Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 34 (5.10.1924)
- Date
- 1924-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Iveltclfttt, eingebaute Marmortafel bie M Namen -er k» Kriege gefallenen Kölner Jfraettten trägt, »mb »»n bret wuchtigen Lichtträgern au» Bronze gekrönt, einen tiefe« Eindruck Wachte. An bie Enthüllung schlag sich in der von Mitgliedern -er Gerwetnde. in erster Linie t«n Lngehört« gen -er Gefallenen, biauf de» letzten Platz gefüllte» G»na. aoae etn Festakt, in dessen Mittelpunkt me GebächtniSvebe de» Gemetnderatzbtner- Dr. Kober mit Verlesung -er Name» -et Gefallenen stand. Vor dem Allerheiligen batten die mit Sahnen erschienenen Abordnungen Aufstellung genommen. tirkung-noll vovgetragene Chöre und musterhafte Einzelgesänge de- Kantor» Fl rischmann umrahmten den fynagoga» len m" Nürn-erg. Am 8. September konnte bie tztestge Gemeinde auf -a- Mjährige Bestehen ihrer Synagoge zurückblicken. Mit Nückstckt auf bie ernste wirtschaftliche Lage wurde non einer eigentlichen fteitfeier Msraud genommen. Nürnberg. Unser Korrespondent berichtet: Am Freitag, H« 19. September, sollte hier auf Veranlassung -er Grotzdeutschen Volksgemeinschaft -er .Münder wilder da» Blut, vbeiHstagSabgeovdneter Artur Dinier, -ie Lurch -a» »er. rückte Gebaren -es antisemitischen Hetzapostel- Streicher in» Wanken ger«rtene völkische Bewegung wieder etwa» in- Ge* leise bringen. Am Sam-tag. den 26.. früh erschien nun Hier, wie auch in München, eine Extraausgabe de» Revolverblattes „Der Stürmer", in welchem unter -er Spitzmarke „Die jü-isch.bolschewMsche VLordtscheka an -er Arbeit". ^JWifches Ber-weiflurvgöattentat auf Dr. Arthur Dinter" der aushorchenden Welt die Schauermär verkündet wurde, -aß Dinier auf der Fahrt nach Nürnberg vergiftet worden sei. Natürlich von Juden! Für den auf mittelalterliche Hetzmethode« eingestellten, an Berfolgung-wahnsivn leidenden Verfasser deS Flugblattes, Streicher, bedurft« «S keines cnchern Beweises für die Schuld der Juden, als -aß Dinier in der Bahichofsrestauration in Saalfeld von Inden auffallend beobachtet wurde. Diese haben dann, nach der unumstößlichen Ueber-eugung Streichers, während Dinier auf kurze Zeit den Saal verlieb, dessen Getränke vergiftet. Es iü Lei -er Geistesverfassung eines Streicher zwar fdiwct zu sage«, inwieweit er seinen Phantasmen Wirklichkeitswert Mchreibt: darum möge ihn die Versicherung -errrhigen. daß jeder Jude den beiden teutschen M . . . Helden Dinier und Streicher ein recht langes Leben wünscht. Es ist wohl klar, -aß Streicher mit seiner Falschmeldung «den Nökischen hi'" wieder einen Resonanzboden schaffen wollte, weil sie beim an- - ständigen Bürgertum doch sehr an Ansehen ein-gebüßt haben. Im übrigen meldet „T. U.." mrs München, daß dort die Extraausgabe des ./Stürmer" beschlagnahmt wurde, weil die Verbreitung ohne Geuehmigung erfolgt ist. Des weiteren bringt das genannte Depeschenbureau über die Erkrankung DinterS, wodurch er abends am Auftreten verhindert war. die Nachricht auS Nürnberg, .daß tatsächlich durch den Arzt eine Vergiftung festgestellt worden sei und daß Teile bas Mageninhaltes zur Untersuchung an die Behörde» eingeliefert wurden. Die Nürnberger Polizei Hot Erhebungen eingeleitet. Die weitere ärztliche Untersuchung und die polizeilichen Erhebungen wenden wohl Aufklärung über den mit erstaunlicher Schnelligkeit zu einem Flugblatt verwerteten, schon recht häufig vorgekommenen Fall der Erkrankung auf der Reise bringen." Dieser letzte Absatz -er „Telegraphen-Union" spricht über Fall Dinter bereits ein Urteil, dem wir nichts mehr hinzu»« fügen brauchen. iWie aus NürrrSerg telegraphiert wird, konnten nach dem Untersuchungsbefund der Staatlichen UntersirchurrgSanstalt in Erkangen in der Sluhlprobe deS Dr.Dinter weder pflanzliche. noch metallische Gifte nachgewiesen werden. Damit ist baS Märchen von der angeblichen Vergiftirng ArthnrDinters durch Juden als Unsinn erwiesen.) . Peuzlln. Nachdem die israelitische Gemeinde hier aufgelöst wurde und Frau Herta Pinkus da8 Synagogen- Sliun-dstück känfKch ««tmtftitt hatte. hat He Besttzrrtn das- WH ah den BischSflichen Stuhl m CAneAfM »ttHm«* f*»ft Xi« Ovmagocke wirt ww«w|t zur {«irtelÜde« Werte '"weS^2D«« jetzt in Men mcifart« Mfche BUidtzaue» a»S Rutzlantz tim Tardman«. -er unlänTtt durch fein« Gerke, «. a. durch feine Modellttrunaeu des MrgMMekster» Settz »rnd -e- «chrMeller» Karl ihm» in -er Wienrr Gefell, fchaft bekannt geworden O. erhielt von -er Kunfda-teilung -e- Wiener Gtadtrats den Auftrag. eine Reitze Büste» Ubw* tender österreichischer Staatckmäuuer zu schaffe«. Farbman« -at eine größere Anzahl Kunstwerke «ach w-tfchen Motiven ge* schaffe«: febr geschätzt «erde» fein« Modellierungen von Typen auden Werken -«S Mische« Dichter-Humoristen Schalom Alechem. Würzburg. Auf dem an -er äußere« Faulenderastraße gelegenen israelitischen Friedhof ist für -ie im Sampß für- Vaterland gefallene« Offiziere »md Soldaten «ach künstlerischen Motiven eine Ehrend egräbnisstätte errichtet worden. Nach einem Entwurf von Stadtbauvat Kreuter find sieben nebeneinäniderliegend« Gräber mit einer steinernen ldw* fafsungSmautr umgeben, jede- -er Gräber mit einem Grabstein versehen und die ganze Anlage gärtnerisch au-geschmückt worden, Air beiden Seiten der Mauer sind die Name« der Gefallenen verzeichnet. Bei der Feier, in -er -ie Vtzren« grabstätte übergeben wurde, war außer den fahr zahlreich versawurelten Angehörigen der israelitischen Kultu-gemein-e auch eine größere Anzahl geladener Gäste erschiene», darunter OberregierungSrat Thomas. die Bürgermeister Jahn und Freuderrberger. der Rektor der Universität Professor Dr. Ruhland. -ie Dom-Kapftulare Dtttweyer und Meckel u. a. m. Im Halbkreis um die Ehrewgvabstätte Herum gruppierte» sich die hiesigen Krieger* und Regimentsvereine mit ihren K. Etn von Lehrer Diemer geleiteter Chor eröffnet« >ächtnisfeier mit «dem Gra-lied „Ue-er den Sternen". Nach einem von Oberkautor Eschwege vorgetrageneu Gebet ergriff der Vorstand der Verwaltung der KultuSgenteinde, Jnstizrat Dr. Haas, das Wort. Sdach ihm sprachen Rabbiner Dr. Hanover und für den .LieichSDund jüdischer Front. soMaten" RechtSanwalt Schloß. Hierauf wurde das Nied vom guten Kameraden gesungen, und von QVerkantor Eschwoge ein Gebet vorgetragen. Staatsbankoberkassierer Hauptmann a. D. Moser legte im Namen der Bezirrsobmannschajt W-ürzhurg des Bayer. Kriegerhunbes einen «Kranz an der Ehrewgrabstättc nieder. Seinem Beispiele folgten Gewerkschastssekretär Langbans für das Reichsbanner Schmgrzrotgold . ferner je ein Vertreter der Reich-Vereinigung chemniliger Kriegsgefangener des ReichSbundes der KriegSbeschäHigten und deS ReichSverbandes der Kriegsbeschädigten. Zürich. Rn: 17. September fand iu Zürich die Einweihung der neuerbauteu Synagoge der ..J-iraektischen Neligionsgesellfchast" an der Freigutstraße statt, an «der über 700 Personen und Delegierte ans sämtlichen jüSöischen Gemewde» der Schweiz. a«ls auch Vertreter anderer Konfessionen teilnahmen. Mit dieser durch die Züricher Archiiekion Heumrer und Mtschi erbaute» Siinagogr. deren Kosten mit -er Gesirmisinrichtung auf etwa 700 000 Fr. zu stehen kommt, hat Zürich einen gedttgenen. in modernem Stil gehaltenen, neuen Kultusbau erhalten. Aus der Bewegung. 4 »««♦»♦♦♦♦♦♦» BreHlau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein ^Abraham Geiaer".j In der Zusammenkunft der Gruppe N wurde am 25. September unter LeituM des Herrn Berger die Frage unserer Stellung zmn Zionismus behandelt. Das einleitende Referat hatte unser Mitg>lied. Herr Erich Königsberger, übernommen. Der Referent vcrtrgt mit Recht -en Stan-punkt. -aß u«fe*e Ocrtetimd eine religiöse, wLHrenb die zionistische tim nativnale ist. die sich auf das Baseler Programm arMrtet. «rt -«en Zweck die Gründrmg^ einer rechtlich -esicherie» HetzyMte für die Art«« i» Pakästina ist. De« klaren «uSMrungen. -te mit BeM antzenomme« wurden. sich eine sehr intereffant« ««»spräche an, -ie -at Refemt »ach alle» Gechchrtymrttm G» «uterstrich und ergänzte. Fntztzeson-e« faßte Herr Wolftohn alle Gründe der Ablehnung zum Zionismus durch geschichtliche Tatsachen! und eigene Erfahrungen zusammen «rrt warnte vor Kulürrs zi-owiSmu» «ich politischem ZtznriSmnS. Die Frag« der Notwendigkeit der SRiterttH für »otlertendeIrrten beantzmortete Serr Berger durch den Hinweis de- AnfÄlusieS und dev etätigung An HilfSvereiu der deutschen Anden «nd dem Verein „Ssra". Frärtei« Rosenttzal fand treffende Worte Mr ei« Bekenntnis zum beivußte» Judentum, die Frl. Karger vom religwsen Standpunkt and unterstrich. An der Debatte beteMgten sich «och Frl. Leschziener und Herr Bukofzer. die «ms die rluk-ouaufgave« deS liberalen Fudenimns hinwiesen. Auch dieser «Send erbrachte unserer Seit««« de» Beweis, «ie anresend die Erörterung vou Tagedfragen ist. Wir haben nun als ständiges BereinSloksl das VeretnSzinrmer d«S KonzerihanseS gewonnen und hoffen von Abend zu Abend eine« immer größeren Krei» unserer Berrinsmitglieber bei uns zu sehen. Königsberg. Tie hiesige Ortsgruppe der Vereinigung füp da» liberale Judentum hielt am Mittwoch im Jugendheim, Steindamm 11. ihre Hauptversammlung unter Vorsitz von FgbrWasiüer g. Fabian atz. Herr Fabian berichtete Mer die Tätigkett -er OrSgruppe im Sommer, die sich auf Fühlungnahme mit de« neuen, von Berlin ausgegehenen Vereinsdirekttven beschränkt hätte. Herr Wolf ergänzte seine Aus- Wrnngeu durch Hinweis am -ie kommenden Wahlen MN LaudeSverharrd. die er in liberalem Sin» gerichtet wünschte. SeinL Besprechung der flncmzielleu Angelegenheiten führte zu einer sehr angeregten Aussprache, in der die Steuerfrage einen großen Platz einnahm. Da sie viel Zeit beanspruchte, mutzde das Referat von Fustizrat Lichteuftein über »Die Wege und Ziele -es lidevaLeu L^uderrtumS" zurückgottellt werde». Der Rest -s- Abends wurde durch -ie Borstan-SwaHlen au-, gefüllt. Der alte, auzehn Mitgliedern bestehende Vorstand wurde wiedergvwählt. Zwei neue, jüngere Mitglieder dazu j|jl Sersammlungskalender. | | Breslau, (Jüdisch-liberaler Jugendverei» ^ldrahavr Geiger") Geschäftsstelle: BreSlau 7. HUchrustmße 61. Ü. BeroivSlvkal: Vereinsziwmer des KonzerchauseS Gartenstratze. Eingairg PortalL Montag, den 6. OWver, abends S'A Uhr: Vortrag des Herr« Lehrer Hirschfe'ld-'Berlin: Unser Gottesldienst. ^Vorschläge zu seiner Reform". Gäste willkommen. Der Beitrag fitr -avierte Vierteljahr mit S M. ein^ schließlich Zeitungsgeld ist aö 1. O-ktvbcr fällig. Einzahlungen auf Postscheckkonto Breslau 17443 Alfred Berger erbeten. A-b 15. Oktober erfolgt Einziehung aller rückständigen Beiträge durch Postnachnahwe. Lieauitz. (Jüdis-ch-liberaler Jugenbverem.j Am S. Oktober mchet abends 8V, Uhr in den Räumen der Gilesia- Loge ein Bor trag von Dr. Ernst Fraenkel-Bresbau statt über das Thema: Der BökkerbundSsedanke im Lichte jüdischer Weltanschauung. Geht uns Adressen von 8eMen! SU S-IchSfi.sU««. Brr«« ES. 8, M«u«rs«r. 22, Mrfcnkti tastrnl»» Prodrntimmern. Sangen, und sie vermißten ihn jetzt dort so, daß sie sich wenigstens seine sterblichen Ueberreste sichern wollt«:. Großvater antwortete aber sehr kurz» ein Jude könne nur ans einem Judenfriedhof liegen. Ihm — wie allen auS unserer väterlichen Fam'ilie — war der Gedarcke an den Tod sehr peinlich und sie sprachen niemals davon, und wollten nichts davon hören. HöchstLns daß sie ihn einmal in ein Witz-wort einbezvgcn, etwa Laß sie sagten, ivenn einer gerade um Freitagabend in die Ewigkeit abberufen worden war. der liebe Gott habe ihn an den frischgedeckten, sabbathlichen Lisch zur Nudelsuppe und den stttzsauern Karpfen geladen, weil keiner so wie er den Fischkopf zu zerlegen und ihn abzuzausen wußte . . . Der Großeltern Beliebtheit war nicht zu verwundern. Ubgesehen von dieser überstrengen, ja geraoezn ängstlichen Rechtlichkeit in -Handel und Wandel teilten auch beide Glück und Leid mit Jud und Christ der ganzen Nachbarschaft, deS ganzen Dorfes kann man sagen. Dir Großmutter brachte einem jeden Kranken zu essen und die alten Leute hingen thr an wie kleine Kinder. Sie hatte darum auch bei Tisch vor lauter Denken an die andern kaum Zeit und Großvater mutzte hin and wieder dretnfahren und donnern, daß e* ihm dann doch nicht passe, daß die oberste Suppe, darauf die Fettaugen schwammen, nicht er bekomme — der Mann sondern der alte Weber Jakob oder die, kranke Ablern. Und sie selbst — die Großmutter — äße überhaupt nicht vor lauter ,/lnder Leut". Woraus die Gescholtene erklärte, daß sie ja ‘ doch niemals Hunger habe. Sie aß überhaupt nicht gerste, wenn man eS sah und fetzte ihren Stolz darein an Apetttkosigkeit zu leiden. Und so wie Großmutter unterschiedslos Juden «nd Ghriften bedachte, so auch der Großvater aus feine Weife. Manchmal an den Winterabenden und oft am SamSdag Nachmittag las er der ganzen Nachbarschaft vor. A»n liebsten a«S dem „Lahrer Hinkenden" die „WeltSegebenheiten". und sie hörten eS gerne wie die guten Bürger im „Faust", „wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderichlagen". Die Hebamme des Dorfes, die Gret'. und deren Mann, der Christian, der nichts rechtes vor sich brachte und den die Frau mit ernähren mußte, weshalb ihn die Großmutter niemals anders hieß als den „Heblnnmerich" und der Safele, und das Estherle, und -aS Zipperle. die Näßerin und der Jtzig. (Der aber gewiß nicht viel davon begriff, was da verhandelt wurde, doch von dem erzähle ich später extra etwas.) Und der Judenschuster und seine Frau paßten ebenfalls auf. Dieser jüdische Handwerker wohnte den Großeltern gegenüber am Bach. Und einmal trat dieser acschwind über feine Hier und schwemmte dem armen Kerl buchstäblich sein ganze- HäuSchen davon. Bei den Großeltern drang auch schon daS Wasser in den Keller ein und sie mußten in einer großen Waschbütte fortgerudert werden. Und da schrieb uns die Großmutter im Schabbosbrtef beide Großeltern schrieben stets die deutschen Worte mit hebräischen Lettern —, sie habe al» sie dahin fuhren, gesungen: „So leb' denn wohl, du altes HauK, ich zieh' betrübt von dir hinaus . ..." ich alaube aber mein kebtaq nicht, daß sie in diesem Augenblick gesungen hat. sie schrieb taS nur so. damit unsere Eltern, als sic bie Nachricht bekamen, nicht allzusehr erschrecken sollten. In Wirklichkeit ist sie sicherlich vor Angst fast gestorben, und beknm sofort das Leibweh. wie immer, wenn sie nur den kleinsten Schrecken hatte. Wenn ich mich so -daran erimrrre, wie friedlich all diese Menschen ohne Unterschicde» Glaubens beieinander wohnten. c»a muß ich mich doch einmal fragen, ob denn damals der Antisemitismus noch nicht erfunden war? — Qh gewiß, den gab eS wohl, und man hörte auch mal das Wörtchen ,^)udd" auf der Dorfstraße Hutter sich Herrufen. Aber — als bewußte Einrichtung, sozusagen als organisierter Hatz ist der Antisemitismus die traurige Wiederaufnahme einer — wie es schien — mit dem finsteren Mittelalter abgetanen Kulturwidrtgkeit in unseren Tagen. A propos Antisemitismus: Als meiner BaterS jüngster Bruder t« Karlsruhe stand bri den Grenadieren — ich höre ihn noch singen: „Lebt alle wohl, es zieh'« i«S Feld öed Königs Grenadiere" — da hatte.ex viel auszusiehen durch seinen ihm kehr übel gesinnte« Leutnant; „Ich sehe eine iWische Naie vorragen. ei« semitischer Vorderftlß stört in Reih und Glied, ein Mischer Bauch macht sich breit" und derlei Anreden waren wie daS tägliche Brot. Beschwerden aber — sagte unser Onkel dem Vater seien eine zwecklose, eine unmögliche Sache und machten nur »auö Urtel Aergtr". Mit einaber wurde unserm Vater die Dache zu bunt, er zog den Gehrock an und ging ohne LeK OntelS Wissen zu dessen Hauptmann. Dda» habe ihn zwar gewarnt, aber es müsse doch — ket Gott noch eine Gerechtigkeit geben, »nd erzählte alle Einzelheiten und schloß, er fei gewiß, daß dies nicht im Sin» von ..unserm Großherzog" läge. Denn Vater war stramm nationalttheral, wie die meisten Juden in Baden zu jener Zeit. Wenn meine Eltern hätten erleben müssen, daß man eines Tagedie alte Luise, Wilhelm» I. Tochter mit ihren Kindern davonjagte! sJm übrigen — dienebenbei — war ebekanntlich ein bekannter Jude, der in der RevolnttonSnacht 1918 dem Großherzogspaar von Baben und der Großsterzogin-Mutter in der höchsten Gefahr zur Flucht riet und st« ihnen ermöglichte.) Wie beim unser Vater zu Ende geredet hatte, gab ihm der Hauptmann die Harrt, dankbar dafür, daß einer mit der Wahrheit vertrauensvoll zu ihm gekommen war. Und von da an bürten nicht nur die Plackereien auf. sondern jener Leutnant — ich weiß noch gut seinen feudalen Namen, will ihn aber nicht vretsgeben — „nicht artacht soll seiner werden" — wurde ein paar Wochen danach versetzt in eine kleine Garnison. * . * BiS letzt habe ich nur von den badischen Großeltern erzählt. Meine Erinnerungen an ste wurden, nachdem mir von unserm Heimatdorf weggezogen waren, dadurch befestigt, daß wir Kinder sie oftmals in den Ferien betuchen durfte». Nicht immer. Denn da waren auch noch — im württemveratschen Schwarittvald — Mutter- Eltern, die ebenfalls nickt auf die Enkelkinder verzichten wollte». ES gab immer tteine Eifersüchteleien und ich erinnere mich, wie die badische Großmutter, die stets ein wenig eiserMchtia war auf die Eltern von „ihr", einmal mitten drin bitter zu wetnen anftng, «eil mein Bruder gesagt hatte, daß die Gegend, in der die Großeltern wohnten, zwar lange nicht so fruchtbar, aber landschaftlich weitaus interessanter wäre. Dort in dem malerisch-buckligen Dörfchen gab eS ei« uraltes Schloß, und Über dem großen gußeisernen aotischen Tor mit ebensolchen Lettern den Spruch: „Aufwärts sachte, abwärtachte, gradau» trachte!" Der Weg führte vom Dorf steil herauf und ich bewunderte, in diesem Wort erstmaltg den Menschengeist, wett er gleichzeitig ein Wirklicheweb ein Symbolische» auszudrücken vermag. Großvater, der liebe, gütige, schöne, silbertzaarige. hotte uns allemal in einem kleinen Wägelchen an der Eisenbahnstation atz. -an»r ging es durch ei» liebliches Tal dom Bach entlang heimwärts. Mein Bruder und ich durften aüwechfelud „erst senior, dann junior" sagte Großpapa —- Peitsche und Zügel in die Hand nehmen «nd lustig dranflo» kutschieren. -aS Dorf hinaus, an der Synagoge vorbei, mit dem traulich murmelnden großen Brunnen davor. Ode» aus dem ^Trippet" erwartet «ns mir lautem „Grüß Gott" die Großmutter. Der Tripvel ist eirre der Schmalseite des Hausevorgebaute Art Holzveranda und verbindet die hölzerne Stiege, die direkt von Ser Straße heraufkommt. mit dem Hauöinnern. Und öa drinnen gibt eS uralte Stuben dle Klaue Kammer, das grüne Zimmer, je nach der Tünche Kemmnt einen riesenhaften Kachelofen, der mit zwei Füßen in der Küche und mit zwei in der Wohnstrrte steht, in dem man Aepfel brät und Kaffee wärmt. Die Küche, die sie die,-Kuch" nenne», uralt, kohlschwarz verrußt, mit einem riesigen Rauchfawg. Das schönste sind die Freitagabende. Die ganze Woche über geht Großvater — wie alle jüdischen Männer im Dort — Handel», am Freitag nachmittag, ehe der Sabbath einaeyt. erwartet man den Hausvater. Schon liegt der Schabbeöanzug auf dem Bett, daneben das frische Hemd anSgebreitet. Und daschwarze Taffethalstuch. Mr den anderen Großvater — den badischen — nvck die silberne SchnupftaLattdose. „Die Dus'" — ries er ungehalten. wenn sie Großmutter, die sich nicht selten derlei Unterlassungssünden zuschulden kommen ließ, vergeffen hatte. Dagegen Großväter aus Gchwabenland schnupfte nicht. Beide rauchten sie nicht, beide spielten sie nicht Karten. Daß auch keiner von -eiben trank, muß nicht eigens erwähnt werben, da Trinken kein jüdisches Laster ist: eher ein Allzuviel im Essen.) Dann also kommt Großvater an. grüßt schon von weitem mit seinem lichte« Lächeln: „8efto!orn aleckem — Friede mit euch." Daun reinigt sich Großvater vom Wochenstaub, macht sich fein, und geht zur Synagoge, die dicht neben dem Großelternbauliegt. So nahe, baß man leise den Singsang heraEatten hört; „Lecho daudi. ltkras kaklo... Daheim breitet Großmutter tnoeffen das grobleinene, frische Tischtuch Wer de« Tisch, leat darauf SabbatgeVLck. den knufprigrtraun gebackenen, fünffach geflochtenen mohnbestrenten Barche-. Dan« „entzündet" sie. indem sie die Ületnen Vellichter an der Schabbeslampe au» Messing — sie nennen ste .-die Kump" — ansteckt, daß sie festlich eral&itj» und spricht «tt auSgebreiteten Händen den Segen Wer da- Licht. Wenn Großvater wiederkommt, legt er — und nach ihm dir Großmutter — Kindern und Enkeln die Hand segnend auf den Kopf, den lieben Gott bittend, daß die Knaben werben mögen wie Ephraim und Mariasse, und die Mädchen wie unsere Mütter: Sarah. Rrbecka. Rahel und Lea. Dann fetzt man sich wt Tisch, lobt Gott, der den Wein und das Brot Mr uns wachsen ließ, ißt die Nudelslwve. den Fisch und -a- Rindfleisch i» der Petersiliensauee: und Großvater erzählt von oer Welt draußen und läßt 'ich bie Begebenheiten der Woche von Großmutter und den andere« berichten und — man meint, man ist im Himmel .... (Aorrsetzung folgt.)