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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-24 · 37 (24.10.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
37 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchÄeraleZM« Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle y^jährlich M. 1.S0 Einz.ln mmer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: tm Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: s Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda. vis «.Jüvifch - Udsrals - Zeitung" erscheint jeden §reitag Schrlfllelfuna und S^fchüttsslstts: 6er in, Mouersiratze22. Ssrnruk: Amt Merkur Nr. 8725 PoftfchedtKontot BeninnW7nr.l37069 (Vereinigung für Das liberale JuDentum) flachDrudt fämtlldjer Orlglnal-ßeltrflge nur mit vorheriger Genehmigung Oer ReOalttlon gestattet l Anzeigenpreise: Die l2gespallene Nonpareillezeile 0,15 Goldrnark, die Neklamezeile 3.00 Golömark, :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Berlin 6 42, Alexandrinenitrahe 95,90. (Fernsprecher: Dönhoff 437), sowie sämtliche Annoneen-Expeditionen. Nr. 37 mm Berlin, 24. Oktober 1924 BpeeMwiwieMffliwrwjBiujiiM 4. Jahrgang Abraham Geiger. Zum 50. Todestage Abraham Geigers. Bon Gemeinderabbiner Dr. Vogel st ein-Breslau. In der Nacht vorn 22. zum 20. Oktober 1874 ist unerwartet Abraham Geiger gestorben. Schlicht, ohne jeden äußeren Prunk, aber in tiefer Dankbarkeit und rückhaltloser Verehrung für seine große Leistung und seine große Persönlichkeit begehen wir die Erinnerung, das schölle talmudische Wort festhaltend, daß man den Gerechten keine Denkmäler zn errichten braucht, weil ihre Worte und ihr Wirken ihr Andenken sichern. Und unsere vcrehrnngsvolle Bewunderung ist um so großer, weil sie nicht blinder Heroenkult ist, sondern heransgewachsen aus kritischer Betrachtung. Diese kritische Betrachtung führt in manchen Einzelsragen zu anderer Auffassung, als Geiger sie betätigt hat. Aber gerade diese Freiheit der Kritik und diese Abweichung in manchen einzelnen Punkten läßt uns um so klarer und schärfer die Größe des Mannes erkennen, der die große Linie klar rwrgezeichnet, die Richtung gewiesen hat, die nach unserer Ucbcrzengung das Judentum festhakten muß. Gerade der Liberalismus kann niemals daraus verzichten, sich selbst immer wieder kritisch zu betrachten, seine Grundlagen und deren praktische Betätigung immer von neuem zu prüfen und die veränderten Verhältnisse in die Betrachtung einzubezichen. Nichts wäre verfehlter als jene falsche Pietät, die der Einzelne festhält, die Teile in der Hand hat, aber darüber das geistige Band verloren gehen läßt. Das aber läßt uns Abraham Geiger auch jetzt, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode, als lebendig erscheinen, daß er die methodischen Grundsätze klar gestellt hat, die den jüdischen Liberalismus kennzeichnen, die in Geltung bleiben, auch wenn auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnis oder veränderter Verhältnisse im einzelnen die Anschauungen und Maßnahmen sich geändert haben. Abraham Geiger war ein großer Gelehrter, einer der größten, die das moderne Judentum hervorgebracht hat, ein Mann von einer staunenswerten wissenschaftlichen Produktivität. die fast alle Gebiete der jüdischen Wissenschaft umfaßte. Er war Rabbiner der größten Gemeinden Deutschlands, Breslau. Frankfurt, Berlin, und hat in diesen Aemtern eine umfassende, weit reichende Tätigkeit entfaltet. Er war ein gefeierter .üauzelreduer von zündender und hinreißender Veredtsamkeit. Er war irr den letzten beider: Jahren seines Lebens Lehrer an der damals neu begründeten Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und hat als Hochschullehrer eine tiefgehende Einwirkung ans seine Schüler ansgeübt. Er war der Vorkämpfer des religiösen Liberalismus oder, wie man damals noch zn sage:! pflegte, der Reform, und hat Jahrzehnte hindurch in vorderster Linie der literarischen -.rümpfe gestanden, wie er in seinem Amt, namentlich in den ersten Breslauer Jnbren, die schwersten Kämpfe durchgesochtcn hat. die zeitweise bis zur Sprengung der Breslauer Gemeinde führten. Aber das alles sind Einzelzüae, jeder von Bedeutung, jeder die ganze Kraft eines Mannes erfordernd, aber doch Geigers Wesen nicht erschöpfend. Daß er mit einer erstaunlichen Vielseitigkeit aut allen diesen Gebieten Hervorragendes leisten konnte, das erklärt sich daraus, daß er der. große Theologe gewesen ist. Bon dieser Seite her ist Geigers Persönlichkeit und Leistung zu erklären und zn würdigen. Als in der Mendelssohuschcn und nachmenöelssohnschen Zeit die deutschen Inden — und sie hatten das aanze kl). Jahrhundert hindurch die Führung — zunächst ans der kulturellen 'Abgeschlossenheit und dann sehr bald in jahrzehntelangen Kämpfen ans der bürgerlichen und staatsbürgerlichen istcchtsUngleichheit heraustraten. da war es'nur zu natürlich, daß sie sich gar nicht zurechtsinden konnten. Auf der einen Seite das leucbteu.de und die Augen blendende Bild der modernen Kultur — ans der andern Seite das Judentum iu seiner mittelalterlicher:, durch Jahrhunderte des Ghettolebens und der aufgezwungenen 'Abgeschlossenheit entstellten Gewandung. Der Gottesdienst äußerlich vielfach geradezu verwildert — wir spüren ja noch heute die Nachwirkungen — die religiösen Formen in ihrer minatiösen Peinlichkeit erscheinen wenig an- *) Abraham Weiser, seBrreif in Frankfurt a./M. am 24. Mat 1810, Rabbiner in Wiesbaden 1832—1838, Breslau 1840— 1863, Frankfurt a./M. 1805—1870 und Berlin 1870 bis 1874. Kn!nlltwiiiHftS&ft!Mttfl!!nlin!flu!niftun^ Aus dem Inhalt: Nabb. Dr. Vogelstein-Breslau: Abraham Geiger. — Ans den Werken Abraham Geigers. — Josei Grob-Wien: Zurück zum Judentum. * Helene Consbruch-Wcrnigerode: Karl Emil Franzos. — Elementine Krämer-München: Erinnerungen. — Natalie Feldmann-Stuttgart: Tie beste Tat. — Andreas Latzo: Bilanz. * Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Vücherschau. — Aus der Bewegung. — Ver, sammlungskalender. — Kalendarium. Ein orientalischer Lesesaal. Der neugeschaffene orientalische Lesesaal der Preußischen Staatsbibliothek ist nunmehr zur öffentlichen Benuyuug freigegcben morden. Noch im Jahre 1918 stimmte das Kultusministerium dem Plane zu. für die orientalischen Sammlungen der Staatsbibliothek eine eigene Abteilung zu schaffen. Die Neuordnung ist dann in sechs Jahren langer Arbeit, unter der Leitung von Prof. Tr. Gotthold Weil, dem Direktor der orientalischen Abteilung der Staatsbibliothek, zustande gekommen. Die orientalische Abteilung in ihrer neuen Gestalt vereinigt die gesamte morgenländische Literatur, aber nicht nur die im Orient selbst entstandenen Drucke und Handschriften, sondern auch alle in Europa und Amerika erschienenen Bücher, die orientalische Themata zum Gegenstand haben. Der Jnteressenkreis der orientalischen Abteilung erstreckt sich auf ganz Asien und Nord-Afrika, sowie die gesamten nachbiblischen Indaiea. Der Prinz in -er Synaqoge. Bnkarester Zeitungen bringen eine Nachricht aus New Bork, die wir mit Vorbehalt wiedergebeu. Danach erschien der rumänische Gesandte in Washington, Prinz Beüesen, am Janm Kippur in der Synagoge der rumänischen Inden in New Bork und hielt vor einem tansendköpftgen Publikum eine Ansprache. Der Prinz erklärte, die rumänische Negieruna hätte beschlossen, den antisemitischen Ausschreitungen ein Ende zu machen. Dabei sprach er sich scharf gegen die antirumänische Propaganda aus, die in Budapest und Konstantinopcl ihre Ausgangspunkte haben soll. Mittelalter. Aus Szegedin, das durch Arnold Zweigs „Nitualmord in Ungarn" zu trauriger Berühmtheit gelangte, teilt die offiziöse Telegraphen-Company mit: „Tie mediziuljche Fakultät der Universität in Szegedln teilt in einem Erlaß, der auf der schwarzen Tafel ansgehängt wurde, den jüdischen Hörern der Medizin mit, daß jüdische Studenten fortan zu den Vorlesungen und Hebungen im anatomischen Institut nur unter der Bedingung zngelassen werden, daß die israelitische Kultusgemeinde der Stadt Leichen verstorbener Inden zur Verfügung stelle. Tic medizinische Fakultät hat an die Szegediner israelitischen' Kultusbedörden eine Abschrift dieses Erlasses gerichtet, mit dem Bemerken, daß die jüdischen Hörer der Medizin von den anatomischen Vorlesungen ausgeschlossen bleiben, solange der Knltnsvorstaud nicht für eine Belieferung der Anatomie mit jüdischen Leichen sorgt." Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V., Mauerstr. 22 Anläßlich der Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum finden folgende Veranstaltungen statt: Sonnabend, den 25. Oktober, vormittags 10 Uhr Festaoilcsdienst in der Synagoge. Faianenstraße 79/60 Sonnabend, den 25. Oktober, abends 81/2 Uhr Begrühungsabend im Togenhaus. Kleiststraße 10 Musikalische Darbietungen: Herr Oberianior Davidsohn umer gefl. Mitwirkung von Herrn Organist Devy Sonntaa, den 26. Gktob r, mittags 12 Uhr Abraham-Geiger-Ferer (zum Gedächtnis feines 50. Todestages) im Loaentenipeh Kleisistr. 16 Festrede Herr Prof. Dr. Slbogen. Musikalischer Teil: Herr Oberkantor Friedmann. Alle Mitglieder und Freunde des Liberalen Vereins sind eingeladen. ziehend, waren vielen unverständlich, die alte Selbst«! Verständlichkeit war — eine notwendige Folge der; neuen geistigen Lage — geschwunden,' und rviederunr erblickte man in diesen Aeußerungen das. Wesen des Judentums. Hat doch selbst Moses Mendelssohn, auf den der letzte Satz nur bedingt zntrifst, das Judentum nicht als geoffenbarte Religion, sondern als „geosfeubartes Gesetz" angesehen. Das bittere Wort war damals fast, zutreffend, daß die Taufe für die Juden das Entreebillet zur europäischen Kultur sei. Nun, da der Zugang zur europäischen Kultur einigermaßen frei; wurde, bestand die Gefahr, daß die Kultur ans dem' Judentum hinausführen mußte. So können wir heute geschichtlich den Standpunkt jener mittelalterlichen Orthodoxie verstehen, die zum Beispiel unter Friedrich dem Großen die Ausweisung eines jüdischen jungen Mannes aus Berlin veranlaßte, weil er am hellen Tage mit einem deutschen Buch über die Straße gegangen war, oder die ein deutscher Rabbiner zum Bann gegen Mendelssohns Bibelübersetzung veranlaßte, weil sie die Bibel nicht in den jüdisch-deutschen Jargon, sondern in die hochdeutsche Schriftsprache übertrug, und die sich gegen die geringste Veränderung und Verbesserung, zum Beispiel die Beseitigung der frühzeitigen Beerdigung der Verstorbenen, wie gegen einen Eingriff in öaS Heiligtum der Religion tntfe brennendem Eifer wandte. Und doch forderte die Zeit mit zwingender Notwendigkeit Reformen, weil die jüdischen Menschen sich dem Einfluß und den Forderungen der modernen Kultur nicht entziehen konnten. Tie ungeheuren politischen Erschütterungen um die Jahrhundertwende und die geistige Umstellung durch die deutsche Romantik haben diese Momente außerordentlich verstärkt. Wie hundert Jahre vorher der übermächtige Denker französischer Zivilisation auf die Deutschen zersetzend einwirkte und vielfach bis zur blinden Nachahmung führte, so machten sich auch im Judentum die plötzlichen Einwirkungen der modernen Kultur bis zur Zerstörung geltend. Die Tanskrankheit im Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Beleg hierfür. Aber andere erkannten die Notwendigkeit und sahen die Möglichkeit, Judentum und moderne Kultur miteinander in Einklang zu bringen. So entstanden die Reformen, zunächst fast nur äußerlich. Man beseitigte die frühzeitige Beerdigung, man sorgte für Ordnung und Würde bei Beerdigungen und Trauungen und vor allem im Gottesdienst. Mau kämpfte gegen das undisziplinierte Geschrei der Gemeinde an und schuf geordneten Gcmcindegesang und Cborgesang, man beseitigte die Ncbersülle von Pijjntim, die zum Teil wenig poetischen oder religiösen Wert hatten, oder durch ihre schwierige Sprache oder die Zahlreichen talmudischen Anspielungen nur wenigen verständlich sein konnten, oder durch das Uebermaß die religiöse Stimmung nicht zn lieben, sondern fast zn ersticken geeignet waren. An-teile -der den Gebildeten unverständlich gewordenen Deraicha im Jargon trat die deutsche Predigt und gab religiöse Erbauung und Belehrung, man fügte Gebete in deutscher Sprache in den Gottesdienst ein oder ersetzte einzelne hebräische Gebete durch deutsche, man führte das Ornat für Vorüctcr nnd Prediger ein, liier und da fand die Orgel in dem Gottesdienst Verwendung, und man ging an die Einrichtung eines geordneten Religionauntarrichts. Das alles hat schwere Kämpfe verursacht, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts andanerteu, zum Teil auch jetzt noch nicht beendet sind. Die meisten dieser Neuerungen, die von der Orthodoxie ans das ingrimmigste bekämpft wurden, sind seit Jahrzehnten auch in allen orthodoxen Gemeinden zur DurchsiUirnng gelangt, die Reform hat sie für das gesamte moderne Judentum, auch für die Orthodoxie erkämpft. Es soll keineswegs in Abrede gestellt werden, daß Mißgriffe vorgckommen sind, daß dies oder jenes beseitigt worden ist, was hätte erhalten werden können. Es ist auch aus dem Gesagten ersichtlich, daß das ästhetische Moment ganz besonders betont worden ist. Das erklärt sich aus zwei Erwägungen. Einmal war es ja gerade der Mangel der Berücksichtigung des Acsthetischen, der die neuen jüdischen Menschen abstieß, und sodann war diese ganze Reform nicht etwas Planvolles und Systematisches, sondern fast etwas Zufälliges,' man lcate die bessernde Hand an, wo es eben gerade notwendig war.

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