Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 33 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus den Gemeinden. «WWWMMHIIMIMMMIIIIIIIHI Hamberg. Bor bem hiesige» Schöffengericht wurde am 18. September -aS Urteil gegen die wegen schweren LandfrtedenSbruchs angeklagten 15 Angehörigen de! Jung, deutschen Regiments, die die *roet jüdischen Jamilten Adolf und Emanuel Gutmann in Altenhausen überfallen und Awer mitzhanüelt hatten, gesprochen. Der Hauptangeklagte Götze-wurde zu drei Jahren Gefängnis im Sinne der An. klage verurteilt. Die anderen Angeklagten erhielten wegen Aörperverl^dung und Beihilfe Gefängnisstrafen von zwei bis neun Monaten. Sieben Angeklagten wurde eine BewahrungSfrist zugebilltgt gegen Sicherstellung des Eigentums der beraubten Familien. Bebra. Die Einweihungsfeier der Synagoge, an der Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden teilnahmen, »ahm einen eindrucksvollen Verlauf. Landrabbiner Dr. Walter-Cassel hielt die Festpredigt. während das Anzünden der Ewigen Lampe durch Lehrer Rosenbusch erfolgte. Ein aus der-Mitte der Gemeinde gebildeter Synagogen-Chor half durch den Vortrag entsprechender Gesänge die Feier weiheuoll zu gestalten. Das Gotteshaus machte in seiner neuen Gestalt, die es durch Schaffung einer schönen Außenfroyt zu einem der sehenswertesten Gebäude des Ortes werden ließ, einen schlichten und erhebenden Eindruck. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß die Mittel des Umvaues durch den Opfersinn der Gemeindemitgtteder aufgebracht wurden. .!®**«*- blm 14. September fand eine Sitzung des erweiterten Ausschuffes des Preußischen LandeSverRnrdeS jüüischer Gemeinden statt, die auch von auswärts zahlreich besucht war. Den Hauptgegenstand der Beratung bildete die Wahlordnung für die am 7. Dezember ü. I. erfolgenden Wahlen «unt Akrbandstag, die wir bereits in unserer Nummer vom - ö. I. veröffentlichten. Statt der vorgesehenen 11 Wahlkreise werden 12 Wahlkreise gebildet werden. Wahlkreis 4 wird nicht durch den Regierungsbezirk, sondern nur 'burch die Stadt Breslau gebildet werden und erhält 10 Mandate. Wahlkreis 5 besteht nur aus der Provinz Schlesien und erhält 5 Mandate. Sachsen bildet einen selbständigen Wahlkreis mit 2 Mandaten. »eiteren Verlauf der Tagung wurde im besonderen »ber die Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden beraten. Der Ausschuß beschloß nach Maßgabe seiner vorhandenen Mittel sofort einzngreisen; ferner sollen alle Vorbepeitungen getroffen werden, damit der am 7. Dezember zu wählende Verbandstag bet seiner ersten Tagung durchgreifenü helfen kann. Bon Herrn Dr. Freund-Berlin wurde mit- Rr sich im Hauptausschuß des Preußischen Landtages sämtliche Parteien zugunsten der Wiederherstellung der Positron 128K des Haushaltplanes ausgesprochen haben. Es sei also eine günstige Entwicklung bezüglich der Staatsbeihilfen T«X die Preußischen Synagogen-Gemeinden zu erhoffen. Berlin. Eine der markantesten Persönlichkeiten aus dem gegenwärtigen jüdischen Leben Deutschlands. Prof. Dr. Salomon Kaltscher, ist am 22. September im 79. Lebensfahr verstorben. Prof. Kalischer war ein Verwandter des berühmten Rabbi Hirsch Kaltscher. deS geistigen Vaters der Palästina-Kolonisation. Geboren 1854 in Thorn. studiert« er zuerst an dem jüdisch-theologischen Seminar in Breslau «nb promovierte 1858 zum Dr. Philosophtae. Seine Doktorarbeit behandelte ein Thema aus der Ethik des Aristoteles; sirit dieser Arbeit gewann er auch einen Preis der Berliner ^WlpsvWschen Fakultät. Nach kurzem Aufenthalt in .Hwst^ttzam wandte er sich in Berlin physikalischen und WMschen Studien zu. wurde Privatdozent an der Bauakademie in Berlin und später 1896 Professor an der technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Er publizierte eine Reibe von wertvollen Arbeiten auf dem Gebiete der Physik. Chemie und der ElektrizitätSkehre. Darüber hinauS war er auch auf allgemeinem Gebiet wissenschaftlich tätig. So schrieb er über „Teleologie und Darwinismus", über „Farbenblindheit", sowie für Bielschowskys Goethe-Biographie daS schöne Kapitel „Goethe als Naturforscher". Im jüdischen Leben war Professor Kalischer an allen geistigen Bestrebungen beteiligt. Jahrelang leitete er den deutsch-israelitischen Gemetnüebund. dessen Ausgestaltung zur Gesamtorganisation der deutschen Judenheit ihm besonders am Herzen lag. Unseren Lesern wird noch erinnerlich sein, wie er sich im März v. I. in einem Aufsatz „Zur Frage der Gesamtorganisation" gegen die vartikularistischen Strömungen in den einzelnen Landesteilen Deutschlands in diesem Blatte aussprach. Sein Aufsatz schloß: „Wie es aber auch zunächst kommen mag. ich hoffe, daß der Deutsch-Jsraelitische Gemeindebund an der ihm erteilten Mission feit» halten und nicht von seiner Warte herabsteigen wird, baß er den K'lal Jisroel-Gedanken aufrechterhalten wird, der sich trotz alledem und alledem durchsetzen wird, weil er sich durchsetzen muß. wenn anders das Judentum all der Träger der weltumspannenden prophetischen Gedanken und erfüllt von der zuversichtlichen Hoffnung, ihr Vollender zu werden, leben soll." Kalischer war auch jahrelang liberaler Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde und biß zuletzt all. Mitglied bei Schulvorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde aktiv tätig. Die Tätigkeit Kalischers, besonders die im .Deutsch-israelitischen Gemeindebund" bildet einen Abschnitt in der Geschichte der deutschen Judenheit. Ein Lauernde! Gedenken ist ihm deshalb vor allem in Kreisen deS liberalen Judentum! gewiß. Berlin. Am 21. dieses Monat! fand auf dem Friedhof Bevlin-Weißensee die Einweihung der Gedenksteine für Rabbiner Dr. Koblenz und für Rabbiner Dr. Kellermann statt. Am Grabe von Dr. Coblenz hielt Direktor Lipschütz vom Vorstand der Reform-Gemeinde die Gedächtnisrede. Die Gemeinde Bielefeld hatte einen eigenen Vertreter entsandt. um auch in ihrem Namen dem Seelsorger und Lehrer einen Nachruf zu widmen. Bei der Feier für Dr. Kellermann hielt Rabbiner Dr. Galliner die Gedächtnisrede. Bet beiden Feiern legte namens des Liberalen Verein! für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V. Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsöhn einen Kranz mit einigen Worten am Grabe nieder. Berlin. Die Jugendschriften-Kommtssion der Grotzlöge für Deutschland VIII de! unabhängigen Orden! Bne Brith sll. O. B. B.) erläßt ein Preisausschreiben zur Prämiierung geeigneter Schriften für die reifere jüdische Jugend. Es sollen 3 Preise zur Verteilung kommen: ein erster von M. 780.—, ein zweiter von M. 800.—, ein dritter von M. 260.—. Erwünscht ist eine Erzählung oder Novell«, die jüdische! Leben oder jüdische Gestalten derart schildert, daß die jüdische Sittenlehre für Juden und Christen anschaulich hervortritt, ohne daß ein« Tendenz aufdringlich sich bemerkbar macht. Die Einreichung der Arbeiten hat bi! zum 81. März 1925 an die Großloge für Deutschland, VIII U. O. 58. 8., Berlin W. 62, Kleiststraße 12, zu erfolgen. Die Arbeiten find mit einem Kennwort zu versehen. Dieses muß auf einem verschlossenen Briefumschlag wicdcrkehrcn, der eine Karte mit dem Namen des Verfassers enthält. Die Prüfung der eingegangenen Arbeiten und die Zuerkennung der Preise wird durch eine Kommission erfolgen, welche die Jugendschriftenkommisfion der Grotzloge für Deutschland ernennt. Die Verteilung der Preise erfolgt bis spätestens August 1923. Die preisgekrönten Arbeiten bleiben Eigentum der Grotzloge. die für ihre Verbreitung in geeigneter Weise Sorge tragen wird. Die Verfasser übernehmen die Verpflichtung, die Arbeit bis zum 1. November 1625 druckfertig herzustellen. Berlin. Die veränderte Lehrerausbildung, für die in Zukunft daS Abiturienten-Examen vorgeschriebe» ist. erfordert die Umstellung der bisherigen Lehrerseminare in höhere Lehranstalten, die bi! zur Maturitätsprüfung führen. In der Berliner jüdischen Gemeinde wird auf die bisherige Mittelschule in der Form der Aufbauschule eine Art Oberbau gesetzt werden, der biS zum Abiturienten-Examen führt. Dadurch soll die Lehrerausbildung sichergestellt werden. Es ist aber den Zöglingen dieser höheren Lehranstalt dadurch auch die Möglichkeit gegeben, wenn sie nicht Lehrer werden wollen, sich einem anderen Universitätsstubium ober einem praktischen Beruf zu widmen. In diesem Falle bleibt ihnen der Vorzug, ein gegenüber der sonstigen Ausbildung umfangreiche! jüdische! Wissen auf dieser höheren Lehranstalt sich angeeignet zu haben. Die Einzelheiten der neuen Anstalt beschäftigen augenblicklich.'die Berliner jüdischen Gemeinbebehörden. Selbstverständlichmuß für den Lehrplan »sw. die staatlicheÄevehmignng: eingeholtwerden,'. es ist -:.«ber..nü.-deren. ErteLlu»g.^Rich^M-.-mLifel». . . . Berlin, ‘ Vorstand. 'RepMechnnten^HMe':' sämtliche in Berlin anwesenden früheren- NepräseüMteffhLnA-Borftan-Smitglieder. ferner eine Reihe der. Ebrenbeärnten, BeäML.en und Gäste der Berliner jüdischen Gemeinde versammelten sich am Sonntag, den 21. . September/ zu einer seltenen Feier. Der Gemetndevorstand hat beschlossen, zu Ehren des vor kurzem bet Vollendung seines 70. LebenöiahreS au! dem Gemeindevorstand ausgeschiedenen Geheimrats Dr. Julius Stern, der 24 Jahre lang Berliner Gemeindevorsteher und 8 Jahre Vorsitzender de! Gemeindevorstandes gewesen war. dessen von Künstlerhand geschaffenes Gemälde im Revräsentanten-Sttzungösaal anzubrtngen. Der jetzige Vorsitzende. Kammergerichtsrat Wolf, begrüßte den Jubilar, würdigte in längerer Ansprache seine Verdienste und ließ das von Fabians Meisterhand geschaffene Gemälde enthüllen. Rechts, anwalt Dr. Klee übernahm namens der Repräsentantenversammlung das Bild in Obhut und gab. ausgehend von der Wirksamkeit Sterns, einen Ueberblick über die geistige Entwicklung der Berliner jüdischen Gemeinde im letzten Jahrhundert, die Tendenzen charakterisierend, die im Gegensatz zur Zeit vor 100 Jahren heute die jüdische Gemeinde beherrschen. Geheimrat Stern dankte mit bewegten Worten, wobei er einen Rückblick auf seine Tätigkeit in der Berliner Gemeinde gab. Gesang und Harmoniumspiel umrahmten oie stimmungsvolle Feier. Berlin. Die .^Jüdisch-liberale Zeitung" hatte bereit» mehrfach Gelegenheit genommen, auf verschiedene, da! religiöse Empfinden des Inden verletzende Auslassungen im „Blauen Montag", der Beilage de! in Berlin erscheinenden „Montag-Morgen" hinzuweisen. Wie wir erfahren» schwebt jetzt bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht I. Berlin, gegen den verantwortlichen Redakteur de! „Blauen Montag". Erich Wetnert. ein Ermittlungsverfahren wegen Aergerniserregung durch öffentliche Gotteslästerung. schimvfung der Gebräuche und Einrichtungen der jüdischen Religionsgemeinschaft und Verbreitung unzüchtiger Schriften. Das Vergehen wird in einem Artikel „Hitler! Beschneidung" erblickt, der im „Blauen Montag" vom 8. September erschienen ist und in dem die Beschneibung in besonders grober Form verunglimpft wird. BreSla«. Die Sitzung der Repräsentantenverfammlung vom 14. dieses Monats brachte eine überaus reichhaltige Tagesordnung. Für archivarische Arbeiten, die Rabbiner Dr. Heppner Übertragen werden sollen, wurden 800 M. jährlich bewilligt. ES wird erwartet, daß die Geschichte-der Gemeinde eine Bearbeitung erfahren wird. Der Beitritt zur Gesellschaft zur Erforschung jüdischer KunstdenkmAer in Frankfurt a. M. wird genehmigt und bem deutsch-israelittschen Gemetnüebund zur Neuauflage deS Handbuches der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege eine einmalige Beihilfe bewilligt. Bon der Neufestsetzung -er Dchlachtgebühren. der .verausgabe eine! Gebetbuches für de» liberalen JugendgotteSdienst und der neuen DenkmalSord* nung auf dem Friedhof Lobestraße nimmt die Bersammlung genehmigend Kenntnis. Die Erhöhung der Platzpreise für die Synagogen (80 Prozents und für die ZwetggotteS» dienste szirka 100 Prozents ruft eine Debatte hervor. E» wird gewünscht, die Festsetzung möglichst einheitlich zu te-eln. Die Versammlung setzt eine Kommission ein» die Preiserhöhungen werden genehmigt. Eine größere Aussprache erfolgt über das neu herausgegebene Gemeindeblatt. Angeregt wird, die Austritte au! dem Judentum zu veröffentlichen. Der Vorstand wird ersucht, die Grundsätze datzulegen, nach denen er daS Blatt zu redigieren gedenkt. Der jüdischen Mtttelstandöhilfe hat der Vorstand etn Darlehen bewilligt. Lessen Zinsen für Fttrsorgezwecke verwendet werden sollen. Hierauf gelangt der Haushaltsplan für 1924/25 zur Beratung. Beim Titel Fürsorge wird die Beihilfe für -ie Watsenanstalt auf 4000 M. erhöht und eine Erhöhung der Beihilfen für die Arbcitcrfürsorge, das StechenhauS und'die Alterversorgungsanstalt angeregt. Ein Antrag auf Unterstützung des Keren Hajessod in Höhe von 8000 M. wird vertagt. Im übrigen wird dem nachstehenden Entwurf L«S Vorstandes zugestimmt: Verwaltung: (Haushaltplan) Für I Zuschuß 924 Uberschuß Gegen Zuschuß 1917 Uberschuß 1. Grundstücke. 967.- _ — 7905,20 2. Fnrsorgewesen. 189820.- — 124922.90 — 3. Rel.-Unterr..Anstalt 1 23092.— — 28192.44 — 4. , . .. H 14180.- — 16813.— ■ —. 5 Höhere Lehranstalten . 6040.- — — — 6. Bücherei und Lesehalle . 5869.- — 6730.- — 7. Alte Synagoge..... 963.— 22900— . .r* 8.; Neue Synagoge. 5408.- — 32984.— ' 9. Kvs'ggöttesdieüste,. . 7750.-. -' 16550.— 10^-Schkachtwesen. , . ». 10S90.- . 18256.40 11. Bädeürrstütt. .. 1526.- — ■ ■ 1160— .. .. 12. BeftaltungSwesen' und Grabpflege. 71620 12612.80 18. Allgem. Verwaltung. . 259817.84 — 147240.60 — Der Gesamthaushalt erfordert also einen Zuschuß you 408 058 M. (1617: 860181 M.s. Es wird damit gerechnet, daß die Steuern 200 000 M. erbringen werben, während 200 000 M. Ueberschuß aus dem Jahre 1828/24 zur Verfügung stehen, so daß der neue Haushaltsplan balancieren dürfte. Der Vorstand regt dte Gründung einer Kantorenschule ün. Auf seine Bitte wählt die Versammlung eine vorberatende Kommission. Aus der Versammlung heraus wird empfohlen, den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden für die Angelegenheit zu interessieren. Bezüglich der Repräsentantenwahlen beschließt die Versammlung: „Der Vorstand wolle durch eine baldige Satzungsänderung dte Amtsdauer der ausscheidenden Repräsentanten um ein Jahr verlängern, so daß die neue Gemeindevertretung alsdann einheitlich gewählt werden kann." Die Jerusalem-Bibliothek. Bon Professor Dr. Heinrich Loewe. Berlin. Der Gedanke, an einer Stelle alles zu sammeln, was jemals über Juden und Judentum von Juden und Nichtjuden geschrieben und gedruckt worden ist. und auf diese Weise eine alljüdische Bibliothek zu schaffen, ist zuerst von Dr. Joseph Chazanowicz aus Bialystok gefaßt und ausgesprochen worden. Er wollte auf diese Weile dem jüdischen Volke ein geistiges Denkmal ohnegleichen erbauen. Als er im Jahre 1892 in Jerusalem war. und dort die Anfänge einer kleinen Vereins-Bibliothek sah, kam ihm plötzlich die Idee, an der Stelle, an der einmal die Hauptstadt der jüdischen Kultur gewesen war. alles jüdische geistige Eigentum zu sammeln unü geordnet aufzustellen. Er nannte dies sine Jüdische National-Bibliothek. Dr. Chazanowicz. der ein Arzt war. und der immer nur bemüht war. für Arme zu sorgen und Tränen zu trocknen, der gleichzeitig ein nnermüdlicher Kämpfer für die Rechte der russischen Juden war unü ein Märtyrer seiner Ueberzeugung wurde, hat sein ganzes Leben lang Bücher in hebräischer Sprache und jüdischen Inhaltes gesammelt und sie nach Jerusalem geschickt. Auf diese Weise ist der Grundstock der Jerusalem- Bibliothek zustande gekommen. Dr. Chazanowicz hat im ganzen ungefähr 50000 58ände gesammelt, vor allem hebräischer Literatur aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Bon diesen Büchern hat er ungefähr 35 000 Bände noch selbst nach Jerusalem geschickt. Die Verwaltung dieser Bibliothek überließ er der Jerusalem-Loge deS Bne-Brith-Ordens. Bei den eigenartigen Zuständen des heiligen Landes vor der englischen Okkupation, wurde diese in keiner Weise sachlich geführt. Vielmehr war sie etn weitereS Mittel der Stadt-Politik gewisser in der Loge vorherrschender Personen. Infolgedessen hatte dte Bibliothek weder ein fachlich gebildetes Personal, noch einen irgendwie brauchbaren Katalog. Die Sicherheit der dort aufbewahrten Bücher war ein« ganz geringe. Hierzu kam die Unordnung Und Rechtlosigkeit des Krieges. Und als am 1. Juni 1020 die Bibliothek, dte Dr. Chazanowiey „Dem Jüdischen Volke" zum Geschenke gemacht hatte, in die Hände einer anderen Verwaltung überging, fand der provisorische Vertreter bet einer ersten Prüfung ungefähr 17000 Bände vor. Wenn , sich auch nachher die Zahl als erheblich größer erwies, so ist I es doch keine Frage, daß sehr viele von den Büchern bereits verloren gegangen waren. Angesichts dieser Zustände und weil man doch eine jüdisch - wissenschaftliche Bibliothek gebrauchte, wurde schon vor mehr als 20 Jahren der Vorschlag gemacht, in Jerusalem eine Universitäts-Bibliothek zu gründen. Es dauerte sehr lange, bis dieser Gedanke Freunde fand. Im Jahre 1613 wurde in Berlin die erste Sammelstelle von Büchern zu diesem Zwecke eingerichtet, mit der ausgesprochenen Absicht. von hier aus die Universitäts-Bibliothek in geordneter Weise zu gründen. Der Krieg hat zwar diese Tätigkeit schwer beeinträchtigt. Aber nach dem Kriege wurden dte beiden Bibliotheks-Unternehmungen Miteinander verbunden. ES ist seitdem vieles geschehen, um in Jerusalem eine Bibliothek für die hebräische Universität zu errichten, die zugleich iin Sinne des Stifters, eine Jüdische National-Bibliothek sein soll. Die Zentralstelle blieb in Berlin. Es ist gelungen, die Zahl der in Jerusalem vorhandenen und einigermaßen katalogisierten Bände auf ungefähr 00 000 zu bringen. Außerdem sind in den Sammelstellen der verschiedenen Länder noch größere Schätze von Büchern, die der Ueberführnng an ihr Ziel harren. Um genau zu sagen. waS die Bibliothek ist und. sein soll, ist eS gut. auch einmal festzustellen, waS .sie unter keinen Umständen sein darf. Da ist das erste, daß die Bibliothek keinesfalls irgendwie politisch gerichtet sein darf. Sie ist weder der palästinischen LandcS-Polittk. noch der zionistischen Partei-Politik dienstbar. Vielmehr ist sie eine, ausschließlich nach wissenschaftlichen Grundsätzen geleitete und zu wissenschaftlichen und K u I t u r z w e ck e n geschaffene I n st i t u t t o n. deren einziger Zweck eS ist, vorauösetznngslose Wissenschaft und menschlichen Kulturfortschritt z» fördern. Wenn auch jede Bibliothek selbstverständlich ■ erfreut ist, wenn sie besondere Seltenheiten bekommt, so ist eS doch nicht der Zweck der Jerusalem-Bibliothek, eine Sammlung von Raritäten zu sein. Gewiß hat Dr. Chazanowicz mit einzigartigem Blick Kostbarkeiten und Seltenheiten auf hebräischem und jüdischem Gebiete in der aanzen Welt zusammengebracht. Aber der Zweck der Bibliothek ist nicht die-, sondern eine Gebrauch!, und AvbeitS-Bibltothek zu sein. Der Gelehrte und der Student soll in ihr das Material bereit finden, dessen sie zu ihren wissenschaftlichen Arbeiten ———gp—■■■—mmmmmm bedürfen. ES wäre auch heute unmöglich, für diese Bibliothek den Handschrtstenschatz und jene ältesten Drucke zu sammenzubringen, die in europäischen und amerikanischen Bibliotheken wohlverwahrt liegen, weil diese Institutionen zum Teil seit vielen Jahrhunderten sammeln und jedenfalls mit großen Geldmitteln ihre Sammeltätigkeit durchführen können. Aber es ist keine Frage, daß es ein Ziel dieser Bibliothek sein muß, von sämtlichen Handschriften, die von und Über Juden und Judentum irgendwie und irgendwo geschrieben sind, und ebenso von allen Inkunabeln dieser Art, die man nicht im Original für die Bibliothek erhalten kann, allmählich eine vollständige photographische Sammlung zustande zu bringen. Selbstverständlich kann der Forscher auf hebräischem und jüdischem Gebiete dieser Handschriften und Bücher nicht entraten. Aber in den weitaus meisten Fällen werden ihm die photographischen Wiedergaben daS -Original ersetzen. Wenn daher die Jerusalem-Bibliotbek nicht eine pöttttsche und nicht eine Raritäten-Bibliothek. sondern eine der Arbeit und dem Gebrauche der Wissenschaft und allgemeinen Kulturfortschritten dienende Bibliothek sein soll, so bedarf/ sie der neuesten Bibliothekstechnik und der besten Verwaltung. Darum sind sich alle Freunde der Jerusalem-Bibliothek darüber einig, daß unter Ausschluß aller Parteianschauksige» nur wissenschaftliche und kulturelle Gesichtspunkte für sie kn Frage kommen. Sie wird alle Wissenschaften umfassen, wird nichts ausschließen. Aber selbstverständlich wirb die Kultur des Judentums ihr Zentralpunkt sein. Schon heute dient die Bibliothek zum Gebrauche der werdenden Universität. Erst recht bedienen sich iht?r. mit Vorteil die palästinischen Landesbehörden und die verschiedenen wissenschaftlichen Institute in. Palästina, ebenso.'sehr die jüdischen, wie die englischen, amerikanischen, katholischen, muSltnischen und anderen Institute. Neben den Gelehrten benutzen fast alle Berufe die Bibliothek. Und sie bemüht sich, den Arabern ebenso ihre Tore zu öffnen, wie. der/jüdischen . Bevölkerung. Sie erweist sich damit all eine! der besten Mittel, eine kulturelle Brücke des Frieden!, zwischen den verschiedenen Nationalitäten des Lande! zueinander S» schlagen. In Deutschland ist es die „Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek", die sich