Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-05 · 34 (5.10.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
34 (5.10.1924)
Date
1924-10-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613775--1008-2618329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wie Lrotzki. Man wir!» also niemals generell sagen fcürfett, baß Las Judentum den Bolschewismus La oder dorthin dirigiert oder ihm genützt oder geschadet habe. Ho einfach liegen die Dinge nicht. Bor allem ist zu betonen, Latz viel mehr Juden als inner, halb der Reaternng oder innerhalb der kommunistischen Partei (wo sie legt zusammen mit der übrige» JntsMstsns radikal gesäubert Werdens außerhalb deS Kommunismus stehen. Und hier wird die schon angeführte Zerrissenheit des einzelne« Juden zu einer Zerrissenheit LeS Judentumüberbauet. Ein Teil, und zwar sicher der größere, lehnt doch den Kommunismus entschieden ab. ein anderer Teil Leairint sich mit ihm abzufinden. Aus beide Lette aber strömt die antireligiöse Haltung der letzt führende« Schichte« und ihre Gletchgültiakeit der Nationalität gegenüber in he« Ginne sin. basi Las Judentum als Nation wie als Religion spürbar zersetzt wird. Der moderne Jude verfällt ja überhauvt leicht in Religionslosigkeit. Dieser moderne TnvuZ war bisher in Rußland verhältnismäßig selten, «eil unter de« Zarismus die Juden massiert in den «nstedlun-S. gebieten hockten, ineinander gekapselt und deShalh natürlich tief in ihre alten Bindungen verstrickt. Heut« Sann her Jude evoLnen. wo er will. Aber schon im Krieg ist vrakttsch her Ansiodlunasrayon durch die deutsche und österreichische Dkm» «atton gesprengt worden. In Rußland erst werkt »an. -aß die polnischen, litauischen, wolhynischen und vodolische« Juden, die sich nach dem Westen gewendet haben, nur ei« «enbältnisrnäßig kleiner Teil sind: ein viel größerer Teil non heuen, die abwanderten. hat sich nach dem Osten, nicht in letzter Linie nach Moskau, ergossen. Si, stehen her jüdische« Religion sowohl wie der ili-ischen Nation meist ziemlich ent, lernt gegenüber. Ties nicht nur negativ «eil sie entwurzelt sind, sondern auch positiv, weil sie im Vergleich zu den -roßen Mächten der russischen Revolution und den ungeheuren Möst» ltchkeiten -er russischen Entwicklung, im Vergleich auch zu Ser Weite des russischen Landes, die sie jetzt erst begreifen, ihre eigene Religion und Nation alS klein emukinden. Bo bat -er Zionismus, der das winzige und dazu noch entfernt gelegene Palästina mit seinen geringen Möglichkeiten dem Judentum anweisen will, in Zentvalrußl-nnur sehr wenig Anhänger. Während sich die übrigen Nationalitäten Rußlands unter -er Sowjetherrschaft mehr akzentuieren, froh, der zaristische« Bedrückung entronnen zu sein, scheint bei den russische« Juden der umgekehrte Vorgang einzntreten. Gerade weil her Zarismus sie noch stärker bedrückte alS die anderen, be- -innen sie sich heute dem Russentum zu assimilieren. Früher schmiß man sie in AnsiedlungSrayonS gewaltsam ans «inen Haufen und schweißte sie damit künstlich zusammen, jetzt, wo sie die Möglichkeit haben, sich beliebig auszNVreiten. lösen sie diese künstliche Geschlossenheit. Die ruffische AffimilationSperwde setzt ein, hundert Jahre hinter dem Weste», wie fa überhaupt Rußland hundert Jahre hinter dem Westen zu- . rück-ist. Eine „lebende Synagoge" hat sich gebildet als Gegen* sistck zur „lebenden Kirche", aber innerlich sehr viel solider aldiese und auch längst nicht so vatronisiert durch die Regierung. Das nationale Bewußtsein der Wystiuden und natürlich auch ihr Zionismus sind die Reaktion gegen die oberflächlich«« Affimilattonserscheinuirgen von Mtte und Ende -eS neunzehnten Jahrhunderts mit ihrer Nichtachtung aller Mischen Tradition, das Nationgkgefübl der vstiikde» bagege« -ist oräassimt'latorisch ein gewaltiger Unterschied, der vom Zionismus immer verkannt wird. ES wird nun entscheidend sür die künftige Stellung des Judentums in Rußland sein, ob diese Assimilation bis zu de« Mystischen Grundlagen der russischen Seele vorstotzen wirb Reicht sie nicht so weit, so wird das Judentum eines Tage-, wenn die neue religiöse Bewegung beginnt, wieder isoliert r.... Aus den Gememor«. Monats die Neuwahl stattzufinh«. Veuin. Das wGante aleraudvtnische OberrEnat soll demnächst wieder besetzt werden. Die Gemeind« LlexanürienS hat eine» ehrenvolle« Ruf an Harr» RMiner -Dr. Emil Lev» in Berlin ergehen lasten. Rabbiner D». Levy. ei» gestvrener Glfästrr. der dos Berliner R-h-i»«rsemingr absolvtert hat. mar zunächst RatzbGer -er Gonagoge Vaffauer Jeder sende den fällige« Beitrag für das 4. BierteljaS Berlin Nr. 187060 ei Obgunif-ti teicÄ Mitglied, Abonnenten ftt-Mitglirde^ nur Mk. 1,- erli» Nr. ugSgeld für hie lens Mk. 2,Sst, hg, leben, Mk. 1Ä) für iei aven nur Mk. IM zu zahlen. Die Mitglieder in de» Orten: Augsburg, Berlin, Bingen a.Rh., Bochum, Jli-Breslau, Brieg, Caffel, C-ottbus, Danzig, Dortnmnd. Duisburg. Frankfurt a.W.. Jrei-burg i.Br., KönigSbe« i. Pr.. Lieg, »itz. Luckenwalde, Magdeburg, Mainz. Münster i. W.. Namslan. Dftat&tA a.M., Ohlau. Ooveln. Ratzibor. Schrretdvmützl. Gchweidnitz, Governheim und Stettin habe» einen direkten Veitvag an Ra Zentrale nicht ab, znführen. Bereinigung für das liberal« J«te«tn» G. v. TSSTDTTSSSTTScSSDSDSW Straße. Charlottenburg. bann eine Reibe von Jahren Oberi. Elsaß, nach dem Kriege folgte er raMner t» Gtraßvurg i. _ . einer BeruMrg an die Berliner _ .lgt« er ^.. .. _ Mische Gemeinde. Wie her I. T. A.-Dertreter erfährt, ist es nicht wahrscheinlich, daß der RaMmr Dr. Emil Levv de« Ruf nach Alerandrien Folge leisten wird. Berlin. Rabbiner Dr. Weinberg, zuletzt Lektor an der Universität Gießen, ist. nachdem er einen Ruf als Dasan (Hilf-raEner) an die Berliner Mische Gemeinde abgk- Mnt bat. als Dozent für talmudische Mffenfchaft an das Radbiverseurinar in Berlin berufen worden. Berlin. Am Dienstag, den 14. Oktober, abend- 1% Uhr, veranstaltet der jüdische Boxkluh Makkaht. E. B.. im -rotzsn . Lchremerewchaus<A. Alevanderplatz. Lokale Kämpfe t» allen GenstchtsKaffe« gegen Mitglieder cncherer Vereine, di« ebenfalls dem Berliner Boxverbaud anaefchloffen sind. Einlaßkarten find «n der Wendkaffe erhältlich. « Deutsche» Jude» hat ttem» " Bekleii Haft« Beträge cht soMie für Bekleidung und ung oer e^nokLn rn oen merenngren amraten fahr« in Bremen zurüMsiben mußten. Das! «L HtlfSyereins in Bramen übeKvacht Ätz Swnanrtären Aktionen 5eS HilfSverein-. wobei es die tätige Mtwirkung der hiesigen Jüdischen Gemreinde und angesehener Kreise der jMschen Bevölkerung findet. Caffel. Nach längerem Seiden starb letzten Montag Marti» Baumann, der Mitbegründer der Firma Baiunann und Lederer, deren Direktor er auch seit Umwandlung der Firma in ein« Lttien-Gesellschrst war. Beit mehr als drei Jahrm mar der Verstorbene, der sich um Sie Entwicklung des industriellen Unternehmens große Verdienste erworben hat. Mitglied des Borst ehe ramtder Jsraelite«. In ot«om ehrenden Nachruf wird hervorgehoben, -atz er mit voller Hinge-ung und regem Eifer an den Arbeite« tetlnahm und sich durch offenen, männlichen Charakter sowie freundliches und entgegenkommendes Wesen die Wertschätzung seiner Mt» ar-etter erwarb. Im Dtrettonsgebände der Fabrik fand Donnerstag die Trauerfeier statt. Um den mit einer Fülle von Blumen bedeckten Sara batten sich zahlreiche TeilneMex -er letzten Ebruna -es Entschlafenen versammelt. Landravbiner Dr. Walter zeichnete ein LebenL-tld des Verklärten, deffen Dasein sich Mischen zwei Polen bewegt hatte; -er Arbeit und -ex Familie. Dr. Max Plaut, der Vorsitzenh« -es AuMchtsrates. gab einen Rückblick ans davon energischem Zielbewußtsein auSgefüllte Leben, während der pW*. dikuder Gesellschaft. Dr. Brehm. im Namen der technische« und kaufmännischen Angestellten für das WoAwollen dankte» das der Verblichene seinen Arbeitern und Angestellte« ent« gegenbrächte und damit da- Verspreche« verband, in seine« Btrme und «ach seinem Vorbild weiter zu wirken. Auch -er Vorsitzende des ArbeiterrateS aaü den Gefühlen be- Dankes beredten Ausdruck. Nachdenr ein A-Vapella-Wor einige Vb* schiedSwetsen vorgetragen hatte, wurde der Sarg zur Einäscherung nach Menach überführt. Franstabt. Auf dem Mischen Friedhöfe wurde am -1. fc> Monatunter großer BeteUiMnq das Derrkmal sür die ge« fallenen Helden eingeweiht. Vertreter der Behörden waren Landvat Bolkening, Bürgermeister Dr. Laue, -er Magistrat und da- Stadtverordnetenkollegtum. Außerdem nahmen teil der Führer der Hundertschaft Oberleutnant Wegner, Krieger» verein Fraustadt. Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen und die jüdischen Frontsoldaten Fraustadt und Glvgau. Nachdem dahebräische Kol-nidre verklungen war. ergriff Rabbiner Dr. Lukas-Gl ogau das Wort. Der Chor sang das alte bekannte Lied „Es ist bestimmt in Gottes Rat", worauf Kaufmann Striem da- Gelöbnis gab. das Denkmal allezeit in Ehren zu halten. Ee dankte allen, die an -er schlichten Feier teilgenonrmen haben. Mit entsprechenden Worten legten hierauf die einzelnen Vereine Kränze nieder. . Köln. Ueber die Enthüllung der Gedenktafel entnehmen wir noch der .Kölnischen Zeitung": „Der Vorsitzende des Vorstands der Synagogengemernüe. Emil Mumenau, Wernahm aus den Händen des Architekten Brantzkp das Dentmak in die Obhut -er Synagogeng-emeruüe. In seinen schmmdgvollen Ausführungen kamen die vaterländischen Empfindun»' gen zum Ausdruck, welche die Juden mit allen andere« Deutschen gegenüber den Geschehnissen des Weltkriegs bewegen, aber auch der Schmerz über die Verkennung, der sie, auch hierin ausgesetzt nmre» und sind. Mit herzlichen Worten, zugleich im Name» des Oberpräsiü«rten. erinnerte Re-gierungöpräftderrt Graf Adelmaun an Ereignisse aus KriegSjatzren in seinem ehemaligen Wirkungskreise, bei denen «daS Trennende der Konfeffionen vor dem großen ge, meinsamen Erleben schwand, und sah in der enthüllten Gedenktafel einen neuen Ansporn für solche Gesinnung. Büraermeister Berndorsf Werürachte die Grüße und AnteiluqyMe der Stadt Köln. Im Namen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten feierte LandgerichtSrat Weinberg das 2lnöenken Her gefallenen Kameraden und gab der Hoffnung, Ausdruck, daß Sie volle Anerkennmrg des von ihnen gebrachten Opfers zur Ehre -eS deutschen und jüdischen Zlamens sich durchsetze» .wfrde. Darauf vollzog GemeinderaSHitzLr Rosienthgl die religiöse Weihe des Denkmals, das als Versöhnungstag. Bon Rabb. Dr. Gottschnlk. I. (Kol «idrej. DaS ist ein wunderbares BlüH«, Gin Knospen, Reifen und Gestalten. DaS ist ein wunderbares Glühn, Ein Fassen, Beben, selig Halten. Wie Horbstesfrüchte, kraftgeschmellt, Die schwere Hülle sehnend sprengen. Ans finstrem, engem Erdenzelt Zum Licht der Sonn« jubelnd dräng««! So klingt und singt heut, was an Aek« So übervoll, ach, in mir lebte. Und wie von Gotteshand getragen Die Seele auf zum Himmel schwebte. H. Totenfeier. Der Lebende: Es war einmal — Welch schweres Wort! Und klingt und klingt -och immerfort «r» In meines Herzens heil'gem Raum, Da lebst Tu fort als sel'ger Traum! Der Tote: Dies ist die Nacht * .. Doch ohne Graun Sollst Tu in Gottes Dunkel fchmur. > ni'-'t. kommt es zu Dir. Bleib Dir ja nah — birg Dich bei mir! HI. Anraudo. Ein „Allerheil'ges" sei Dein Herz. Sollst Deinem Gotte fromm eS weihn. Dein höchstes Glück, den tiefsten Schmerz Verschließe in des Herzens Schrein. Sollst dort — in gläub'gem Priesteesinu Und blutend Deine Opfer bringen. Und selig knie dort Du hin. Will Deine Liebe tauchzend singen. Doch nicurals soll ein fremder Blick Das ^Allerheilige" eutweihn. Der tiefste Schmerz, bas tiefste Glück Sind heilig -- doch nur Gott allein! IV. N'ila. So schön, o Herr, ist Deine Aeh« .,, Sie deckt — wie Mutterhan-d da- Kind —? So sanft die milde Seele zu, Wiegt sie so leis lmd schmeichelt lind: Sie kommt, sie kommt — die GotteSruh! So schön, o Herr, ist Deine Liebe... Sie hebt uns wie auf Engelschwinge« Zum Himmel seligsttll empor. Um uns ein cührendzartes Singe«. Es lockt der AeolSharfenchor. Go schön, o Herr, ist Deine Liebe ... Sie breitet, gleich der milden Nacht, Um uns Vergeffens trauten Schleier. . Und kraftgestählt die Seele lacht Entgegen neuer Levensfeier! Ahasvers Dandkrmg. . Bon Hanna Mainz er. Heilvron». Jahrhunderte sahen Ahasver. Hie sanken ins Nichts, und AhaSoer schritt über sie hinweg. Seine Augen sahen sie nicht — sie hatte» den zeitlosen Blick, her in brennender Sehnsucht nach der Zukunft forschte. Er schritt über Jahrhunderte und her Haß der Nett folgte ihm. Fremd war er allen, doch Geiser fiel chm an. wo sein scharfer Gesicht und der gebeugte Rücken erschien. Er schritt durch Jahrhunderte: Wurde in Rußland verfolgt, ein gehetzte- Wild... Er bestand. War im deutschen Ghetto u»d gab sich der Vernichtung pretS. .. Er bestand. Schritt im Kugelregen des großen Krieges für sein Vaterland... Sr bestand. — Jahrzehnte waren seitdem gerommen. gegangen. Ahasver war geklei-et wie alle und lebte wie alle. U« ihn war Friedeworfchwunden Bitternis und Schimpf. Da begannen seine Augen statt der Zukunft die Gegenwart zu suchen, und seine Ohren aus die Worte -er Lebendigen zu hören. So lange wohnte in seinem Hirn nur der Fluch -es Ewigen und der Zorn -er Menschheit! Die Stille rundum machte ihn vergeffen. — AhaSver wandert«... Es kam der Tag. dem er feit An. beginn entgegenging. für den er di« Schmach aller früheren Zeit auf sich genommen hatte: Sem Weg führte ihn zu einer Wiese, auf -er unübersehbar viele iunge Menschen Veisammen waren. Ihm schien eS eine politische Versammlung, so wollte er weiter. Flüchtig Überblickte er sie. Sonderbar, er konnte sie kaum voneinander unterscheide»! Jedes Antlitz trug denselben Stempel, de« ihnen das Leben im selben Gedanken aufgeürückt hatte. Ahasver schritt staunend durch die Menge, die ihm. dem Unbekannten, willig wich. (Ihm war-, alS habe er dies längst vorauSgeträmnt!) Ein« volle, klare Stimme zog ihn unwiderstehlich zu sich bin. An einem Baume stand er, der sprach, und dem die Tausende lauschten. „Unsrer Brüder sind viele" rief er. „bald wird die Welt unsrem Gedanken gehören! Menschen find wir geworden. — und Christen. Jude», Mohammedaner. Angehörige aller Rellgtonen waren wirk Wer von «ns kennt noch den Unterschied der Völker- Nur freie Menschen sinwir. nichts sonst! Fremder, der d« -ier-er gefnus« hast, hörst du die Botschaft der Freude? Tritt ein 1« unsren Kreis des Friedens. hilf, mit der Kette der Gemeinschaft dem Haß des Erdenrunds die Fäuste seffeln!" AhaSvergestorsteneS Her» erwachte und schlug gewaltig gegen die engen Wände seiner Brust. Der gekrümmte Rücke» streckte sich, ledig seiner Last, tu»g und weich wurde der barte, gequälte Mund. Der Traum! Der Traum, der in ihm verborgen schlief!! ^Ja." schrie er. „1a. nehmt mich ans. müde bi» ich des Einfam-Geins, und all meine verschmäht« Liebe bring ich euch hart" Und sieh! Ein Wunder ward: Den Stempel der Tausende um ihn trug nun auch seine Stirne, und er glich ihnen« wie sie ihm. — „ ■ Ahasver war tot. und der Mensch in ihm kam zum Leben. Das jüdische Filmsujet. «ardtsch. Joseph Addison, der bedeutende englische Essayist, sagt: ,/sin echter gediegener Kritiker spricht lieber von den Var». attftcn eines Werkes als von seinen Fehlern." Und wie wünschte man, besonders angesichts der Liebe, mtt der der Film dem jüdischen Sujet entgegenkommt. daß sich der Tadel, der sich gegen einen jüdischen Film richtet, unter der Feder in eitel Lob verwandelte! Unmöglich, da seit „Judith Trachtenberg", dem allein unbedingt starken Judenfilm, die Verkitschung dieser Filmgattung unverkennbar vorschreitet. Die drei ersten Akte des Licho-Films „Kaddisch. daS Tot engebet", reichen für sich hin, diese These zu stützen. UUd wenn auch nicht geleugnet werben soll, daß der Vildstreifen sich bemülht. gedankenloser Verhetzung zu steuern, so, fragt sich doch, ob ihm dies in weiteren Kreisen gelingen kann: mit seiner Darstelluna eines Mädchenhandels, den wir verwerfen, mit der Wiedergabe von Formen, die jahrhundertelange GeisteSinzucht im Ghetto geschaffen hat, mit der Schilderung einer Kultur, die zwar richtig beobachtet ist, der sich «Sw; dadeutsche Judentum weltenfern fühlt. Dabei ist die ostjüdische Religio-nSform mit sicherem Blick und größter Sachkenntnis abgelauscht. Und dem Autor Fetete und seinem Regisseur Lkcho ist in den letzten Akten eine Sin. sonie des Tretklangs Zerstörung, Tod sin der Gestalt der frimaj und Auferstehung (leiblich: in der Rückkehr des indes Sonja; seelisch: im Zwiegespräch Bürgermeister Rubin) von beträchtlicher Eindringlichkeit gelungen. Ddeser Film, in dem L i ch o als Aron "Rubin jüdische Leidensfähigkeit und ZukunstSfreudigkeit meistert. Lueie Höflich in ihrem Mutterschmerz ergreift, krankt letzten EndeS nur an seinem Manuskript. Wie hier Ser dramatische Faden zerschnitten, die Seele des Zuschauers zwischen Schmerz und Heiterkeit hin- und hergeworfen wird, dos kann keine nachdenkliche, ergriffene Stimmung aufkommen lassen. Denn bei kaum einem dieser Bilder ist man sich so recht klar, ob ein Lachen oder ob ein Weinen mehr am Platze ist. Botho Laserftei«. Erinnerungen. Bon Clementine Krämer. lFortsetzung.) Für die Größe von Großvaters Ansehen und Beliebtheit zeuge folgende- Stückchen: Eines Vormittags nach der Kirche kam einmal ganz feierlich eine richtige Deputatio» — schwarze, lange Röcke mit SUberknöpsen, rote West« unrote Mütze mit Pelzverürämuna — ans dem Stachbardorf W. Und was wollten die? — Sie kamen, Großvater zu bitte», er solle sich bei ihnen — auf ihrem Kirchhof — begraben lasten. Und sie versprachen ihm. daß in diesem Fall kein einziger aus ganz W. bei seinem Leichenbegängnis fehlen werde. Nach diesem kleinen W. war Großvater früher immer handeln ae-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.