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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-05 · 34 (5.10.1924) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
34 (5.10.1924)
Date
1924-10-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4. Jahrgang Nummer 34 WischGeraleZeiüM 2. Beilage S. Oktober ISL4 Der Jüdische Sprechsaal, Protest. Ein Protest kann evn sinnlose- Polemisieren sein und eine leichte Sache gegenüber Len unerbittlichen Tatsachen -er Wirklichkeit. Aber er kann auch unendlich »ehe tun und nur sehr bittere Erfülluna obrer heiligen Verpflichtung sei«, wenn wir gezwungen sind, anzugrvifen, wo wir verehre« möchten. H. Ich bin bei einer Trauung, ich höre das Wort de- Predigers — hier — dort — -heut — gestern. Gr ermähnt zur Frömmigkeit, zum Hochhalten des Judentum-, »um Glauben an Gott, zu Liebe und Treue und zu vielen anderen schönen Dingen und verspricht dafür de- Himmel- Glück. Er geht auvon einem Wort der Bibel. Da- Wort ist gut. Es ist nicht von ihm. Was er dazusetzt von Eigenem, ist immer dasselbe. Wir hören und wisse« eauch: eist die 75V. Trauung in seiner Amtstätigkeit. Und als-.»» eist erklärt! HI. Ist ewirklich erklärt? Mutz eS sein, datz die Traurede unserer Rabbinen — und sei es der besten und beliebtesten, todesmal eine Qual ist für jeden gebildeten Mitteleuropäer -es 20. Jahrhundert-? — Wir wollen nicht sagen, datz die Gewohnheit abstmnpft und die Ergriffenheit notwendig töten mutz. Gewohnheit baut auch auf. Und wenn sie die Astietlnahme des Erste«, des Einmaligen, -es Neuen verdrängt, hat sie doch Kraft, an ihre Stelle ein anderes Ergrissensein zu setzen: die Anteilnahme, die das Ewig-Gleiche weckt, und die Empfindung, die aus dem Rhythmus der steten Wiederkehr entspringt. Wir können wieder und wieder zwei junge Menschen zusammen im Frühling sehen und jedesmal wieder das innige Glück innerlichst mitersfühlen. das ihnen aus Blick und Gebärde spricht. Aber — wie das auch sei — wir w o l l e n gar nicht E r - grifsenheit, wir wollen «irr ein gutes und schönes Wort für die Mensche« am Traualtar! Mag auch sein, datz nicht jedesmal ein neuer Gedanke, ein neues, anderes, besonderes Wort zu finden ist, daß dem Redner notwendig ist, immer irgendwie Dasselbe" zu sagen. Wer dieses --dasselbe" sollte und kann dann auch ein Gutes fein! Sie sprechen von Frömmigkeit, von Heiligkeit der Ehe, von Gott, von Treue, von Liebe, von Muck — wie man vor tausend Jahren zu kleinen Kindern sprechen konnte. Es stehen aber Menschen dort oben am Altar. Menschen, bereit, in der Weihe der Stunde ein tiefstes Wort für ein Leben zu hören, Menschen einer heutigen Zeit, die mit all diesen abgebrauchten Begriffen stichts. auch nichts mehr anzusangen weiß. — Wir fragen: Was i st das: Frömmigkeit? Was ist das: Gott? — Was ist das: Liebe? — Was ist das: Glück? Wir hören nur leere Begriffe, denen der innere Atem fehlt. Wir wollen neue, tiefere Worte, die die feineren Nüaneen unseres Lebens begreifen.' Man sagt uns vom Gutsein. Wissen wir nicht, daß heut als gut gilt, was gestern noch böse hieß? Man sagt uns von Frömmigkeit, von Glauben, von Gott. Wiffen wir nicht, datz Frömmigkeit ein sehr Verschiedenes ist. datz Glauben und Andacht ebensowohl in der liebenden Erkenntnis Spinozas als in der stolzen Fernsten liebe eines Nietzsche wohnen kann? Man sagt uns von Glück. Ist es denn so gewiß, daß wir nach Glück verlangen? Hörten wir nicht das Wort des Denkers: «Ich trachte nach meinem Werke"? Haben wir nicht in der Gesellschaft einer Mußestunde des langen gefragt und gestritten, was Glück bedeuten kann? Wissen wir denn darum? Man sagt uns von Treue und Liebe, man sagt uns selbst vom „schönen Bund der Seelen". Haben wir nicht schon in der Schule die Geschichte des Johann Wolfgang Goethe gelesen, haben wir nicht auch irgendwo ein Wort von Strindbeva gehört? Und stehen wir nicht selbst mitten im Leben, mit hundert Menschen hundertfach verknüpft, und fühlen hundert Fragen in dem einen Begriff. der Liebe sagt? Aber hier — im Hause des Gottes — spricht man vom Leben und seinem tiefsten Geschehen wie von der einfachsten und klarsten Sache der Welt. Hier — im Hause des Gottes — spricht man, wie jeder sich schämen würde, in Gesellschaft, im Foyer des Theaters, auch nur für sich selbst zu sprechen. IV. Es tut wehe, angreifen zu müssen, wo wir verehren möchten. Es tut wehe, gegen Männer zu reden, die wir lieben, die wir erfüllt glauben von der heiligen Berpflichtung ihres Amtes. Um dieser heiligen Verpflichtung willen ist aber auch geboten, hier Protest zu sagen. Anders als die Tage der großen Feste: nah und nächstes Ereignis unserer eigensten Welt: anders als der Tag ersten Eintritts in die Gemeinschaft des Tempels: reif und wissend um manches im Leben — ist der Tag am Traualtar vielleicht der heiligste Tag im persönlichen Leben des Menschen. Im Augenblick entscheidender Bindung baut es sich wie ein geheimes Heiligtum um die Menschen am Altar — und wartet — und harrt des Wortes, der Stimme aus. der Unendlichkeit — und märtet — und harrt eines weihenden Zuspruchs, der Wünschen und Bangen, Verlangen und Hoffen der Stunde in ein fromm-lächelndes Vertrauen löst. Wir sind nicht mehr Propheten und Künder göttlicher Worte, aber doch die Erben heiliger Lehre. Erbschaft verpflichtet. Haus Adolf Margolius-Berlin. Die „sogenannten" Indifferenten. Als ich den Artikel des Herrn Emil Weißstock-Breslau in der Nr. 29 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gelesen hatte, bemächigte sich meiner — ich spreche im Ernst — ein ganz gc-- waltiger Schrecken. Als ich aber meinen Aufsatz in Nr. 24 nochmals durchgelesen hatte, da wich dieser Schrecken einem schmerzlichen Bedauern in dem Gedanken, datz Herr Weitzstock von mir annahm, ich betrachtete ihn als „national indifferent". Genau das Gegenteil habe ich zum Ausdruck gebracht. Ich habe erklärt, daß Herr Weitzstock die von Eucken erwähnte „Tatsache", nämlich das Dasein der indifferenten jüdischen Mittelschicht und die damit für die gesamte Bevölkerung verbundene Gefahr, zugibt und sie zu begründen sucht. Wer diese Gefahr anerkennt, mutz doch unbedingt national eingestellt sein, denn der Indifferente hat doch, wenn es sich um das Schicksal eines Volkes in nationaler Beziehung handelt, nichts zu befürchten. Im Gegenteil, ich habe aus den: Weitzstockschen Artikel gegen Eucken eine in treuer Anhänglichkeit an das Vaterland schmcrzerfüllte Seele klagen hören, daß dieses geliebte Vaterland durch den Antisemitismus so arg verhunzt worden ist. Ich -ave nur die Existenz der jüdischen Mittelschicht als sparte Einzelerscheinung" abaestritten. und als „aparte Einzelerscheinung" verstehe ich, genau wie Herr Weitzstock. dasjenige, was man -er jüdischen Gesamtheit im Gegensatz zu -er übrigen Bevölkerung zur Last legt. Herr Weitzstock fragt mich, von wannen mir die Erkenntnis kommt, -atz eine „erschreckend große Anzahl" Deutscher national indifferent ist. Diese Frage ist sehr bequem, und ich könnte ebenso bequem fragen, woher ihm die Erkenntnis von dem Gegenteil käme. Leider kann ich meine Behauptung nicht mit Zahlen belogen. Solche Erkenntnis schöpft man aus dem ganzen Erleben. Fühlen und Beobachten, aus all jenen Jm- Sonderabilien, die sich tagtäglich dem Gehirn Mitteilen, tattonal sei« erfordert ein stark sittliches Empfinden, ein Begreifen der Zweckmätzigkeit der Gemeinsamkeit. Ich behaupte eben, datz einem großen 5CetI der Bevölkerung diese Fähigkeit abgeht. Ich kann das ebensowenig Nachweisen wie etwa den Prozentsatz der glücklichen und unglücklichen Ehen. Ich habe diese Ueberzeugung, und es sollte mich freuen, wenn ich in dieser Hinsicht einen verbauten Resonanzboden für die Einwirkungen der Umwelt hätte. Besonders rechne ich zu dieser indifferenten Schicht diejenigen Elemente, die in den Gassen und auf Marktplätzen ihr „nationales" Empfinden durch „Heil". „Hurra" und „Hepp. hepp" bekunden. Im übrigen stütze ich mich auf den Satz des Herrn Weitzstock selbst: ,Oind aber jene Verfechter des übelsten Antisemitismus überhaupt noch als Vertreter echten, wahrhaft deutschen Wesens zu betrachten?" Herr Weißstock wird vielleicht erwidern, datz Liese teils bösen, teils dummen Patrone auf ihre Weise ihr nationales Empfinden äußern. Ich aber behaupte. daß diesen Helden das Vaterland gleichgültig ist. daß sie nur den Drang haben, ihre schlechten Instinkte auswirken zu lasten. Weiterhin richtet Herr Weißstock an mich die Frage: ,Mo aber blieben Sie. Herr^Gompertz, als der große Jenenser Gelehrte im Felde erschien?" Diese Frage. Herr Weitzstock. kann ich Ihnen ganz genau beantworten: Ich befand mich in Bocholt. Aber ich kann noch genauere Auskunft geben: Ich stand, wo ich immer zu stehen pflege, auf der Komment« rum AH«n Testament, heraus gegeben von Professor D, Ernst Sellin. Band XI. Ezechiel , übersetzt und erklärt von D. Johannes Herr mann, Professor der Universität Münster. Leipzig und Erlangen 1924. A. Weiebertsebe Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl. 304 Seiten, broschürt. Zwei scharf in die Augen springende Gegensätze weist Ezechiel auf: einen steinig rätselhaften Text an unendlich vielen Stellen und strenge Einheitlichkeit bei der Abfassung. Nichts Fremdes ist da störend hineingetragen. Ezechiel nimmt unter den Propheten eine Sonderstellung ein, da er als einziger von ihnen als Gesetzgeber auftritt. Der Text des 44. Kapitels, Vers 10—16, wo eine deutliche Trennung von Leviten und Priestern erkenntlich ist, weist Ezechiels Gesetzesbestimmungen ihren Platz zwischen Denteronomium und Priesberködex ati; Was Josia, der edle König von Juda, an weltbewegenden Reformen ethisierend geschaffen hat, galt den Propheten als Acker, der Bearbeitung wert. Im Exil und kurz darauf traten Literaten auf. Was der Priester Ezechiel an Arbeiten auf dem Gebiete der Ausbildung des „Gottesstaates“ hervorgebracht hat, wurde für die Aufzeichnungen des Priesterkodex von grundsteinlegender Bedeutung. Ezechiel hat das Verdienst, der Schöpfer einer religiösen Verfassung zu werden. Esras Bedeutung als Gesetzgeber basiert auf der Kenntnis und Durchführung dieser Bestimmungen. Im Vorwort würdigt Verfasser den Propheten Ezechiel gebührend als eine geniale Persönlichkeit von schriftstellerischem und religiösem Wert. Herrmann gibt zu, daß der Kommentar eines so rätselhaft eigenartigen Buches nur Stückwerk bleiben kann. Und doch bietet dieser Kommentar für den Leser unendlich viele neuen Anregungen sowohl auf grammatikalischem Gebiet wie auch hinsichtlich der Exegese und der logischen Verbindung loser, isolierter Stellen des Textes. Wenn man das erschöpfende Verzeichnis der Literatur überblickt, die dem Verfasser geläufig ist, dann versteht man erst so recht die Gediegenheit der gelehrten Arbeit vom winzigsten Sandkörnchen bis zum vollendeten Bau schätzen. In einer längeren Einleitung zeichnet Herrmann ein lebensvolles Bild vom Propheten und gibt eine klare Uebersicbt über die Anlagen des Ezechielbuches sowohl inhaltlicher wie bibelkritischer Art. Wenn mehr derartige Werke über Bibel entstünden wie vorliegendes — ich bin dessen sicher: die Heilige Schrift bliebe vielen kein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch. Dem Verfasser gebührt unser aufrichtiger Dank dafür, daß seine Arbeit ein entschiedenes Wort gegen d i e Meinung zu reden vermag, die in kleinlicher Pedanterie bibelkritische Wahrheit als religionsfeindlichen Faktor totschweigt oder gar furchterfüllt bekämpft. Solch ein Vorgehen hieße, um mit Ezechiel zu reden, „saure Trauben essen", d. h. in unserem Zusammenhang so viel wie: der Wahrheit sündhaft die Augen verbinden. Möge Werken wie unserem freie Bahn geöffnet und weiteste Anerkennung zuteil werden, damit wir sehenden. Auges ein geistig moralisches Elend verhüten, nämlich, daß Gleichgültigkeit aus Unkenntnis eintrete und dadurch „den Kindern die Zähne stumpf werden“. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Beuthen (Oberschlesien). Fritz Philipp!, Jeremia, Schicksalsdrama in vier Handlungen, 3. Aufl. Verlag der Bücherstube am Museum Wiesbaden. Das Leben des Propheten, von dessen inneren und äußeren Erfahrungen wir am meisten wissen, enthält eine Menge dramatischer Momente: Seine große Einsamkeit mitten zwischen Verwandten und Freunden, die auf vorangegi'.ngene schwere Konflikte schließen läßt, der Gegensatz zwischen seiner leidenschaftlichen Vaterlandsliebe und der widerwilligen Verkündung des Untergangs, die wiederholentliche Absicht, vor Gott zu fliehen, der ihn „verlockt" hatte,' und der ihm trotzdem immer wieder Gehorsam abringt, ferner der Kampf gegen „falsche Propheten“ und Priester, Regierung und Masse, das Volksgericht gegen den Gotteslästerer, der den Gottestempel eine Räuberhöhle nennt und seine Zerstörung verheißt, und der durch seinen Wahrheitsmut dann seine Ankläger entwaffnet, das Martyrium in der Schlammgrube und die Rettung daraus durch den König gegen den Willen der „Fürsten“, die Anerkennung von seiten der Babylonier gegenüber der Verkennung im eigenen Volk, das zuletzt den Prophajen gegen seinen Willen aus der geliebten Heimat mit nach Ae^rpten schleppt, und am Ende die Umwandlung der Unheilsprophetie in die vom neuen Warte im Kampfe gegen Len Antisemitismus, aber-— ich hatte und habe weder den Aufsatz von Eucken in der „Schlesischen Zeitung" noch den Hinweis darauf in der „3iU. disch-liberalen Zeitung" gelesen. Erst durch Sie bin ich tax« auf aufmerksam geworden. Nicht „ein bißchen interessiert, aber so recht eigentlich innerlich unbeteiligt" stehe ich derartigen Erscheinungen gegenüber: nein. Herr Weitzstock, ich bin weit, weit impulsiver. Ich schreibe schon seit 20 Jahren regelmäßig für ein Zentrumsblatt, allerdings hauptsächlich unter dem Strich, aber auch dort versäume ich nie. etwaigen auftauchenden antisemitischen Stumpfsinn in das richtige Licht zu rücken. Nun sagen Sie noch. Herr Weitzstock. daß ein Mann vom Range Euckens nicht mit Gedankensplittern avzutun ist. Darauf habe ich zu erwidern, datz mir ein „Sprechsaal"' keinen Raum bieten kann für Gedankenbäume, abgesehen davon, daß mir auch wahrscheinlich die Fähigkeit abgehen würde, ein derartiges Thema so weit umfassend zu behandeln. Aber mit dem „Rang" Euckens müssen Sie mir fern bleiben. Ich habe im Leben leider zu oft die Beobachtung machen können, datz sonst geistig bedeutende Männer gerade da versagen, wo es sich um jüdische Angelegenheiten dieser Art handelt. Das Vorurteil gegen die Juden ist in den meisten Fällen so fest eingewurzelt — die Erziehung zum Antisemitismus beginnt leider schon mit dem sechsten Lebensjahre — daß selbst Männer vom Geiste Euckens nicht die Fähigkeit besitzen, dasselbe zu überwinden. Mir wird schlecht, wenn Eucken konzediert, -atz es auch national zuverlässige Juden gibt. Wir Juden dürfen uns aber nicht entmutigen lassen, sondern müssen unbeirrt weiter kämpfen. Wir dürfen die Geduld nicht verlieren. Ich habe so eine Ahnung, als wenn aus dem gegenwärtigen gewaltigen Gärungsprozeß Zeiten entstehen, die auch uns bessere Verhältnisse bringen. Ich glaube fest daran, daß alles, was gut ist. sich schließlich behauptet. Ich meine, Herr Weißstock, datz wir als Freunde auseinandergehen können. Was uns zur Hauptsache trennt, ist der Umstand, Latz Eucken. dessen Größe mir durchaus nicht fremd ist, in jüdischen Angelegenheiten dieser Art mir längst nicht so imponiert wie Ihnen. GustavGompertz. Bocholt. Bund der Menschenseele mit Gott. Kein Wunder, daß der Expressionismus unserer gottsucherischen Zeit Jeremias gern in den Mittelpunkt eines Dramas stellt. Das psychologische Problem des Prophetismus reizt ebenso wie das metaphysische Gottesproblem wie die rein menschlichen Konflikte! Nach Stephan Zweigs sprachschönem und feinsinnigem Lesedrama ist allerdings jede Bearbeitung des Stoffes ein Wagnis. Philipp! reicht nicht entfernt an seinen Vorgänger. Er scheint ihm vielfach nachzuahmen (Persönlichkeit der Mutter; Jer. veranlaßt ihren und des Vaters Tod; die Peripetie durch Heiden herbeigeführt; Einschränkung auf die kurze Zeit des Endkrieges; Forderung persönlicher Demütigung des Königs; hym-. nischer Schluß etc.). Ph. steigert allerdings den persönliche», Konflikt, indem er außer der Mutter auch Vater und Braut Jeremias einführt und im Vater — sehr dramatisch und auch historisch sinnvoll — gleichzeitig das priesterliche Gegenprinzip Jeremias zuerst kurz siegen und dann untergehen läßt. Auch sonst sind manche Feinheiten zu rühmen. Und der Hauptvorzug vor Zweig ist: Ph. ist aufführbar. Aber die Schwächen sind doch zu handgreiflich, und wie eine dritte Auflage möglich geworden ist, erscheint mir offen gestanden völlig rätselhaft. Ich tadle nicht gern, und die Modernen haben uns an allerlei Kühnheiten gewöhnt. Aber Sextanerfehler, meine ich, dürfen auch Neutöner nicht machen (S. 10: Den niemand sieht, kannst du verstehen. S. 28: . . . ließ mich auf Seilen aus der Grube ziehen. S. 42: Du hast mir's nicht wie Vater Abraham erlassen. S. 47: Ein Volk, dem nackend nichts blieb als sein Gott etc. etc.), selbst wenn sie Jamben dichten (warum sind diese übrigens prosamäßig geschrieben?). Ganz gewiß aber müssen in den prosaischen Bühnenbemerkungen solche Fehler angekreidet werden, wie „Zwischen den ersten drei Handlungen liegt eine Zwischenzeit von . . „Der Hohepriester hebt die Hände mit dem heiligen Abzeichen auf der Brust“. „Im Abgehen stürzt der Rest des Tempels“. Das muß nicht sein, so wenig wie in der 3. Auflage Dutzende von Druckfehlern stehen geblieben sein dürfen (besonders Fragestatt Ausrufungszeichen). Dazu kommen Geschmacklosigkeiten im Ausdruck fast auf jeder Seite. Das Geringste sind noch (gewollte?) Kakophonien wie; „Ruth, ruhst du gut?“ „Warum um unserer Sünden willen . . ." Man kann in ein Stildrama doch nicht wissenschaftliche oder vulgäre Ausdrücke werfen wie: Geistlichkeit, das andere Gesicht, unseres Volkes Sonderstellung, wir sind tabu, wir sind doch kein beliebig Volk, Massenmörder, — er lebt nicht mehr, er wird gelebt (vgl. A. Biese, Deutsche Literaturgeschichte II S, 436 unten!). Besonders Gott muß sich gräßliche Titulaturen gefallen lassen: Die Summe aller Unbegreiflichkeit, die Geistgewalt, du aller Einsamkeiten Eineiner, die Welt ist dein erweitert Ich usw. — Mit diesem Mangel an Stilgefühl verbindet sich eine bis zur Unverständlichkeit knappe Sprache und oftmals eine Plattheit von Worten und Gedanken, daß das Schönste zerhackt und eindruckslos wird: Das ist nicht Stil, sondern Unvermögen — wie auch die Bilder nur selten lebendig empfunden, sondern, meist erdacht anmuten, — Auch der Szenen- und Gesamt-Aufbau entschädigt nicht für diese vorlauten Mängel. Ich kann mir nicht denken, daß auf der Bühne mehr Wirkung zustande kommt als beim Lesen, wo eigentlich kein Akt packt; selbst der zweite, dramatisch wirksamste, verflattert, und nicht erst am Ende. Doch alles dies möchte hingehen, wenn die Grundidee trüge. Aber das Stück ist wirklich, wie der Titel sagt, ein Schicksalsdrama, d. h. ein Stück, in dem die Personen nicht folgerichtig nach ihrem Wesen handeln und erleben, sondern nach dem Gebot einer Schicksalsmacht, die hier Gott heißt. Zwar unterscheidet sich Gott und Schicksal wesentlich; er handelt nicht sinnlos (wie das Schicksal bei Werner oder Müllner); und am Ende erfährt man auch seine Absicht — und insofern ist das Wort Schicksalsdrama eigentlich mehr eine geistvolle Spielerei, nur darauf bezüglich, daß speziell Jeremia nicht aus eigenem Willen handelt. Aber in Wahrheit ist vieles im Stück unmotiviert und schicksalhaft, wenn z. B. der falsche Prophet und der Vater-Priester ohne äußere Ursache, rein an dem Gefühl ihrer Unwahrhaftigkeit, zusammensinken und sterben, wenn am Ende des ersten Aktes der Truppenführer, der Jeremia verhaften soll, vor irgendeinem beliebigen Prophetepwort zurückweicht oder im letzten Akt Nebukadnezar von Jer. den Willen Gottes erkunden läßt: Viel Kommen und Gehen in diesem Stück ist unergründliches Kismet! — Das schlimmste aber ist: Der Gott dieses Dramas handelt wie ein BÜCHERSCHAU

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