Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 37 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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"Der jüdische Sprechsaah Kanzelreden, 8-* lSprechsaaD haben zwei Herren -aru-er Klage geführt, das; hie Prediger namentlich in Kafualreden iLcichenreden. Trauungsreden) gar zu häufig — oft wörtlich - sich wiederholen. Das ist für einen ständigen Zuhörer, der „mit einem guten Gedächtnis begabt ist io. -an er oft genug die Worte deö Predigers im voraus'seinem Nachbarn znilustern kann", gewiß sehr unangenehm. LSer cs nt sicherlich auch für den Redner nicht sehr angenehm. wenn kr sich häufig wiederholen mutz. Und doch wird er sich manchmal nicht anders helfen können, znmal wenn er ott bei Kafualfällen zu reden hat. Denn im Grunde genommen ist der Casus fast immer derselbe: man kann mit Leichtigkeit die Trauungs- und die Leichenreden in wenige Karegorren einreihen.- dem unterscheidenden persönlichen Lcoment wird der Redner, wenn er genügend und recht- Kritlg unterrichtet ist, gewiß gerne Rechnung tragen. Auch der den Festpreölgten in der Snnagoge werden sich Wiederholungen bei Entwicklung des sich stets gleich bleibenden Fcstgedankens schwer vermeiden lassen. Aber im übrigen wird der Redner selbst froh sein, wenn er seinen Zuhörern etwas Neues bieten kann, und darum wird er sich auch bemühen, stets etwas Neues zu bieten. Uitö rvarum sollte er mit seiner Ansicht zurückhaltcu. warum nicht auch auf der Kanzel fernen Standpunkt geltend machen und mutig vertreten, wenn es aua) anders geschehen muh wie bei einem Diskunronsabenü oder in einer wissenschaftlichen Zeitschrift» — Jai kann nicht beurteilen, inwieweit die Vorwürfe der beiden Herren, öre jedenfalls bestimmte Vorkommnisse im Auge haben, berechtigt sind. Für das große Publikum dürste aber •— cum ßrano salis — immer noch die alte Anekdote Geltung haben: Ein Fürst hatte einen Hofnarren, dem er besonders gewogen war. Er gestattete ihm einen Wunsch, den er zu erfüllen versprach. Und als der Hofnarr zum Pfarrer ernannt sein wollte, setzte der Fürst ihn als solchen in ein r - Ernmal kam der Fürst in dieses Dorf und erkundigte sich bei den Bauern, wie sie mit ihrem neuen Pfarrer zufrieden seien. Sie waren des Lobes voll, nur eines chatten sie an dem Pfarrer auszusctzen: er kalte immer dieselbe Predigt. Tex Fürst machte dem Pfarredarüber Vorhaltungen und dieser erbat sich von dem Fürsten die Erlaubnis, in seiner Gegenwart die Bauern einzeln befragen zu -dürfen. Jeden, -ec hereinkam. fragte er: Was habe ich arn letzten Sonntag gepredigt? Aber keiner konnte den Inhalt der Predigt wicdergebcn. Da meinte der Pfarrer, er habe feine Predigt immer noch nicht oft genug gehalten. E i n st e i n - Landau i. Pf. Der Wert der Beschneidung. i. Herr Dr. Nothmanu vergleicht die Folgen einer nicht ausgeführten prophylaktischen Vliuddarmopergtwn mit einer nichtauSgefnhrten Beichneidung. Nach ihm hätte die erstere Unterlassung schwerere Folgen als die zweite. Es ist sehr fraglich, ob die Statistik ibm recht geben würde. Bor allem denkt er gar nicht an die Folgen für die nächste, ja oft sogar dritte Generation. Die Blinddarmentzündung ist für die Vererbung belanglos, eine Geschlechtskrankheit dagegen keineswegs. Als ich beim Militär im Jahre 1908 die Gesundheitsvestchtigungen mitgemacht hatte äußerte ich später als von der Beschneidung gesprochen wurde: „Wer das mitanges-lien hat. müßte sich sogar als Christ beschneiden lassen." Diese Ansicht wurde bei mir noch bestärkt durch die 50 Monate lsjtze Erfahrung während deS Krieges, in dem ich als Bakteriologe (davon über 18 Monate als Leiter einer Untersuchungsstellei tätig war. Wie den Waschungen und anderen Vorschriften der Bibel, so liegt auch der Beschneidung die außerordentliche hygienische Folge mit als Grund vor. Schon das Wörtchen unrein (unsauber, unhygienisch) klärt bei vielen Vorschriften darüber auf. Manche religiösen Vorschriften mögen überhaupt erst nur rein hygienische gewesen sein, und damit sie gehalten wurden» zu religiösen erhoben worden sein. Außerdem gehört dieser Streit mehr in eine medizinische 'Zeitschrift, in der man dann auch sachlich ausführlicher die Folgen der unterlassenen Beschneiduna und die schwierigere Heilung der Krankheiten beÄreiben konnte. Dr. F. Reich. Berlin-Weißensee. II. An den Abdruck einer Unterredung, die ich mit dem Redakteur des M. M. hatte. in Ihrem grichätzleu Blatte hat sich im Sprechfaul eine lange Tiö.ussion angeknüpft, zu welcher ich bitte, noch einmal Stellung nehmen zu dürfen. Wenn ich sagte, das; die Beichneidung vor gewissen Erkrankungen schüye. so hatte ich damit nicht die Geschlechtskrankheiten gemeint, sondern die entzündlichen Krankheiten, wie sie bei verengerter Vorhaut und mangelhafter Körperpflege nicht selten sind. Was ich als Militärarzt bei Gesuudheitsbesichtigungcn und in Lazaretten in dieser Richtung gesehen habe, läßt den Nutzen der Beschneidung jedermann sofort cinleuchtcn. Die Aeußernng des Herrn Dr. Reich zu diesem Punkt bestätige ich vollinhaltlich. Für uns Juden ist die Beschneidung über nicht nur ein hygienischer Akt, auch wenn ursprünglich die Köperhygiene die Veranlassung zu dem Gebot der Beschneidung gewesen sein sollte, für uns ist sic eben ein Gebot, eine Mizwah. und der jüdische Vater will eben seiner religiösen Verpflichtung Nachkommen. Wenn er znx Anssührnng der Beschneidung keinen der Laien-Mohelim. wie sie ja nicht knapp und im Anbieten ihrer Dienste nicht schüchtern sind, sondern einen Arzt beruft, so erwartet er von diesem, daß er die nötige Operation nach allen Regeln der ärztlichen Kunst aussülirt. Trotzdem ist auch für den ärztlichen Mohel die Anssührnng der Beschneidung mehr als eine Operation, es ist eine Mizwah auch für ihn. Ich sehe in Familien, die sich schon ganz vom Judentum getrennt haben und ihre Kinder doch beschneiden lassen, daß eben doch noch Bande der Pietät sie mit der Tradition der Vorfahren eng verknüpfen: ich hüte mich, in diesen Füllen die Operationen abznlehnen. Wenn von mir gefordert wird, die Beichneidung nur als hygienischen Akt auszuführen, so sage ich bei der Operation, „ich werde die rorgeschriebenr Brache sagen, eine Vroche schadet doch niemals" — die Bcnediktivn ist auch niemals untersagt worden. Als Kuriosum möchte ich erwähnen, daß häufiger in demselben Atemzuge von einem twgienischen Akt gesprochen und dann die Fragau mich gestellt wurde, vb der Wein zum Scgensspruch koscher sein müsse. Da ich die Beschneidung. wie eben geschildert, ausfasse, führe ich sic bewußt in den überlieferten Formen aus. Der Säugling ruht auf den Knien des GevaiterS. die Festversammlimg steht abseits. Dag ich doch noch niemals eine Infektion erlebt habe, führe ich darauf zurück, daß mir Asepsis kein mnsteriöstr Vorgang ist. sondern eine Verwertung naturwissenschaftlicher und chirurgischer Erfahrungen. Ich weiß ganz genall, daß die von mir gesetzte Wunde nicht infiziert werden wird, wenn ich meine Hände und das Operationsgebiet gründlich desinfiziere, die Wunde möglichst wenig und nur mit frisch gclochten Instrumenten berühre, nur frische sterile Verbandstoffe usw. verwende. Nur ich selbst 'hantiere an der Wunde, dann ist cs gleichgültig, ob der Akt sich auf einem Tische oder auf dem Schoße des Sandik ahsviclt. es ist auch gleichgültig, ob der Operateur einen Gehrock oder einen OperativnSmantcl trägt — ich trage übrigens einen OperationSmantcl. — Nicht gleichgültig ist die körperliche Beschaffenheit des Säuglings. Ich verschiebe die Operation, wenn der Knabe zu schwächlich ist und besonders, wenn er eine der bei Säuglingeu sehr häufigen Hauterkrankungen. Huste kn u. dal, bat. Ueber Jnfcirivnsgc'sakr glaube ich schon genügend meinen Standpunkt gekennzcichnet zu haben. Was nun die Blutnngen aubetrifst, so gestehe ich. daß ich in den ersten Jahren meiner Tätigkeit als Mohel öfters heftige Blutungen erlebte, die aber immer mir chirurgischen Mitteln — Naht und Unterbindung — zn belierrschcn waren. Je länger ich aber diese Operation auösü.ue. desto weniger kommen mir Blutungen Zur Beobachtung. Auch ich habe vor Jahren, wie Herr Tr. Winter, in jedem Falle sofort nach der Overation genäht, vielleicht WOmal: ich bin aber jetzt zu der Erkenntnis gekommen, daß die Naht 'unnötig ist. wenn man sofort nach der Beichneidung vor den Scgenssprüchen einen gut sitzenden Verband, an Legi. Wenn dieser nach einer Viertelstunde trocken ist, ist eine Nachblutung nicht mehr zu befürchten, wenigstens habe ich seit Jahren keine mehr erlebt. Wenn ich nun nach gewissenhafter Selbstprüsnug heute wieder vor die Beantwortung der Fraae gestellt würde, ob die Anssührnng der rituellen Beschneidung Gefahren mit sich bringt, so würde ich diese Frage wieder so beantworten, wie seinerzeit in: „Montag Morgen", Gewiß ist solch Fall, wie der des Herrn De. Caro sehr bedauerlich, eine Verallgemeinerung aber nicht gerechtfertigt. Auch nach anderen, nach kleineren Operationen — ich nenne nur das Beschneidet der Hühneraugen — kommen gelegentlich schwere, selbst tut, lichc Erkrankungen vor. trotzdem werden sie immer wieset ans ge führt. Zum Schluß sei m« noch gestattet, auf den prophylaktischen Wert der Beschneidung kurz einzugehen. In vielen vielen Fällen werde ich ausgcfordert. Vorhautverengungeu bei christlichen Knaben zu operieren, bei denen sich e:ust> Störungen ergeben haben. So habe ich während des Krieges aus der Praxis eines unserer bedeutendsten Fr.uwnärzte zwei Enkel preußischer Generäle operiert. Ein mir befreundeter christlicher Ehirurg sah Kränipse. für die andere Versuche nicht zu finden waren, verschwinden, cus er die Phimose seines Erstgeborenen operiert hatte. Bes seinem brei'ührigen Söhnchen operierte er diese ^prophylaktisch Christliche Väter, die sich als Erwachiene eine entzündete Phimose operieren lassen mußten, brachten mir häufiger ihr« Söhne zur prophylaktischen Operation. San.-Rat Dr, Le i b h o l z. Berlin. Anmerkung der Redaktion: Mit den vorstehender Ausführungen des Herrn Sanitätsrcrt Tr. Leibkolz dessen Interview im „Montag Morgen" den Anlaß zu der Diskussion über die Beschneidnugssrage gegeben hatte, schließen wir die Erörterungen. Wir glauben, daß die verschiedenen Ansichten darüber nunmehr genügend zmn Wort gekommen sind. Es "HrsG im Interesse des religiösen Laicnpnblikums und auch in dem der ärztlichen Wissenschaft liegen, wenn im Schoße einer Sachverständigenkommission die mit der Beschneidung zusammenhängenden Probleme eingehend durchforscht werden. Wir zweifeln nicht daran, daß Herr Sanitätsrat Dr. Leibholz hier ans Grund der umfassenden Erfahrungen seiner großen Praxis, in der sich bisher noch niemals Nachteile der Beichneidung gezeigt haben, in der Lage ist, wertvolle Aufschlüsse zu geben. Der Psalmist im Landtag. Da hat einer im Preußenhaus einen hebräischen Satz zitiert. Bet der Beratung des Borkumskandals hat er dem pkcchter. der die einstweilige Verfügung gegen die Regierung erlassen hatte, das Wort des 82. Psalms zugernsen: Ad matai tischpetu awel ufoneh r'schaim tiss’u (wie lange wollt ihr mit Unrecht richten und das Ansehen der Frevler achten?). Dieser Vorgang ist so gleichgültig, daß wir von ihm gar keine Notiz genommen haben. In vielen Parlamenten sind schon griechische und lateinische Zitate vorgekommen! Warum soll also nicht ein Satz im hebräischen Urtcrt gesprochen werden? So häufig sind ans der Abgeordnetentribüne klassische Worte unrichtig angewandt worden. Warum soll man also nicht im preußischen Landtag ein Psalmwort, das sich über soziale Ungerechtigkeit verhält, ins Politische kehren dürfen? Daß es nicht deutsch, sondern hebräisch geschah, ist unbedeutend. Nun aber stempelt das Hamburger „Israelitische Familienblatt" den Abgeordneten Badt zum Helden, weil er als erster un preußischen Abgeordnetenhaus hebräische Worte aesur^chen hat. Damit bekommt ein nichtssagender Vorgang, vom Standpunkt des deutschen Judentums ans. Bedeutung. Einmal war cs in keinem Zeitalter jüdische Art. die gcheiligten Schätze unserer Religion zum Sprungbrett eines Augenblickerfolgs, zur Sensation zn machen. Dann aber könnten böse Menschen den Vorgang gegen uns ausmünzen und sagen, Herr Badt sei nickt als Abgeordneter einer nationalen Minderheit, sondern als deutscher Parteivertreter in fr-- gewählt und habe als solcher keinen Anlaß, — nicht etwa hebräische Sätze zu zitieren: das ist ihm uni.u. . ' > — i stne hebräischen Kenntnisse hervorznkchrcn. - Im alten Griechenland lebte ein Mann, der. um seinen Nai--e.r berühmt zu machen, den schonen Tempel der,Diana Epbesv^ antt'rndcn wollte. Seit dieser Zeit unterscheiden denkende Menschen zwischen Helden- und Herostratentum. Botho Laserstein. Bibelkurse. Frau Studienassessor Tr. phil. Regina Barkan veranstaltet Bibelkucse für Schüler der höheren und mittleren Schulklassen in deutscher Sprache. Frau Tr. Barkan ist Verfasserin religionsrhilosophischer Arbeiten und Mitarbeiterin angesehener Zeitschriften und Zeitungen. Sie hat wiederholt in jüdischen Logen und BcrBnen Vorträge gehalten. Beginn Ende Oktober in Berlin. Spichernstr. Io, Telephon: Uhl'and 1200. Gotteskind Erhabener Gott, ich liebe dich... Und schlägst du mich, Ich liebe dich ... Und läßt du andrer Glück mich sehen, Der andern, die, dein spottend, aufrecht gehen. Und schlägst du mich Mein Leben lang mit Schmerz und Leid — Erhabener Gott, ich liebe dich, Ich liebe dich In Ewigkeit! Max Rosenfeld, Dresden Die beste Tat! E>i«e Geschichte nach dem Leben, mitgeteilt von Natalie Feldman«, Stuttgart. Abend will eS werben — nicht nur Sa draußen, wo eben ,pie Sonne sich zu verbergen beginnt — nein, auch bei mir, tn meinem eigenen Dasein neigt sich der Tag, dar Zlltern beginnt. Ich seh'S mit Freude; denn mollig warm ist es in meinem Stüblein. liebe Erinnerungen umgeben mich und Freunde kommen persönlich und brieflich zu mir. Es ist ein Ausruhen vor dem letzten Schlaf, wie ich es mir immer gewünscht habe. Alter und Tod, sie sind mir kein Schrecken, weil langes und reiches Leben hinter mir liegt, reich besonders an Arbeit und Mühe — so recht ein Leben im Sinne des Predigers. Und wie meines, so wird vielfach das Leben meiner Kollegen gewesen sein. Ich bilde mir nicht ein. daß mir ein Sonderschtcksal geworden sei. So frage ich mich auch, ob wohl viele von ihnen heute auf den Gedanken kamen, der mich beschäftigte. Wißt ihr, worüber ich sann? Ich batte einen Aufsatz gelesen: „Fürsorge von gestern und heute!" und da fragte ich mich plötzlich: „Was war wohl die Veste Tat deines eigenen Lebens?" Allerlei ging mir durch den Sinn; aber wenn ich es genau prüfte, so waren dies Dinge, die selbstverständliches Geschehen waren, die Tausende vor mir und nach mir ebenso oder besser tun. einfach Betätiguna einer Nächstenliebe, wie man sie von einem anständigen Menschen erwarten darf, ur eine Sache macht mir beute besonders Freude, nichts roßes ist es. nicht- Weltbewegendes und doch beglückt mich die Erinnerung. Höret! Ihr wißt, ich hatte in meiner Mittelschnlklasie jahraus, jahrein viele kleine Mädchen, von denen mir wohl die meisten zugetan waren: denn sie fühlten meine Liebe zur Jugend und mein Bedürfnis nach ihrer Liebe. Sie ließen mich teilnchmen an ihren kindlichen Freuden und kleinen Sorgen. Ich mußte wissen, wenn Else ein Brüderchen bekam oder wenn Annas Mutter krank war und gar manchmal mußte ich eine neue Hl arschlcifc'oder einen neuen Gummiball bewundern. So waren wir eines — ich und mein kleines Bolk. Da erzählte mir eines Tages die Hilde Rosen, strahlend, voll Glück und Jubel: Fräulein, morgen habe ich Geburtstag und darf heute dazu meine Freundinnen einladen; Kaffee gibts und Kuchen und Schlagsahne." Ilm mein Interesse zu bekunden, ließ ich mir die Gaste nennen und bemerkte, daß meine beste Schülerin, die brave, kluge, meine helläugige. schwarze Lore, mit dem sonnigen Gemüt, der Liebling der ganzen Klasse nicht dabei war. Warum? „Ja," Fräulein, meint Hilde stockend ans meine Frage, „ja. di« Lore wäre schon recht, sagt Mutti, aber ihre Eltern — nein, Mutti sagt — es geht wirklich nicht." — Ich sah Hildens Verlegenheit, wollte dem Kinde nicht weh tun und fragte nicht weiter, nur traurig war ich, sehr traurig. — Lore wird nicht weinen, wird vielleicht nicht einmal erzählen, daß andere cingeladcn sind, denn sie ist klug, liebt und schont die Eltern, aber ein dunkler Schatten wird die Helle eines reinen Kindergemütes trieben, vielleicht länger daran haften, als Hildens Mutter ahnt. Das machte mir Sorge; ich schlief wc/.ng in jener Nacht, überlegte und sann. Ich konnte mich nicht erinnern. Nachteiliges über Lores Eltern gehört zu haben. Da plötzlich wußte ich. was es war — ist's möglich, ist's wirklich möglich? fragte ich mich immer wieder — sind Menschen so klein? — kann eine Mutter einem Kinde so wch tun? Und warum? Morgens, sobald es schicklich war. ging ich zu Hildens Mutter. Wir kannten einander gut, waren wir doch mit einander ausgewachsen und mit uns auch die Mutter der Lore und der Marie. So brauchte ich nicht lange Umschweife zu machen, konnte gleich den Zweck meines Kommens angeben. Ich sagte Frau Rosen, daß ich herzlich bäte, doch meine kleine Lore nickt zu betrüben und erinnerte, daß sie überdies noch die Tochter einer gemeinsamen Schulkameradin sei, die Tochter der Paula Grün, die so brav für ihre Geschwister gesorgt, den Frühverwaisten Erzicberin und Freundin gewesen war, die mehr geleistet hatte als wir alle. Ich erzählte von dem schönen Familienleben, das sie ietzt im eigenen Hause zu gestalten wisse und wie bei aller Bescheidenheit ein guter Ton da walte — also kein Grund vorläge. Lore auszuschließen. Man könnte eher überlegen, ob man Marie »inlitden solle, trotzdem ich auch yier ein Am schalten sehr bedauern wurde. Unsere zweite Schnlsrcundin sei ia auch brav und rechtschaffen, doch in der Familie sei mancher dunkle Punkt, der dunkelste, in meinen Augen, der Glanbcnswechsel. Marie kann nichts dafür und soll darob nicht leiden, aber was dem einen recht ist, ist dem andern billig. „Stimmt alles, meine Liebe," erwiderte Frau Rosen, „Du vergißt nur zweierlei: Ich weiß wohl, daß bei den Leuten reiches Wissen daheim ist. ob aber auch gute Formen in dem Hanse herrschen, weiß ich nicht. Und dann — ehrlich gesagt — ick kann getaufte Juden einladen nach Belieben, aber niemals die Tochter eines Ostjuden. Mein Manu ist Privatdozent an der Hochschule, es könnte uns schaden! Mögen die Leute noch so rechtschassen sein, sie passen nicht in unfern Kreis. — So. nun war es ausgesprochen! Ich hatte es sa vermutet. Nun, da ich die Bestätigung hatte, konnte, ia. mußte ich reden. Es ging bald nicht mehr um Lore und Marie, um Ost und West ging es. Frau Rosen war eine brave Frau, die viel Gutes tat. aber ihr Gesichtskreis war eng und sie war ängstlich, überängstlich. Sie wußte selbst nicht, wie unfrei sie mar. Die Ghettomauern sind längst gefallen, aber nicht alle Nachkommen derer, die einst hinter diesen Mauern leben mußten, sind freie, selbstbewußte Menschen geworden. Gar manche schauen noch nach rechts und links, um nur nirgends anzustoßen, tun dies aber dabei erst recht, verlieren Haltung und Würde, sind weder bei Juden noch bei Ehristcn geachtet, wenn sie ihr Deutschtum auch noch so stark betonen. Lange braucht es, bis solche Leute zur Erkenntnis kommen, was einzig richtig, was charaktervoll ist. Darum verabschiedete ich mich mit den Worten: „Meine liebe Freundin, wir beide sind nicht nur Schulkameradinnen, wir sind auch am gleichen Tage in den Frauenbund eingetreten, haben uns damals ernst und feierlich einander ins Auge geschaut, haben uns die Hand gereicht, mit dem Gelöbnis: du sollst mir Schwester sein! — Ich frage mich heute, ob wir wirklich Schwestern sein können, wenn Du heiliges Menschenrecht so mit Füßen trittst. Bedenke dock, daß Du keinem Antisemiten gram sein darfst, wenn Du selbst nicht unterscheidest zwischen Gebildeten und Ungebildeten, zwischen Fleißigen und Trägen, zwischen Menschen mit guten oder schlechten Zielen. Bedenke ferner, so wie Du Dick heute, ohne Würdigung der Einzelpersönlichkeit, zum Ostindcn stellst, so stellen sich viele Deutsche zum Juden im allgemeinen. — Tut es nicht bitter weh?" + Zwei Tage später kam Lore glückstrahlend zu mir:, „Fräulein, die Hilde und ich sind Freundinnen geworden, ganz echte, rechte Freundinnen, beim Gebnrtstagskaffce haben wir es uns versprochen."