Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 36 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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\ Notmann und Nadel waren die Träger des Gemeinde* lebens. Nadel zündete in der Schul’ die Lichter an, versah den Jahrzeitdienst für die Toten, ihm lag es ob, die Steuern zu kassieren. Doch das tat er sehr ungern, denn erstens lohnte es sich kaum, und zweitens fürchtete er mit Forderungen dieser Art sich die Gunst derjenigen Gemeindemitglieder zu verscherzen, von deren Händen für ihn, den armen Schammes, bei manch einer Gelegenheit etwas abfiel. Notmann ging morgens zum Schlachten, gab vormittags Stunden, dazwischen schrieb er Steuermahnzettel, nachmittags trieb er Talmudstudien mit den Größeren, dann wieder schrieb er Unterstützungsgesuche für die Armen. 'Ab und zu kamen Frauen mit Fragen zu ihm, so etwa, ob das Huhn nicht „trefe" sei, es habe keine Galle, und mit ähnlichen Dingen. Kurzum — Notmanns Beschäftigung war vielseitig und interessant. Und war auch die Arbeit mitunter eine schwere Last, der Lohn trug sich um so leichter. Geheiratet hatte er nicht; zu sehr war sein Herz von der Liebe zu dem Weibe seiner Jugend erfüllt gewesen, die sein Eigen nennen zu dürfen ihm vom Schicksal versagt geblieben war. Aber eigentlich war es ein Glück für seine Familie, daß er keine hatte, denn Frauen- und Kinderzulagen waren im Gehaltsetat nicht vorgesehen, und es genügte, wenn einer sich nicht fatt aß. * Aber so oft ihm seine umfassende Tätigkeit Stunden der Ruhe gönnte — und meist waren es Stunden der Nacht — dann setzte er sich hin und widmete sich seinem Lieblingsbuch, der Thora. Was ihn dazu trieb, war nicht so sehr der Drang nach Gelehrsamkeit, wie vor allem der Durst seiner Seele nach Schönheit. Die Vorlesungen an den Sabbathen und Feiertagen waren ihm Höhepunkte seines Daseins. In jenen Nachtstunden, wenn im armseligen Stübchen die Oellampe brannte, nahm er sich den Wochenabschnitt für den nächsten Sabbath vor, er las und prüfte jedes Wort auf seinen inneren Gehalt, und dann begann er Satz für Satz sich vorzusingen, gab diesem Wort besonderen Ausdruck, verstärkte die Betonung jenes Satzgebildes, ließ seine Stimme bald laut und mahnend erklingen, bald vertrauensvoll und gläubig in sanften Akkorden hinfließen. Die Vorlesung mußte jedesmal von neuem ein Kunstwerk sein, den ganzen Schwung seiner Seele suchte er hineinzulegen, Gott sollte Wohlgefallen daran haben, und die Menschen sollten sich erbauen. Und sie hörten ihn wirklich gerne, wenn auch den meisten von ihnen die wahren Motive seines Wirkens verborgen blieben, und sie seine gesangliche Leistung für eine Art närrischer Chasonimeitelkeit erklärten. Aber was tat ihm das? Er sang sich an jedem Sabbath die Not der Woche von der Seele herunter, und sein Herz war wieder voll des Friedens mit Gott und der Welt. * Einen Tag im Jahre aber gab es für ihn, da fühlte er «ich ganz dem rauschenden Pulsschlag der Ewigkeit verbunden. Es war Simchas-Thora, der Tag der Gesetzesfreude, für ihn gleichsam der Wiederbeginn eines neuen Lebensjahres. Wenn er das erste Kapitel der Bibel vorlasi das mit dem unergründlichen Rätselwort: B'reschith begmpt, dann war es ihm, als klänge himmlische Sphärennm an sein Ohr, und der Heilige, gelobt sei er, zöge «einer in jubelnder Schöpferfreude durch das Weltall, seine Werke zu betrachten. Die Akkorde der Schöpfung ertönten, im Geiste erstanden die einzelnen Phasen, von der Finsternis zum Licht, vom toten Element zum Leben, vyn der chaotischen Wirrnis bis zur göttlichen Ordnung. Das herrlichste aber war es, zu hören, wie jeder Abschnitt in gleichen, ruhevoll gleitenden Tönen in die Worte ausklang.* „Waj’hi crew waj’hi wauker ... und es ward Abend und es ward Morgen, ein neuer Tag!" — In stetem Gleichmaß der Kraft, als einzig ruhender Pol, so baute der Meister am Werk. Jahre und Jahrzehnte waren vorübergezogen, und Immer noch versah Notmann die ihm obliegenden Aemter. Die Zeit selbst freilich hatte dafür gesorgt, ihm die Arbeit zu erleichtern, Etliche Familien waren in die großen Städte gewandert, denn in der Heimat war der Lebensboden allzu steinig geworden. Viele der Alten waren gestorben, und die Jüngeren — brauchten sie den Lehrer, oder den Schächter, oder den Schreiber? — Wenn sie nur rasch genug verdienen lernten, eine Kunst, die sehr schwer geworden war — und doch so notwendig. Schächten — gut, die noch daran festhielten, sollten es haben. Viel gab’s ohnehin dabei nicht mehr zu tun: Schabbos war nur einmal in der Woche, Jomtow noch viel seltener. Und Steuermahnzettel schreiben — das war ein längst veraltetes System. Früher in der guten Zeit hatten sie nichts genutzt, weil niemand zahlen wollte Sollten sie vielleicht jetzt, wo’s keiner konnte, wirksamer sein? — Das Gehalt hatten sie dem Notmann nicht gekürzt, obwohl er eigentlich nur noch Thoravorleser war; doch man bedeutete ihm, daß der größere Teil als ihm ehrenhalber zugedachte ,,Pension" zu betrachten sei. Nun, mehr wurde es davon zwar nicht, aber auch nicht weniger. * Der Gemeindebeamte Salomon Notmann war ein Greis geworden, Notmann, der Mensch, war jung geblieben. Das sah man, wenn man ihm ins Auge blickte, das empfand man bei seinen Thoravorlesungen. Da lag in den Tönen immer noch Schwung und Jugendkraft, als wären die Spuren der Jahre ihm nicht bis zur Seele gedrungen. Aber gerade an solchen Tagen fühlte Notmann doch, wie der Körper alt geworden war. Die Seele gehörte der Ewigkeit an. Wie lange noch würde sie in der engen, morschen Hülle verweilen wollen? # An einem Versöhnungstage, nachmittags, brach er zusammen, und sie mußten ihn forttragen. In Fieberschauern lag er lange Tage, gute Leute wachten bei ihm im armseligen Stübchen. Wenn er zu Bewußtsein kam, dann regte sich in ihm ein sehnsüchtiger, glühender Wunsch, Gott möge ihn diesmal noch seinen Jubeltag, Simchas-Thora, erleben lassen. Der Tag kam heran und fand ihn noch unter den Lebenden. Eine Kerze hatte man angezündet, und sein Lieblingsbuch neben ihn auf das Lager gelegt. So er- Dr. Hermann L. Strack, Jüdische Geheimgesetze? 8. Auflage. Berlin 1924, C. A. Schwetschke u, Sohn. Damals, alis ich diese Broschüre in der allgemeinen und jüdischen Press« einführen durfte, geschah dies mit festlichen Worten zu Stracks 72. Geburtstag. Jetzt, da sie in achter Auflage erscheint, weilt der Gelehrte mit der großen Gerechtigkeit und der praktischen Menschenliebe nicht mehr unter uns. Nichts Besseres aber glaube ich über Stracks letzte Arbeit sagen zu können, als was ich ihr früher auf den Wieg mitgab: es ist von allergrößter Bedeutung, daß das Heftchen in die Hände aller gebildeten Volksgenossen gelegt wird. Zahlreiche Verbesserungen weist die Neuauflage auf. Solche stilistischer Art und Kürzungen kommen der Ueberzeugungsfähigkeit zugute, Bedeutungsvoll sind Ausführungen über das Kol Nktre, die hinzuigekonwnen sind, und das besonders erweiterte Kapitel über jüdische Weheroberungspläne bietet die endgültige Abrechnung mit den „Weisen von Zion“ und ihren „Nachkommen“. Die eingehende Geschichte ihrer Entstehung und ihrer Aufnahme in den verschiedenen Ländern macht die Neuauflage auch für den jüdisch Interessierten lesenswert, der die Erstauflage kennt. Ein kleines Beispiel möge zeigen, wie wenig einseitig Strack war. In der früheren Auflage hatte er behauptet, Ecker habe nach seinem „Gutachten“ über des Taufjudien Brimanns „Judenspie^el" zur Frage der jüdischen Geheimgesetze geschwiegen. Damit hätte Ecker der Wahrheit gedient, und uns Juden konnte es nur angenehm sein, wenn er den verleumderischen Charakter seiner Behauptungen erkannt hätte. Jetzt stellt Strack fest, daß sich Ecker auch späterhin nicht von der Unwahrheit seiner Ausstreuungen überzeugt hat. Ein anderer aber, sagt Strack, „Ahron Brimaim, obgleich er zur Zeit schweigt, weiß, daß der „Judenspiegel de® Dr. Justus“ nur ein Zerrbild zeigt“. Es gibt Widerlegungen wissenschaftlicher Art, die so zwingend sind in ihrer Logik, daß sie zugleich einmaligen und endgültigen Charakter an sich tragen. Solcher Art war die Abfuhr, die einst Ludwig A. Rosenthal Bischoffs „Jesus und di« Rabbinen“ zuteil werden ließ. So auch die Brandmarkung Dinters als eines Sünders gegen die Kunst, gegen die Wissenschaft, gegen das Vaterland durch Hermann L. Strack. Hier brauchte das Manuskript letzter Hand nichts zu verbessern und nichts hinzuzufügen. Denn hier war nur ein Trümmerfeld zurückgeblieben. Und mit Recht schrieb mir Strack: „Das vielfach angekündligte neue Machwerk von Dinier (seil. „Die Sünde wider die Liebe“) halbe ich noch nicht gesellen. Ich beabsichtige nicht, es zu kaufen oder zu lesen. Es zu lesen müßte ein Zwang ein treten. Ich habe Besseres zu tu n." Hoffentlich lernt auch das deutsche Volk durch seine Führer — und ein solcher war Strack auf geistigem Gebiet — bald, daß es „Besseres zu tun“ hat, als sich von Ignoranten in Haß und Rohheit führen zu lassen. Botho Laserstein, Berlin. Erez Jisrael Merkbuch Von Dr- Hillel Hugo Schachtel. Keren Hajessod, Abteilung für Zentraleuropa. Berlin. Wer Verständnis für statistische Angaben besitzt und sich mit dem Problem Palästina beschädigt, wird das kleine Buch nicht ohne Interesse lesen. Besonders bemerkenswert scheinen mir folgende Angaben zu sein: Von dem gesamten Boden Palästinas befinden sich nur etwa 3,78 Proz. in jüdischem Besitz, davon nur etwa ein Achtel in dem des Keren Kajemeth Le jisrael. Die Ansiedlungskosten betragen bei ländlicher Siedlung einschließlich 100 Dunam Boden etwa 16 000 Goldmark, bei bJandwerklich-i-ndulstrielfer Ansiedlung etwa 4000 Goldmark, Die Bevölkerung Palästinas beträgt nach der Volkszählung vom 23. Oktober 1922, deren Ergebnisse jedoch, wie bekannt, verschiedentlich bezweifelt wurden, 757 182, darunter 83 794 — 11,07 Proz. Juden. Außerordentlich bedauert werden muß, daß von den Juden 81,89 Proz. in den. Städten und nur 18,11 Proz, auf dem Lande wohnen. Recht eigenartig berührt es den nichtzionistischen Leser des Buches, daß diese Fortsetzung des zionistischen Merkwartete »an seinen Tod. Da war es ihm auf einmal, als weitete sich die Kammer, die Mattigkeit des nahenden Todes wich von ihm, das Kerzenflämmchen wurde zur strahlenden Sonne, nie geahnte Klänge himmlischer Musik umgaben ihn, Gott der Herr erschien in weit größerer Schöpferpracht als je, breitete in jubelnder Freude seine Arme vor ihm aus und rief: Komm mit mir, der Tag der Ruhe ist da! — Die Kammer barg einen Toten mit lächelndem Antlitz« # Wenn man durch das alte verrostete Gittertor, das immer so knarrt, als weine es vergangenen Zeiten nach, den ziemlich verwahrlosten Friedhof betritt, dann findet man zur Rechten einen nur mit Gras bewachsenen Grabhügel mit einem unscheinbaren Stein, der die einfache Kunde trägt: Hier ruht der Gemeiodebeamte Salomon Notmann. Darunter «tehen die Worte: I. Buch Mose Kap. I: B'reschith boro elohim haschomajim w’hoorez, Gott schuf Firmament und Erde. Abend ward's und wieder Morgen, Und es kam der große Sabbath, Kam der Tag der ew'gen Ruhe . . buche« trotz des angeblich neutralen Herausgebers durch und durch zionistisch gefärbt ist. Das gilt im besonderen für die Seiten 125 bis 131, auf denen unter der Ueberschrift „Historisches“ jüdische Geschichte dargestellt wird, wie auch für das Verzeichnis im Kapitel XXXIII. Darüber hinaus werden die micb'tzionistisohen Organisationen, die in Palästina arbeiten, viel zu stiefmütterlich -behandelt Es befremdet, daß der Keren Hajessod nicht auf eine objektivere Fassung des Merkbuches Wert gelegt hat. W o y d a - Berlin. Das hohe Lied Salomonis. Argonauten-Verlag, Berlin. Der hebräische, nicht vokaiisiexte Text des hohen Liedes ist in diesem schönen Buche, um ein populäres Wort anzuwenden: gedruckt wie geschrieben, und zwar geschrieben von Sch. Rubin nach Art der alten Szofrim in einem ungezierten schönen Stil. Der ornamentale Schmuck, — farbige Initialen, Schlußstücke und Randverzierungen — begleitet wie eine lei-se feine Melodie dien Text in bescheidener Zurückhaltung, wie sich's gehört. Die aufgeschlagene Seite bietet dem Auge ein erquickliches Bald. Jedem Freunde von Schönbüchern wird das Buch willkommen sein. Die angefügte Uebersetzung — war sie in dieser Ausgabe nötig? — ist nicht sorgfältig behandelt. Sie stimmt zumeist mit Luthers Uebersetzung überein, die Abweichungen sind selten Verbesserungen. Von den fünf Megjllotb, die in der nächsten Zeit in dieser Art herau&gegeben werden sollen, ist das hier vorliegend® Schir haschirim die erste Veröffentlichung. Dr. Spanier, Berlin. Das End« vom Lied, Roman von David Bergelson. Uebersetzt aus dem Jüdischen von Alexander Eliasberg. Jüdischer Verlag, Berlin. Dies Buch ist frei von jeder Sensation, und doch erwarte! sie der Leser immer von neuem. Ist es langweilig? Beileibe nicht. Aber es ist eine Qual, solche Bücher zu lesen. Und fast fürchte ich, das ist sein Daseinszweck. Qualvoll leidet ein Mensch, Weib, Mirel Hurwitz, unter dem Leben» das ihm zu gleichgültig ist, um es fortzuwerfen. Mirel quält sich und alle Männer, die mit ihr in Berührung kommen, Wer das Buch liest, wird mitgequält. Zwei Tragödien enthält das Buch im Werdegang der einen Heldin: die Tragödie des Ostjuden, der keine Heimat, keine gesicherte Zukunft hat und darum entweder im Wolkenikukuksheira wie der Dichter Herz oder der Kapekenreporter Nossen Heller oder aber dem irdischen Mammon oder dem Nichts leiben muß, wie Mirel, die den Sinn des Lebens sucht und nicht finden kann. Vor allem aber die Tragödie der verzogenen, jüdischen Haustochterdie den Sinn der Arbeit nicht finden kann, weil sie nicht nötig hat zu arbeiten. Es gibt ein sehr einfaches Mittel, um dieser Mirel Liebe zur Tätigkeit einzuflößen: Man gebe ihr nichts zu essen und sie wird schaffen lernen oder untergehen. Und selbst im letzteren Falle wäre im Endergebnis keinerlei Schaden angerichtet worden. Trotzalledem ist das Buch interessant. Wir haben Verständnis für das Seelenleid entwurzelter Menschen, auch wenn dadurch so degenerierte Figuren entstehen wie diese Mirel, Eines aber kann der Leser aus dieser Lektüre lernen: Wie verzogene Menschen nicht behandelt werden dürfen. Dr. jutr. Julius W o y d a, Bremen. Geschäftliche Mitteilungen. AuSgerechnet Paul Simmel lautet der Titel eines neuen, mit einem originellen farbigen Selbstbildnis des Künstlers geschmückten, prächtig aus- Qcftattclcn Öuarlalbums, iu dem der beliebte Künstler und Mitarbeiter der „Lustigen Blatter" aus 64 Seiten eine von ihm selbst getroffene Auswahl seiner lustigsten Bilder mit humoristischen Texten bietet, die sonst noch nirgends veröffentlicht wurden und die mit ihrem drastischen Humor, ihren urkomischen Situationen, den immer treffsicheren Pointen wieder wahre Lachsalven Hervorrufen werden! 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