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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-31 · 38 (31.10.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
38 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tneinSe Ungehalten werden, würden hier rvenlgstens einen Abglanz jener weihevollen Schönheit wahr nehmen, welcher dem hebräischen Gottesdienste im Gewände der Neuzeit inne-- wohnt. Tie Jugend gilt es heranzuziehen! Daß es freilich die Zionisten verabsäumten, während des mehrtägigen Feldlagers von „Blau-Weiß" in ElperLhofen. wo sich mehr als Tausend junge Glaubensgenossen zusammen fanden, Linen feierlichen Sabbatgottesdienst zu veranstalten, hat der Werdekraft ihres Ideals einen argen Stoß versetzt: wochenlang hätten die Gesänge eingeübt werden, der Rabbiner aus der Rachbargevviude hätte die gewaltige Gemeinde durch eine Predigt neben dem politischen für das religiöse Ideal begeistern müssen! Eine jüdische Massenbewegung, zumal eine Jugendbewegung, ohne religiöse Grundlage halte ich für undenkbar. Noch sind die Ausgaben nicht alle sestgestellt, die des neuen „Landesverbandes der preußischen Gemeinden" harren. Daß sie zahlreich und vielgestaltig sind, ist nicht zu bezweifeln. Unterzieht er sich auch der Pflicht, in den Kur- und Erholungsorten dem Empfinden der modernen Judenheit entsprechende Gottesdienste zu veranstalten, dann hat er einen weiteren bedeutungsvollen Schritt zur Aufwärtsentwicklung des deutschen Judentums getätigt. Arnold Zweig. Vorlesung aus eigenen Werken. Tie Vorlesung Arnold Zweigs, eines besonders sympathischen indischen Dichters der Gegenwart, am 22. Oktober im Bürge.säet des Berliner Rathauses war ein künstlerischem Ereignis! Es ist zu bedauern, baß weder die Berliner Presse in gebührender Weise davon Notiz nahm, noch dag das Interesse des Publikums genügend groß war, um den hübschen, stimmungsvollen Raum ganz zu füllen. Die Berliner Kinos und Revuen scheinen leider mehr Anziehungskraft auszuüben: eine typische.Erscheinung unseres heutigen kulturellen Tiefstands. Zweig ist hauptsächlich durch seine etwas prettös erzählten „Novellen um Claudia" und sein höchst mäßiges Drama von der „Sendung Semaels" bekannt geworden. Ter Abend bewies jedoch, daß wir es nicht nur mit einem ausgezeichneten Stilisten, der ein bewundernswert gutes Deutsch schreibt, zu tun haben, sondern auch mit einem bedeutenden Zeiikritiker, dessen tiefes soziales Mitempfinden überaus wohltuend berührt. Er las nicht eigentlich gut, . . . wenn auch deutlich, so doch leise und eintönig: — aber an dem Vibrieren der Stimme hörte man den Nnterstrom seines heißen Gefühls. Sein erster Vortrag war die Novelle „Der kleine Held", eine packende mit warmem Herzen geschriebene Studie aus dem Kuappschasrsleben: dann folgten einige Gedichte: „Die Bombe", „Ter Schwindsüchtige". „Der Sarg des Armen", ferner die ausgezeichnete kleine Erzählung: „Die Tauben". Jur zweiten Teil las der Dichter aus dem Essaybuch „Angriff der Gegenstände" und seine „Grabrede auf Spartakus". Hier gab Zweig seiner Sehnsucht nach einer besseren Zeit einen ergreifenden Ausdruck. Die kritischen, geschichtsphilosvphisch-eindringlichen Nachrufe auf Rosa Luxemburg, auf Liebtiiccht, den menschlich-großen Landauer — eine wahrhaft tragische Erscheinung unserer Tage! — hatten etwas Fasziiriereudes und Hinreißendes an sich, deren Eindruck sich keiner'der Zuhörer entziehen konnte, lieber diese für ihre Ideale Gefallenen ist bisher wohl kaum etwas Besseres und Tieferes gesagt worden! Ten Schluß bildeten einige „expressionistische" Gedichte, darunter das köstliche „Tie Nachtigall". Zum Unterschied mancher Sprachabnvrmitüten moderner Lyriker konnte man konstatieren, daß die hier gebrauchten neuen Formen in der Hand öeS wahren Dichters wirkliche Fortschritte deutscher Stilkunst bilden. Reicher Reisall lohnte am Schlüsse den Vortragenden, der wohl jedem Zuhörer einiges an wertvollen Erinnerungen mitgab. lieber Arnold Zw eia als Schriftsteller soll in diesen Blättern später einmal ausführlicher die Rede sein... . Dr. Ludwig David so hn -Berlin. Palästina vor dem Völkerbund. In der Mandatskommission des Völkerbundes erstattete am 38. Oktober der britische Oberkommissar für Palästina, Sir Herbert Samuel, über die Mandatsverwaltnng Bericht. Er teilte mit. daß die britische Regierung seit Beginn der Manbatsverwaltung. dem 2ll. September 1023, bereits 6 Millionen Pfund dafür ansgegeben hat. England habe seit Beginn der Mandatsverwaltung versucht. Palästina eine Verfassung zu geben. Zunächst sollte ein gesetzgebender Rat geschaffen werden, dem außer dem Oberkommissar und zehn Beamten noch zwölf gewählte Mitglieder angehörten, nämlich acht Mohammedaner sowie zwei Christen und zwei Juden, die nach dem türkischen Gesetz durch indirekte Wahl bestimmt werden sollten. Die arabische Propaganda habe jedoch das Zustandekommen der Wahl verhindert. Alle Versuche zur Schaffung des Gesetzgebenden Rates seien fehlgeschlagen. Deshalb sei lediglich ein Rat von Beamten eingesetzt worden. Ueber die jüdische Einwanderung teilte der Oberkommissar mit, daß sie größtenteils aus Polen, Rumänien und Sttdrußland stamme. Die Einwanderer seien meist junge Leute, von denen ein großer Teil sich der Landwirtschaft widme. Die britische Negierung habe Palästina niemals eine Subvention gezahlt, sondern das Land habe stets sein Budget allein ins Gleichgewicht gebracht. Aus den Gemeinden. jH Die Wahlkreisleiter für die Wahlen zrrm Preußischen Landesverband. In der neuesten Nummer vom „Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden" wird mitgeteilt, daß für die am 1. Februar 1925 stattfindenden Wahlen zum 1. Vcrbandstage die folgenden Herren zu Wahlkreisleitern bzw. Stellvertretern ernannt worden sind: Wahlkreis Nr. 1: Ostpreußen. Westvrenßcn, sonstige Verwaltungsbezirke: San.-Rat Dr. Stein. Königsberg. Bergplatz 15 (Stellvertreter: Burcaudirektor Rosenthal, Königsberg. Liiköenstr. 11/15). Wahlkreis Nr. 2: Groß-Berlin: Moritz Rosenthal, Berlin, Oranienburger Straße 29 (Stellv.: Tr. Wolfs. Berlin, Oranienburger Straße 29>. Wahlkreis Nr. 3: Brandenburg, Pommern, Grenzmark: Rechtsanwalt Dr. Brock, Stettin, Mönchenstraße 20/21 (Stellv.: Rechtsanwalt Richard Schaeser, Stettin, Hohenzollernstraße 10). Wahlkreis Nr. 4: Breslau: Geh. Rat Goldfeld, Breslau, Wallstr. 9 (Stellv.: Berlaasbuchhäudler Markus, Breslau, Wallstr. 9). Wahlkreis Nr. 5: Schlesien: Justizrat Hirschberg, Breslau, Wallstr. 5 (Stellv.: Justizrat Kochmann, Gleiwitz). Wahlkreis Nr. 6: Sachsen: Stadtrat Eugen Petzall, Magdeburg (Stellv.: Alfred Schattmann, Magdeburg). Wahlkreis Nr. 7: Schleswig-Holstein, Hannover: Amtsgerichtsrat Geh. Justizrat Bohm, Hannover, In der Stcinrieüe 7 (Stellv.: Beeidigter Bücherrevisor Manfred Berliner, Hannover. Maschstraße 8). W a h l b u r e a n : Verwaltungsgebäude der Synagogengemcinöe, Lützvwstr. 3. Wahlkreis Nr. 8: Westfalen Jnstizrat Tr. Cohn, Münster (Stellv.: Rabbiner Dr. Stcinthal, Münster). Wahlkreis Nr, 9: Frankfurt a. M.: Prof. Dr. Aron Freimann, Frankfurt (Main), Fahrgasse 146 (Stellv.: Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger, Frankfurt a. M., Fahrgasse 146). Wahlkreis Nr. 10: Hessen-Nassau: NeÄisanwalt Dr. Goldschmidt. Cassel, Spohrstraße'1 (Stellv.: Kommerzienrat Gustav Plaut, Cassel, Kaiserstraße 9). Wahlkreis Nr. 11: Köln: Rechtsanwalt Tr. Oskar Eliel, Köln. Käsenstraße 28 (Stellv.: Rechtsanwalt Tr. Siegmund Klein, Köln, Blumenthalstraße 23). Wahlkreis Nr. 12: Rhciuprovinz: Geh. Rat Grünebaum, Düsseldorf, Gras-Neüe-Straße 31 (Stellv.:Justszrat Heinrich Levison, Düsseldorf, Königsolatz 19». (Fortsetzung Seite 6.) VMM IAURINP Feinste. ' Coco 5nussbM,Oe f; Ttm 'iLLV \ " /»jJKjÖ.V MM Die erste M Ma ndelmil e,hY Pf I a nsve n b ufter^ ■ /■ M arg a n kFSWtzW .../ Ffund || 1 Versammlungskalender, j || Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Bezirksgruppe Norden.) Im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162, findet regelmäßig abends 6K- Uhr Freitagabend-Gottesdienst mit Orgel, Chor und Predigt statt. Druckfehlerberichtigung. In der Nr. 37 fehlen am Anfang der zweiten Seite (Artikel Abraham Geiger) die Zeilen: Tie Svstemlosigkeit wurde abgelöst durch die Systematik der von innen heraus, aufbauenden Erneuerung. Kalendarium ffir die Zeit vom 31.19. bis 8.11. Oktober 1824 Eheschwau 7)085 Freitag 31. 3. November 1924 Sonnabend 4. 4. Wochen-Aüschmtt: Noah (1. B- M. Kap. 6, 9-11) Haftarah: Jesaia 54. 55, 1-8 Sonntag 2. 5. Montag 3. 6. Tienstaa 4. 7. Mittwoch 5. 8. i Donnerstag 6. 9. | Freitag 7. 19. | Sonnabend 8. 11. Wochen-Abschnitt Lech lecho E (1. B. M. Kap. 12—17) | Haftarah: Jesaia 40. 27-31, 41, 146 lesen sich seine Kampfschriften mit großem Genuß auch für den. der mit ihren Grundsätzen nicht übereinstimmt. Was Lassalle von Marx unterscheidet, das ist sein Bekenntnis zur 'Nation. Marx gründete die Internationale Arbeiterassoziation. Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Marx haßte die Bismarckschen Methoden. Lassalle versuchte zu Bismarck in ein gutes Verhältnis zu treten, um gemeinsam mit ihm etwa das-zu gründen, was man später das soziale Königstum nannte. Lassalle war eben mehr der Mann der schnellen Tat und nicht der grauen Theorie, er nahm an allem Anteil, was das gesamte deutsche Volk betraf. So verfaßte er in der .Konfliktsperiode, als das liberale Bürgertum nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit verlangte, seine vielbeachtete Schrift: „Was nun?". Es ist interessant, zu beobachten, wie sich der Unterschied in diesen beiden Charakteren auch in der Erinnerung fortfetzt. Die Lehre von Karl Marx bildet zwar den Inhalt der sozialistischen Bewegung, aber von ihm selbst wissen die Massen nicht viel. Dagegen wird von den Arbeitern trotz der Revolution von 1918 nicht die Internationale. sondern noch immer die Marseillaise gesungen, mit dem Refrain: „Ter Bahn, der kühnen, folgen wir., die uns geführt Lassaüc". Keiner der späteren jüdischen Arbeiterführer konnte eine ähnliche überragende Bedeutung erringen. Tie bekannteste Erscheinung seit den achtziger Jahren war Paul Singer. Als Mitinhaber einer bekannten Berliner Damenmäntelfabrik hatte er sich frühzeitig sozialen Bestrebungen zugewandt. linier dem Sozialistengesetz ergriff er für die unterdrückte Sozialdemokratie offen Partei, er wurde als ihr Vertreter in der Berliner Stadtverordnetenversammlung und in den Reichstag entsandt. Seine ehrliche Gesinnung, sein lauterer Charakter ist stets auch von den Gegnern anerkannt worden. Mit grenzenloser Liebe und Verehrung hingen die arbeitenden Massen an ihrem „Paul". Das ließ ihn darüber hinwegschcn, daß er von antisemitischer Seite als der „Jude" Singer tituliert wurde. Neben August Bebel war er lange Zeit die volkstümlichste Figur in der sozialistischen Bewegung, beide bekleideten in der Sozialdemokratie die höchsten Posten der Parteivorsitzenden. Besonders eifrig widmete Singer sich der kommunalen Arbeit und der sozialen Fürsorge, das Berliner Obdachlosenasyl ist eigentlich sein Werk gewesen. Als er 1911 starb, war halb Berlin auf den Beinen, um das Leichenbegängnis dieses Inden zu sehen. Hunderttausende von Berliner Arbeitern, unzählige Delegierte von auswärts und aus dem Auslande gaben ihm das letzte Geleit. Eine hervorragende Rolle in der sozialistischen Bewegung spielte zu derselben Zeit Arthur Stadt Hagen. Er war zuerst Rechtsanwalt, 1892 wurde ihm aus nichtigen politischen Gründen das Anwaltsmanöat aberkannt. Als Reichstagsabgeordneter und Redakteur des „Vorwärts" befaßte er sich hauptsächlich mit den Fragen des Arbeiterrechts. über diese Materie hat er ein von den Arbeiterorganisationen viel benutztes Buch geschrieben. Er lehnte die Bewilligung der Kriegskredite ab und schloß sich der Opposition in der Sozialdemokratie an, ans der später die Unabhängige Sozialdemokratische Partei wurde. Im Jahre 1916 ist er gestorben. Sehr bekannt war auch Emanuel Wurm, dessen Frau heute sozialistische Rcichstagsabgeordnete ist. Chemiker von Beruf, beschäftigte er sich vorwiegend mit Fragen der Volkswirtschaft. Neben Karl Kautsky war er Redakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift der Sozialdemokratie, der „Neuen Zeit". Auch er lehnte die Bewilligung der Kriegskrcdite ab und gehörte nach der Gründung öer Unabhängigen Partei zu deren Vorstand. Nach dem Umsturz von 1918 wurde er mit der Leitung der damals überaus schwierigen Geireideversorgung beauftragt. Im Jahre 1919 ist er gestorben. Von einer anderen Art war Ludwig Frank. Im Aussehen Ferdinand Lassalle sprechend ähnlich, ähnelte er auch in seiner politischen Auffassung diesem ersten Führer der Arbeiterschaft. Frank organisierte die Arbeiterjugendüewegung. er trat im Reichstag und im badischen Landtag für die aktive Mitarbeit der Sozialdemokraten am bürgerlichen Staat ein. er wirkte aber auch durch die Zusammenarbeit mit ausländischen Politikern für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Als der Krieg ansbrach, stellte er sich als Freiwilliger sofort zur Verfügung. Wenige Tage nach seinem Auszug zur Front fiel er von einer französischen Kugel. Neben diesem Inden ist nur noch ein zweites Mitglied des deutschen Reichstags zum Opfer des Weltkriegs geworden. Nach dem Tode von Panl Singer wurde Hugo Haase zum Mitvorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei gewählt. Haase war ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt in Königsberg, er gab feine dortige Praxis auf, um sich in der Hauptsache den Parteigeschäften zu widmen. Er war kein hinreißender Redner, aber seine scharfsinnige Denkweise, seine unbestechliche Ueberzeugung und seine Liebe für die Unterdrückten gab seinen Ausführungen jenes edle Pathos, das stärker wirkt, als die rethorische Gewandtheit. Obgleich Gegner des Krieges, verlas er am 4. August 1914 die Erklärung der Sozialdemokratischen Partei, mit der sie die Bewilligung der Kredite für den Krieg begleitete. Später aber schloß er sich der Opposition an, bei der Gründung der Unabhängigen Partei wurde er zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Nach dem Umsturz war er Volksbcauftragter. er bekleidete also eine der höchsten Stellen in dem damaligen Staatswesen des Uebergangs. 1020 wurde er von einem Meuchelmörder niedergeschossen. Der Täter war ein geistig beschränkter Mensch, der sich für angebliche Zurücksetzungen rächen wollte. Politische Motive haben bei der Untat wohl kaum eine Rolle gespielt. Auch Haaies Beerdigung, die vom Reichstag aus erfolgte, gestaltete sich zu einer gewaltigen Kundgebung, die eveusv dem Politiker wie dem Edelmensthen galt. Auch Kurt Eisner fiel durch Meuchelmord. Eisner war mehr Künstler als Politiker. Unter seiner Leitung wurde der „Vorwärts" um die Jahrhundertwende zu einer der besten deutschen Tageszeitungen. Er mußte die Leitung des Blattes nieöerlcgen, weil er an gebt ich nicht radikal genug war. Er wahrste dann Nürnberg und München znm Aufenthalt. Im November 1918 wurde er an die Spitze der bayerischen Revolution gestellt. Er leitete den neuen Staat fast diktatorisch, ließ aber in der Erkenntnis von der Wichtigkeit der Mitarbeit aller demokratischen Kräfte eine verfassunggebende Versammlung wählen. Vor der Eröffn nnng des Parlaments wurde er von den, völkischen Grafen Arco niedergcschossen. Ein noch kläglicheres Ende nahm Rosa Luxemburg. Sie stammte aus Polen, hatte aber Deutschland zu ihrer Wahlheimat gemacht und hier durch Heirat Staatsbürgerrecht erworben. Eine glänzende Red-« nerin und dialektische Sprachkünstlerin stand sie stets auf der äußersten Linken der Partei und ans den Parteitagen berettete sie der offiziellen Politik häufig große Schwierigkeiten. Wegen ihrer antimilitaristischen Betätigung wurde sie kurz vor Kriegsausbruch zu einer längeren (Gefängnisstrafe verurteilt. Da Regierung und Heeresleitung ihre Antikriegspropaganda fürchteten, verweigerte man ihr die sonst für weit staatsgefährlichere Vergehen gewährte Am« nestie und hielt sie während des ganzen Krieges in Haft. Der Umsturz gab Rosa Luxemburg die bürgerliche Freiheit wieder zurück und nun entfaltete sie zusammen mit Karl Liebknecht eine hemmungslose Agitation, um an öer Spitze des Spartakusbundes, des Vorläufers der Kommunistischen Partei, die Revolution „weiter zu treiben", trotzdem weder die wirtschaftlichen noch die politischen Voraussetzungen dafür gegeben waren, daß man aus Deutschland einen Sowjetstaat nach russischem Muster hätte machen können. Im Januar 1918 wurden die beiden von Freikorvssoldaten in viehischer Weise hingemordet. Erst viele Monate später fand man die Leiche Rosa Luxemburgs in verstümmeltem Zustande im Landivehrkanal wieder. Jetzt noch sprechen zwar die kommunistisch gesinnten Arbeiter von ihrer „Rosa , aber nach ihren Reden und Schriften kann kein Zweifel darüber herrschen, daß sie die gegen die Demokratie und die Republik gerichtete Taktik der heutigen Kommunistischen Partei nicht gebilligt hätte. Wir haben nur einige der bekanntesten von den toten jüdischen Arbeiterführern genannt nnd wir konnten an dieser Stelle ihre Tätigkeit nur mit wenigen Strichen umreißen. Auch heute wirken in der Arbeiterbewegung, sei es in der sozialistischen, sei es in der kommunistischen Partei, zahlreiche Juden an hervorragender Stelle. Sollen wir ei« zusammenfassendes Urteil über die Tätigkeit der jüdische« Arbeiterführer fällen, so können wir sagen, daß sich in Ihr der beste Teil einer wahrhaft jüdischen Gesinnung offenbart. wenn man darunter die Selbstlosigkeit, die Aufopferung für die Gemeinschaft, die Hingabe an eine als richtig angesehene menschliche Ausgabe betrachtet. Unabhängig davon, wie man zur Theorie und zur Praxis der sozialistische« Bewegung steht, so mutz man anerkennen, daß auch in der Arbeit dieser Juden, und mögen sie zehnmal geirrt haben, das Echos des Judentums zu seiner reinsten Gestaltung drä-uKe Kann man bei jenen Antisemiten und Völkischen, die mit'ihrem Haß gegen die jüdischen Arbciicrsührer das ganze Jrwenrnnr tieften wollen, wohl eine ähnliche Gestjpi nnng finden?

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