Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-11 · 35 (11.10.1924) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
35 (11.10.1924)
Date
1924-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613776--1015-2618337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«Hd feltfl wird man» nucl) unserer kehre, n.cht durch Kulthandlungen irgend welcher Art, sondern nur durch Gesinnung und Tat! — Aber ist es nicht merkwürdig, wie oft die Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht fe-«u? Alle Völker und Zeiten werden durchstöbert. 8KM ctool ganz Unvernünftiges an die Stelle eines ein- £« »*d leicht verstLnöliche« Bibelworts zu setzen!.. kr »» weißt vermutlich garntcht, was für Speisegeeßte Bibel eigentlich enthält! <pUHms UllerüMgS! Ich weiß bloß, datz ihr nichts WM Schwein genießt und darum überhaupt nicht mit Lu- Christen zusammen eßt, aus Furcht, daß etwas «MM nt unseren Speisen ist. Aakob: Das ist keine tiefe Kenntnis! Freilich, eS gibt auch Inden, die nicht mehr wissen! — Also: hast du etwazu lernen- Dann sieh hier mal bitte das ) Mofe, Kapitel 11: ein eanzes Kapitel tiber ver- Tiere! — Hier, 5. Buch Mose, Kapitel 14, wird einhaltlich säst gleich wiederholt! Kurz gesagt steht Lnr Bon Len Vierfüßern sind uns nur die Zweihufer tklauLt und von den Fischen, die. welche Flossen und Schuppen haben. Von den Vögeln wird keine Re^el Mchefte-en; La wir die einzelnen hier verbotenen nicht Bomift-ieren können, so haben die späteren Gesetz- »thttr nur die Hausvögel erlaubt. Alle übrigen Tiere ftftft mrS verboten! Und dazu von Len erlaubten die totkranken und alles, was nicht vorschriftsmäßig geschlachtet ist. Was dich aber am meisten interessieren wird, sind die ersten Worte: „Eßt nichts Widerwärtiges!" Sie enthalten, nach meiner Meinung, den Grund für das ganze Gesetz: Was wegen seines Aussehens. Gehabens, Geruchs, Geschmacks uns unangenehm ist, also Las ästhetisch Anstößige^ sollen wir nicht essen: Den ästhetischen Widerwillen sollen wir nicht zu ttber- Mnden streben: Dadurch würde auch Lex ethische «Gsttviue abstumpsen! Das natürliche Gefühl ist ein Wegweiser GotteS, dem wir trauen dürfen und fttöm folgt nur der Stimme des Innern: „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil!" Christian: Wer nun aber diesen Schauder und Widerwillen, etwa vor Mäusen und Schnecken, nicht Wltt- Der braucht demnach das Gebot nicht zu halten! Kakob: Das sagt die Bibel nicht! Vermutlich will Ks UUS dieses Schaudern angewöhnen: wir sollen doch «8 Mksttetn Empfinden immer fewfülMoer werden! ShristiiM: Da bist du ja wieder bei der ersten MeVruUg angelanat, die du vorhin verworfen hast: die GPeileaesetze wachten feinsinniger! Jakob: Ja, aber hier handelt es sich doch um etwas manderes: nicht von der Einwirkung der physisch-' Mischen Zusammensetzung einer Nahrung auf Len wrakLer ist die Rede, sondern von der Einwirkung po» Seelischem auf Seelisches. Du kannst doch nicht lerrgnen, das die Schlachterei roh und der ApoLhekerbtrus pedantisch macht! Christlau: Das ändert nichts an der Folgerung, die vorhin als lächerlichen Hochmut bezeichnet hast, daß ott rituelle Jude demnach feinfühliger sein müßte als älle nicht rituell lebenden Menschen! . Jakob: Bei dem Einzelnen ist das Seelische viel zu PoW>lizi?rL, als daß man die Wirkungen des rituellen Ostens nach^echnen könnte. Aber bei der Gesamtheit Btochte ich sie' allerdings nicht ableuanen: Auf die Dauer Muß eine Masse, die sich von Widerwärtigem fernhllkt, eine feinere Seelenkultur bekommen. Eine solche Szen selbst unsere Feinde uns nach. Ich glaube bemmt, Laß sie mit dem rituellen Essen zusammens.rt, . ^neliu cul Ater nennst du das nun eine reli iüfe L^ir.ungr^aS hat das eigentlich mit Gott zu tun? Jakob: Da muß ich dir allerdings eine Grundanschauung verraten, die LaS Judentum vom Christen« tum unterscheidet. Ihr versteht unter Religion nur das, was bewußt auf Gott bezogen wird. Wir meinen, daß alle Moral pleicktzeitia Religion ist. Wir halten deshalb jeden ethischen Meuchen für gottgläubig, auch wenn er sich Atheist nennt. Nur Lex schlechte Mensch ist gottlos". Wer seinem Gewisien gehorcht, gehorcht Gott,- denn das Gewissen ist Gottes Stimme in uns! Christi««: Ach so! Und weit Sittlichkeit Religion ist, so ist auch jeder sittliche Fortschritt ein religiöser! ~ Hm! Dann ist die Religion eigentlich eine Veranstaltung zur Hebung der Sittlichkeit? Jakob: Nicht allein, aber zum Teil allerdings, besonders eben dtr Kultus! Christian: Aber dann ist ja die Religion eigentlich wieder heteronom? Wenn man ihr «inen Zweck zuschreibt, ist etz schließlich gleich, ob dies die Physische Erhaltung des Volkes oder seine psychische Erziehung ist! Jakob: Doch nicht! Wenn Moral Nur ein anderes Wort für Religion ist, so liegt auch die moralische Erziehung im Kreise des Religiösen! So auch die erzieherische Wirkuna der Tierverbote. — Uebri^ens wirkt in ähnlicher Weise auch das Blutverbot, das Verbot Fleisch und Milch zusammen zu genießen, das Verbot der Spannader, ein Tier und sein JunM an einem Taue zu schlachten, ein Tier nicht in der ersten Lebensrvoche zu schlachten u. a. Christian: Diese Vorschriften kenne ich ja alle noch gar nicht!? Jakob: Das ist ebenfalls eins Merkwürdigkeit, die du mit vielen, sogar großen Gelehrten und Theologen teilst: Die Religion der Fidschi-Insulaner und der alten Egypter kennen die meisten besier als das Iwdentum, das gegenwärtig in ihrer Mitte wohnt! Das sind wir gewohnt. Ein ander Mal mehr davon! Auch über jene Vorschriften! Laß dir vielleicht nur kurz noch dies darüber fasen: Die Bibel verbietet an mehreren Stellen strengstens den Blutgenuß, mit der Begründung: im Blut ist die Seele seine übrigens ja ziemlich richtige Anschauung, da das Blut den Körper immer wieder rereneiiert!); ferner ist die Spannader verboten, ö. h. der ganze Sexual-Ayparat; — ferner darf die Milch nicht benutzt werden, um das Fleisch schmackhafter zu machen, zu öesien Ernährung sie eigentlich bestimmt ist. In allen Liesen Vorschriften, meine ich, wird praktisch die Ehrfurcht vor dem großen Geheimnis des Lebens gelehrt, das gerade in dem Augenblick am meisten respektiert werden soll, wo ein Tier getütet oder das tote zum Genuß bereitet wird. Wer daS Blut im Sande versickern läßt, oder wer öie Syannader ansschält, dem muß ja der Gedanke aussteigen: das Leben gehört Gott, und was Gott gehört, das darf der M.enrch nicht verwerten, und mit diesem Gedanken wird sich die Ehrfurcht verstärken. Christian: Das ist ja wundervoll! Wenn nur die jüdische Chuzpe und die „Berliner Schnoddrlgkeit" die Ehrfurcht nicht so sehr verleugneten! , Jakob: Ja leider! Aber essen denn diese „schnoddrigen Berliner" koscher? Und wenn sie es tun, sehen sie oenn jemals Schlackten und dgl.? Unsere Borfahren waren wegen ihrer Demut und Ehrfurcht berühmt... Christian: Daran sollen die Speisegesetze schnlö sein? Ich dachte: das Ghetto! Jakob: Nein, das hat nur die Tugend zum Lastor verzerrt! In Babylon, wo die Juden tn FreiheU lebten» wurd^ ihre Schamhaftigkeit gerühmt- und die spanischen Dichter, Juda Halevi und andere preisen an Len Leuten, die sie besingen, am meisten ihre Bescheidenheit nnö Zucht. _ Christi«»: Ja. daist wahr: Zucht habt ihr! Die Zucht de- Gesetztwar ja für die Heiden das Haupt- «i-erniam Judentum. Und baß das Gesetz im G«n» -e» den Menschen an Gehorsam gewöhnen muß. -nglaube ich auH Jakob: Daß du mir nur nicht mit der alten Theorie kommst, die Priester und Herrscher hätten durch die Religiovsoesetze ihre Untertanen für ihre egoistischen Zwecke gefügig machen wollen! Christian: Nein, dann hätte ja mindestens das Bötk schon vorher au die Beobachtung solcher Gebote gewöhnt sein müssen! Jakob: Gottlob, daß ich dir das nicht erst noch 6e« weisen muß! Du hast ganz recht, und das war eigentlich das Letzte, was ich dir noch sagen wollte: Gerade bei dem, was am meisten von Luft und Begierde avhängt, bei der Befriedigung von Hunger und Liebe, hat das Judentum am meisten Vorschriften! Das zeigt deutlich, daß evor allem zur Selbstbeherrschung erziehen will. Dazu muß es Gehorsamsübungen inachen lassen. Wer weiß, ob nicht die Speisegebote auch dazu da sind! Christi««: Aber wir sollten doch eigentlich über den stupiden Gehorsam hinaus sein und in sittlicher Freiheit Gott gehorchen! Jakob: Ganz recht: Glücklich die schöne Seele, die Aas Gute tut, weil sie nicht anders kann, in freiwilliger Gottrunkenheit! Aber leider, für uns, die Masse, wird Sittlichkeit fast immer Gehorsam gegen das Sittengebot bleiben, mühsam sich selbst abgerungener Gehorsam. »Nur durch Dienen gelangt man endlich zur Freiheit!" ^Strenger Pflichten tägliche Bewahrung — ' Sonst bedarf es keiner Offenbarung." In diesem Grundprinzip stimmt das Judentum deshalb mit dem Parsismus überein, wie iyu Goethe im „Divan" verherrlicht. Und eine Masche in diesem Erziehungssystem sind die Speisegesetze! Abgesehen von allem anderen Gesagten — und Nichtgesagten: ich hätte noch viel möhr darüber auf Laaer — gelten sie Mir als eine Veranstaltung der Judenheit zur Erziehung ihrer Glieder im Gottesgehvrsam. Wer sich bei jedem Bissen, den er ißt, fragen mutz: Darf ich?, der wird auch bei Geld- oder Liebesangelegenheiten sich dieselbe Frage vorlegen, öfter als jeder andere! Und ich glaube, diese Speisegesetze könnten Leichter als manche andere gehalten werden, z. B. leichter als das Sabbatgesetz: sie sind unanstößig, weil sie im allgemeinen für die Stille des eigenen Hauses gelten und von Andersgläubigen kaum bemerkt werden. Sie bringen keinerlei Schaden urch sind doch ein Opfer. Sie sind von inneren sittlichen Prinzipien Lurchglüht (von der Tiersrrundlichkeit der Schlachtmethode und anderem muß ich dir noch einmal erzählen!) und heiligen darnm daS Privatleben. In unserer Zeit, die nach Opfern für die Religion geradezu lechzt, sind sie fast das einzige sinnvoll« Opfer, und darum nach meiner Meinung «ine Notwendigkeit, wenn sich die jüdische Religion wieder einen lebendigen Einfluß auf ihre Bekenner sichern will.... Christian: Du gerätst ja ordentlich in Ekstase! Du faßt alles so ganz anders an, als andere Menschen! Du bist nicht orthodox, denn du sagst nicht einfach: Gesetz n Senntrca. Bon Elsa Maria Bub. Die Stadt glüht; fauchend, mit wütendem Lärm stößt der Mvktag die Menschen hin und her. Ich leide in diesem «ffftaen Stein sarg, auf oen der schwelende Dunst, der Nutzf40tn btt Schlote herniedergeht. Wie häßlich werden hier Wenschev! Wievi«! Blicke niederträchtigen Hasses streifen »ich! Ost murmeln sie etwas zwischen den Zähnen und wache» eine versteckte Adscheuweirdirng. DaS gilt Sem Jude«, -en dunklen Haaren. Ich mutz es tragen, ich writz Nicht warum. Die gepflasterte Wüste der großen Städte N meine Heimat, ich mutz es tragen. Wenn blonde Mädchen ««lächeln. rveitz ich wohl. daß es meinem vermutlich »ollen Beutel gilt. Die Verdorbenheit liegt wie eine ge- Mllte Schlange im Hintergrund ihres Blickes. Die feinen «st-che», weiß und kühl, und mit schmalen Gesten starren «me Blick vorbei; Verachtung zeichnet leise die Linien ihrer Äpve» um. — Ein Herz — irgendwo ein Herz! Nur Feinde tztMtarren mich. Ich mutz tun. als wüßte ich nichts davon; Mt« eilte sorglose Miene kann mich retten. Diese Miene tpüOe ich wie eine eiserne Maske, ich kann sie nicht ablftfen; st« ist Schutz und Folter zugleich. Die anderen Mfttten sie „jüdische Frechheit". Ob sie wirklich nicht wissen, A»ß mir gejagte, -erstochene Herzen verbergen, hundertfach sott früh auf verwundet? Wir sind schmer-scheu davon: die nennen es feige. Es verfolgt mich der schwelende Hatz. An den Zäunen DsttLe ich Zeichen gegen mich; sehe sie an Türen und Aborte». Auf meinem Wege liegt ein gefalteter Zettel: ich Hebe ihn auf: Stück einer Soldatenzeitung: jede dritte Zelle m«E ^»eichelschlender gegen mich. Wie billig — wie dumm! Ader es tut dennoch weh. Wenn ich vom Kriege rede, treffen Aich merkwürdige Seitenblicke. Ich wage es nicht mehr, -u äse», datz ich auch dort verwundet wurde: der Himmel elbst scheint eS nicht zu wollen. Sobald ich es erwähne, kaft mich -er gleiche Tag noch mit neuer Demütigung, wer hält den Druck über mir, was habe ich getan? Jude — immer Jude, niemals gab mir einer den Namen eines -WSschön Mannes. Aber meine Mutter sprach -och daS «rytz Wort zu mir, ,rnd cs war deutsch? * Ich höre in der elektrischen Dahn einen befremdenden Laut: am anderen Ende des Wagens weint eine Frau aus Sem Volke in ein Kinderbündelchen hinein. Der Wagen ist still: eine dicke Bürgerin neben der Weinenden sieht abweisend in die Lust. Niemand zeigt Anteil. Es zerrt mich 1» den Eingeweide»: ich möchte hinüber und sie ganz leise nur um ihren Schmerz befragen: vielleicht helfe ich ihr über das Schwerste — das verkrampfte Leid hinweg. Mag sie dann «och lauter weinen — eS wird doch leichter sein. Kann ich? Dreißig Menschen werden mich aeringschützend anstarren — btt Jude tut wieder -Auffälliges, der Jude macht üch wstbtlg. Zwei Herren mit Hakenkreuzen in der Krawatte -rohen hart gegenüber — wo ich sitze, ii't ihnen ein fchwarz gähnendes Loch. Kann ich aukstehen und tu», was «ein Herz mich heitzt? Ich zögere noch. Nun reden die beiden lauter: di« „jüdische Internationale" kommt an mein Ohr. Wenn ich nur wüßte, rvas das ist. Aber ich kann nstbt aufstechen, nun und nimmer! Das Weinen zerkritzt mein Gehör! Manchmal begegne ich einem merkwürdigen Lobspruch: „Es sind Juden, aber schr nette Leute!" Dieses Aber! Gs ist die gemeinste Schmähung — es schlaf nicht mehr die Person, es bespeit alle meiner Aiafse. auch die seit Jahrtausenden in der Erde ruhen. Dir düngten die Welt mit' unfern Leiden — wächst aus solchem Grunde niemals Versöhnung? Seit Tagen verfolgt es «ich. ich höre überall ein von schmalen Lippen geflüstertes ^Znde". wenn ich vorbeigehe. An den Tischen de- Restaurantbiegen sich Köpfe zusammen: schräge Blicke streifen vorüber: der Kellner mißt feine Verbeugung mit dem Zollstab, immer ->wel Zoll weniger für mich. Ich werde mir diese zwei Zoll »üt einem auffallenden Trinkgeld erkaufe» — ich dürste. Nicht »rach der Ausnahme — aber nach Gleichheit. Ihnen gleich sein, in der SDtoffe verschwinden» niemals mehr fremd sein in meinem Vaterland! Es ist ein Traum, er erfüllt sich nie. Eine Zeitung deckt mich nach vor». Ich finde darin empörte Worte über die „schrvaM $&«*«&''. Das ist auch so ein« Prägung mit doppeltem Boden. Warum nicht einfach Fremdenschmach? Liegt wirklich ein« so ungeheure kulturelle Kluft zwischen einem südfranzösischen Bauernsohn und einem Marokkaner? Berechtigen uns die Kulturtaten des letzten Jahrzehnts zu derlei Hochmut- Ich fühle, wie schmal die Grenze ist. wo die schwarze Hautfarbe an die schwarze Haarfarbe stößt. * Die Eisenbahn trägt mich ins Land. Die Heimat schlägt ihr Bilderbuch auseinander: ich hSre die stumme Sinfonie aus Grün. Gold und Blau, sie streichelt mein Herz zur Ruhe. Warum gehöre ich nicht euch, ihr Felder? Warum bücke ich mich nicht auf mein« Scholle, immer nur auf Stein«? Wurzellos treib« ich und meinesgleichen. Vielleicht gehört auch das zu der endlosen Prüfung meines Stamme-. Der Druck, auch der körperliche, über unsoll nicht Nachlasse». Wir berühren die Erde seit Hun-ette» von Jahren nicht mehr, wir Handwerkern nickt mehr. Da- Mittelalter hat eS uns mit glühendem Stempel eingebrannt, der A»sschlutz vom Handwerk, vom Bodenerwerb. den eüber unS verfügte, um uns unstät zu machen — er wirkt noch heute seelisch nach. Aber ich sehne mich nach der Erd« zurück. Kann ick es wagen, meiner Natur zu gehorchen? Eine Bauersfrau sagte zu mir: „Gott bewahre unvor die Seiden und vor die Juden." Dabei sah sie mich treuherzig an. Sie wußte weder, wer das eine noch wer daandere sein könne: sie war auch eine offene, gemütvolle Frau. Aber das batte man ibr i'et in die Seele aevrLgt, und sie sagte es gewitz. weil ihre Mutter und ihre Urahne escho» so gesagt satten. Gerechtigkeit! Mein Herz schreit nach Gerechtigkeit, wie Shylock, ja meinetwegen wie Shylock. Obgleich das doch kein geratener Jude ist. Ich weitz eS wohl, datz unsere Grde^ur unter ungeheurem Drucke den edlen Stein bildet, ich wRtz es. datz eine große Last physttali'sch auch eine große Grundlage voraussetzt. Atanchmal macht es mich stolz. Doch zu faxt* der Augenblick des Hochgefühls — ach nein, nicht des Dochmuks — zu lange die Oual. Sie sagen, wir sitzen immer da, wo der Wohlstand ohne Mühe gewonnen wird: sie sagen, wir bringen das ganze Rmd in unser« Hände. Merkwürdig! Als ob sie uns fr«- willig an die besten Plätze des Lebens ließen! Als ob sie. gutmütig uns den Vortritt gönnend, enun bereuen müßte»! Als ob nicht jeder Vorteil, den wir. hundert gegen einen, erringen — ein Zeugnis für uns wäre; unserem Fleiß, unserer zäher Nüchternheit ein Ehren- Mdl. — Auf einem alten englischen Herrensitz war ein neugebackener Lord zu Besuch. Er bewunderte den herrliche» Rase» vor dem Schlosse. „Wie erzielt man solche sammetdichte» Rasen?", fragte er den Hausherrn^ „£}, es ist ein ganz einfache- Mittel", antwortete der; „mit einem gute» Reisigbesen dreihundert Jahre lang jeden Morgen bürsten!" Ich denke, wir bürsten unseren Rasen schon ebensoviel tausend Jahre. Und nur abgesprengte, ins Elend des Ostens verstoßene Teile meines Stammes vergaßen ihn z» Pflegen. Man sagt mir, Palästina! Eine Heimat für dich; schenke dich dem Gedanken, und dix wird das heutige Dasein leicht! Ich habe mix ein wenig die Thermometerkurven vv» dort angesehen. Welche Gluten, wie wenig Kühle — ich liebe Schnee und deutschen Winter. Ein fremder Frühling — fremde Erde. Kann man dort Schukbertlicder singen? Ich liebe Schubert. Kann man dort Mörike fühlen ~ öU Sfte, versponnene, heimlich lachende Schöne seiner Verse? litzbe Mörike. Finde ich dort den deutschen Wald? Ich me dennoch, dennoch alle offene und heimliche ErniedÄ» gung eher aus mich. — denn ich liebe den deutschen Wald. Wurzeln, ttef genug, mich festzuhalten und mich in dieser trde fattzartrinken. senkte ich ein, trotz Stadt und Steine«. Sturm stärkt und macht zäh und biegsam. Dankbar sei» den Widerständen, an denen ich mich verodle? Wie kann ich auch nur ahnen, an welches Ziel der Wea der Prüfungen führt? — Wieder habe ich meinen „schrvarzen Tag". Blicke, Worte, Bewegungen setzen Stich um Stich in meine Seele. Die Hauswänbe. das Eisenbahnabteil tragen Inschriften gegen mich. Ich An fast krank vor Argwohn. Strindbergs Buch .Jnferw^ ist bei mir. und ich leie darin. Er. der Ber» folgte, doch nur von periodischem Irrsinn Verfolgte, schildert a>»sS Haär mein Schicksal. Sind wir im Inferno? Büßen wir alle für Süvden eines vergangenen Lebens, wie e- Strindbera von sich glaubte? Vielleicht ist es Sünde im Sinne des Schicksals, datz wir von den Blutopfern Kweier Jahrtausende nicht mehr ganz srisch-fröhlich sind und zupft- Trauer im Grunde unserer Angen dunkelt — —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.