Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 37 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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den Werken Abraha ch Soll das Judentum erklärt werden, so genügt es nicht, baß seine gegenwärtige Ausprägung erfaßt wird. Au keiner Ze.t tritt irgend ein Gedanke ganz rein auf, seine Aeußerunßo.t. wenn sie zumeist aus ihm herauswachsen. sind doch von der Umgebung beeinflußt,' um ihn möglichst rein zu erkennen. muß er nach der Totalität seiner Aeußernngen erkannt mn';. geprüft werden, damit sich ergebe, welches sein wahrer Inhalt, welche Aeutzerung die am engsten sich ihm anschließende, die ihm adäquateste ist. lAus: Einleitung in das Studium der jüdischen Theologie.) * * * Denn diese Wissenschaft ist zugleich im wahren Sinne gläubig. Sie ist im echten Sinne des Wortes offenbar n n g s g l ä u b i g, sie glaubt an den Gottesgeist, der im Judeutume die nirgends sonst erkannten religiösen und sittlichen Wahrheiten weckte, kräftigte, zur Reife und zum Siege führ:.', durch seine absolute Schöpferkraft; es ist den Propheten. e - ist dem Volke zugekommen nicht durch vermittelte NeflcZou, sondern durch Erleuchtung, „es war stark über ihnen, die Macht Gottes", und sie redeten, getrieben von dieser Macht. sie kämpften, gekräftigt von dieser Macht, sie nuierlagcn, von ihr gezüchtigt, und siegten dennoch, von ihr ausrecht erhalten. Diese Wissenschaft ist traditionsg l ä u b i g , sie glaubt an den Gottesgeist, der im Judentum seine Schöpfung crliält, sie fortzeugen läßt, sie immer frisch geistig belebt. Das Schvpsungswcrk ist in der Natur geschlossen, die Kraftsülle, die in ihr sich wunderbar offenbart und ergossen hat, hat sich zurückgezogen, die schaffende Kraft ist zur erhaltenden und zur veredelnden geworden, das Leben zeugt fort und gestaltet um nach der ursprünglichen Weisheit, die ihm eingebildet ist: so ist das geistige Schöpfungswerk geschlossen, aber fortzeugend wirkt der Geist, der es trägt und es, indem er cs erhält, durchhaucht und zu lebendiger Wirksamkeit antreibt. So ist die Wissenschaft der neuen Zeit frei und gläubig, weil sie in demselben freien Geiste wirkt, der den Glauben erzeugt hat. Beschränkt ihr ihr die Freiheit. so raubt ihr ihr auch den lebendigen Glauben an die Offenbarung und an die Tradition, und ihr gebt ihr dafür deren wertlose welke Blätter, die cntgeisteten Buchstaben. Diese Wissenschaft steht demnach im lebendigsten Zusammenhänge mit allen vorausgegangenen Entwicklungsstufen; alles ist ihr wie des Judentums unveräußerliches Eigentum, lioiii ersten Worte der Bibel bis zum letzten eines Talmudistcn, von den tiefen Gedanken der mittelalterlichen Philosophen bis zu den Lucubrationcn eines jeglichen Darschan, von der bnchstäbelnden Enge des Casuisten bis zum freien Worte der neuen Predigt. Ucberall erkennt sie den ursprünglichen Geist nach den verschiedenen Zeiten und der verschiedenen Begabung, und dennoch in voller Einheit. lAus: Ter Boden zur Aussaat. Erösfnungsaufsatz der Indischen Zeitschrift.) * * * Ich sage: l. Dos Judentum ist ursprüngliche Aeußeruna deS reinen religiösen Bewußtseins, wir halten an ihm. als berufen, dasselbe in den verschiedenen Zeiten darzustcllen. und es über feine Bekenner hinaus auszubreiten, fest, wissen uns mit ipm einig. oh Das Judentum, als berufen, in alle Zeiten einzugehen, mußte auch in die verschiedenen Standpunkte der Zeiten eingehen, seine Aeußernngen den verschiedenen anderen Ausfasjnngswcisen anmessen, diese müssen von seinem Geiste getrennt werden; namentlich hat daö lange Mittelalter es inkrustiert, und wenn wir auch aus dieser Inkrustation gleichfalls die tiefliegenden Pnlsschläge des Geistes zu erkennen uns angelegen sein lassen mögen, so haben doch diese Hüllen, wie sie im Talmud und in den Rabüinen bervortreten, für uns keine normative Bedeutung. Wir sind vielmehr verpflichtet, das Judentum als wahrhaft religiöse Macht in unsere Zeit cinzusühren und die Aeußernngen nns anzupasscn. 3. Das Judentum, als berufen. Wcltrcligion zu werden, aber hervortretend innerhalb eines Volkes, das cs ganz dnrchdrang, muß von alten volkstümlichen Elementen, die cs notwendia in seine Aeußernngen anfnahm, gesondert werden; wir halten namentlich das Judentum nicht abhängig von dem Glauben, daß seine Bekenner einst wieder eine politische Einheit bilden werden, wir bekennen vielmehr, daß wir dem Lande, in dem wir leben, innigst als unserem Vaterlande angchören. fAus einem Briese an M. A. Steen vom 25. August 1843.) « * » Ich meine nun. wir müssen vor allem beachten, daß alle Neugestaltungen auf dem Boden der Geschichte sich zu vollziehen haben, daß ans der gegebenen Grundlage die Entwicklung vor sich gehe, sticht Auflösung und Nengrnppterung ist das Gesetz im gesunden Leben, sondern innere Zersetzung und innere Wicöervcrkittnng. Zumal bei einem wertvollen geistigen Erbe! Das Judentum ist nicht mit einem Male geworden, sein Anfang kann ihm kaum nachgerechnet werden, es ist nicht ein zeitlich Vorübergehendes. cs ist ein mcnschheitliches Urgut, das innerhalb eines dazu besonders befähigten Stammes zu seinem vollen Werte gelangte, die Dauerkrast in sich trägt und seine Ausbreitung über die gesamte Menschheit anstrcben muß. Das Judentum hat eine große dreitausendjährige Geistcsgeschichte. in der die edelsten Lebensfrüchtc gereift sind, eine Geschichte, von deren Ernte immer neue Nahrung ansgcht und anögehcn soll. Ob und was einstige große Geschichtsnmwülzungen bringen können, darüber wollen wir wohl nicht voreilig abschließcn, aber bis dahin werden wir den Namen „Juden", den vielgeschmähten, au den aber doch die reinste GottcSerkenntnis. die edelste Geistesfreihcit und Sittenreinbeit sich knüpft, nicht ansgeben. Man improvisiert eine religiöse Genossenschaft ebensowenig wie eine bürgerliche und staatliche. Man bat im Judentume keine Hemmketten, daß man sich gewaltsam von ihnen befreien müßte. eS tritt nicht mit Vernunft verhöhnenden, Gewissen bedrückenden Machtgebotcn ans, daß man es wegschlewdern müßte; es bedarf der inneren Reform und bietet selbst dazu die Handhabe. Was in der Geschichte lebendig ist. was mit dem Volksgefühle sich innig verbunden bat, das allein kann lebenskräftig sortwiikcu; waS unvorbereitet hingestcllt wird, ist wurzellos und hat keinen Bestand. Wir wachen daher in unseren Tagen keine neue Religion, und alle Versuche dazu fristen nur ein kümmerliches Dasein. Der religiöse Gedanke, weil von der menschlichen Natur untrennbar, hat von je in der menschlichen Gesellschaft Gestalt gewonnen, die im geschichtlichen Fortschritte, in der geistigen Läuterung mannigfache Umwandlung erfahren, sie ist aber niemals gänzlich zertrümmert worden, mn einer ganz neuen Platz zu macheir. Gerade an das Judentum knüpften sich alle großen, die Knltnranschannngen bedingenden religiösen Umgestaltungen; Ehristentnm und Islam sind aus ihm hervorgegangcn, haben sich an ihm genährt, und innerhalb des Judentums muß daher auch die neue religiöse Umbildung sich vollziehen. (Ans einem Briese an L. R. Bischofssheiul vom 8. Oktober 1872.) * * Ich Habe VtS fetzt die zwei verschiedenen Vcrufsarten 2eS Schriftstellers und -es Rabbiners zusammenzubalten versucht, ohne sic zu vermischen, aber gerade die gegenseitige Einwirkung um sv sicherer gehofft; ich glaube noch biS z«r Stunde, baß ich keine widernatürliche Bereinigung unternommen und harre getrost des einzig gültigen Richterspruches, welchen der Herr der Wahrheit über mich aussprechcn wird; Ihm bleibt mein Leben und mein Stäben geweiht. (Schlußsätze der Abhandlung: Die zwei verschiedenen Betrachtungsweisen: der Schriftsteller und der Rabbiner.) * * * Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis de- Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben. (Unterschrift unter einem BUd, 1846.) Ans der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft unter einem Bild. 1887.) Sersammlungskalender. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Bezirksgruppe Norden.) Im Auerbachschen Waisenhaus. Schönhauser Allee 102, findet regelmäßig abends Q'A Uhr Freitagalbcnö-Gvttesöicnst mit Orgel, Chor und Predigt statt. Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugcwdverein E. R.) Am Donnerstag. den 30. >d. M., spricht in der Fasanenstraße 79/80 Herr Robert Hirschfeld über das Thema: „Ans dem Werben des Christentums". Breslau. (Indisch-liberaler Jngewdverein «Abrgham, Geiger".) Geschäftsstelle: BreSlau 7. Höfchcnstr. 6111 l. Ber-. einslokal: Bcreinszimmer des Konzerthauses. Gartenstr.» Eingang Portal 1,1. ,. Dienstag, den 28. Oktober, abends 8K Uhr: „Der Indenanteil am Fortschritt der Kultur." Einleitendes Referat. Anschließend geselliges Beisammensein. Galle, durch Mtr- /vrfrtSn* r’frtrti’fii.firf ttt'f fff MtfinCtt. Kalendarium für die Zeit vom 24. iv. diS l.il. Oktober 1924 Tischri 568» Freitag 24. 26. Nenmondwcihe Wochen-Abschnitt B'reschith (1. B. M. Kap. 1—6, 8) Hastarah: Jesaia 42. 5, 43.1-10 Sonnabend 25. 27. Sonntag 26. 28. Rtontag Tieustag 27. 28. 29. 30. 1. Tag Rosch Ehodesch Eheschiran 5883 Mittwoch 20. 1. 2. Tag Rosch Ehodesch Donnerstag 8(1. 2. Freitag 31. 3. November 1824 LÄochen-Abschnitt: Noah. /, (1. B. M. Kap. 6. 9-11) Hastarah: Jesaia 54, 55, 1-8 Sonnabend 1. 4. brauchen, der wilden sie umgebenden Gebirgsnatur und der Wesen /Verschiedenheit der in der Ebene ansässigen Podolicr. Eine gewisse Weitschweifigkeit der Handlung aber und eine Umständlichkeit des Stils sind unverkennbar. Der Held geht hier an seinem bis zum Fanatismus gesteigerten Rechtsgefühl zugrunde. Als schließlich auch der Kaiser ifun ieinc Hilfe versagt, verläßt er Hans und Familie, Um selbst zum Richter jener tyrannischen Machthaber zu werden, die das Voll bedrücken und vergewaltigen. Durch falsche Anschuldignngen und Betrügereien irregeführt, erkennt er die Unzulüngiichleit menschlicher Gerechtigkeit und wird ein Opfer dieses tragischen Konfliktes. Die volle Reife des abgeklärten Mannes zeigt das letzte Wert, welches Franzos hinterlassen nnö welches erst nach seinem im Fahre 1004 ersolaten Tode zur Veröffentlichung kann Bereits 1803 vollendet, ist man über den Grund der Nichtverösfentlichuna desselben durch seinen Meister Mb st im unklaren. Furcht vor Anfeindungen der Ehassidim kann es bei diesem mutigen Manne nicht gewesen sein. Fieberhaft ist in diesem Werk „Der Posaz". der Hunger nach Bildung und Entwicklung in dem von allen Seiten in seiner Entfaltung gehinderten Judenlnaben. Religion, Gemeinde. Familienvcrhältn'sse, G> ini-dheit und materielle Sorgen umgeben dieses mimische Talent, was fick zunächst in ergötzlichen burschikosen Unter- Hai, n.ingen und Nachahmungen offenbart, mit einer undurchdringlichen Mauer. Der Besuch eines Schausviels und die Darstellung des Schönen führt es zur inneren Klarheit. Erschütternd ist das Znsammcnbrechcn des den übermäßigen Entbehrungen und Erregungen nicht gewachsenen iugcndlichen Körpers, während die Seele ihr Z'el von weitem sieht und seine i^rüfic ahnt. Das höchste Glück wird in eine freie, der B Blendung znstrebcnde Entwicklung der dem Menschen vcr ''ebenen Fähigkeiten und Gaben gelegt. Und was hier Franzos von diesem einzelnen sagt, gilt auch von den Völkern im allgemeinen. Das Menschheitsideal in jeder völkischen Eigenart zum Ansdruck zu brinaen, ist las Glhsf der Nationen. Eine Gewaltherrschaft, auf Lug v' d rv.g gebaut, kann niemals von Dauer sein! Wenn fd:.den Krieg als den Winterschlaf der Kultur bezeichnt ium notwendig ein Frühlingserwachen folgen, in rve'chem new: Kulturen, die vergangenen Epochen nutzend, ne::es quellendes Leben Hervorbringen! Erinnerungen. Von Clementine K r ä m e r. (Schluß.) Und ganz zuletzt noch ber Jtzig.- Ter gehörte uns, den „hatten." wir so wie unfern großen Garten, das kleine Pi'.vivchcn. den Pndclhund Myrrhin, die alle das Entzück Nt von nns Kindern waren. D.r Jtzig brachte große Feldblumensträuße für die Mutter. t-l» er vor scheuer Bewunderung kaum anzureden wagte. Sie war aber auch die einzige im Dorf, die zu dem Jtzig nickt „Du" sagte. „Sie" Jtzig! „Jtzig, waschen Sie sich mal eck, :;V:!r-cu im Hof am Brunnen die Hände, sonst dürfen S'e dochnicht mit den Kindern spielen, das sollten Sie aber jetz! i.hon von allein wissen, Jtzig" . . Aber Mutter sagte das g.»cz freundlich und schrie ihn kein bißchen an dabei, wie sonst alle Leute. Wenn sie ihn nicht gerade hänselten. Und dann spielte der Jtzig mit uns. Er machte uns aus Zwetschkenkerncn. die er kunstvoll nuszuhöhlen verstand, kleine Pfeiflein. Oder wir fabrizierten miteinander Geigen. Jawohl — Geigen! Ans einer Schindel und ans Stieselgnmmi. Ans einer ganz gewöhnlichen Dachschindel und ans Gummi von Paters alten Zngstieseln. Und wenn gerade leine alten da waren, dann zog der Jtzig die Gnminifäden aus seinen eigenen Stieseln heraus. Aber das durfte Mutter nicht sehen. Ich denke mir gerade, daß es die Kinder hentzutagc nicht mehr so nett haben; denn sogar ans dem Lande tragen die Leute jetzt meistens auch schon Dchnürüiesel. Oder Knvpfstiesel. Und Schindeldächer gibt es auch bald nicht mehr. Wenn der Vater neue Stiefel bekam, dann schauten wir Kinder sie schon begehrlich an: „An. gab' das seine Geigen" Also das wachte der Jtzig so: Er wachte oben und unten in die Schindel kleine Einschnitte, spannte die Gnmmifüden der Länge nach darein, snns, sechs, sieben nebeneinander. wie bei einer Violine, und dann noch ein kleines Schindelstückchen als Steg aufrecht quer dazwischen. Fuhr man dann mit den Fingern darüber, so gab es schöne Töne, einen ganzen Akkord, glaube ich. Aber das war nicht die Hauptsache, sondern die Herstellnna des Instruments. Ferner zog nnö der Jtzia in einem kleinen grünen Schlitten im Dorf herum. Und führte einen bei der Hand durch den großen Nachbarshof hindurch, wenn die Gänse die Schnäbel vorstrccktcn und beißen wollten. Der Jtzig hatte einen großen viereckigen Kopf. Und graue Haare und einen grauen Bart, Und er muß so ähnlich ansgesehen haben, wie unser Pudel, denn in meiner Erinnerung ist er genau so. Und im Dorf hielten sie ihn zum Narren, weil er „nicht recht" war, und weil die Leute in so einem Jndendvrsf immer einen zum Hänseln und Necken haben müssen. Das ist die Schattenseite des Galgenhnmors, den ich früher als verdrängtes Jndeuleid zu deuten versucht habe. Sic meinen dann wunder wie gescheit sie selber sind, wenn sic so einen armen Schlemibl oder ein kleines Kind in Verlegenheit bringen oder ängstigen können. Zu mir z. B. sagte einer immer, ich hätte ftne rote Nase und rote Haare und obendrein ein Loch im Strumpf. Und wenn ich beimläme, dann würde ich schon meine Schläge bekommen; und ich traute mich schon kaum mehr an se'nem Hause vorbeizngehen. Und wie ich nach Jahrzehnten wieder einmal dort war, da hörte ich. wie er noch immer so sagte, wenn ein kleines Kind bei ihm vvrbcikain. Und da war er schon nahezu achtzig und starb ein paar Wochen darauf. Und einmal — das war gerade ans dem Snnaaogenhof — da hänselte den Jtzig wieder Groß und Klein bis er nicht mehr aus noch ein wußte. Und je wilder er wurde, desto mehr quälten sic ichn. und freuten sich, wenn sie den alten Menschen ganz ans dem Häuschen gebracht hatten. Und mein Bruder und ich standen auch dabei. Da kam gerade der Vater das Tors herunter und rief nns Beide mit strenger Stimme zu sich. Und darauf sagte er mr den Leuten, sie sollten sich schämen, sich über so einen alten bedauernswerten Menschen lustig zu macken. Da gingen alle mnckmänschcnstill auseinander und ließen den Ktzig sieben. Nur ein ganz kleines Mädchen stellte fick vor ihn hin und schaute mit großen Angen zn ibm ans und sagte: „Du — Jtzig — komm', ich geh' mit dir heim", und führte ihn — BMBUH3BM wie ein kleines Mütterchen — an der Hand davon. Da dachte ich voller Neid; wenn nur ich dies zu ihm getagt ^"l'nö dann erzählte uns der Vater ans dem Heimweg, wie das gekommen sei mit dem Jtzig, und wieso er „nicht recht war. Er sei als junger Bursche in die Stadt gekommen um dort das Metzgerhandwerk zu lernen, lind einmal de- Nachts habe er sich verspätet und wollte über die Mauer dealten Hauses — um nicht klingeln zu müssen — in sein Zimmcc gelangen. Aber der wachsame Metzgerhnnd erkannte ihn nicht, sprang an ihm empor, riß ihm die Kleider vom Leibe und zerbiß ihn böse. Ter Jtzig sei dann wochenlang krank im Spital gelegen, und als er wieder soweit genesen» da habe es sich gezeigt, daß er von dem Schrecken schwachsinnig geworden mar. , . . Darauf fragte uns der Vater sehr ernst, ob wir unL letzt nicht schämten, einen solch armen Menschen gequält zu haben. Und da schämten wir uns wirklich sehr. Und als er den andern Tag kam, der Jtzig, wurden wir geheißen ihm die Hand zu geben und ihn um Verzeihung zu bitten. Und mußten sagen: „Ich bitt' mn Verzeihung und ich willnim. mer tun." Ta sagte der Jtzig znm Vater, daß es so ein gute- Hans wie dieses nirgends mehr gäbe ans der ganzen Welt. Und das ist das Letzte, was ick von dem Jtzig weiß: da war alles gepackt und fertig zum Wegzug in die Stadt. Und es war ganz früh am Morgen — sechs Uhr vielleicht -~ an einem schönen Oktobertag und die Sonne noch nicht aufgeqangcn Wir wollten eben in den Postwagen einsteigen. Da kam der Jtzig daher — frierend und zitternd — und hatte tiefe Löcher in den Backen, und ein ganz altes vergrämtes Gesicht; konnte kein Wort sagenals wir ihm noch einmal die Hand gaben, che wir einstiegen, da kam gerade die Sonne herauf und spiegelte sich in den Tränen, die dem Jtzig in den Augen standen. Und das ist das Allerletzte: Kaum waren wir einige Tage fort, da kam der Schabbosbrief von der Großmutter und da hieß cs: „gestern nacht ist auch der Jtzig gestorben^. Und bei den drei Anderen, dem Janseplc, dem Schwüle und dem 6>ndcl Hcrr'ckfte war ich allemal froh, wenn ich von einem hörte, er sei tot und ich werde ihn nicht mehr an-, treffen. Vlos um den Jtzig hat cs mir^leid getan. Recht»' schassen leüd wie um einen guten, alten Freund. V Verehrter Leser! Vielleicht sagen Sie jetzt: „alles gut und schön, aber hübsch retonchicrt scheint mir die Sache doch, cs geht alles zu. lieblich und friedlich zu, so wie man cs im Leben nicht alle Tage zu sehen bekommt". Hübsch zurechtgcmacht, denken Sie? — Sie sind im Un» recht. Ich tat nichts weiter, als die Wahrheit anfschrciben, so wie sie in meinem Gedächtnis haftete. Oder — sollten Sie am Ende dennoch recht behalten? — Sollte vielleicht doch meine Erinnerung mir „gute, alte Zeit" vorschwindeln? — aber ich kann beschwören, daß alleso» ganz genau so war, wie ich es hinschricb; ich schwöre und es ist ganz bestimmt kein Meinei-d. „Aber ein kleines Falschcidchen"? — fragen Sie. Ich antworte: ES ist nicht ausgeschlossen, baß öaS, rv-A so „leuchtend nicdcrging", einen vergoldenden Schein zurülk» ließ. Doch dafür kann ich nichts.