildet, der das reine Judentum, wie er sagte, erstrebte und selbst betreffs -er religiösen Anschauung sich nur in Negation erging. In dieser Zeit wilder Ueberstisrzung waren aller Augen auf Geiger gerichtet, dessen erstes Auftreten von so unbändiger Kampflust zeugte, daß auch hie Extremsten seiner Unterstützung sicher zu sein glaubten. Schien nicht auch sein Verfahren der geschichtlichen Betrachtung, namentlich wenn es nicht nur als Methode, sondern als Jnhglt geübt wurde, die Realitivität aller Erscheinung wirklich lehren? Wenn jede Gestaltung des Judentums nnr Ausdruck eines bestimmten, bedingten Zeitgeistes war, wer wollte es der Gegenwart wehren, ihren eigenen Ausdruck zu suchen und zir bestimmen, wo lag die Grenze des mit dem geschichtlichen Judentum zu vereinbarenden? Begrifflich ließe sich vielleicht überhaupt nichts feststellen. Hier bewährte sich wieder Geigers intuitive Erfassung der geschichtlichen Zusammenhänge, der durch die Geschichte bedingten Verantwortung. Leicht ist ihm die Entscheidung nicht geworden. Er hatte damals wie auch sonst in seiner Entwicklung schwere seelische Kämpfe zu bestehen. Auch Abraham Geiger, -er Apostel oer Klarheit und Vernunftsgemäßheit war kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Mensch mit seinem Widerspruch. Auch Abraham Geiger, der Mann des gradlinigen, entschiedene« Fortschritts, war eine komplexe Erscheinung. Er hat den Glaubcnskampf des damaligen Judentums durchgemacht, ist in seiner Jugend, aber auch noch später, währenseiner Amtstätigkeit vielfach von Zweifeln geplagt worden, dis ihn bis an die Grenze des Unglaubens führten. Er hat sich durchgezweifelt. durchgerungem und gerade in der Erschütterung ist seine Ueberzeugung von der Erhabenheit der jüdischen Gottesidee und pon ihrer Gen-hng für hie Welt vertieft worden. Er hat auch den Widerstreit zwischen Nationalismus und Romantik, zwischen Vernunft und Gefühl in seinem Innern empfunden. Gerade in der entscheidenden Zeit feines Leventz lernte er die Dunkelheit der Romantik rurückstohen zugunsten der Klarheit und Deutlichkeit, die er hei ßessing fand. Allein, damit war der Konflikt nicht erledigt. Wie konnte auch der Verfechter des geschichtlichen KüdennrrpS im Säger der natürlichen Religion feine Ruhe finde«. Der Kampf um den Primat von Vernunft oder Gefühl, von Glauben und Wissen blieb unentschieden. Beide.Richtungen behaupteten sich in seinem Innern, vielleicht nicht immer friedlich, aber schiedlich, und Heide zusammen bestimmte« seine Wirksamkeit. Daher seine Umsicht, seine Bedächtigkeit. -ie Rücksicht auf vorhandene Stimmungen, die von den Unentwegten alS Halbheit susgelegt wurde. Daher auch sein Festhalten an der Einheitsgemeinde, seine Scheu vor einer Trennung von dem Gesamtkörper. I« Augenblicken des Unwillen-, in Zetten -er Verzweiflung und -es Mißerfolges, -ie einem Kämpfer wie Geiger tg niemals erspart bleiben, hat er häufig mit -em Gedanken eines Schismas gespielt, genau so wie es seine prtho-oxen Gegner taten. Er sah oft keinen anderen Ausweg aus -er inneren Zerfahrenheit des Judentums als in einer reinlichen Scheidung. Solche Risse, schreibt er. haben immer -je Weltgeschichte befreit: denn während sie die reale Einheit ansh-ven, begründen sie eine ideale Einigung. Aber wenige Jahre später schon schwankt Geiger, und -a heißt eS wieder: Ein Schisma darf nicht gemacht, man muß zu ihm getrieben werben. Er ist geneigt, es anzunehmen, wenn die Verhältnisse dazu zwingen. Er selbst aber will es nicht zur Katastrophe treiben. Er hat das Schisma vermieden und damit die Einheit des Judentums gerettet. Schließlich trug eben da» geschichtliche Bewußtsein den Steg davon, verlieh ihm, wie er es nennt, zum Mut -es Kampfes dir Ausdauer -er Passivität. Geigers Ziel blieb die Einwirkung auf die Gesamtheit, auf die große jüdische Gemeinschaft, die sich -er vollen geschichtlichen Verantwortung, der Bindung durch ihre mehrtausendjährige Vergangenheit bewußt war. Seme radikale« Gegner hingegen blieben mit ihrem Blick auf dem Juden des 19. Jahrhunderts haften, der das Bewußtsein -es geschichtlichen Zusammenhanges zurückgedrängt oder ganz verloren hatte, -er die rnessianische Zukunstsaufgabe zwar anerkannte, aber jede Hemmung seines Lebenstriebes, jede Fesselung seiner Leidenschaften und Begierden ablehnte und sich bedingungslos von einer Kultur gefangennehmen ließ, deren Götterdämmerung wir in erschreckender Weise miterlebt haben. Dieser Gegensatz zwischen -er Reform ins Leere, wie Geiger sie nannte, und der Umgestaltung aus dem Boden -ex Geschichte bildete den tieferen Kern für Geigers Ablehnung der Berliner Reformgemeinde. Hier liegt die letzte Ursache seiner von den Stürmern getadelten Unentschlossenheit. Indem Geiger in erhabener Intuition seine Verantwortung vor der Geschichte erkannte, hatte er den archimehtschen Punkt gefunden, von dem aus er die Wirrungen tm Judentum lenken konnte, von dem aus er verhüten konnte, daß die Gärung zur Auslosung führte. Was in der Geschichte lebendig ist, was mit dem Volksgefühl sich innig verbunden hat. so schreibt er gegen Ende seines Lebens, das allein kann lebenskräftig fortwirken. Was unvorbereitet hingestellt wird, ist wurzellos, das hat keinen Bestand. Der Radikalismus im Judentum hat in Europa nirgends Fuß gefaßt, und auch in Amerika seine Position nicht voll halten können. Die Geschichte bat Geigers Stellungnahme in diesem Punkte gerechtfertigt, wie sie in anderen Gegenden entschieden hat. Weder hat die Entwicklung der Menschheit sich so vollzogen noch das Leben innerhalb des Judentums sich so gestaltet, wie man es 1840 erwarten konnte. Ganz andere Kräfte, als man damals vvraussah. sind zur Herrschaft gelangt. Ter Glaube an den gradlinigen raschen Fortschritt der Menschheit, an die Herrschaft der gebildeten Oberschicht, an die Identität von Bildung und Gesittung wurde gründlich erschüttert. Es haben sich im Judentum Kräfte gebildet, positive und negative, erhaltende und zerstörende, von deren Gewalt und Wucht man damals nichts ahnte. Cs haben innerhalb der jüdischen Gemeinde, innerhalb der Juöenhert der Welt, innerhalb der Völker und ihrer Stellung zum Judentum Umwälzungen schwerwiegendster Art stattgefunden und uns vor Probleme gestellt, die in Geigers Tagen unbekannt waren, die auch mit seiner Einstellung nicht immer sich verantworten lassen. Abraham Geiger, der Mann der geschichtlichen Betrachtung, der lebendigen Fortbildung, der Gegner jeder Beharrung und Erstarrung hätte sich dem Gange der Entwicklung sicher nicht verschlossen. Und doch hätte er unter Fcsthaltung der Grundlinien seiner Lehre auch auf die Gegenwart belebend und richtunggebend eingewirkt. Denn das ist das Große an seiner Lehre, daß sie unabhängig ist von der Zufälligkeit der Zeitströmnngen, daß sie Ewigkeitswert besitzt. Heute wie vor 60 Jahren wäre Geigers scharfe Kritik unserer religiösen Lage berechtigt. Die ununterbrochene schleichende Krise des religiösen Judentums hat keine Besseruna erfahren. Sie ist infolge der Absorbierung der Juden durch Wirtschaft^ Gesellschaft und Politik, durch das Zunehmen der Unwissenheit, durch das Abdrängen der geistigen in andere Kulturgebiete sogar verschärft. Der Gegensatz zwischen Lehre und Leben, zwischen Gesinnung und Handluna klafft nach wie vor. Die beiden Uebel des letzten Jahrhunderts, das katholisierende Aufrechterhalten von Formen für die Gesamtheit, die der einzelne als überlebt betrachtet, sowie das unverantwortliche Hindrängen auf Reformen, von denen man selbst keinen Gebrauch macht, zehren nach wie vor am Lebensmark des religiösen Judentums. Wir wollen auch die Lichtseiten unserer Zeit nicht verkennen. Der jüdische Mensch ist sich seiner Zerissenheit bewußt geworden, er strebt danach, sie zu überwinden. Er bringt vielfach stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl mit als unsere Großväter und Urgroßväter. Er gehört einem Zeitalter an. das vertiefte philosophische Durchdringung der letzten Fragen sucht. Ter mit der heißen Glut des Gefühls, nicht mit dem kühlen Abwägen des Wissens das Judentum erfassen will. Aber was uns fehlt bei allen diesem Ringen und Streben nach dem Guten, das ist das ernste Streben nach sittlicher Einheit, daß. was Geiger unter Reform verstand. das Schwere wie das Leichte, das Ganze wie das Einzelne, der neue Geist und das neue Herz, die eine und die reine sittliche Persönlichkeit. Hier hat Abraham Geiger der Gegenwart wie allen Zeiten das Erhabenste zu künden. Hier wird sein Wort immer leben und von jeder suchenden Generation immer wieder belebt werden. Er wird ihr immer wieder der Erneuerer und Erwecker sein, der Mann, der erbarmungslosen Kritik, aber auch der geschichtlichen Verantwortung. der Führer auf dem Wege, den er selbst also beschrieben hat: Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft wirken. (Fortsetzung von Seije 8.1 Berlin. Gemäß den Beschlüssen des Schulvorstandes hat sich der Gemeindevorstand entschlossen, das gesamte Schulwerk der Berliner Gemeinde einem Jnspektörat zu unterstellen. Zur Uebernahme des Jnspektoramtes für die religiös-liberal gerichteten Unterrichtsanstalten ist ein Ruf an Rabbiner Dr. Lazarus in Frankfurt am Main ergange«. Rabbiner Dr. Lazarus ist ein Sohn des früheren Breslauer Seminar-Rabbiners Dr. Lazarus und ein Neffe beS bekannten Philosophen Prof. Dr. Moritz Lazarus. Es wird angenommen, daß Dr. .Lazarus dem ehrenvollen Rufe Folge leisten wird. In Gemeinschaft mit Dr. Lazarus soll dann, wie der Gemeindevorstand ebenfalls festgesetzt hat, einem religiös-konservativen Herrn die Leitung der konservativ gerichteten Anstalten unterstellt werden. Berlin. Die Berliner jüdische Reformgemeinöe wünscht ihr Gotteshaus in der Johannisstraße zu verkaufen, um im Westen Berlins ein neues Gotteshaus zu errichten. An Stelle des verstorbenen Predigers Dr. Coblenz hat die Neformgemeinde soeben einen neuen dritten Prediger neben den Amtierende« Herren Dr. Jelski und Dr. Lehmann berufe«. Die Wahl ist auf -en Lehrer an der paritätischen Volksschule in Hörde in Westfalen. Herrn Rosenthal, gefallen. Berlin. Am 14. Oktober veranstaltete der I. V. E. „Maceabi" im Lehrervereinshaus einen Kampfabend, den -ie 12-Ubr-Mittag-Zeituna ein sportliches und gesellschaftliches Ereignis nannte. Mit Stolz konnte der junge Club einen neuen eigenen Ring weihen, den der 2. Vorsitzende, Herr Kurt Dandsberger, mit folgenden vier Wünschen der Jugend zum Kampf übergab: Es bleibe stets Sieger der bessere Mann. Es bleibe die Freude den Gästen. ES urteil her Richter, weil er es nur kann. Für Krim sorgt die Presse am besten. Eingroße Propasaniba für den Club war es, 2 Jugendliche im Alter von 1s und 13 Jahren einen Schaukampf vorführen zu lassen, der selbst bei dem anwesenden deutschen Schwergewichtsmeister Samson-Körner großen Beifall hervorries. Bon den acht Kümpfen des Abends konnte Maceabi vier sitr sich gewinnen, und in den andern vier Kämpfen mußten die Maecabilente. wenn auch ehrenvoll und Uurpp sich den besseren Gegnern beugen. Es ist zu wünschen, daß dieser Abend dem „Maceabi" in unseren Kreisen viele neue Freunde gebracht hat und die Jugend in Scharen ihm znströmt. zumal der Maceabi nur sportliche Ziele kennt. TrainingSzeiten: Berlin. Turnhalle Augnststraße 21', jeden Montag und Mitwoch tz—8 Jugendabteilung, 8—10 Männerabteilüng. Abteilung Charlottenburg Turnhalle Joachimsthaler Straße 81-82 sa. d. Augsburger Straße), jeden Montag urnd Donnerstag von 6—8 Jugendabteilung, 8—10 Männerabteilüng. jeden Mittwoch 8—10 Herrenriege. Breslau. An Stelle des Herrn Prof. Dr. Michael Gutmann. der nach Jerusalem berufen worden ist, ist zunächst vertretungsweise für die talmudistischen Disziplinen Herr Dr. Ahlheck, der bisher an der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin tätig war. an das jüdisch-theologische Seminar in Breslau berufen worden. Königsberg. In der Stadtverordnetensitznng vom 21. Oktober gab es eine große antisemitische Debatte, die sich an einen völkischen Antrag auf Entfernung der 1619 im Sitzungssaale der Stadtverordneten ausgestellten Büste des Politikers Johann Jacoby knüpfte. Wir entnehmen dem Bericht der „Königsberger Hartnngschen Zeitung" folgende Angaben über den Anlaß zur Debatte und deren Verlauf. Man kan» natürlich über die geschichtliche Bedeutung eines Mannes verschieden urteilen, daß aber Johann Jacoby ein leidenschaftlicher Deutscher und einer der bedeutendsten Männer Königsbergs gewesen ist, der die Verehrung seiner Mitbürger in einem Grade genoß, wie sie mit einziger Ausnahme Kants in dieser Stadt kein anderer sich erworben hat. das vermag wirklich nnr profunde Unwissenheit oder Parteiverblendung zu bestreiten. Ganz richtig hob Herr Gottschalk hervor, daß der Verfasser der „Vier Fragen eines Ostpreußen" als einer der größten Vorkämpfer der Selbstverwaltung und eine Zierde insbesondere der Königsberger Stadtverordnetenversammlung durch diese Büste geehrt worden sei. Herr Dr. Krollmann zollte dem Menschen Jacoby Achtung, behauptete aber, seine .Hauptarbeit sei die Förderung des Judentums gewesen. Herr Boedecker brachte es in seiner völkischen Berranntheit sogar fertia, einen Mann wie Jacoby als „Todfeind des deutschen Volkes" zu beschimpfen. Immerhin wirkte dieses offene Bekenntnis des Willens zur Ungerechtigkeit noch beinahe sympathischer als die Art, wie die Herren von der Deutschen Volkspartei ihr Mitgehen mit der Mvdelrebhaberei des Antisemitismus hinter der Maske angeblich „historischer" Feststellungen versteckten. Mommsen, einer unserer größten Historiker und ein unverdächtiger Deutscher, hat bekanntlich äußerst schroff über den Charakter und die Wahrheitsliebe der Kronzeugen des Herrn Dr. Mcntz geurteilt und die Geiftesrichtung. die als Folge solcher tendenziösen Geschichtsklitterung sich verbreitete, knrz und bündig als die „Gesinnung der Canaille" bezeichnet. Heute urteilt man weniger temperamentvoll und nimmt auch diese Erscheinungen als historische Gegebenheiten hin. Des Pudels Kern schälte schließlich der Demokrat Dvmbrowsky heraus. Jacob« war ein aufrechter Mann, ein Charakter, der auch vor Königsthronen nicht katzbuckelte. Er hat sich damit „unbeliebt gemacht", aber wenn wir in den OM vns Messen von Jtefonnfen! Die Geschäftsstelle, Berlin W.8, Mauerftr. 22, versendet kostenlos Probenummern. kritischen Jahrzehnten vor dem Kriege nur einige solcher Kerls gehabt hätten, wäre es besser um unser Deutsches Volk bestellt. — In der Abstimmung wurde der Antrag, gegen den übrigens auch der Magistrat im Ausschuß Stellung genommen hatte, mit Stimmengleichheit abgelehnt. Die einzelnen Redner führten folgendes ans: Dr. Mentz (Dt. Vp.): Namhafte Historiker haben ungünstig über Jacoby geurteilt, nicht über seine Persönlichkeit, aber über sein Wirken. Deshalb gehöre seine Büste nicht in den Sitzungssaal: er habe nur negativ gewirkt und weder für sein Vaterland noch für die Stadt Königsberg Positives geleistet. In Wahrheit sollte die Aufstellung der Büste den Sieg der Revolution, des sozialistisch-demokratischen Gedankens versinnbildlichen. deshalb unterstützen wir den Antrag ans Entfernung der Büste. (Zuruf: Lesen Sie doch erst einmal, wie Schlosser, Prütz. Gervinus über Jacoby urteilen'.) Stadtv. Boedecker (Völk.) meint. Königsberg habe allen Grund, eine „deutsche" Stadt zu sein: da müsse man überall nn? „Deutschtum" betont finden. Eine Büste von Kant und eine von Hinöenburg gehörte in den Sitzungssaal der Stadtverordneten. aber die eines jüdischen Demokraten und Polensreundes habe er nicht erwartet. Ein solcher Todfeind des deutschen Volkes dürfe hier nickt stehen. Nach weiteren Ausführungen der Stadtv. Grosse (Volk.). Dr. Krollmann <Dnt.). Weiß (Dnt.) bemerkt Stadtv. Dombrowsky sTem.): Wir Demokraten haben, als von der Linken her die Entfernung der Kaiserbilder ge-

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