Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-31 · 38 (31.10.1924) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
38 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613779--1045-2618370
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4. Jahrgang Nummer 38 Berlage 31. Oktober 1924 IWchKbewleZeikM Abraham Geiger. Von Prof. Dr. Jsmar Elbogen. Nachstehend veröffeiitluficii wir daS fteriogra« ffiifcnc Protokoll der Festrede, die L>crr Professor Cidoacn bei der?!braliam--Geiger-GedäclitniSseier der Lereini^unu am 20. C Hoher im LogeitliauS yehallen Hai. Wir verweisen auf den Bericht an anderer stelle. Tie Redaltion. Sehr geehrte Versammlung! Daß Abraham Geiger 50 Jahre tot und dennoch in unserer rasch vergessenden Zeit lebendig ist. daß er immer noch den Mittelpunkt des Kampfes der Geister bildet, das zeugt für seine wahre Größe. Das Judentum des 10. Jahrhunderts zählt viele ausge7'chnete Namen von Männern, die sich im öffentlichen Leben n der Verwaltung und in der Wohlfahrt, die sich in der Literatur durch die Gelehrsamkeit und Produktion Nachruhm gesichert haben. Aber cs zählt nur ganz wenige Unsterbliche, die das Rad der Zeit vorwärts bewegt, die durch neue Ideen die Welt und das Jude!; tum bereichert haben. Und zu diesen wenigen treibenden j . Kräften in der Geschichte des Judentums des 10. Jahrhuni derts, von denen unschätzbare Wirkungen ausgingen und noch heute ausgehen, gehört Abraham Geiger, der selbst sich bewußt war, ein Organ der Geschichte zu sein und der durch seine Wirksamkeit in der Tat eine Epoche in der Geschichte gemacht hat. In welchem Sinne das der Fall ist, das vermögen wir heute, die wir zeitlich fern von ihm stehen, von denen kaum einer ihn noch persönlich gesehen und gehört hat, im Lichte der Geschichte ruhiger und sachlicher zu beurteilen, als die Geschlechter, die mit ihm umgingen. Für uns ist seine Gestalt alles Zeitlichen entrückt, wir sehen, was hinter dem wesenlosen Scheine als das Grosze, als das Ewige hervorragt. Worin besteht Abraham Geigers geschichtliche Größe? Selbst die nahestehenden Beurteiler, die seines Geistes einen Hauch verspürt haben, antworten da zunächst mit einem Hinweis auf seine Verdienste um die Wissenschaft. Sicherlich ist Abraham Geiger einer der Pioniere der wissenschaftlichen Erforschung des Judentums gewesen, ein Gelehrter von erstaunlichem Wissen, von unabsehbarer Weite des Gesichtsfeldes. von seltener Vielseitigkeit der Interessen, von vorzüglicher Sicherheit des Blickes und der Methode, unterstützt durch eine bewnnderswcrte Leichtigkeit und Reichhaltigkeit der Produktion. So ist vieles von dem. was er wissenschaftlich geforscht und geschrieben hat, noch bis ans den heutigen Tag von wertvollster Bedeutung für die Wissenschaft. Seine Erstlingsschrift „Was hat Mohamed ans dem Judentum übernommen?" ist auch heute noch, fast 100 Jahre nach ihrem Erscheinen, trotz ungeheurer Erweiterung des Stoffgebietes der Ausgangspunkt aller Untersuchungen gleicher Art. und wie mir jüngst erzählt wurde, wird sie jetzt in englischer Ueücrsetzung von den Mvhamedancrn in Indien fleißig studiert. Seine gelehrten Untersuchungen zur Geschichte der jüdischen Exegese im Mittelalter, besonders in Frankreich waren zu ihrer Zeit abschließend und sind auch heute noch richtunggebend. ebenso wie seine Forschungen zur hebräischen Poesie g des Mittelalters. i***, Vor allem aber sind seine gelehrten Untersuchungen zur Bibel und zur ältesten talmuöistischeu Literatur bedeutungsvoll. All die Probleme, die er in seinem Hauptwerk behandelt hat: Urschrift und Uebcrsetznngen der Bibel und ihre Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums. Der Name schon bezeichncte ein Programm. Geiger hat den Nachweis geführt, daß Vibeltext und Bibelübersetzung jeweils nach der herrschenden religiösen Auffassung bearbeitet wurden, und er hat gleichzeitig die Erkenntnis des Zusammenhanges und des Wesens der jüdischen Sekten erschlossen. Seine Auffassung vom Ursprung der sadduzäischcn i Partei ist Gemeingut der Wissenschaft geworden. Und wenn seine Theorie über das Wesen und die Aufgabe der Pharisäer nicht dasselbe Schjcksal hatte, so stand dem in christlichen Kreisen die neutcstamentliche Ucberliesernng entgegen. Aber es ist Geigers unbestrittenes Verdienst, daß er die christliche Forschung gezwungen hat, an der jüdischen Gelehrtenarbcit nicht mit'vornehmer Geringschätzung vorbeizttgehen. sondern sich in ehrlicher Arbeit mit ihr anseinanderzusctzen. Und vielleicht ist es interessant und bezeichnend, daß wir gerade heute in der Zeit des schärfsten Rassenhasses die Früchte dieser Arbeit genießen, indem immer mehr und mehr christliche Theologen zur Einsicht kommen, daß es ohne Heranziehung jüdischer Mitarbeit mit der Forschung nicht wcitergeht. Geiger hat grundlegende Ausschlüsse über das jüdische Geistesleben, über die religiösen Empfindungen während der Zeit des zweiten Tempels eröffnet. Er hat gezeigt, wie innerhalb des Judentums um rcliaiöse Anschauungen gekämpft wurde, wie sich im Kampf gegen Widerspruch Anschauungen durchgesetzt haben, und er hat gelehrt, die alten Quellen in reinem Licht zu sehen. Doch was ist Gelehrtentum? Auch der reichste Ertrag wissenschaftlicher Arbeit bleibt Stückwerk. Jede ernstliche wissenschaftliche Untersuchung weist über sich hinaus, weist auf neue Problemstellungen, neue Lvsu.igeu. Auch ein Geiger hat dem Allcrmenschlichstcn, dem Irrtum ' 'neu Tribut gezollt. >chtige Hypothesen seines Haupte rtes haben sich als gegründet erwiesen, und der Verfajser selbst erklärte nach kurzer Zeit, daß sich vieles nicht aufre^terhalten ließ. Was er als ein abschließendes Werk plante, eine wahre Entwicklungsgeschichte des biblischen und des talmudischen Jeder Leser, dem die „Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Belehrung bietet, fühle sich verpflichtet, uns einen neuen Abonnenten zuzuführen! ae©®eeaeeeee©ea%eeee Judentums in wissenschaftlicher Begründung, das war ihm zu schreiben nicht mehr vergönnt. Wir besitzen nur Andeutungen hiervon in seinen Vorlesungen, vor allem in seinen populären Vorträgen über das Judentum und seine Geschichie. und wir vermögen daraus zu ahnen was uns vcrloreugegaugen ist. Geigers wissenschaftliche Produktion — und das ist das Große an ihr — stellt sich uns in einer großen Linie dar. Sie folgt seiner ausgesprochenen Veranlagung zu geschichtlicher Betrachtungsweise. Alle seine Studien, soweit sie auseinander zu gehen scheinen, dienen dem einen umsassendcu Plan, den Gang der geschichtlichen Entwicklung des Judentums klar zu legen, „durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen durch .Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart" vorzudriugeu. Diese geschichtliche Intuition war es, die epochemachend an Geiger wirkte, da er sie seiner Auffassung von der jüdischen Religion zugrunde, legte und damit Gründer der aus geschichtlicher Grundlage-beruhenden Reform des Judentums wurde. In einer Zeit, da das Judentum eine seiner schwersten Krisen durchlebte, da eine Epo-chc mit ihrer Dentungsweise und mit ihren AuSdrnckssormen unwiederbringlich dahingcgangeu und ein Chaos entstanden war, in einer Zeit, da, was einst Leben hatte sich nur noch als Mumie zeigte, was Schönheit batte, in Verzerrung, was Innigkeit hatte, in Erstarrung übergegangen war. — in dieser trostlosen. schwankenden Zeit wagte es der 20jährige Geiger, den Ewigkeitswert des Judentums zu betonen, zu künden, daß das Judentum eine prophetische Religion sei: nicht eine Religion des Lippen- und Werkdienstes, sondern eine Religion der Gesinnung, die mit der Erkenntnis der Heiligkeit Gottes steht und fällt und als Verehrung Gottes die Heiligung des eigenen Lebens und Denkens fordert. Als prophetische Religion hat das Judentum von Anfang an die Aufgabe, Menschhcitsreligion zu werden, und gerade die veränderte Stellung der Inden in der Neuzeit legt ihnen die Pflicht auf, der Erfüllung dieser Aufgabe die Kraft zu widmen. Und so sehr Geiger sonst für eine Einschränkung des Judentums, für ein Zurückdrängen des Absonderns eingctrcten ist, in diesem Falle hielt er mit aller Entschiedenheit an der Sonderausgabe des Judentum fest, und nirgends weiß er seinen Widerspruch so scharf zu formulieren, als wenn er den Anspruch des Christentums zurückweist, daß das Judentum dieser seiner Sendung beraubt wäre. Was uns heute vertraute Lehre ist, was heute in allen Lagern des Judentums im Prinzip Anerkennung findet, war damals, als Geiger es zuerst anssprach, kühne Neuerung. stand auch in schroffem Widerspruch zur Wirklichkeit. Denn in der Wirtlichkeit herrschte Formlosigkeit und Formenstarrheit. Der Zusammenhang mit der Idee war vcrlorengegangen. und der Aberglaube hatte sich seinen Thron gegrunzt. Diesem Mißverhältnis zwischen Wirklichkeit und idealer Forderung sollte die Reform abhclfen. Nicht was man damals allgemein als Reform nannte, jene äußerliche Reform, die abgewirtschaftet hatte, die Heinrich Heine als eine Hühneraugeuoperation verspottet hatte, als eine Aendcrung von Dekoration und Kulissen und nichts weiter. Was Geiger forderte, war eine g:n-»-legende Umwandlung des gesamten jüdischen Menschen. Der Ruf Reform, schreibt er. lautet nun anders: umgeänderte neue Gestalt, ein verjüngtes Leben, vom Geiste getränkte, durchdrungene Form. Das Schwere wie das Leichte, das Ganze wie das Einzelne soll Sinn und Bedeutung haben, soll den Geist erheben, das Herz erwärmen, damit es auf die ganze Lebensänßerung Einfluß habe. Das war die alte prophetische Forderung nach dem neuen Bunde, dem neuen Herzen n dem neuen Geiste, wo Gottes Lehre in Israels Inneres gepflanzt sein sollte. An Stelle der Autorität des Buchstabens wurde die Autonomie der sittlichen Gesinnung gesetzt. Diese prophetische Forderung war im Grunde genommen jüdisches Gemeingut, und dennoch war im jüdischen Leben so wenig von ihr zu spüren, was sie geradezu bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auch Samson Raphael Hirsch. Geigers Studien- und Altersgenosse, stimmte ihr dem Sinne nach zu und betonte gleichzeitig die Verbindlichkeit der gesamten jüdischen Ueberliefernng mit ihrer Ausbildung der Zäune um das Gesetz mit ihrer minutiösen Kasuistik. Geiger hingegen setzt hier die historische Kritik an. Er erblickt in der Gegenwart das Produkt der Vergangenheit, in dem, was ist. das Gewordene, das Gewachsene, und er setzt dem Begriff einer einmaligen mechanischen Offenbarung den einer sich organisch entwickelnden Tradition gegenüber. Die Tradition ist die Kraft der Entwicklung, welche im Judentum fortdauert als eine unsichtbare Schöpferin, als ein gewisses Etwas, das niemals seine volle Ausprägung erhält, aber immer wirkt und schafft. Die den Körper belebende Seele ist innerhalb des Juden- . tnms die Tradition. Sie ist die ebenbürtige Tochter der Offenbarung, sic schwankt nie und wird nicht schwinden, innerhalb des Judentums, sie ist der Stempel, der die Zeit befruchtet und bei jeder Berührung mit der Außenwelt je nach den Bedürfnissen auch neu gestaltet werden mutz. Das ist eine völlig neue Lehre, eine Kampfansage an das bestehende Judentum, und Geiger hat um ihretwillen persönliche Verunglimpfungen und Beschimpfungen und Versvlgnngen zu ertragen gehabt. Seine Gegner haben gegen - seine Wahl zum Rabbiner in Breslau protestiert, weil er i angeblich die Religion angegriffen hatte und überhaupt, wie es in einer der Beschwerdeschriften hieß, wer eine Universität besucht hat, kein Rabbineramt bekleiden dürfe. Geiger hat die Herausforderung angenommen. Er hat mit siegesgewissem Optimismus den Kampf dnrchgefochten, und er hat damit die Freiheit der Meinung und -es Gewissens erstritten. die heute bis weit in die Kreise seiner Gegner als Grundlage des jüdischen Gemeinschaftslebens anerkannt wird. Er hat freilich den Irrtum begangen, als Hüter und Träger der Tradition ausschließlich die Theologen zu erklären. und er hat damit in das Judentum einen fremden Begriff hineingetragen, wie es auch abwegig war — und Geiger selbst nicht immer ausrcchterhalten hat — den gesamten reichen Inhalt des jüdischen Lebens auf die Ettge der Synagoge zu begrenzen. Er ist von den Theologen enttäuscht worden, da sie dem Höhenflug seiner Gedanken nicht ff.... Bekanntmachung. Die auf den 7. Dezember 1924 angesetzten Wahlen zum Lerbandsiag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden sind ans Sonntag, d. 1. Februar 1925 verlegt worden. Die in der Bekanntmachung vom 20. Oktober d. I. mitgetcilten Termine der Auslegung der Wählerlisten für den Wahlkreis 2 (Groß-Berlin) werden aufgehoben. Die Bekanntgabe der neuen Termine erfolgt demnächst. Anmeldungen zur Wählerliste können noch bis 31. Dezember 1924 erfolgen und sind an den Unterzeichneten Borstand, Berlin 9?. 24, Oranienburger Straße 29, Zimmer 33, zu richten. Berlin, den 28. Oktober 1924. Vorstand der jüdischen Gemeinde. Günstige Velzangeboie ^r- Zn größter Auswahl fertig am Lager: Oehprlss SeaNKanln-Scbalkragen gߣl Murmelutlicken Innenfutter . . . M. ÄW Ssal-eieHirik-ScöaSRraßen HAK Skunkskat»*? lnuenfutter.M tvimv Ecbter Biber-Scftalkragen MR Bisainslirn Innenfutter.M. E Ecftter Otler-Sciialhraeen Nutria Innenfutter.M. ■ W GNrvtUelre Opossumschweil-Sclialkr&geii fnn Opossuinstüf.ken Innenfutter . . . . M. I«lw Waiaby - Oposs. - Schalkragen gen OpossumseUen Innenfutter . . . . M. «rWV Austral - Vflvss. - SGbaikrageu aen Opossumwatnmen Innenfutter . . . M. ERW Ecbter Otter-Scbatftragen cos Bisamstirn Innenfutter ...... M. tFfirtP DameN-VeSre Reü- und Zobelkid . Nutrlanln. Feit- und Zobelzickel von 150 M. an , von 225 M. an von Dlberett.von 475 M. an Persianerklauen m. stutsiin. ▼. 575 m. <m 275 m an Nerz-Hurmei, Foülen, Bisam vSOV m. an Prima Seal-Eiektrfk, Dlberett, Foblen-Mdntel mit reichem Besatz Herren-Pelze UgvllMg fMtzlW Auto Herren - Rclsemantel mit Pelzkragen ln eleganter modernster Aus* 6tattung Pelzdecken / rnQs&cke FufWascften / jaodmnffen reich sortiert am Lagerl 1 Sportpelz-SsnderaagebQt f 1 &1 kragen,: 558.- 2 Echter Otter-Schal kragen, 2 Bisamwammen- ~ 2 1 n n enf utter, la 2 Whipeord-, Melton- 2 u. Cher.-Boztige M. äiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiir: mit Schaffell ebgefüttert. Stabile StoflbezQge in Grau. Blau. Grlln und Braun. AulknOpSkragen aus Schaffell u. Opossumschweif. In allen GrOssenvorT&tig Eigene Kürsdmcr Werkstatt im Hanse. Haßanfeittgung in kürzester Zeit• Q % t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.