Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 38 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Geschäftsbericht. ^cn Geschäftsbericht erstattete Herr Chefradaktetz? Dipl-- kSng. Woyda. Er bankte allen Mitarbeitern pst Bereinigung für ihre Arbeit und Herrn Rabbiner Dr. Bogelstein. Herrn Jaulus und den ausländischen Gesinnungsgenossen, Sie in -er Jnslgtions-eit dt« Erbaftnyg -er BeretnigunD -r rnöglicht haben. In grundsätzlichen Lu-sührungen betonte er. daß eine erfreuliche Entwicklung -»hin geführt habe, daß wir inzwischen immer mehr die positive TnSdrucksform unserer Idee gefunden haben, statt nur immer dem allerdings auch notwendigen Kampfe zu dienen. Die Berejni, gung hat nunmehr SS Ortsgruppen, die sich in ganz firne* Zeit noch um zehn vermehren werben. Alsdann Um btt Referent .nachdem er die Entwicklung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gestreift hatte, auf die Finanzlage der Vereinigung und den Antrag auf Beitragserhöhung. Dem ReftM Mtzte eine angeregte Diskussion, an der die Herren Dr. «cheyer- Liegnitz. Stiefel-Frankfurt g. M.. Bielschowski-BreKsgit,! Nußbaum-Dortmund. Dr. Golüsteiu-WieSbaben, Berger und Bayer?VresLau. Dr. G«igcr?Frankfurt «. M. teilnahmen. Sämtliche Diskussionsredner erkqnnteu den erfreulichen Aufschwung der „Jüdisch-lihexalen Zeitung" gu unjh px? tontcrr. daß es Ehrenpflicht aller Oesirmurrgßgenpssen fei, für die Propagierung zu wirken und die Zeitung in jeder Hinsicht zu stützen. Nach dem Schlußwort des Herrn Woyda wurde der Mitgliedsbeitrag von jährlich zehn Mark einstimmig angenommen und eine Finanzkommission zur Porbereitung der Ausgabe von Anteilscheinen für die Zeitung eingesetzte Geiger-Feier. Hierauf fand im Logentempel die Geiger-Feier statt. Herr Oberkantor Frieömann sang in ergreifender Weife die Arie aus Elias lJch danke dir. Herr, mein Gott) und Allmacht" von Schubert. Die Festrede hielt Herr Professor Dr. Jsmar Ekbogen. Der tiefgründige und formvollendete Vortrag fand den stärksten Beifall. Wir veröffentlichen ihn an anderer Stelle unsere- Blattes. In der Versammlung bemerkte man den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde. Ägmmer-erichtsrat Wolfs, den Vorsitzenden des Eentrawereinß. Justizrat Brodrritz. den Vertreter der Zionistischen Bereinigung für Deutschland, Dr. Weltsch, den Vorsitzenden der ReforrygemMde. Dr. Lipschütz, und die Prediger Dr. Lehmann und Jelski, Herrn Eugen Caspary von der ZeutralwohlfahrtSstelle der deutschen Juden, den Herrn Großpräfiöente« -er Großlose Bne Brith. Geheimrat Timenborfer. die Herren Moritz Rosenthal und Instizrat Makower vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Dr. Holzman und zahlreiche Persönlichkeiten des jüdischen und öffentlichen Lebens. Von der Familie Geiger nahmen Frau Geheimrat Geiger, Frau Geheimrat Simon, Rechtsanwalt D?. Simon, Rechtsanwalt Dr. Geiger sowie die Enkel und eine Urenkelin Abraham Geigers teil. Ein gemeinsames Mittagessen vereinigte die Delegierten Und diente der persönliche» Fühlungnahme. Die Nachmittagösitzung. Nunmehr wurde in öffentlicher Sitzung mit den Beratungen der Hauptversammlung fortgefahren. Namens -er am Vormittag eingesetzten Finanzkom, Mission erstattete Herr Stiefel-Frankfurt a. M. den Bericht. Dem Vorschläge der Kommission gemäß wurde beschlossen, Anteilscheine zur Sicherung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" in Höhe von 50 Goldmark zu schaffen. »Herr Dr. Mayer, der Syndikus der Vereinigung für das liberale Judentum, hielt sein Referat über das Thema „Der jüdische Liberalismus als Ueberwinber des Jndifferentismus", an das sich eine lebhafte Diskussion auschloß. Unsere Leser werden einen Auszug aus dem stenographischen Protokoll über das Referat und die Diskussionsreden an der Spitze der nächsten Nummer finden. Die Tagung wurde abends um 7 Uhr vom Vorsitzenden! mit Wünschen für die Weiterarbeit der Vereinigung und ihrer Ortsgruppen geschlossen. fij Die jüdische Gegenwart f Gottesdienste in den Kur- und Erholungsorten. Vau Professor Dr. Eun«» Wölbe. Unsere Glaubensgenossen, welche ihre «EveMenten Ferien a» der Soe. im Gebirge oder ~ notgebrungen — zwecks Kurgebrauch in den Badeorten verbringen, lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Tie einen nehmen beim Aufbrnchjm froher Wanderfahrt zugleich zeitwrittgey Abschied, vom Judentum, au das sie in der Ferne nicht gerne erinnert sein wollen, die aber doch bei einem unumgänglichen Gespräch Wer Juden und Judentum geschmeichelt quittieren, wen» Rechnungsrai Krause feststellt: „Ja, wenn alle Inden s p wären ivt-e Sie. Herr Goldman« .. . .1* Die andere» vergessen auch ans -er Reise nicht, baß sie Juden sindsie ruhten ihre Touxen so ein. daß sie Sabbate und Feiertage t« einer Mischen Gemeinde verbringen könne», «ährend ei» Täschche» „nr Ranze« einen kleinen „Sidbur". vielleicht sagar einen Taüis, birgt. , Der jüdische Ferienreisendc. -er auch ans fröhlicher Fahrt jüdische Interessen wahWrimmt. kehrt mit einer Fülle neuer Eindrücke beim, .Große und kleine Gemeinden lernt «r ans eigener Anschauung kennen: und ^anch» erbauliche Predigt bei weihevollem Gottesdienste Aingt in seinem Herzen nach. Ich habe in mehr als dreißig Gemeinden des In- und Auslandes den Gottesdienst besucht: in Rom. Paris, Brüssel, Amsterdam, Kopenhagen, Wien, St. Petersburg. Nizza, Basel usw. Ueberall beglückte mich das Bewußtsein, dem weltumspannenden Bruderbünde. Judentum genannt, anzugehören, dessen einigendes Bond unser reiner Monotheismus und unsere hebräische Gebetssprache barstellt. Am Schluß der Sommers?-Ben hörte ich einen sehr erhebenden Gottesdienst in der prachtvollen, einer fürstlichen Schloßkapelle ähnlichen Synagoge zu Potsdam. Orgel, nur hebräische Gebete. Besuch: mit den fungierenden Beamten und ein paar Schnlkiirdern, von denen zwei anscheinend die Kinder des Rabbiners oder der Kantoren waren, — knapp Minjan! Die Vorstandschast glänzte durch Abwesenheit: es war Wochenmarkt! Und doch: wenn die Herren Geschäftsleute ihr zweites Frühstück oder ihre Zeitungslektüre etwas abkürzen wollten, könnten sie bas Stündchen (9—10) zum Besuch des Gottesdienstes «bei welchem der Rabbiner als Chor fungiert!) bequem erübrigen! Leider liegen die Verhältnisse ht anderen Mittelgemeinöen, z. B. Frankfurt a. O., ebenso. Sehr bequem machen sich's unsere Glaubensgenossen in Innsbrucks am Eingang ihres Tempels hat der Vorstand angeschlagen: „Während des Sommers finden keine Gottesdlevlle statt." Run zum eigentlichen Thema. Wer in der Schwerz wandert, dem entgeht es nicht, daß selbst _ in sehr hochgelegenen Touristenorten anglikanische Gottesdienste gehalten werden: der Engländer hat eben ein starkes religiöses Bedürfnis. Bei uns in Deutschland gebt es kaum einen Bade- oder Erholungsort ohne katholischen Gottesdienst, nötigenfalls in einem Saal. In der höchst gelegenen Ortschaft Preußens, in Brückenberg, wird bereits zum Bau einer katholischen Kirche gesammelt. Unter den Gebirgswanderern finden sich imMer Geistliche zum Lesen der Messe. Ebenso werden von einheimischen und zeitweilig anwesenden Pastoren — oft gegen kostenfreien Aufenthalt in einem Hotel — evangelische Gottesdienste gehalten. Wenn ich lese: „Jeden Sonntag, 10 Uhr. evangelischer Gottesdienst in der Villa Bergfrieden. Um 12 Uhr Kinderlehre" beschleicht mich jedesmal eine leise Wehmut. Warum findet kein jüdischer Gottesdienst statt? Ist bei uns die Sehnsucht nach Gott und nach Erbauung so gering? Gewiß: in manchen Badeorten, namentlich in solchen mit einer ständigen Gemeinde, wird jüdischer Gottesdienst gehalten, in Karlsbad sogar solcher, der an Schönheit und Erbaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. In einigen Kurorten ohne Gemeinde veranstaltet der Wirt des jüdischen Speisehauses in seinem Saal eine Andacht, bei der meistens ein vstjüdischer Gast als Borbeter fungiert. Von Predigt und Gesang unter Harmo« »iumbegleitun« keine Rede. Und doch könnte ein ergreifen-; des Gottesdienst in einer dem geläuterten ästhetischen Em-- pftnden der Zeit entsprechenden Form an einem Erholungsort — dessen Gäste gewiß reichliche Muße zu seinem Besuch haben w manchen Gleichgiltlgen mit neuem religiösem Eifer für unseren Glauben erfüllen, manchen Andersgläubigen zu einer gerechtere« Würdigung von Juden und Judentum veranlassen. Der genannte Karlsbader Gottesdienst bietet ei» Beispiel derartiger Toleranz: hier lauschen an jedem Freitagabend und Sonnabend viele christliche Besucher, sogar Pfarrer und russisch« Popen, dem Gesang und der Predigt. Hertngsdorf. Westerland. Schreiberhau. Spindlermühle. Krummhübel usw. weisen alljährlich einen starken Besuch seitens jüdischer Erholungsbedürftiger auf. Warum wird nicht her Versuch gemacht, während der Sommerferien am Freitag abends, am Sonnabend vormittags, meinetwegen auch am Sonntag — denn in der Sommerfrische ist jeder Tag ein Savbattag! — jüdische Gottesdienste zu halten? Angesichts der guten Kun'bschast, welche die jüdischen Gäste dapsiesien. würden die Besitzer der vornehmsten Fremdenhe»ne mit Freuden ihre Säle zur Verfügung stellen. Ein Harmonium ist schnell beschafft: nötigenfalls wird es aus der nächsten Sö-bt enttiüden. Rabbiner oder Kantoren finden sich fast in jeder Saison unter den Erholungsgästen — sonderbarerweise sind diese Herren sehr selten bei den bereits bestehenden Gottesdiensten zu treffen, auch dann nicht, wenn eine Anzahl frommer Glaubensgenossen der Zerstörung tßrufalems -gedenkt: Tischa b'Aw fällt nämlich immer in die ommerferien. Se'hr dankenswert ist die Initiative des Oberkantors Manfred L e w a nd o m s k i vorn Friedenstempel in Halensee. der letzten Sommer mit dem Ertrage eineß von Gm veranstalteten Konzerts den Grundstock zu den Kosten einer würdigen Anüachtsstätte in Bad K u d o m ai legte. Wenn ein Nabbiner nicht anwesend ist, so mag ein stimmbegabter Kantor den Gottesdienst halten. Es darf freilich kein eitler Herr sein, der vor einer zur Andacht verrammele ten Gemeinde als Konzertsänger auszutreten wähnt! Ein religiös gerichteter, sein-gebildeter Kantor wird unschwer in; der Lage sein, diese Gemeinde auch durch eine Predigt zu erbauen. Zum Ausgleich für diese Mühewaltung darf der; Gottesdienst kurz fein: Halle! — Schriftverlcsung — Nwnuchauh jaumar Predigt — Sch'mone Esre mit deutscher Keduscha — Aöaun Aulonr oder Olenu. Hallet? Ja wohl. Daß diese Psalmenreihe 113—118 für die drei Wallsc-Hrtsfeste und einige hervorragende Tage des Jahres vorgeschrieben ist, schließt Kren Gesang auch an anderen frohen Tagen — und solche sind die Tage der Ferienerholung immer! — keineswegs aus. Die Beschränkung auf die genannte Reihenfolge von Gebeten ist erforderlich, weil diese den meisten G o t t esd ienstbesuchern vertraut ist, und kaum einer ein Gebetbuch mitbringt. Wegen des Hin un'd Her. wegen der Notwendigkeit eines Dieners und der Unerläßlichleit von Tallessim mutz leider von der Thoravorlesung abgesehen werben. Woher sollte auch eine Thorarolle kommen? Tie Vorlesung eines Thora- und Prophetenabschnitts müßte notgedrungen aus einer gedruckten Bibel erfolgen. Die Kosten eines derartigen Gottesdienstes im Kur- und Erholungsort sind geringfügig, wenn Rabbiner oder Kantoren sich ohne evhebliche Honoraranfprüche in den Dienst der guten Sache stellen. Selbstverständlich müßten den Herren ihre persönlichen Auslagen ersetzt werden. In der Pfmgstzeit tagte in Hamburg der „Verband der indischen Speisehäuser in Deutschland". Eine ansehnliche Schar von Wirten und tradition-ell gerichteten Rabbinern war anwesend — von Gottesdiensten zur Erbauung der während der Glückstage ihrer Ferienreise besonders weichgestimmten.- doppelt empfänglichen Glaubensgenossen war keine Rebe. Und d-och: welch' einen schönen Beweis von idealer Gesinnung; hätte ein Beschluß gezeitigt, wonach diese Herren Wirte, sie, ja wirtschaftlich nicht zu kurz kommen, aMibrnch ans 5—6; Wochen jeder einen Nabbiner. Nabbinatskandidaten oder Kantor gegen die Verpflichtung, allwöchentlich Gottesdienste mit Predigt zu halten, unentgeltlich zu beherbergen und zuü beköstigen! Aus diesen feierlichen Gottesdiensten in den Kur- und Erholungsorten könnte -dem Judentum reifer Segen erblühen. Kinder, die den Gottesdiensten in der Heimatsge«! Herbstnacht. Arthur Silbergleit. Da Hub die Weide an, im Wind zu weinen, Weil jäh der Sturm in ihr Gewissen schlug, Daß sie einst König Davids Harfe trug, Die längst schon unter toten Tempelsteinen Verschollen ruht. Und Himmel, Wald und Meer Schien schwermutgrau, von keinem Saitenpsalter Mehr überjauchzt. Der Lüfte Ahasver Durchschwang die Nacht als schwarzer Totenfalter. Und ewig herbstlich graue Seelen kamen An urjahrhundertalter Kastantracht Als Schatten namenlos, doch ihre Namen Und ihre Qualen wußte nur die Nacht. Und wie der Sturm mit seiner gellend scharfen Klangdissonanz die Weide überfiel, Hub an die tote Harfe aufzuharfen LÜnd aufzuschluchzen wild ihr Saitenspiel. Jüdische Arbeiterführer. Bon Eugen Prager. In der deutschen Arbeiterbewegung haben von jeher Juden eine hervorragende Rolle gespielt. Bon antisvwit-ischer Seite ist daraus gefolgert worden, daß das Judentum die zersetzenden und zerstörenden Elemente im Volksleben stärke, daß das internationale „jüdische" Kapital auf dem Urnweg über die internationale Arbeiterbewegung den christlichen Staat zu untergraben suche, daß eS sich insbesondere bei der Sozialdemokratie um eine „indische Mache" handle. In Wirklichkeit trifft man in allen Parteien und in allen Ländern Juden an vorderster Stelle: man braucht nur an den berühmten Führer der englischen iKonservativen Disraelj zu denken, oder an den Begründer der konservativen Partei in Preußen, Stahl, ober an den Bürgermeister von Rom, Nathan, um nur wenige Namen von Klang zu nennen. Auch unter den liberalen Parteien finden wir viele Führer jüdischer Herkunft, man denke beispielsweise an Rieß er. Rathenau. Haas. In der Arbeiterbewegung wiederum hat so mancher aus dem Judentum kommende Führer den nationalen Charakter der Bewegung mit Vorliebe betont: so Ferdinand Lassalle, der die Arbeiter! tn engem Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftglichen und politischen Entwicklung organisieren wollte, oder Ludwig Frank, der sich beim Beginn de- Weltkrieges frei» l willig stellte und als einer der ersten von einer französischen Kugel getroffen wurde. Es ist allerdings richtig, daß di« Zahl -der jüdischen Aribeiterführer in Deutschland stetviel größer war, als dem 'prozentualen Anteil des Judentums an der Gesamibe» -pölkerung entsprach. Diese Erscheinung hat aber ihre he« stimmten Ursachen. Die deutsche Arbeiterbewegung und besonders ihr politischer Zweig, die sozialdemokratische Partei, mußte sich im Kampfe gegen die im Staate herrschenden Mächte durchsetzen. Während die Inhaber der alten Gewalten die Scheidung des Volkes in zwei Klassen, der Besitzenden und der Besitzlosen, als einen natürlichen und von Gott gewollten Zustand ansahen und von den Arbeitern verlangten, daß sie die Führung des Staats den durch Besitz und Bildung bevorrechteten oberen Schichten 'überlassen sollten, drängten die Arbeiter nach voller Gleichberechtigung in Gesetzgebung und Verwaltung. Für die soziale Ungleichheit der Menschen machten die Sozialdemokraten sie kapitalische Wirtschaftsordnung verantwortlich. Sie sagten: der kleinere Teil des Volkes besitze das Eigentum an den Produktionsmitteln, die große Mehrheit dagegen habe nichts anderes als ihre Arbeitskraft, die sie gegen unzulängliche Löhne dem Kapital verkaufen müsse. Erst die Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, die Aufhebung der Lohnarbeit werde wieder allen Menschen die Möglichkeit zum sozialen Ausstieg geben. Ob diese Theorie richtig ist oder nicht, jedenfalls wurde die Sozialdemokratie beschuldigt, den Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung mit Gewalt herbeiführen zu wollen, und besonders unter BiSmarck setzte ein heftiger Verfolgungsfeldzug gegen sie ein. Aber auch nachher noch, bis zum Ausbruch des Weltkrieges. galten die SozialdemokratLn als Reichsseinde, sie wurden als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt, rausende von ihnen wunderten ihrer Ueberzeugung willen ins Gefängnis. nicht das geringste öffentliche Amt und sei es selbst das öeS Nachtwächters wurde ihnen anvertraut. Kann man sich darüber wundern, daß die sozialistische Bewegung gerade aus jüdischen Kreisen manchen Zuzug erfuhr? Viele Jahrhuniderte hindurch waren die Juden verfolgt und geächtet worden, die Landwirtschaft, das Handwerk, der legitime Handel blieb ihnen verschlossen, an der Verwaltuna des Staatswesens durften sie nicht teilnehmen, lediglich den ,/Schacher" ließ man von ihnen besorgen. Selbst nachdem ihnen formell die bürgerliche Gleichberechtigung zugestanöen worden war, standen sie tatsächlich außerhalb der staatlichen Gemeinschaft. Offizier, Richter. Staatsanwalt, Universitätslehrer, Beamter konnte der deutsche Jude höchstendann werden, wenn er durch die Taufe seine Abstammung abzuwaschen versuchte. Aehnliche Erscheinungen sah man setzt in dem Verhalten der Staatsorgane gegenüber der Arbeiterbewegung, es ist deshalb erklärlich. Latz sie in jüdischen Kreisen manche Sympathien fand. Im deutschen Judentum gab es zwar kein eigentliches Proletariat: die sich zur SozialLemokratie bekennenden Juden stammten vornehmlich aus den Kreisen der Intelligenz, aber sie brachten der Arbeiterbewegung Las mit, was ihr vielfach fehlte: durch akademische- Studium geschulte systematische Bildung. logisches Denken und sprachliche Gewandtheit. Sie konnten denn auch verhältnismäßig schnell zu führenden Stellungen in der Sozialdemokraiie ausrücken. An der Wiege der sozialistischen Bewegung und als ihr Meister steht Karl Marx. Er hat mit anßrro?d-'ntUch-m Scharfsinn die Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft ausgedeckt und in ein Lehrsystem gebracht. Was man nnter „Marxismus" versteht, das ist auch in die Auffassung der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre übergegangen. In seinem Hauptwerk-dem „Kapital", gab Marx eine umfassende Darstellung der Entwicklung des Wirtschaftslebens, vom Handwerk zur Industrie, er zeigte, wie sich aus dem Handelsuud Wucherkapital das moderne Kapital gebildet hat, wie sich weiter aus dem „Mehrwert", dem unberahltcn Teile der Lohnarbeit, immer neues Kapital bildet. Erst die „Expropriation der Expropriateure", die Uebcrsührung des Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschgstliches Eigentum wevde die heutige soziale Ungleichheit beseitigen und jedem Schaffenden den ihm zustehendeir Einieil an der Gütererzeugung gewährleisten. Karl Marx trat nicht etwa als Prophet auf, indenr er den Arbeitern einen bestimmten „Zukunftsstaat" ausmalte. Er zeichnete lediglich die bisherigen Entwicklungslinien der menschlichen Wirtschaftsweise. gab aber damit einen Ausblick aus die voraussichtliche künftige Entwicklung, an der die Aröesierschast einen hervorragenden Anteil nehmen sollte. Karl Marx, dessen Vater als Advokat in Trier die Taufe angenommen hatte, der selbst mit einem Adetssprost verheiratet war, der erst die freiere rheinische Luit geatmet hatte, dann in Paris und Brüssel lebte irnd schliestlich in London eine dauernde Heimstätte fand, kannte in Diner Gesinnung keine nationale Beschränkung. Der st.avaaltsu'us war ihm ein internationales Problem, daher kennte sein Gegenpol, die Arbeiterbewegung, auch nur^ in internationalem Umfange gedeihen. Sein berühmtes „Kommunistisches Manifest" schließt mit dem Ruf: „Proletarier alter Länder vereinigt euch", er selbst gründete Anfang der sechziger Jahre die Internationale Arbeiterassoziation. Ganz anders Ferdinand Lassalle, der Breslauer Bürgerssohn, dessen Grab ans dem alten jüdischen Friedhof in Breslau heute noch. 60 Jahre nach seinem Tode, alljährlich van den deutschen Arbeitern mit frischen Kränzen gcschmüett wird. Vielleicht wäre Lassalle ein glänzender Staatsmann bckwovden. wenn er in freieren politischen und bürgerlichen Verhültmssen ausgewachsen wäre, etwa in England oder den Vereinigten Staaten von Amerika. In der Enge des Preußens der vierziger und fünfziger Jahre musste er sich die Schultern wund scheuern. Viele Jahre vc-relleUe er seine Kraft in dem Eheprozesse der Gräfin Hatzststd. o mmerhin aber schuf er eine Reihe glänzender staatörmfstl.cher Studien, seine Persönlichkeit ritz die Höchststehenden geistigen Kreise des damaligen Bürgertums zur Bemuuderung hin. Der aktiven Tätigkeit für die Arbeiterbewegung galten die letzten Jahre seines Lebens, bis 1861. Sein Werk mar die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeite-rm eins, dem Borl^'^er der heutigen Sozialdemokratischen Partei. Er löste die Arbeiterschaft vom Liberalismus und lehrte sic, daß sie in sebständigen Organisationen auftreten, sich die politische Macht erobern und nicht erbetteln sollten. Nock; heute