Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-17 · 36 (17.10.1924) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
36 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613777--1029-2618352
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Eschelh chajil. Ein bieder Weib, das höchste Gut, Wohl dem, der es gefunden! Des Lebens Glück, der Seele Mut Beut es zu allen Stunden. Nicht Zierrat, Perlen, Edelstein, Nicht Gold und nicht Geschmeide Kenn gleich wie sie im Werte sein, Sie schützt das Herz vor Leide. Sie ist des Hauses Priesterin In Sanftmut und in Güte, Treu ist das Herz und klug der Sinn, Tiefgründig das Gemüte. Ihr Zuspruch, ihre Liebe schafft —^ Will mal der Mann verzagen —- Im Lebenskämpfe neue Kraft, Sie hilft ihm alles tragen. Sie sorgt und hält zu Rate fein, Nur Lust ist ihr die Mühe; Sie sammelt Schätz* für Haus und Schrein, Sie schaffet spät und frühe. Ein bieder Weib, das höchste Gut, Wohl dem, der es gefunden! Des Lebens Glück, der Seele Mut Beut es zu allen Stunden. Georg Kuttner, Der alte Manasse. Von Max Rosenfeld, Dresden. (Schluß.) Die Zeit war gekommen, daß ich wieder eine Handelsreise durch Aegypten unternehmen sollte. Nach der Rückkehr von dieser Reise wollte ich mich mit Zahra nach jüdischem Ritus trauen lassen. Isaschar hatte einen indischen Weber für sich gewonnen, der wahre Märchen von Geweben herzustellen wußte. So hatte er aus der feinen Wolle der Kaschmirziege einen Schal gewebt, worauf das Bild meiner geliebten Zahra zu erblicken war. Isaschar schenkte mir dieses Kleinod und gab es mir mit auf die Reise. Wir rüsteten eine größere Anzahl Kamele aus, und ich schloß mich der nächsten Handelskarawane an, die in unserer Gegend rastete und den Weg nach Aegypten einschlug. Schweren Herzens nahm ich von Zahra Abschied. „In den Sternen wohnt die Wahrheit," sagte sie mir zum Trost. Ich küßte sie auf die Stirn und zog mit der Karawane fort. Nach Wochen mühseliger Reise langte ich in Aegypten an. Mein Handelszug war von Erfolg gekrönt. Etwas länger als zwei Monate dauerte meine geschäftliche Tätigkeit im Nillande. Den Gewinn meiner Verkäufe legte ich größtenteils bei einer Bank in Kairo nieder, wie Isaschar es mir aufgetragen hatte. Bald trat ich die Heimreise an, mit großer Sehnsucht nach Zahra im Herzen. Wie oft zog ich unterwegs den Kaschmirschal hervor und erfreute mich an dem Bildnis meiner geliebten Braut. Endlich, eines Abends, sah ich von ferne wieder die sanften Hügel schimmern, auf denen die Ansiedelung lag. Fiebernd vor freudiger Erwartung, befahl ich meinen Treibern, die Kamele zur Eile anzuspornen. Welches Entsetzen erfaßte mich jedoch, als ich die Ansiedelung zerstört, alle Häuser und Hütten zertrümmert fand! Keines Menschen Seele weilte mehr an dem Ort, nur das Geheul der Schakale tönte schauerlich aus den Trümmerresten. Trostlose Oede starrte mir entgegen. Ich ließ meine Treiber die Zelte aufschlagen und ein Feuer anzünden. In der Dämmerung ging ich verzweiflungsvoll forschend umher. Von dem Hause Isaschars fand ich nur noch die Grundmauern, alles andere war verbrannt. ln der Grotte, vor der ich so häufig mit Zahra des abends gesessen hatte, fand ich im Sande einen Grabhügel. Ich holte ein brennendes Holzscheit und betrachtete den Hügel. Wie wurde mir, als ich in kleinen bunten Steinchen ausgelegt hebräisch die Worte fand: „In den Sternen wohnt die Wahrheit." Laut schrie ich auf, denn ich vermutete zuerst, mein geliebtes Mädchen, mein Blümchen, läge unter dem Hügel begraben. Doch schoß mir gleich darauf der tröstliche Gedanke durch den Sinn, daß sie allein ja nur den Spruch kannte, der unser beider geheimnisvolles Orakel war. Sie mußte es also selbst gewesen sein, die ihn mit bunten Steinchen auf den Grabhügel gesetzt hatte. Ein bestimmtes Gefühl sagte mir, daß Zahra noch lebe. Aber wo hatte ich sie zu suchen? Lange saß ich vor dem Hügel und starrte in die Dunkelheit hinaus. Die Gestirne zogen herauf, der Trost der Wüste. Ich wiederholte mir den Spruch und faßte den Entschluß, nicht zu rasten, bis ich Zahra lebend oder tot gefunden. Vor Tagesanbruch ließ ich die Zelte abbrechen und zog durch die Libysche Wüste. Nur ein Gedanke beseelte mich: Zahra! Ich durchreiste Tripolis und Barba, doch nirgends eine Spur von meinem Blümchen. In mondhellen Nächten, wenn meine Karawane ruhte, breitete ich den Kaschmirschal aus und sah das Bild meiner Zahra wehmutsvoll an. Tränen flössen unaufhaltsam aus meinen Augen. Blickte ich aber zum Nachthimmel empor, so trösteten mich die Gestirne wundersam. „In den Sternen wohnt die Wahrheit" hörte ich dann wieder mein Mädchen sprechen. Sollte jedoch diese Wahrheit erst nach dem Tode des Leibes zu finden sein? ... Fast von Sinnen zog ich weiter mit meiner kleinen Karawane. Nahe der Oase Farafrah kehrte ich einst bei einem Scheich namens Hassad ein, der als Sklavenhändler berüchtigt war. Ich bot ihm Teppiche zum Kauf an, wir wurden handelseinig. Er gewährte mir Gastfreundschaft und wir spielten Schach zusammen. Ich hatte seit einiger Zeit den Gedanken gefaßt, daß vielleicht ein Sklavenhändler meine Zahra geraubt haben könne, und ich gab mir, wenn ich zu solchen Frevlern gelangte, die Menschen als Ware feilhalten, den Anschein, als wollte ich eine schöne Sklavin kaufen. So ließ ich mir auch Hassads ganzen Sklavinnenvorrat zeigen; doch Zahra war nicht darunter. Schon wollte ich Weiterreisen, als ich zufällig — oder gibt es keinen Zufall? — als ich in eine Mauer eingeritzt die hebräischen Worte fand: „In den Sternen wohnt die Wahrheit ...." Ich ließ Hassad meine Erregung nicht merken, fragte ihn nur, ob er nicht noch etwas ganz Besonderes von Sklavinnen habe. Er wurde sichtlich verlegen. „Ich habe wohl noch eine schöne Jüdin," sagte er, „doch hat es keinen Zweck, sie Euch zu zeigen, denn sie ist hartnäckig und reizbar wie eine gefangene Tigerin. Sie welkt dahin wie eine Blume, die der Samum berührt hat." „Und diese Blume will ich gern sehen," rief ich, zitternd vor Erwartung. Hassad führte mich in eine Kammer, wo ein weibliches Wesen auf einem Teppich am vergitterten Fenster saß und Glasperlen auf eine Schnur reihte. Beinahe hätte ich laut aufgejubelt — es war Zahra. Sie hatte mich ebenfalls gleich erkannt, ich sah es an ihren Augen; doch ließ sie mit weiblicher Klugheit größte Gleichgültigkeit walten. Sie sträubte sich scheinbar, als ich sie von Hassad erhandeln wollte. Ich bot dem Sklavenhändler eine bedeutende Summe, er willigte ein und gab mir das Mädchen. Am nächsten Morgen ließ ich satteln und zum Aufbruch rüsten. Eines meiner Kamele trug auf einer Seite eine Art verdeckter Sänfte aus Korbgeflecht, während Teppichballen auf der andern Seite das Gleichgewicht herstellten. Häufig hatte ich auf Wüstenreisen in dieser Sänfte geruht. Jetzt ließ ich sie mit seidenen Tüchern und Kissen polstern und räumte sie meiner heimlichen wiedergewonnenen Braut ein. Ich selbst ritt auf einem Dromedar nebenher, so konnten wir auf der Reise miteinander plaudern. Eine Wegstunde von dem Anwesen des Scheichs Hassad machten wir kurze Rast, stiegen von den Tragetieren und fielen uns beide in die Arme. Mit größter Hast erzählte mir Zahra, wie während meiner Abwesenheit Scheich Hassad mit einer Schar Beduinen die ganze jüdische Ansiedelung überfallen und geplündert habe. Ihr greiser Vater sei ermordet worden, ebenso die anderen alten Leute. Die Mädchen und Knaben jedoch wurden fortgeführt und als Sklavenware verkauft. Sie selbst hatte sich in der Grotte versteckt, dort hat sie ganz allein den Leichnam ihres Vaters bestattet und den Hügel mit unserem Orakelspruch verziert. Als sie kaum dieses vollendet, sei Hassad zurückgekommen und habe sie ebenfalls entführt. Einen glühenden Haß hegte Zahra gegen den Scheich. Sie warnte mich, ihm zu trauen und fürchtete seine Verfolgung. Ich tröstete die Geängstigte und versicherte, daß ich sowie alle meine Leute mit guten Waffen versehen seien. Als wir wieder auf unseren Tieren Platz genommen hatten und weiter gen Aegypten ziehen wollten, erhob sich hinter uns eine Staubwolke. Ich befahl meinen Treibern, sich schußfertig zu machen. Es war auch die höchste Zeit, denn schon sah ich wirklich Hassad auf einem Berberroß herangesprengt kommen. Er schwang die lange Beduinenflinte über sich, seine Begleiter taten das gleiche. Da fielen schon die ersten Schüsse. Ich selbst hatte meine zwei Pistolen aus der Satteltasche gezogen und gab hintereinander mehrere Schüsse ab. Aus dem Geschrei Hassads entnahm ich, daß er mir nicht allein Zahra wieder abjagen wollte, sondern daß er es auf meinen ganzen Besitz abgesehen hatte. Eine Flintenkügel traf meine rechte Wange, es war nur ein Streifschuß, doch tief genug, mir für immer eine Narbe zurückzulassen. Zwei von Hassads Begleitern waren schon gefallen. Da gab ich einen wohlgezielten Schuß auf den Verruchten ab, er warf die Arme in die Luft und sank dann seitwärts vom Pferde. Die übrigen Beduinen suchten ihr Heil in der Flucht« Zahra stillte mir mit weißen Tüchern das Blut, wusch die Wunde mit Wasser aus unseren Wasserschläuchen und verband mich zärtlich. Wir zogen weiter nach Aegypten, durch die Wüste. Unsägliche Mühsal stand uns noch bevor. Es kam der verheerende Samum, der heiße Südwind. Unsere Wasserschläuche barsten, das Wasser ging verloren. Der Samum dauerte fort. Doch wir durften nicht liegen bleiben, denn sonst hätten wir uns dem sicheren Tode preilgegeben. Unter gräßlichen Qualen schleppten wir uns vorwärts. Wir fanden kein Wasser und mußten zwei von unseren Tieren schlachten, damit ihr Blut, das wir tranken, uns vor dem Verdursten rettete. Leider war die Last, welche diese Tiere getragen hatten, auch verloren, denn wir konnten damit nicht die andern völlig ermatteten Kamele noch belasten. Endlich ließ der Samum nach, wir erreichten nach mehreren Tagesreisen Aegypten. In Kairo verkaufte ich auf dem Karameidan sämtliche Kamele, lohnte meine Treiber und entließ sie. Von dem Guthaben auf der Bank in Kairo hob ich einen Teil ab. Nun ließ ich mich mit meiner Zahra nach jüdischem Brauch trauen. Doch nur wenige Monate wohnten wir in der ägyptischen Hauptstadt, ich benutzte diese Zeit, meine Waren zu verpacken, die ich nach Alexandria schaffen ließ, Ich folgte mit meiner jungen Gattin dorthin nach. Dann schifften wir uns nach Europa ein, wo wir ständige Wohnung zu nehmen gedachten. Mehrere Jahre lebten wir in Konstantinopel, dann zogen wir nach Oesterreich, meiner ursprünglichen Heimat, nach Prag. Seit zehn Jahren wohnen wir nun in Berlin, wo ich den kleinen Laden unter dem Mühlendamm innehabe. Meine Töchter sind alle gut verheiratet. Meine zwei Söhne sind in Amerika tüchtige Kaufleute. Wir haben teils Glück, teils auch Unglück im Leben gehabt, doch hat mich im ganzen der Glaube und das Vertrauen auf die Sterne, in denen die Wahrheit wohnt, nicht betrogen. Dennoch will ich nie aus den Sternen deuten. Oft denke ich noch an meine Erlebnisse in der Libyschen Wüste zurück und obwohl es über ein halbes Jahrhundert her ist, träume ich manchmal noch nachts lebhaft, als höre ich meine Tragetiere schnaufen und vernähme das Geheul der Schakale. Doch nie werde ich müde, den Höchsten zu preisen, daß er mir mein Blümchen errettet und uns beide durch alle Gefahren glücklich geführt hat." Der alle Manasse stand auf und entnahm einem Schubfach einen feinen Schal, den er ausbre-itete. Ich erblickte ein wunderschönes, liebliches Frauenbild. „Das ist der Schal, den mir mein Schwiegervater lsa-, schar einst schenkte." Bei den letzten Worten Manasses trat die alte Frau in das Zimmer. Der Rabe stolzierte jetzt possierlich vor ihr her. „Die alten Geschichten", brummeltc die Frau mit leisem Vorwurf. „Wir wollen doch essen." Ich konnte zunächst nicht annehmen, daß dieses alte runzlige Weiblein die schöne Zahra aus der Libyschen Wüste sein sollte. Doch der weißbärtige Greis trat zitternd auf die Alte zu, umarmte sie zärtlich und sagte: „Sie ist es, meine Zahra, mein Blümchen! Freilich, — Sie betrachten das Bild, junger Mann, noch ist es schön, wenn auch verblichen. Das Original hat wohl auch manche Runzeln, die Jahre sind nicht spurlos vorübergegangen. Aber Zahra bleibt für mich schön, und wenn sie tausend Jahre alt wird." Ich bedankte mich bei dem alten Manasse für seine Erzählung und wollte mich verabschieden. Aber ich mußte erst noch von der „gebackenen Kugel" kosten. Und ich kann sagen, es hat mir kaum jemals etwas so vorzüglich geschmeckt. Als ich endlich ging, lächelte die Alte mir sehr gütig zu, und an diesem Lächeln, das ich nie vergessen werde, erkannte ich, daß sie wirklich die einst so schöne Zahra war. Manchmal noch besuchte ich den alten Manasse und sein Blümchen. Ich lernte viel von dem erfahrenen Greis. Doch als der Mühlendamm abgebrochen wurde, zogen die alten Leute fort, ich habe niemals mehr von ihnen gehört. Sie sind gewiss längst gestorben und ihr Spruch ist für sie endgültig in Erfüllung gegangen: „In den Sternen wohnt die Wahrheit." Der BYeschith-Jude. Von Joseph Weinsaft, Berlin. Er hieß Salomon Notmann und war Thoravorleser in der kleinen Gemeinde des Städtchens. Von dieser Eigenschaft rührte auch sein Beiname her, trotzdem er dies eigentlich nur nebenbei war. Er versah das Amt eines Lehrers, eines Schreibers, eines Schächters, eines „Möbels", er war eben der „Gemeindebeamte". Daneben leistete man sich natürlich noch einen Gemeindediener, den Schammes Isaak Nadel. Der war nämlich Schneider von Beruf und fungierte ehrenamtlich, kostete also noch weniger als der Beamte. 80.18, CSpenieHr. 68 - Horilzpl. §8iZ Vom 24. bis 30. Okt.: DIE ZEHN GEBOTE Beide Teile in jeder Vorstellung — Hit Orgelmusik und Chorgesang I N.B.: Sonntag, den 26. Oktober 1924,10 und 12 Dhr vormittags: 3 geschlossene Vorstellungen 5, 2 und9 Uhr Matinee-Vorstelluna Kasseneröffnung 1 Stande früher 1 yul MCTHIliy -PttnKiiKiaes Endadnen sMaertf tfutes Pitttee?- ' Beide Teile in jeder Vorstellung — Preise der Plätze von 1,- bis 2,50 Hark Ab Dienstag, den 21. bis 23. Oktober, nur 3 Tage: „Kaddiscli' GO ^742

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.