Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 37 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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kLuerung, deren Hervorroge?.dste Vertreter Samson Raphael Hirsch und Abraham Geiger waren. In den Bonner Studienjahren schlossen Hirsch und Geiger Freundschaft, der theologische Begründer -er Neuorthodoric und der Theologe des Liberalismus. Wie im politischen Leben Deutschlands Konservatismus und Liberalismus beide ans der Romantik hcrauSgervachsen sind, so sind auch die Wurzeln der Neuorthodoxie und des religiösen Liberalismus im Judentum in der Romantik zu suchen. Der Cacham BernayS in Hamburg war wohl der erste hervorragende Mann der Orthodoxie, der orthodoxe Anschauung und Lehre jmU moderner Kultur Zu vereinen wußte. Er war seiner ganzen geistigen Richtung nach ein echter Romantiker. Was er begonnen hatte, sührte sein Schüler Samson Raphael Hirsch weiter, waS dort noch undeutlich und unklar war, hat Hirsch als der große Theologe der Orthodoxie theologisch begründet und vertieft und die Möglichkeit und Notwendigkeit der Vereinbarung von Lehre und moderner Kultur bei strengstem Festhalten an dem Ueberlieierten betont. Beide Männer, Hirsch und Geiger, verdankten der gegenseitigen Einwirkung viel. Schon in den Bonner Studienjahren zeigten sich die Verschiedenheiten der Auffassung. Aöer die Studentensreundschaft wurde erst Zerrissen und in bittere sachliche Gegnerschaft und persönliche Feindschaft verwandelt, als Hirsch seine „einzelnen Briese über Judentum" veröffentlichte, die von Geiger mit unerbittlicher Schärfe in seiner wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie besprochen wurden. Wie Hirsch der Orthodoxie, so hat Geiger dem Liberalismus, oder wie man damals sagte, der Reform das Prinzip gegeben. Schon die Tatsache der Begründung der wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie, deren eifrigster Mitarbeiter Geiger selbst gewesen ist, wie auch die spätere „Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben" überwiegend Artikel auS seiner Feder enthielt, zeigt, Satz der blutjunge Wiesbadener Rabbiner bereits im Anfang feiner Laufbahn sich darüber klar war, daß es aalt, die Berechtigung und Notwendigkeit und das Matz der Reform theologisch zu begründen. Das ist Geigers große Leistung, in die ave seine wissenschaftlichen Arbeiten .sich einordnen. Er ist nicht Religionsphilosoph, Ser daS Religionsgebäude des Judentums philosophisch begründet, mit Sen eigenen philosophischen Anschaltungen in Einklang bringt und ein philosophisches System des Judentums aufbaut. Aber er hat eindringmde Studien auf dem Gebiete der jüdischen Neligtonsphtlosophie gemacht und ihre geschichtliche Erkenntrt!S durch wertvolle Arbeiten bereichert. Er ist auch nicht lediglich Historiker, der die Schicksale und die geistige Entwicklung der Juden verfolgt und darstellt. Aber seine Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte werden ungeachtet mancher Korrekturen noch lange Jett *u dem Besten zählen, waS über diegeistiae und religiöse Entwicklung geschrieben ist; sie Hüven Überdies den großen Vorzug, Kr jeden Gebildeten verständlich geschrieben zu sein. Und seine Erkenntnis des PharisäiSmuS und GadduzäismuS Ist bahnbrechend geworden und in Men Grundzügen heute in Geltung. Er ist nicht Karl Emtl Franzos. Bon Helene CoaSbruchaWernigeroLe. Inmitten der Unruhen deS JahreS 1848 wurde Karl Emil KranzoS in eittem pööotischen Forsthans jenseits Ser ruffischen Grenze aevoren. Hier hatte seine Mutter aus tftiec Flucht aus Lzortkdw in Galftien bet einem westfälischen Förster Ausnahme gesunden. Mit wohltätiger Sorge umgab er die Frau seines einstigen Lebensretters, erfreut über d e Gelegenheit, seine unvergessene Dankbarkeit an den Tag legen zu können. Zahlreiche Deutsche mutzten vor den Gewalttätigkeiten der Polen im fremden Lande Schub suchen, und der Vater deS Neugeborenen war als indischer BezirkSarzt in deutschen Diensten in besonderer Lebensgefahr. Drohbriefe sollten ihn in seiner GtellUNa erschüttern, — aber mutig und pflichttreu harrte er aus seinem Platze aus! Von allen Seiten drangen Anfeindungen an den tapferen Mann Heran, um so mehr, als er durch die Nichtbefolgung der jüdischen Spetsegesetzk in seinem Hanse unter seinen Glaubensgenossen als ein Abtrünniger galt. Und dieser Hatz des orthodoxen Judentums gegen die Fteigesinnten war fast noch stärker wie der der verschiedenen Nationalitäten gegeneinander. Nur seiner hervorragenden Tüchtigkeit im Beruf und der Hilfe, die er Freund und Feind zuteil werden ltetz. war eS zu verdanken, Satz der Geschmähte allen feindlichen Anstürmen widerstand und seine Frau mit dem Knaben ungefährdet heim kehren konnte. Auf Sie ersten glücklichen Kittderiahre folgten aber schon beim Besuch der Dominikanerschule manche Kämpfe, wie ste für einen jüdischen Schüler in einer christlichen Anstalt un. vermeidlich waren. Äon Natur lebhaft. zu tollen Streichen aufgelegt, gern bereit, sich an den reisen Pflaumen zu ergötzen. während der dicke Pater, von seinem gräflichen Freunde eingeschlossen, zornig gegen die Tür klopfte, mutzte der Knabe oft einsam und still decheistehen. wenn seine Mitschüler ihren Uebermut austobten und sich in heiteren Spielen ergötzten. Ja. es kam vor. -atz ste thn zur Zielscheibe ihre- Spottes machten; — wollte der Scheugewordene dann aber mit jüdischen Alteksgenoffen sich vergnügen, so wandten sich auch diese von iöm ab. weil ihm Kaftan nnd Rtngellöckchen fehlten. Die weitschauende Klugheit und Güte seines DaterS allein waren imstande, jeden aufkeimenden Groll in Ser KinSeSseeke zu zerstreuen, und bewirkten. Satz eine gewisse ruhige Beobachtung an Stelle der natürlichen Erbitterung trat. Der Knabe fing an, die Spielenden nachdenklich zu betrachten, die sich von ihm lodsagten. „Du bist ein Deutscher!" und „Du bist ein Jude!" Wie zwei Geleitsprüche für sein weiteres Leben wurden ihm diese beiden Sätze in seinem Elternhause tief eingeprägt. Niemals später tzat sich der Jüngling und auch der reise Mann von ihnen losreißen können. Das Bewußtsein seines Deutschtums führte ihn auf der Höhe des Lebens dem Mittelpunkt deutschen Geistes zu. und das Bemutztsein seines Judentums blieb mächtig genug, ihn jeden RetigionSwechsel um äußerer Vorteile willen verschmähen ru lasten. Leider starb sein hochherziger Vater, als der Knabe 1ö Jahre alt war. nnd fast gleichzeitig folgte dessen Ueverfiedelung an das Gymnasium zu Czernowitz. Je älter et wurde, um so mehr vertiefte er sich in das Studium der affen Sprachen und die Schönheit der Antcke. Doll Begeisterung wollte er ihr Studium zu reinem Lebensinhalt machen. Aber ans eigenen Mitteln lediglich Bibelforscher. Aber seine „Urschrift und Uebrrsetzungrn der Bibel" hat neue We,"e gewiesen und neue Errcnutuissc erschlossen und bleibt auch jetzt wertvoll, wenngleich die Wissenschaft heute manches anders ansieht. Er ist nicht eigentlich Talmudforscher. Aber seine eindringenden Studien auf dem Gebiete der talmuüischen Wissenschaft, seine Erkenntnis einer älteren und einer jüngeren Halacha sind überaus fruchtbar und haben eine Fülle neuer Gesichtspunkte gegeben und zur Aufhellung des Talmuds wesentlich beigetragen. Er ist auch nicht eigentlich Sprachforscher. Aber zur Kenntnis und Erforschung der Sprache der Mischna, der Targnmim und des'Talmuds, zur Kenntnis der Mastora hat er wertvolle Beiträge geleistet. Nimmt man hinzu, was er über die Sekten, insbesondere über die Karäer, gearbeitet hat. was über die mittelalterliche hebräische Poesie, so erhält man das Bild einer überaus fruchtbaren und reichen Gelehrienarbeft. Und doch ist dies alles nur ein' kleiner Teil seiner Lebensarbeit und fügt sich in seine theologische Arbeit ein. Er war, wie er selbst einmal sagte, ein Mann der geschichtlichen Betrachtung. Ihm mar die Anschauung zu eigen, die jedes in der Geschichte vorkommende Gebilde nicht, wie cs sich im gegebenen Augenblick gerade darstcllt, sondern im Flüsse der geschichtlichen Entwicklung und in den einzelnen Phasen seines Werdens und seiner Entwicklung sieht und zu verstehen sucht. Mit dem ganzen Idealismus, mit der ganzen Kraft seiner begeisterunasfähigcn Seele wurzelte er im Judentum. Dies Judentum zu erfassen, war sein wissenschaftliches Streben, es theologisch zu begründen und die leitenden Gedanken für seine Weiterentwicklung nnd für die in der Gegenwart zu ergreifeuden Maßnahmen zu finden, hatte er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Alle Zweige und Richtungen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, soweit sie auch auseinander zu liegen scheinen, sind von diesem Zentrum aus zu verstehen. Aber er war sich auch von Anfang an darüber klar, daß alle Reform, die er für unumgänglich notwendig hält, nur Zufallssache, nur „Reform ins Leere" sein kann, wenn sic nicht auf umfassende wissenschaftliche Erkenntnis gegründet ist. So ergab sich ihm die Auffassung, die das Judentum zu keiner Zeit als ein abgeschlossenes, fertiges Gebilde ansicht, sondern als dauernd im Flusse der Entwicklung, so nannte er alles des Judentums ei-^en vom ersten Worte der Bibel bis zum letzten Wort der modernen Predigt mit Einbeziehung der Talmudlehrer und ReligionSphilosoplien, der Mystiker und Kabbalisten. Er verleugnet keine einzige Entwicklungsstufe, auch diejenigen nicht, die seinem Empfinden nicht genehm sind. Er ist der begeisterte Lobredner der Tradition, die er die „ebenbürtige Tochter der Offenbarung" nennt; aber nicht einer Tradition, die durch falsch verstandene Pietät die Entwicklung hemmt, sondern der Tradition, die den ununterbrochenen Zusammenhang 5er Gegenwart mit der Vergangenheit und mit der Zukunft gewährleistet und ermöglicht. In allen Fragen legt'er gleichsam den Längsschnitt durch die ganze gcschühtliche Entwicklung nnd sucht so das Judentum in seiner Totalität, in seinem Gesamtgeist zu erfofstn - Dieses methodische Prinzip des Liberalismus hat er ausgestellt und dies bleibt in Geltung, wenn wir auch in manchen Einzelfrageu anders urteilen als Geiger. Denn nichts wäre verfehlter, nichts Geigers eigenen Anschauun'en mehr widersprechend, nichts auch dem Wesen des Liberalismus weniger angemessen, als wenn wir uns sklavisch an Geiger binden wollten. Uns bleibt das methodische Prinzip, die „Reform der Geschichte". Hat doch Geiger selbst niemals die einzelnen Reformforderungcn mit demselben Nachdruck verfochten wie seine Forderung der „Reform der Anschauung", aus der die einzelnen Reformen sich von selbst ergeben. Von den schweren Kämpfen, die er in Breslau auszufechten gehabt hat, ist in vorstehenden Zeilen ebensowenig die^Neöe gewesen, wie von seiner fruchtbaren Tätigkeit auf dem Gebiete des Religionsunterrichts, von seiner Tätigkeit aus den Rabbinerversammlungeu und Synoden -er vierziger oder achtziger Jahre. Nnr ein Punkt darf nicht übergangen werden. Bereits in Wiesbaden forderte er die Errichtung einer jüdischtheologischen Fakultät aus der Erkenntnis der Vertiefung der theologischen Studien und ihrer Gestaltung nach moderner wissenschaftlicher Methode. Seinem Einfluß ist mit zu verdanken die Stiftung Jvnas Fraenkels, die die Errichtung des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars ermöglicht hat. Es war die bitterste Enttäuschung seines Lebens, daß ihm. Lehramt und jeglicher Einfluß an dieser Anstalt verwehrt blieb. Erst gegen Ende seines Lebens bot die damals gegründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ihm die Möglichkeit des akademischen Lehramts, und die begeisterte Anhänglichkeit seiner damaligen Schüler ist der beste Beweis für die tiefgehende wissenschaftliche und persönliche Einwirkung des Lehrers. Das aber bleibt sein Verdienst, daß er als erster die Notwendigkeit der Errichtung einer theologischen Hochschule erkannt und gefordert hat. Ein reiches Erbe hat Geiger uns hinterlassen. Wir haben es zu hüten, indem wir es lebendig erhalten und immer von neuem fruchtbar machen für Gegenwart und Zukunft. Wieder ist unter den mannigfachen Veränderungen der geistigen Lage die Notwendigkeit der theologischen Klärung und Begründung ganz besonders dringend. Nicht dieses oder jenes deutsche Gebet mehr oder weniger ist die Frage des Liberalismus, sondern die „Reform der Anschauung", die stets erneute Klärung der Begriffe, während wir unter der Einwirkung von Nationalismus und Neuromantik gegenwärtig eine erhebliche Unklarheit scheu. Das liberale Judentum würde das Gedächtnis seines großen theologischen Begründers am besten begehen und am schönsten ehren durch die Begründung einer neuen wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie. In dieser Zeitschrift mögen ohne Ketzcrriccherer alle, auch die entgegengesetzten Anschauungen, die wissenschaftlich begründet werden, zu Worte kvrnmen: über ihr und aus ihr weht uns entgegen der Geist Abraham Geigers. MersW Eure Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum E. SB., Berlin NW. 7, Nr. 137 0ß9. unfähig, es zu erreichen, stand das dafür vorhandene Stipendium nur christlichen Beiverbern offen. — und er verzichtete! Es war das erste schwere Opser. welches er seinem Religionsbekenntnis brachte. Wie Diele unseres Volkes sich erst bei dem begeisterten Aufschwung der ersten Angusttagc lni J, angesichts der drobmden Gefahr, ihrer Liebe zum Batrrchnde und ihrer Zugehörigkeit zur engeren Heimat bewusst wurden, so fühlte auch Franzos sein Festwurzeln im Judentum und die Liebe für viele seiner bedrückten Glaubensgenossen erst da kraftvoll in sich erstehen, als er sich von beiden trennen sollte. Er wandte sich dem Studium der Jurisprudenz zn und bestand auch hier seine Prüfungen glänzend. Aber wieder trat nach Beendigung derselben der einmal überwundene Kampf an ihn heran. Zum Rechtsanwalt fehlte ihm jede Neigung, zum Richterstand das Christentum. Sein zähes Festhalten an der alten Religion erscheint um so wunderbarer, da er als einziger jüdischer Student in Graz gänzlich ans dm Anstau'ch mit gleichstrebenden Christen angewiesen war. Zugleich aber offenbarte er dadurch seme volle Unabhängigkeit vom Einfluß seiner Umgebung. Ein Aufruf an die Grazer Studentenschaft unter dem Ministerium Hvhcnwarth hatte ihn in einen politischen Prozeß verwickelt. So beschloß er im Jahre 1872 zunächst auf Reisen zu gehen, nachdem er durch ein JugcnderlebniS auf seinen künftigen Beruf hingewiesen worden war. Er liebte im Alter von 21 Jahren eine Christin. — sie erwiderte seine Neigung: doch das heiße Geständnis seiner Liebe löste bei ihr die Worte aus: „Mir bricht das Herz — aber — Sie sind ein Jude!" So, ans Seelenweh und Enttäuschung geschaffen, entstand seine erste Novelle: „Das ChristuSbild". Mit einer für sein Alter übergroßen Reife wird hier das Problem behandelt, daß angeborenes und anerzvgenes Vorurteil mächtiger sein kann als Herzensneigung. Wunderbar wirkt bei diesem Erstlingswerk neben künstlerischer Einkleidung die ob'ektive Gestaltungskraft. Die Schilderung des von LiebeSleidenschaft ergriffenen Jüngling tritt zurück hinter der liebevoll gezeichneten Resignation des reifen Mannes, der mit überlegener Ruhe auf die Vergangenheit schaut, und bei einem Wiedersehen mit der Geliebten durch ihre Reue nicht mehr umqestimmt werden kann. Franzos wurde sich des künstlerischen Wertes der Novelle erst bewußt, als nach ihrem Erscheinen in We'termanns Monatsheften die Redaktion ihn um weitere Arbeiten aus diesem interessanten Stoffgebiet ersuchte. Seine nächste Novelle: „Der Sbnlock von Barnow" schildert die bis zur Grausamkeit gesteigerte unbedingte Herrschaft der Eltern über ihre Kinder. d"n Fluch des unglücklichen Vaters, der selbst znsammenbricht. als er seine reuig und demütig heimkehrende Tochter von seiner Schwelle verstößt. Aber eS ist noch ein anderes, was gerade an dieser Novelle so erschüttert und zum tragischen Ausgang führt. Der Dichter vergleicht Nnwiffenh"it der dunklen Nacht, in der Begierden und Wünsche schlafen. das Helle Wissen dem klaren Tag. der Besrernna und Leben bringt, das Halbwissen aber der unbestimmten Dämmernna. deren Schatten nnd Umrisse täuschen nnd verwirren. Nickst die weisen Legren des alten Onkels, sondern die verderblichen Romane der älteren Dome vergiften die Seele der jungen Jüdin. ES ist ein oft wiederkehrendes Moti" bei Franzos, das Unterliegen der nach Befreiung and^n Vorurteilen und d^r Engherzigkeit der orthodoxen Jndenschaft emporringenden Seelen, denen ein verzehrender Drang nach Wissen und Erkenntnis inncwohnt. Tiefes Mitleid mit ihnen erfüllte uu Dichter. Er erblickte in dem eigensinnigen Festhalten nunc., eigenen Volkes an althergebrachten Beschränkungen und schroffen Aeußerlicksteiten den größten Hemm,muh m lewer Entwicklung. Absichtlich schilderte er die oerhängnisvo len Wirkungen solcher Mißstände, um hier Wandel zu schonen. So entstand seine Novclle'nfolge: „Die Juden von Barnow , tendenziös gerichtet, welche heute noch in den Hanpizugen Interesse daran wachgerusen. Die chassidrsche , ihren Gebetshänsern. streng abgesondert gegen jeden Aneersgläubigen. noch jetzt allen Reformbcstrcbungcn feindlich gesinnt und törichtem Aberglauben unterworfen. Oft ist Franzos in der alten Heimat auf fernen Anslandvreisen eingekehrt. Zunächst wandte er sich im Jahre 1872 nach England, von dort nach Frankreich, bereiste ferner Italien, die Schweiz. Deutschland. Ungarn. Rußland, dw Türkei. Kleinasien und Aegnpten. überall seinen Blick schärfend für die Eigenart des eingesessenen Volkstums und sein pmmologisches Verständnis vertiefend. Nach vier erfahrungsreichen Jahren übernahm er in Wien die Leitung der „Neuen illustrierten Zeitung" und im Jahre 1887 die Redaktion „L.er Deutschen Dichtung" in Berlin, die dem gesamten literarischen Leben Deutschlands lange seine Richtung gab. Mit Vorliebe bewegte er sich in seinen eigenen Schöpfungen im Osten Eurovas. Vorzüglich verstand er es. in kurzen Kulturbildern den Charakter der dort lebenden Bewohner mit der sie umgebenden Landschaft, ihrem Klima, ihrer Arbeit, kurz, ihren ganzen Daseinsbedingungen in Einklang zu bringen. Halbaffen ist für ihn das Land von der Leitha bis zur Wolga, und von der Newa bis zum Bosporus. In der weiten Ebene wechseln üppige Felder mit ödem Heideland, werten Sümpfen und dunklen Weihern, während in ihren Bewohnern die asiatische mit der europäischen Seele kämpft. Auch wo Franzos sich räumlich von seinem Heimatland entfernt, herrscht die obiektive Beobachtung der dem Land eigentümlichen Natur und seiner Bewohner vor. Der „alte Damian" ist nicht nur der gewissenhafte Fuhrmann, sondern zugleich der Typus des ruhigen, schwerfälligen, zögernden Schwyzerlanövolkes, voll Lebensphilosophie. im Aeußern, wie Franzos mit Humor sagt, einem geschnitzten hölzernen Nuizknackergesicht vergleichbar. Ein eigenartiges Problem behandelt die kleine Novelle: „Ein Opfer". Die Lüge, gemeinhin eine Aenßernng von Feinheit und Falschheit, wird hier zu einer Tat voll Mut und Kraft, die uns mit Bewunderung erfüllt und Segen nach sich zieht. Das ruthenische Mädchen, das sie ausspricht, befreit durch das Bekenntnis einer Schuld, die es nickt begangen, unter schwerem Seelenkampf einen Bruder ans lebenslänglicher Kerkerhaft und ihren Geliebten vom Fluch des Vaters. Ein Seitenstück zu ihr bildet das Weib in der kurzen Skizze: „Zwei Retter". Sie gibt sich als Mörderin des in ihre Behausung eingeschmuggelten Kindes aus. um ihr ganzes Volk dem Unglück zu entreißen. Die langen Romane von Franzos erreichen im allgemeinen nicht die künstlerische Höhe seiner kurzen Novellen.. Zwar gibt „Der Kampf ums Recht" eine treffende Darstellung der Karpcithenvölker mit ihren Sitte» und Ge»