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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-24 · 37 (24.10.1924) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
37 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Segen der Erde. Es sät der Mensch, er senkt die Saat zur Erde, Und seine Hoffnung senkt er mit hinein. Dann muß er warten, ob ihm Segen werde —, Wie klein, wie klein! Was kommen wird, liegt seinem Können ferne, Der Segen reift ihm in der Erde Schoß. Sie wandelt ihm zu Brot die winz'gen Kerne —, Wie groß, wie groß! Sei dankbar, Mensch, für jeden deiner Tage, Der dir vergönnt, die Wunder zu erkennen. Magst du den Spender Gott, magst anders du ihn Sei dankbar, Mensch! [nennen —, J. Weinsaft. BILANZ. Skizze von Andreas Latzko. (Copyright by „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin 1924.) Das waren nun genau dreiundsechzig Jahre her, und alle Spuren jener Zeit waren restlos ausgelöscht. Die kleinen baufälligen Häuser standen längst nicht mehr. Wo einst die Krämerei des „reichen" Rosenthal zwei überfüllte und verstaubte Schaufenster dem schmalen Ghettogäßchen zugekehrt hatte, warf jetzt ein richtiggehendes Warenhaus das Sonnenlicht seiner Bogenlampen über den breiten, luftigen Platz, den eine neue Zeit aus dem dunklen Gewirr des alten Judenviertels gerissen. Alle Zeugen des Anfangs, der längst unter dem Glanz des vollen Erfolges verschüttet lag, alle Freunde und Mitläufer ruhten unter der Erde, nirgend sonst lebte eine Spur dieser fernen Vergangenheit als in dem Gedächtnis des alten Nathan Blum, den die Welt zu den reichsten Männern der Hauptstadt zählte. Ein einzigesmal nur, aber auch das war schon wieder gut zwanzig Jahre her, am vierzigsten Jahrestag seiner Hochzeit, hatte der alte Blum den Schauplatz seiner traurigen Kindheit und seiner ersten furchtbaren Kämpfe aufgesucht! und war schon damals enttäuscht und traurig in sein Wiener Palais zurückgekehrt. Nur die Landstraße, die er seiner Frau wie einen alten Besitz vorführte, fand er unverändert, ließ halten und erklärte mit wackelnder Stimme, hier sei er einmal von wilden Bauernburschen Überfällen, dort — hinter Hügel und Kruzifix — im Schneegestöber zusammengestürzt.- Aber im Ort selbst gab es schon damals keinen Menschen, der sich noch der Familie Blum erinnert hätte, die Dekorationen der Vergangenheit waren restlos abgetragen, nur weit draußen, an der Peripherie des angewachsenen Städtchens, liefen in übelriechenden, verwahrlosten Gassen schmalbrüstige, schmutzige Kinder herum, standen abgezehrte, aufgeregt gestikulierende Männer mit Schmachtlocken und im Kaftan an den Straßenecken, schien die Zeit Stehen geblieben, das Leben immer noch mit den Mauern feindseliger Ueberlieferung umzäunt. Ein fürstliches Oäldjgeschenk zu Gunsten der unglücklichen Kinder, die, Vönf Fortschritt aus der Stadt gedrückt, immer noch so elend und hoffnungslos einem engummauerten Dasein entgegenwuchsen wie er selbst einmal, das war die einzige zufriedene Erinnerung an jenen Besuch, Seither war nun auch der letzte Kronzeuge, war auch seine gute Frau in den Friedhof übersiedelt, und so wußte außer ihm selbst niemand auf der Welt mehr etwas von dem grimmig harten Anfang, dessen Resultate heute der Neid umloderte, als wäre dieses Alter in Glanz und Ueberfluß die selbstverständliche Turmspitze nur auf einem Bau, den das Glück ohne viel Zutun seines Bewohners errichtet hatte!- Es war ja auch nur recht so, daß die Vergangenheit begraben lag! Welche Verlegenheit für den Brautvater, den Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Rosenthal, der ein Enkelkind jenes „reichen" Rosenthal war, wenn jemand ihm ins Ohr geflüstert hätte, wie die beiden Stammväter, die er eben in schwungvoll pathetischer Rede feierte, zueinander gestanden waren.-Der alte Rosenthal lag ja längst unter dem stolzen Marmormausoleum, das er sich und den Seinen hatte errichten lassen, und von der anderen Hälfte, vom Nathan Blum, war keine Indiskretion zu befürchten. Der ließ die Tischreden voll des überschwänglichen Lobes auf die Alten und ihre „gute" Zeit geduldig über sich ergehen, lächelte nur verschmitzt in sich hinein und schwieg. — Was wußte denn diese grüne Jugend vom Anfang, von der Hölle, aus welcher es Türen zu brechen geheißen hatte in das helle, freie, luftige Paradies, das längst schon Selbstverständlichkeit geworden war für alle, die da versammelt saßen!- Durch drei ausgeräumte Zimmer zog sich die Hochzeitstafel, zweimal zwischen die Flügeltüren geklemmt und jenseits wieder breit ausladend. Unter der weißen Glut der drei Kronleuchter war der reiche Blumenschmuck rasch verwelkt und mischte den müden Duft sterbender Rosen in das wilde Durcheinander der Gerüche. Auch die Gesichter der Gäste trugen schon Spuren der Erschöpfung; immer längere Einschnitte des Schweigens unterbrachen das laute Stimmengewirr. Das Diner war zu Ende, die Kellner klapperten und klirrten draußen im Vorraum, nur ihr vornehmer Chef schlich immer noch geräuschlos den Tisch entlang und füllte die Champagnerkelche nach, um die Anzahl der angebrochenen Flaschen nach Möglichkeit aufzurunden. Wenn einmal der steinreiche Nathan Blum gezwungen war, nicht auf den Groschen zu schauen, dann galt es, die seltene Gelegenheit gut ausnützen, denn für gewöhnlich floß dieses Geld, so überfüllt das Reservoir auch war, nur durch den Tropfenzähler. Die Flasche in der Hand, die kleinen zwinkernden Augen mißtrauisch hinaufhuschend zum Tafelkopf, versäumte der Wirt es nicht, den alten Herrn zu kontrollieren, ob nicht ein Blick aus den bleiernen Grcisenaugen, die immer noch so streng aufblitzen konnten, zu größerer Vorsicht mahnte? ... Aber nein! Heute schien er wirklich nicht gefährlich zu sein, vielleicht fing er endlich doch an alt zu werden, der Vierundachtzigjährige? Man körn e es sogar wagen, ganz bis an ihn heranzuschleichen mit de Flasche! Er war wohl eingenickt, der alte Geizkragen? Sein spitzes Kinn bohrte sich so tief in die zerknüllte Hemdbrust, als wäre er in tiefen Schlaf gesunken auf seinem Ehrenplatz. Um den weichen Lakaienmund des Traiteurs zuckte ein herablassend höhnisches Lächeln, als er hinter den Alten trat, der in seinem zerknüllten, mit Bratenfett und Rotwein betropften Frack, wie ein Bureaudiener an seinem goldenen Hochzeitstage, an der Spitze der endlosen Tafel kauerte. In seinen tadellos fallenden Kleidern eher verdächtig, dem gebückten alten Juden ein Almosen auf den Teller zu legen als seine Befehle entgegenzunehmen, erkundigte er sich mit geheuchelter Demut, ob alles nach Wunsch und zur Zufriedenheit ausgefallen sei? Aber die Krümmung des Rückens war dabei genauest kalkuliert, und auch die stumme Duldermiene nicht vergessen, wie sie etwa ein großer Meister der Geige aufgesetzt hätte nach einem Konzert vor taubstummem Publikum.- Was verstand denn dieser jüdische Krämer, für den es früher ein Ereignis war, wenn er sich überhaupt sattessen durfte, von kulinarischer Kunst! — — — Aber das süffisante Lächeln verschwand wie weggewischt aus dem feisten Antlitz, als der alte Blum nickend sich zufrieden erklärte und zugleich aus den erloschenen Augen einen Blick aufblitzen ließ, der dem Traiteur beinahe die Champagnerflasche aus der Hand geschleudert hätte, „Schenke Champagner ein, damit die Rechnung hoch wird, das ist ja dein Geschäft, — aber verschone mich mit deinen Höflichkeiten!" — sagte dieser Blick. — „Wenn du dich uiridrehst, nennst du mich doch einen alten Juden, und gönnst uns das gute Essen nicht, das du uns selbst verkaufst!" —-Der zahnlose Mund jedoch schien nichts zu wissen von dem Spott, der aus den Augen sprach, und murmelte die höfliche Aufforderung, lieber nach der Jugend zu schauen, die am Tischende saß. „Die können noch essen und trinken — und verstehen mehr davon als ich!" Der Traiteur ließ es sich nicht zweimal sagen, eilte befreit an das andere Tafelende, einen leisen Fluch knurrend. Ein Kerl, dieser alte Hausierer! — Grafen und Fürstlichkeiten dünkten sich nicht zu gut, ihren Dank zu sagen, aber der da!-Recht hatte er freilich; seine Enkelkinder hatten schon den richtigen Sinn für die Zartheit einer Bearnaisensauce und wußten einen guten Tropfen zu würdigen. Da unten bei der Jugend wurde er mit dem Hallo begrüßt, das seiner Popularität gebührte. Die jungen Herren waren ja allesamt Stammgäste seines Frühstückslokals. Der alte Nathan Blum folgte der Gestalt des Traiteurs, bis sie im dritten Zimmer verschwunden war. Er hörte die lauten Stimmen seiner Enkelkinder und nickte, verträumt vor sich hinstarrend. Ja, die Kinder dort unten, die hielten das alles wohl schon für selbstverständlich? Bei einer Hochzeit mußte es doch hoch hergehen! Blumen, Champagner, steife Hemdbrüste, — — — dachten bestimmt, es könne gar nicht anders sein? Und leerten begeistert ihre Gläser auf den Großvater, der es so weit gebracht und am Anfang so „schwer" gehabt hatte. „Schwer"?-Was die sich unter „schwer" dachten! — — — Der Brautvater, der eben so viel zu erzählen gewußt hatte von den Kämpfen der beiden Familiengründer, von der Bescheidenheit und Tüchtigkeit der alten Zeit, die mit bei Tische saß in der Person des Nathan Blum.-Du lieber Gott, welche Vorstellung konnte der, der ja auch schon ein Enkel war, welche Vorstellung konnten sie alle, um diesen prächtigen Hochzeilstisch, von dem richtigen Kampfe haben? Von dem richtigen Anfang, der ganz am Anfang war! Ahnte denn einer, wie dieser selbe Herr Traiteur hochmütig und brutal und grausam hätte sein können — — — vor siebzig Jahren? - Langsam drückte die schwere, überhitzte Luft den müden Kopf wieder auf die Brust hinunter, das Stimmengewirr wurde zu einem fernen Brausen, die Gegenwart versank,-und bcrausgeschnitten aus der bunten Umrahmung der Gäste, lief das weiße Tischtuch, wie eine verschneite Landstraße, in den flimmernden Glanz des frostklaren Winterabends hinein. 0, das war süß, hinter Glas und Vorhängen vor Kälte geschützt, die knotig du chaderten Hände auf der Stuhllehne rastend, so zurückschauend auf die gehaßte, gehässige Straße, die endlos von Dorf zu Dorf den knickenden Knien sich entgegengestemmt hatte, immer noch um ein Ende länger, als sie das Gedächtnis drohend aufbewahrt hatte! Schmal, genau wie das Tischtuch, lief der von Schlittenkufen ausgeschnittene Pfad, weißes Geleise im weißen Feld, sich verengend, bis er am Horizont, dort hinten, wo der dritte Kronleuchter goldene Ballen aus dem Zigarrenrauche formte, hineinmündete in den roten Nebel. — — — Ein schwarzer Klecks erst, dann ein zappelnder Menschenfioh, zwischen Schnee und Himmel auf und nieder hüofend, stapste keuchend der dürre, engbrüstige Wanderer heran, auf dem spitzen, schmalen Rücken den mächtig sich wölbenden Sack, eine bunte Sammlung von großen und kleinen Päckchen unter die überlang niederbaumelnden Arme geklemmt. (Fortsetzung folgt,) Geschäftliche Mitleikmqen. Wir emp'-ehlen unseren geehrten Lesern den Besuch der Modernen Tanzkurse von »yrl. Mc.raareihe Thiele. Berlin W. 57, Potsdamr Ltr. 74. Alles Nähere ist aus dem in dieser Nummer crfcfjicucitcu Inserat ersichtlich. Moderne Tänze Margarethe Thiele Ebuelstunden, Privatkurse in Familien und Verbänden jederzeit Rhythmische Zirkel. 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