Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 37 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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BÜCHERSCHAU Achad Haam: Am Scheidewege. Gesammelte Aufsätze. Vier Binde. Baud I, II. Jüdischer Verlaß, Berlin, 1923. Vom „ Kulturzionismus“ ist viel und bei Vielen die Rede, denen dies Wort nur den hohlen Schall eines bequemen Sch'agwortes hat. Wem jüdische Gegenwart und Zukunft am Herzen liegt, wer etwas wissen will und mitsprechen über die lebendigsten Augenbiicksfragen der jüdischen Bewegung, darf an dem Dokumentenbuch der k ul tur zionistischen Bestrebungen, an Achad Haams gesammelten Aufsätzen nicht vorübergehen. Schon in dritter, stark vermehrter Auflage erscheinen diese, teilweise 30 Jahre alten Essas und nicht nur ihre Verbreitung sondern ihre schier unglaubliche Aktualität beweist am besten ihren inneren Wert. Wo sonst erhalten sich Zeitungsartikel, über Tagesfragen geschrieben, über die Lebensspanne einer Generation hinaus, wo sonst vermögen solche „vergilbten Blätter" das Herz der Jüngsten zu ergreifen und immer von Neuem Jeden, Freund oder Gegner, wachzurütteln und zur Stellungnahme zu erzwingen?! Es ist nicht etwa so, daß die Fragen des „Ewigen Volkes" ewige wären und darum die ihnen gewidmeten Betrachtungen nimmer veralteten. — vielmehr die Eigenart der Antwort und die Kunst, die Größe und Wahrhaftigkeit des Antwortenden heben diese Betrachtung des schlichten Anonymus (Achad Haam-Einer aus dem Volke) über alle ähnlichen heraus. Zwei innere und ein mehr äußerlicher Grund mag es sein, warum diese zum kleinen Teil stofflich vielleicht wirklich veralteten Betrachtungen ihren lebendigen Wert behalten: Die unauslöschliche Liebe des Verfassers zu seinem jüdischen Volke, die jede Zeile durchtränkt und ihn trotz aller scharfen Kritik immer das Positive und Lebenskäftige hervorsuchen läßt, die absolute Wahrhaftigkeit, welche keine Beschönigung zuläßt und zur Gerechtigkeit auch gegenüber dem Gegner und Andersmeinenden führt, und endlich der geistvolle, logisch scharfe, immer lebendige Stil, der sich von Geistreichelei und Wortgepränge freihält, und den eine gleichwertige Uebersclzung mit erstaunlicher Kunst auch dem deutschen Leser widergibt. Ja man möchte oft daran zweifeln, daß dies wirklich Ucbersetzungen und nicht Original-Fassungen sind; so modern, so deutsch erscheinen die Gedankengänge, daß man sich vervvundcrt fragt, wie derartiges in hebräischer Sprache sich ausdrücken läßt. Wovon in diesen Aufsätzen die Rede? Vom Erwachen der „Zionsliebc", jenem ostjüdischen Vorläufer des Zionismus, von den Fragen der jüdischen Kolonisation Palästinas, ihren Gefahren und Fehlern, von der falschen allzu politischen Einst el uug des westlichen Zionismus und der Notwendigkeit einer Rettung, einer Genesung des Judentums vor der Befreiung der Juden heit. Wrie unter den Juden zunächst der jüdische Volksgeist, das jüdische Naiionalbewußtsein, die nationale Ethik erwachen und Lebendig werden muß, ehe eine politische Verselbständigung, eine auf äußerlichem Weg anzustrebende Erlösung der einzelnen jüdischen Menschen und der jüdischen Gesamtheit möglich ist, Erneuerung der hebräischen Sprache und Volkr’ileratur wird gefordert als erstes Mittel auf dem Wege zur neuen jüdischen Zukunft, Ansiedlung in Palästina nicht im Wege des Experiments und der trügerischen Zukunftshoffnung, sondern auf wirtschaftlich genau geprüfter und gesicherter Grundlage, auf daß aus den aufblühenden Siedlungen der jüdische Volksgeist befruchtend in die Länder und zu den Juden der Diaspora dringe. Diese Siedlungen haben nicht den negativen Zweck ccm politischen und wirtschaftlichen Elend des Golus zu entfliehen, sondern positiv ein jüdisches Volksleben neu zu erbauen. Assimilation ist notwendig, aber nicht Assimilation der Juden und ihres geistigen Erbes an die westliche Kultur, sondern Eroberung aller europäischen Kulturgüter für das Judentum und Assimilierung derselben an den jüdischen Geist und die jüdische Weltanschauung. Vom Religiösen, auch von der Reform des W.estjudentums, unserem Liberalismus ist naturgemäß viel die Rede. Achad Haam ist liberal, nicht im westlichen sondern in einem östlichen S'nne, will heißen im Sinne einer wirklichen lebendigen Entwicklung. Er erkennt, daß die Gesetze des Talmud, des Schweben Aruch für Viel? eine unerträgliche Belastung und ihre Befolgung eine Lüge ist, doch gesteht er nicht dem einzelnen Laien oder Rabbiner das Recht der willkürlichen Aenderung zu, vielmehr müsse die lebendige Entwicklung aus den Tiefen dos Vo'kslrhens erwachsen, wie beispielsweise d.as Gesetz der Talion: „Auge um Auge" von der humaneren Entwicklung des rabblnischen Judentums umgedeutet wurde, bis es nur noch Geld um Auge, also Schadenersatz statt Kürpers*fe bock-!'Sen konnte. In dem Offenen Brief an den strenggläubigen Rabbi Eüar.berg, den er „Worte des Friedens" betitelt, schreibt er in diesem Sinne: „Und so will ich Ihnen denn bas Geständnis machen, daß ich trotz all meiner Gegnerschalt gegen eine Reform der Rehgion, dennoch an eine Entwicklung der Religion glaube. Die Reform ist etwas Künstliches, etwas, das vor aller Augen, zu einem bestimmten Zeitpunkt, durch einzelne Personen aus ihrem freien Ermessen heraus zu einem ihnen erwünschten Zweck gemacht wird. Die Entwicklung dagegen ist etwas Natürliches, das in kaum merklicher Weise nach und nach, durch den Verlauf des allgemeinen Lebens, ohne bewußte Absicht, lediglich durch zwingende Ursachen sich vollzieht. Die Existenz von Reformen hängt also vom Willen der Gläubigen ab und daher ist die praktische Frage berechtigt: soll man die Reform vornehmen oder bleiben lassen? Die Existenz der Entwicklung aber hängt nicht von dem Willen ab; es ist daher bloß die theoretische Frage möglich, ob sie existiert oder nicht existiert ... Es ist richtig, daß nach meiner Ansicht „die schriftliche Lehre durch die Lehre des Herzens interpretiert wurde", doch will ich nicht, wie Sie es auffassen, aFes dem Gutdünken und dem Wunsche des Herzens anhclmstellen, sondern ich glaube, daß alles dem Herzen anhcimgeste’H ist, mögen wir es wollen oder nicht wollen, mögen wir cs merken oder nicht merken, solange nur das Herz gesund und hrKhigt ist, stark~ Erkenntnisse in sich aufzunehmen, die sich nicht von schriftlichen Satzungen zurückd!rängen lassen." (Band I, S. 227 L). Ich meine, diese Gedankengänge sollten dien Reformern unter uns viel zu denken und (vielleicht?) zu entgegnen geben. Ich würde mich für eine Widerlegung interessieren. Ebenso wie für eine Auseinandersetzung mit einer anderen Polemik des Ven-wsers gegen den liberalen Missions<*edanken, die zum Schlüsse in einem kurzen Auszug (hoffentlich zur Anregung einer Diskussion in diesen Blättern) ihren Platz finden möge: „Indem unsere westeuropäischen Stammesgenossen, um die Gleichberechtigung zu erlangen, den Entschluß faßten, mit einem Federstrich die Tatsache der jüdischen Nation aus der Welt zu schaffen und das Judentum nur noch als Religion an.- zucrkcnn.cn, übernahmen sie ja eo ioso für sieb und ihre Nachkommer.-ehaft die Aufgabe, die religiöse Einheit der Gesamtjudenrdirft zu wahren und zu pflegen. Aber die Emanzipation verlangte von ihnen praktische Reformen auch in religiösen Angelegenheiten. Zu diesen Opfern aber konnten sich nicht alle verstehen und so zerfielen diese „Staatsbürger mosaischer Konfession" in verschiedene Parteien und die Einheit des zercmcntcken Judentums wurde auf diese Weise gesprengt. Es blieb ako nur noch das Band des dogmatischen Judentums übrK ch~ :n einigen von der Gesarntjudenbeit anerkannten abstrr.klen Ideen besteht. Allein dieses Band ist, abgesehen davon daß cs — wie alles Abstrakte, das sich nicht in lebendige Taten umsetzt — an und für sich schon schwach und lose ist, im letzten Jahrhundert noch lockerer geworden und lockert «ich mit jedem Tage immer mehr und mehr . . , Was sollen nun aber diejenigen von unseren Brüdern beginnen, für die nur noch die dogmatische Seite der jüdischen Religion in Betracht kommen kann, und in deren Fierzen gar auch diese sich gelockert hat? . . . Womit sollen sie die Hartnäckigkeit rechtfertigen, mit der sie sich ans Judentum klammern, welches sic doch sicher nicht mit GlücksgiUcrn. überschüttet — einzig und allein wegen einiger weniger abstrakter Ideen, an die sie nicht mehr glauben . . .? Diese Frage, die in den Köpfen unserer jüdischen Gelehrten im Westen unaufhörlich herumspukt . . . zwang sie zu einer neuen seltsamen Lehre Zullucht zu nehmen ... Wir meinen die bekannte Lehre von der Mission des Judentums unter den Nationen . . . Die Antwort lautet: Das Judentum als Nation ist längst zugrunde gegangen, das Judentum als Rcligionsgenossenschaft aber bestellt noch immer und muß notwendig auch weiter bestehen, denn solange der reine Monotheismus mit seinen Konsequenzen sich noch nicht zur vollkommenen Herrschaft durchgerungen hat, ist die Mission des Judentums noch immer nicht erfüllt. Bis zu jener Zeit muß also das Judentum notwendig bestehen . . . Sollen wir also, um unsere Mission treulich auszuführen, „Missionare" werden und unsere ganze Kraft der Verbreitung dieser Erkenntnis widmen, in der unser Lebenszweck besteht? „Unter keinen Umständen!" antworten die Verteidiger des Missionsgedankens mit einem Eifer, der nur allzu leicht erklärlich ist, „Nicht uns liegt es cb, aas Ende zu beschleunigen; wohl vertraute uns Gott dös Wahrheit an, doch befahl er uns nicht, für ihre Verbreitung zu sorgen." Wie sollen wir aber schließlich doch unsere Mission vollbringen? Darauf antwortet Munk: „Diese Mission geht durch den Fortschritt der religiösen Anschauungen ununterbrochen ihrer Vollendung entgegen." Und da nach Ansicht dieser Mh-sions an bänger dieser Fortschritt in der Heiligen Schrift seine Grundlage und seine Ursache hat, so wird es uns angerechnet, als würden wir selbst für diesen rcügiüsen Fortschritt sorgen und deswegen, lediglich deswegen müssen wir unserer jüdischen Fahne treu bleiben bis ans Ende der Tage. Eine solche Mission ist also, wie man sicht, an und für sich so leicht als angenehm. Immerhin ist cs doch keine Schande, allen Nationen als „Lehrmeister" voranzugehn, und die ganze Menscheit als „Schüler" zu betrachten, die unseren Worten und Lehren mit Eh-hir-ht und Begierde bauschen, zumal diese so überaus ehrenvolle Stellung unsererseits nicht die geringste Anstrengung verlangt. Denn der Fortschritt, der von unserer Heiligen Schrift aus geht, wird schon, für unsere Mission, das Nötige tun, und wir werden ruhig zusehen und unsere helle Freude daran haben. Nun wäre alles in schönster Ordnung, wenn auch die „Schüler" ihrerseits dankbar wären und ihren Lehrer mit der gebührenden Ehrfurcht behandeln würden. Jetzt aber, da die „Schüler" so undankbar sind und so wenig Respekt vor ihrem Lehrer haben, riaß sie ihn öffentlich beschimpfen und beschmutzen und so foltern und quälen, daß er an seinem Leben verzweifelt — jetzt bleibt die Frage nach wie vor dieselbe. Wenn wir durch unser Leben für die Verwirklichung der Mission nicht das Geringste leisten, wenn unsere heiligen Schriften auch ohne uns nicht zugrunde gehen und der rMAivse Fortschritt vich ohne unsere Hilfe da* S-initfe tun wird, wenn wir nichts Neiter sind als ein starrer Denkstein auf dem We<e dieses Fc;t vhvitts, der sich ohne jegliches Hinzutun unsererseits vollzieht, was soll uns dann das Leben samt seinen Dualen?" (Aciißare Fr?'he.it und innere Knechtschaft Land I, S. 256 ff). Dr. Erwin S e li g m a n n-Frankfurt a. M. Paul Nikolaus: Jüdische Miniaturen, Verlag von Paul Steegemnn, Hanno*"-, lut Fad'* ' n: - md i3* 1 Mer gar: Die einsame Träne Das Buch der guten Witze. Drei- Masken-Verlag, Be.lin. „Die Juden h-aerben "Ar in D-'-^"hland. — wo kämen denn sonst die jüdischen Witze her?" bemerkt grinsend der Landrat in einer politischen Komödie Supermanns Und aus einem neueren iMemoircnwerk erfahren wir, daß sich sogar der ehemalige Kaiser Wilhelm II. mit Vorliebe jüdische Witze erzählen ließ. — Nun, die geistigen Ansprüche all’ dieser Herrsch affen sind wnbr'rbritvich ''io sehr groß Gewesen. — aber richtig und leicht feststellbar ist, daß der jüdische Humor und der jüdische Wiiz wirklich etwas „ganz besonderes" sind. Ich meine hier nicht die Witze besonders begabter, jüdischer Geister; auch diese haben von Heine bis — si Iiccl parva componcre magnis — Kcrr natürlich oft Witze geprägt, die eine gewisse Leuchtkraft haben und unvcrgcß'ich sind, — sondern ich denke hier an den jüdischen V o 1 k s w i t z. Man nruß nur einmal beobachten, mit welch außerordentlicher, fast radio.gleichcr Schnelligkeit ein „neugeborener" jüdischer Witz, z, B. an dar Bimse, weiterverbreitet wird, um zu konstatieren, daß dieser Art von Humor doch eine ganz eigentümliche Zündwirkiwig innewohnen muß. Worin beruht nun d;as Wesen des jüdischen Witzes? — Wodurch unterscheidet er sich von dem übrigen? — Diese zweifellos höchst interessante und einer Untersuchung würdige Frage ist natürlich nicht so rasch in einigen Sätzen zu beantworten! Sie ist bisher kaum je eingehend behandelt worden. Der Kopenhagiener Undversitätsprofessor Höffding hat sie in seinem bedeutenden philosophischen Werk über den „Humor" nur flüchtig gestreift, Edmund Edel hat einst einen völlig unzulänglichen und oberflächlichen Essay darüber geschrieben und Johann Peter Hebel) macht in seinen Tagebüchern treffende Bemerkungen über den nie versiegenden Witz der „jüdischen Handelsleute". — Der greise Alexander Moszkowski, ein philosophisch recht gebildeter und sehr geistreicher Kopf, seit Jahren Leiter der „Lustigen Plätter", ist der einz'rte, der sich bis jetzt eingehend mit dieser Materie beschäftigte. Auch er hat einmal vor dem Kriege eine Sammlung jüdischer Scherze unter dem Namen „Die jüdische Kiste" he raus gegeben. Wie man erzählt, hat er seit längerer Zeit ein umfangreiches Buch: „Lieber die Psychologie des jüdischen Witzes" unter der Feder. Einen ganz glänzenden Vortrag über dieses Thema hielt er vor einilgcn Jahren in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Sonst ist mir — einige hübsche briefliche Ausführungen Wilhelm Büschs abgerechnet — nichts Wertvolles und tiefer Schürfendes mit Bezug dlarauf bekannt. Mich persönlich interessiert diese Frage ungemein. Seit Jahrzehnten sammle ich gedruckte jüdische Witzbreviere und habe bisher etwa 20 Bände beisammen, darunter die altvaterisch illustrierten, aus den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. — Dr. Consei.tius, von der Berliner Staatsbibliothek, der ausgezeichnete Kulturhistoriker der Stadt Berlin, besitzt jedoch noch viel ältere und wertvollere jüdische Witz-Sammlungen als ich. Jetzt sind wieder zwei neue derartige Bücher, die eigentlich keine Lücke ausfüllen, auf den Markt gekommen; beide von Cabarettisten, von berufsmäßigen Humoristen also, herausgegeben, beide von P. Simmel illustriert. P. N i c o 1 a u s ließ bei Steegemann in Hannover sein Buch „Jüdische Miniaturen" und R o - bitschek und Morgan ließen im Berliner Drei-Masken- Verlag ihre — fast ausschließlich jüdische — Witzsammlung „Die einsame Träne" erscheinen. Wieder wird man durch diese beiden Veröffentlichungen zum Nachdenken über die Besonderheit des jüdischen Humors angeregt! Die Hauptursache für die Verbreitung und Beliebtheit der jüdischen Witze sind nicht nur in ihrer Schlagfertigikeit und überraschenden Pein Torung zu suchen; die besten von ihnen leuchten in psychologische Tiefen hinab und unterscheiden «ich nur dadurch vorteilhaft von den sonst üblichen Scherzen tmsercf Zeitschriften, ,,D»e Juden sind das klassische Volk der Selbstkritik“ schrieb einmal Moritz Lazarus. In diesen Witzen tritt aller* dings nicht nur Selbstkritik, sondern häufiger noch verzerrende Karikatur zutage Die Zeichnungen Simmels sind fast durchweg recht mäßig und geben die jüdische Physiognomie zu plump. Manche Witze sind durchaus nicht jüdisch, sondern lediglich dem Judentum angehängt, um ihnen damit eine besonders drastische Form zu verleihen Viele von den Scherzen haben sich schca unsere Ururgroßcltern erzählt und können ohne weiteres dem Museum für Altertumskunde überwiesen werden, wo man sie jedoch auch wahrscheinlich als zu „olle Kamellen" refüsicren wird. Viele wiederum sind ziemlich faul! — Mehrere jüdische Zeitungen und Zeitschriften haben sich nun über diese Veröffentlichungen entrüstet und sie würdelos, geschmacklos, ja geradezu gehässig und „Antisemitismus er-. regend" genannt, Ich kann mich diesem VerdammumgsurteÜ t nicht ganz anschließen. Das Judentum und seine Kulturleistungen stehen ja viel zu hoch, als daß sie durch diese Huimoristika irgendwie tangiert werden kennten! Dann habe ich auch in beiden Bändchen einige wenige neue und wirklich gute jüdische Witze gefunden; diese allein sind schon zwei Mark wert und werden jeden erheitern und jedem eine fröhliche Viertelstunde bereiten. Das Leben dichtet und „scherzt" bekanntlich unermüdlich weiter, und immer neue Zeiterscheinungen und -Kalamitäten fordern Glossierung heraus; an kritischer Begabung hat es ja den Juden ebenfalls nie gefehlt, und so sind denn einige ganz nette, moderne Scherze in diese zwei Bücher geraten. Schließlich sind auch diese beidien Schriften kleine Bausteine für die hoffentlich einmal erscheinende wertvolle Monographie über „die Psychologie dies jüdischen Humors", der —* wie gesagt — tatsächlich einzigartig und ungewöhnlich ist, Denn der sprüht von Laune und Geist, ist voller Selbstironie, Selbstkritik und psychologischer Feinheit, voll tiefgründiger Kenntnis aller menschVchen Fehler und Schwächen. Dabei irl er immer gutmütig und liebenswürdig. Er besitzt wohl mitunter einen gewissen Zynismus, der aber fast immer h&rmio« viT-d spießerisch bleibt und! niemals bösartig oder eigentlich ge« mein. wird. Dr. Davidsohn -Berlin. Heinz Welten: Nebukadnezar, der König der Könige, Roman, Verlag von Richard Bong in Berlin. Wenn wir von fernen Zeiten und versunkenen Kulturen lesen, dann empfindien wir zunächst die Kluft, die uns zeitlich und geistig mehr oder weniger von ihnen trennt. Doch bei tieferem Eindringen wird uns das zeitlose Walten des Menschbeitsgeiste# olfenbar, der au!baut und zerstört, um wieder neu aufzubatieu» der aber niemals Kulturen der spurlosen Vernichtung preisgibt, sondern ihre bleibenden Werte sich jeweils wieder zu eigen macht. Eine stete Entwicklung vollzieht sich, ein absolut Neuen gibt es nie. Aber wenn, wie in dem vorliegenden Buche, dar Forscher es vermag, mit dichterischer Einfühlungskraft uns dÄ« Menschen jener Zeit aufzuzeigen, so daß nicht nur ein Stück Geschichte, sondern ein Stück menschlichen Lebens . vor UNR ersteht, dann gewahren wir gegenüber der Größe des unendlichen Menschheitsgeistes die Kleinheit des einzelnen Menschengeschlechts. In seiner großen Masse versucht ea, in stumpfer Dummheit und Feindseligkeit dem unaufhaltsamen Strom des Geistes sich entgegenzuwerfen, eine viel kleinert Anzahl schon ist es stets, die sich vom Strome treiben läßt, während cs immer nur ganz wenigen Ausar wählten Vorbehalten bleibt, seinen Lauf richtunggebend zu beinflussen. Immer wieder sind Dämme der Dummheit und Untiefen der Gleichgültigkeit zu überwinden, unendlich langsam, aber mit zäher Kraft, wandelt der Menschheitsgeist durch die Zeiten. Babylon wurdh mächtig, Nebukadnezar machte es zum Weltreich von beherrschender Kultur. Mit großen Gedanken und starkem Wollen ausgerüstet, bestieg er in jungen Jahren den Thron, als einer» der sich berufen fühlte, seinen Völkern nicht nur der gewaltige* anbetungswürdige Herrscher, sondern vor allem der väterlich«! Freund zu sein, der seine Macht dazu benutzen wollte, ihnen etwas von dem eingefleischten Sklavensinn und der blinden Ergebenheit zu nehmen, indem er ihre sittliche und sozial« La.gs besserte und ihnen, zu des Staates und zu ihrem eigenen Wohle, mehr Menschenbewußtsein einflößte. Aber allzu bjtla mußte er erkennen, daß seine eigene Stellung nur so lange gefestigt sein würde, wie er nicht mit Menschen-, sondern mit Sklavenscelen rechnete, daß sein Auftreten als Menschenfreund sofort als Schwäche gedeutet wurde, die den heimlichen Unterwühlern seines Thrones neuen Mut gab. Man wollt« in ihm den Gott-König sehen, vor dem man zitterte und sieh in den Staub warf, und dessen Handbewegung genügte, übel Leben und Tod zu entscheiden. Wollte er die Weltmacht« Stellung Babylons behaupten — und dieser Zweck vermocht« ihm jede Form kriegerischer Unternehmung zu heiligen, dem auch der Größte ist ein Kind seiner Zeit — dann dürfte ei «ach außen nie den Mantel der absoluten Gewalt a’oie^en. Nu» sehr selten und wenigen Menschen gegenüber war ihm Gelegenheit gegeben, das Herz sprechen zu lassen, und diese seltenen Tage — der Verfasser bringt es wunderbar zum Ausdruck — mögen die Höhepunkte seines Lebens gewesen sein. Als er alt und müdte geworden war, lauerte schon die ihn hassende Priesterkaste hinter ihren auch für ihn, den Mächtigen, unüberwindlichen Mauern auf seinen Tod. Sein bester Vertrauter im Alter wurde ihm der in der Verbannung lebend« Prophet Ezechiel, Er tröstete ihn mit der letzten Erkenntnis des mächtigsten Königs in Israel: „Eitelkeit aller Eitelkeiten, alles ist eitel. Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt, die Erde bleibet ewiglich. Im Kreise stets gehet der Wind, all« Flüsse fiiessen ins Meer, und doch wird es nicht voll. Nicht« Neues gibt es unter der Sonne, nur denket der Mensch niemal» des Gewesenen. Ich machte große Werke, ich baute, pflanzt« und sammelte Dinge von hohem Wert, ich schaffte Größere» als meine Vorgänger, doch alles war Eitelkeit, und kein Gewinn unter der Sonne." Neben Nebukadnezar erscheint der Judäakönig Zedkia. Jener ist ganz die starke Persönlichkeit, einsam unter seiatn Ratgebern, von denen er längst erfahren hat, wie sie doch »ur bemüht sind, seine eigenen Gedanken abzulauschen. Dieser der stets Schwankende. Haltlose, Unschlüssige und leicht Beeinflußbare, der sich aber doch den Schein von Kraft und Würde wahren möchte, Den Fürsten ein Spielball und ratlos in politischen Fragen, steht er auch der religiösen und sittlichen Verseuchung Jerusalems haltlos gegenüber. Hier muß J.eremU, (der Auserwäh’te, der Prediger in der Wüste, dem die Unendlichkeit des Menschheitsgeistes als Quelle der Kraft und al» sieghafte Gewißheit voranleuchtet, erkennen, daß das heißest« Bemühen es nicht vermöge, die feindselige Dummheit im Volk« zu besiegen und das hereinbrcchenide Unheil aufzuhalten. Noch .in der belagerten Stadt herrschen widerlichste Klassenikämpfe, Hurentum und Menschenopferdienst der Götzenpriester, und sei auch nur die Hälfte wahr — kein Ruhmesblatt ist dieser Abschnitt in der Geschichte der Judäer. Wie treffend — nicht nur für jene Zeit — charakterisiert sie der Verfasser, wena er s-agt, sie seien fast zu klug1 gewesen und hätten dies oft zu ihrem Leide erfahren müssen. Denn keiner gäbe dem andern nach, jeder hielte seifte Ansicht für die einzig richtige, und so entständen Zank und Streit, Zwiespalt, blutiger Kampf und Bruderkrieg. Das Buch erzählt von ferner Vergangenheit, doch am Wandel dar menschlichen Natur gemessen, will es zuweilen erscheinen» nls seien zweieinhalb Jahrtausende eine gar nicht allzuigroß« Spanne Zeit. Anders wohl fst die Zeitrechnung dies Menschheit«, gsistes. Generationen kommen und vergehen, an jede von innen, an jeden Einzelmenschen stellt er neu die Frage, und jeder hat sie neu zu beantworten: Bist du für mich, oder bist du gegen mich? J. Weins»lt-Berlin. t J