Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 35 (11.10.1924)
- Date
- 1924-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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s <?/ (Mm Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.v. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle »/«jährlich M. 1,50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezugspreir t :: :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: r Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda. vls „Jüdisch - livsrals - Jsttung^ erscheint fedsn Freitag. Schrittleiiuna und SsfchüttssteNe: Berlin- Mauerstratze22. Sernruf: Amt Merkur Nr. 8725 Poftfdyed'fcontot Berlin rtW 7 llr.137069 (Vereinigung fürDas liberal* JuOentum) nad)brudc famUictjer Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der ReDafetion gestattet i Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezelle 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark. :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: r: Anzeigenannahme: Hermann Baswih. Berlin 6 42, Alexandrinenstraße 95/96, Fernsprecher: Dönhoff 437), sowie sämtliche Annoncen-Expedttionen. Nr. 35 Berlin. 11. Oktober 1924 4. Jahrgang Sie Bedeutung der Speisegesetze. Ein Dialog von Rabbiner Dr. Fuchs- Chemnitz. Das nachstehende Zwiegespräch veröffentlichen wir als einen Beitrag zur Frage der -Svciscgesetze, in der Hoffnung, dadurch eine lebhafte Diskussion über deren Bedeutung einzuleiten. Die Redaktion. Jakob: Ja, ich würde sehr gern mit dir ein paar Wochen wandern. Aber du wirst es nicht lange mit mir aushalten! Christian: Wieso? Jakob: Du weißt doch: ich beobachte unsere Speisegesetze. Da kann ich nicht mit dir zusammen Mittag essen,' und auch wenn ich mir jeden Abend Eier, Käse, Hering u. dgl. bestelle, wirst du dich bald meiner Gesellschaft schämen. Christian: Nun, das müßte man erst ausprobieren! Auf der Wanderung will auch ich den Luxus der Großstadt nicht haben. — Aber offen gestanden, jetzt, nachdem du daran erinnert hast, interessiert es mich vor allem, wie du, ein Gynrnasial-Primaner, mit derselben Allgemeinbildung wie ich, an diesen alten Gesetzen noch festhalten kannst! Man braucht doch nicht erst das Neue Testament zu lesen, um zu empfinden: nicht, was in den Mund hineingeht, ist rein oder unrein, sondern was aus ihm hervorgeht. Was Gottes Urteil unterliegt, was fromm oder unfromm genannt wird, ist immer nur die Gesinnung, aber nicht ein so gleichgiltiges Tun wie das Essen! Jakob: Nicht alle Menschen halten das Essen für etwas Gleichgiltiges; Feuerbach behauptet sogar: Der Mensch ist, was er ißt. Und manche Vegetarier sagen bekanntlich, der Fleischgenuß mache den Menschen roh und blutgierig. So glauben auch manche Juden, das Verbot, Fleisch von Raubtieren und Schweinen zu essen, habe den Grund, den Juden die Raubtier- und Schmutz-Instinkte abzugewöhnen. Christian: Ach! Sehr interessant! Betreffs der Raubtier-Instinkte könnte man ja sogar hinzusügen, das Verbot habe geholfen: Roheit findet sich bei euch Juden ja tatsächlich wenig. Betreffs der Schmutz- Instinkte weiß ich allerdings nicht- Jakob: Glaubst du etioa auch an das Märchen vom Schmutz der Juden? Ich sage dir: Schmutz ist überall nur Folge des Elends und des Mangels an Zeit zur Reinlichkeit, im Ghetto so gnt wie in der nichtjüdischen polnischen Wirtschaft! — Aber davon wollten wir ja nicht sprechen, sondern von den Speisevorschriften. Ich glaube nicht, daß die Bibel die Gesinnung für abhängig von der Nahrung hält. Sie sagt im ersten Kapitel der Genesis, vor der Sündflut seien die Menschen Vegetarier gewesen, und trotzdem wurden sie so sündhaft, daß Gott sie vertilgen mußte. Und umgekehrt nach Noah gestattete Gott den Fleischgenuß, und diesen „Fleischfressern" vertraute er seine Thora an! Ich selbst glaube ebensowenig wie die Bibel, daß die Nahrung so direkt die Gesinnung beeinflußt. Es wäre wohl auch von uns rituell lebenden Juden ein lächerlicher Hochmut, wenn wir uns für zartsinniger oder reinlicher hielten als die Schweinefleisch essende Menschheit! Christian: Also warum beobachtet ihr dann diese Vorschriften? Jakob: Das läßt sich nicht so schnell sagen. Aber wenn du wirklich Zeit und Lust dazu hast, .... Crrstian: Du weißt ia, wie aufrichtig ich mich für alles interessiere, was dich angeht, und besonders in religiösen Dingen! Jakob: Wenn du einen anderen meiner Glaubensgenossen danach frühest, bekämst du sicher zur Antwort: Das sind alte hngienische Regeln. Ich glaube das nicht. Diese Leute haben einmal etwas davon gehört, daß bei den Papnas und Hottentotten der Priester auch Medizinmann ist und früher der Prophet gleichzeitig Gcistcr-Austreiber war. Danach beurteilen sie «riech das Judentum und sprechen: es verbietet /Schweinefleisch wegen der Trichinen, und totkranke Tiere — wir nennen sie t refo — wegen der ansteckenden Krankheiten, es gebietet Halsschnitt und Ausbluten. weil sich jo das Fleisch besser hält, und Fleischsalzen wegen der Bandwürmer usw. Christian: Das klingt ja aber ganz vernünftig! Erkennst du auch das nicht an? Jakob: Nichtwahr? Sehr vernünftia! Nur schabe, daß diese Vernunft etwas abgestanden ist! Kommt dir Aus dem Inhalt: \ Rabb. Dr. Fuchs-Chemnitz: Speisegesetze. — Rabb. s Dr. SalornonsÜ-Frankfurt a. O.: Hüttcnsest 1 und Thorafeier. — Justizrat Dr. Auerbach- | Frankfurt a. M.: Jakob Auerbach und Heinrich f Cornill. | Else Maria Bud: Semitica. — Clernendn« Krämerk München: Erinnerungen. — Dr. M. Spanier- 1 Magdeburg: Hermann Cohen und B. Spinoza. %, — Franz Cingia: Gebet. — F. Weinsaft-Berlin: |' Die vier Gottsucher. — Max Rosenfeld-Dres- | den: Der alte Manage. * Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Bücherfcha«. — Der jüdische Sprechsaal. — Aus der Bewegung. — Verfammlnngskalender. — Kalendarium. Das Ende des Hedschas-Krieges. König Husseins Abdankung. Während deS Krieges fiel der arabische Scheich Hussein von der Türkei ab und wurde dafür von England mit dem Königreich Hodschas belohnt. Bereits seit längerer Zeit führte er nun -amen Krieg mit dem Stamme der Wahabiten, in dem eS sich namentlich um den Besitz Ser heiligen Stätten von Mekka und um die Wallsahrtsüratzen handelte. Hussein wurde von den Engländern durch Geld und dadurch unterstützt, Satz es die Wahabiten vor einer Besetzung der heiligen Straßen nach Mekka warnte. Eine militärische Unterstützung lehnte jedoch England mit der Begründung ab, daß es sich in Religionskriege nicht hineinmischen könne. Dadurch aeüüt'kr ernm;iijr. d'<- wahabiten: mehrere Erfolge, und Hussein, der sich auch bei seinen Untertanen mißliebig gemacht hatte, kam in eine -schwierige Lage. Nunmehr haben die Wahabiten, die von dem Sultan Jbn-es-Sans geführt wurden, Mekka besetzt und König Hussein zur Abdankung gezwungen. Damit dürfte der Krieg um die heiligen Stätten sein Ende finden. Denn man hört, daß der Sohn König Husseins, der Emir Hussein Ali, zum König des HedschaS proklamiert worden ist und bereits einen Vertreter zu den Wahabiten gesandt hat, um in der Herrschaft an den heiligen Stätten einen Ausgleich mit diesen zu schaffen. Auf die Lage in Palästina hat dieser Kampf nur insofern Einfluß, als die Abdankung des Englandfreundes Hussein die Macht der Engländer über ihre arabischen Untertanen zu erschüttern geeignet ist. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und die Wahlen zum Preußischen Landesverband. Zu den Wahlen des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden am 7. 12. 24 stellt der R. j. I. keine eigene Liste auf. Der R. i. F. vereinigt auf dem Boden kameradschaftlicher Neutralität und des Kampfes für wertvolle gemeinsame Ziele in seinen Reihen Angehörige aller jüdischen Richtungen. Der Bund erwartet von seinen Mitgliedern, daß ein jeder, entsprechend seiner Richtung, bei der Wahl seine Pflicht erfüllt. Es ist die Pflicht der Kameraden, dafür Sorge zu tragen, daß in allen Listen Mitglieder des R.j.F. an aussichtsreicher Stelle stehen. Nnr solchen Listen dürfen unsere Mitglieder ihre Stimme geben. Die Landesverbände und Ortsgruppen haben zur praktischen Durchführung umgehend Kommissionen für diese Wahlen zu bilden. Der Bau einer jüdischen Lungenheilstätte. Der Jüdische Frauenbund, Berlin. Oranienburger Straße 60/88. sendet uns folgenden Aufruf, dem wir einen vollen Erfolg wünschen. Gebt i« -er Suckauswoche Bausteine für eine Lungenheilstätte des Jüdische» Frauenbundes! Noch sind die Folgen des Krieges nicht überwunden! Krankheiten zehren am Marke des Volkes. In erschreckendem Umfange nimmt die Tuberkulose überhand. Dieser Krankheit Einhalt zu gebieten, ist höchste soziale Pflicht! Der Jüdische Frauenbund stellt es' stch zur Aufgabe, eine Heilstätte zu schaffen, in der jüdische, lungenkranke Frauen und Kinder in jüdischem Milieu wieder zu lebensfrohen, arbeitsfähigen Menschen gesunden sollen. Grpße Mittel sind hierzu erforderlich! Wir wenden uns an die nie versagende jüdische Lpserwilligkeit. Im Gedenken der hohen heiligen Feiertage, die jedes Herz milder stimmen, rufen wir alle zur tatkräftigen Hilfe auf. Spenden werden erbeten an Frau Martha Ollendorff, Berlin. Postscheckkonto 90210 (zur Errichtung einer jüdischen Lungenheilstätte). denn gar nicht der Gedanke: warum halten eigentlich nicht alle Menschen diese vernünftigen Regeln? Und warum hat sie Paulus für die Heidenchristen aufheben müssen?! Christian: Ja, da hast du wirklich recht! Jakob: Ach, wie wenig kennst du doch die Menschen! Die Vertreter dieses Vernunft-Arguments suchen doch nur einen Grund, die Vorschriften nicht zu halten! Sie fügen einfach hinzu: Heute gibts ja Trichinenschau, da kann man ruhig Schweinefleisch essen; totkranke Tiere läßt der Tierarzt nicht zur Schlachtung zu, tuberkulöses Fleisch wird vernichtet oder sterilisiert, in dev Gefrierhäusern zersetzt sich das Blut nicht,-kurz: wir brauchen diese früher so vernünftigen Gesetze nicht mehr. Christian: Ach so! Die Vernunftgrünöe läßt im nicht gelten, weil deine eigene Anschauung dabei schlecht fährt! Jakob: Nein, so nicht! Aber kann man wohl Vorschriften als religiöse bezeichnen, die weiter nichts als irdischen Nutzen bezwecken? Wäre das nicht dasselbe, was Kant für die Moral nennt: Heteronomie? Nein.! Religiöse Gebote dürfen ihren Grund nur im Gebiet des Religiösen haben, sonst mag sie der Teufel holen! Dieselbe Antwort habe ich, wenn unsere Zionisten sagen, das Religionsgesetz im allgemeinen und ebenso die Speisegesetze dienten der Absonderung und Erhaltung der Judenheit: Mir ist das, als wäre damit die Religion zum Dienstmädchen für die gnädige Frau Nation degradiert, als müßte die Königin sich Würde borgen von ihrer Dienerin. . Christian: Nun, so gefährlich kann doch, meine ich, die Heteronomie der Religion nicht sein! Steht nicht im 5. Buch Mose, die Gebote seien gegeben, damit der Mensch durch sie lebe, und in den Sprüchen Salomos: „Langes Leben ist in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre"? Jakob: O, ich kann dir noch viel mehr sagen: Unser größter Philosoph Moses Maimonides, — im 12. Jahrhundert, — war ein viel größerer Rationalist als alle heutigen. Auch er hat gesundheitliche, volkcrhaltende und andere Wirkungen der Religionsg'esetze anerkannt. Aber hat er deshalb erlaubt, an den Vorschriften zu rütteln? Er beginnt und schließt seine Betrachtung über die Gründe der Religionsvorschriften mit dem Gedanken: Ueber die Wirkungen dürfen wir Nachdenken, aber halten müssen wir sie, einerlei ob wir vernünftige Wirkungen von ihnen kennen oder nicht, einfach, weil Gott sie geboten hat. Er hat das in seiner Zeit nicht anders ausdrücken können. Wir heute sagen dafür: Die nützlichen Wirkungen sind Nebenprodukte des Zeremoniells! Aber so gewiß eine Gasfabrik nicht wegen des Teers und der Anilinfarben da ist, sondern eben hauptsächlich wegen Gas, so gewiß haben die Religionsvorschriften neben den anderen oinen religiösen Hauptzweck; sonst wären es eben keine Rcligionövorschriften! Und hätten die Speiscvorschriften nur irdischweltlichen Nutzen, so wären sie nichts Heiliges, sondern wie eine Steirer, die man soviel als möglich zu umgehen sucht. Auch ich würde sie nicht beobachten, selbst wenn die Erhaltung der Judenheit ihr Zweck wäre: Wenn die Judenheit sich nur durch solche äußere Mittel erhalten könnte, und nicht durch ihren inneren Wert, durch die einzigartigen Kulturgüter, die sie schafft, dann wäre sie schon jetzt seelenlos und so gut wie tot, und — „für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus!" Christian: Dn verstehst es vortrefflich, mich immer mehr gespannt zu machen! Jetzt bleib-' meiner Meinung nach nur noch übria, daß du die Speisegesetze für eine Art Sakrament erklärst: wer sie hält, bekommt wohl die ewige Seligkeit oder wird ein Heiliger? Oder — — du weißt: ich will dich nicht beleidigen, — aber als ich neulich von den Tabu-Tieren der Polynesier las, die nicht gegessen werden dürfen, weil man glaubt, ein Gott stecke in ihnen, oder sie seien diesem Gotte heilig oder dergleichen, da mußte ich an euer Schweinefleisch-Verbot denken, — willst du ans solche Erklärung hinaus? Jakob: Es mag ja sein, daß manche unserer Sveisegesetze früher, in vorgeschichtlicher Zeit, ans Aberglauben entstanden sind. Aber was gebt nns das an! Ein schönes Kleid hat seinen Wert nicht bloß in dem, was Spinner, Weber und Schneider daran verdient haben! Ich wenigstens gestehe den Speisegesetzen keine abergläubische oder mythische Bedeutung zu: Sakramente kennt das Judentum nicht, Heilige ebensowenig,