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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-09-12 · 31 (12.9.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
31 (12.9.1924)
Date
1924-09-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die untrüglichen Kennzeichen einer lebendigen völkische« Vemeinschast sind Sprache, Sitte, Mythos. Gicht eS eine Misch« Sprache, eine jüdische Sitte, einen Misch«» Mythos? Ach glauLe, -atz die Frage in alle» drei Fällen unbezweiselbar mit nein beantwortet werben mntz. Die jüdische Sprache? Wo ist »öle Gemeinde, für töte bas Hebräische innerlichster, schöpferischer, etnzia möglicher Ansdruck ist, in der alle Glieder geeint sind durch bas fein«, ganz undeuttge Etwas. baS man Sprachgefühl nennt! Gewiß, eS wirb hebräisch nicht nur gelesen, sondern auch gesprochen. Aber ist baS nicht dem Latein vergleichbar, bas in mittelalterlichen Klöstern gesprochen wurde, ein aufgepfropfter Fremdkörper, unverstanden, bis zur Barberet entstellt, ein Hohn auf das, waS wirkliche Latircktät gewesen ist! Mir scheint die Analog« biS in Einzelheiten zutreffend: Das Hebräische ist eine tote Sprache. Und wo ist der Kinderschlag dieser Sprache in einer großen, modernen jüdischen Literatur, die feinster Reflex jeder Regung des sprachlichen Gefühls ist? Nirgendwo. Es gibt nichts dergleichen. Und die jüdische Sitte? Wo besteht das, rvaS man einen jüdischen Lebensstil nennen könnte, d. i. eine charakteristische Art und Weise jeder Aeußerung deS Lebens, die ohne weiteres als etwas spezifisches, einmaliges erkannt werden kann! Es handelt sich hier nicht um religiöse Bräuche. Riten, die eine fromme Pietät ehrfürchtig beobachtet, sondern um eine selbstverständkiche, einheitliche, mit nichts #u identifizierende Art und Weise der LebenSSußerung, die reicht europÄsch, russisch oder sonstwie ist. Wo gibt es auch nur Ansätze zn einer sozialenStruktnr im Judentum, einer Ordnung in Stände, Kreise, mit eirrem deutlichen Zentrum, daS irgendwo lokalisiert ist. Hat eS anherhalb Palästinas je eine jüdische Aristokratie gegeben, ein jüdisches Bürgertum, ein jüdisches Proletariat? Nein! Es gibt nur Juden unter der deutschen Aristokratie, unter dem deutschen Bürgertum, unter dem deutschen Proletariat. Die schwachen Ansätze zu einer jüdischen Sitte, die vielleicht in östlichen Ghettovierteln beobachtet werden können, stnd nicht natürlich gewachsen, nicht notwendig« Ergebutffe jüdischen Wesens, sondern sie sind erzwungen: Sie schwinden mit erstaunlicher Schnelligkeit, je mehr der Ghetto- -rvang sich verflüchtigt. Das Dritte ist die Frage nach dem jüdischen Mythos. Es gibt nicht diese unwägbare Kraft, die fett Urzeiten lebendig immer wieder die einmalige, typische Btston heraufzwingt. Es gibt nicht mehr die große, hinreißende jüdische Kunst, den Rembrandt, den Grünwald, den Faust des Judentums, der immer wieder geboren wird. Wir erinnern uns gerne der rührenden Versuche eines Martin Buber, eines Max Vrod. Aber das sind einzelne, mutige, sehnsüchtige. Es fehlt die breite, tiefe Resonanz, die mit einem mächtigen Auftriebe antwortet, es fehlt die produktive Gemeinde jener, die nicht nur Bücher liest und schreibt, sondern ein Symbol ans sich gebiert, das zum Zentrum, Brennpunkt alles dessen wird, was man als Judentum bezeichnet. Ich glaube, die Betrachtung ergibt mit Sicherheit nur eins: Es gibt keine lebendige jüdische Sprache, jüdische Sitte, keinen schöpferischen jüdischen Mythos. Es gibt nicht, muß es weiter heißen, ein jüdisches Volk. Es gibt vielleicht noch nicht einmal ein Judentum! Gewiß, man kann vielleicht sprechen von einer jüdischen Mentalität, von der man im einzelnen aufzcigen könnte, daß sie so und so beschaffen ist. Aber ich frage: Welches sind die Quellen, von denen sich das Denken und Dichten des modernen deutschen Inden speist, welches sind die Geister, deren Werk in den deutschen Inden lebendig ist? Sie heißen Goethe. Hölderlin, Kant und Nietzsche wie bei jedem anderen Deutschen. Mit diesem Erbe belastet tritt nun der Zionismus an eine Aufgabe heran, deren Losung schon als solche unmöglich ist. Es läßt sich tein Volk gründen, zusammensetzen durch eine Summation von Einzelinöividuen. Wieviel weniger ist dies möglich, wenn diese Einzelindividuen ein so verschiedenes Erbe in ihrem Wesen mitbringen. Ganz notwendig muß diese verschiedene Belastuna sprengend wirken, zentrifugal: Der deutsche Jude ist Deutscher, der amerikanische Amerikaner, zunächst seiner Tradition nach, erst in zweiter Linie ist er Jude, Nnanslöschbar sind beide durch den Geist ihres Mutterlandes bestimmt. So wenig es im Augenblick ein Europa gibt als Einheit, geschweige denn einen europäischen Staat — obwohl da die Bedingungen unverhältnismäßig günstiger liegen — so wenig gibt es ein Judentum. Bis hierher war die Rede von soziologischen Dingen, die gerade den Zionisten selbst am wenigsten unbekannt sind. Aber etwas anderes wird meist vollständig übersehen, -aß sich aus der Psychologie des Zionismus ergibt. Geivitz: Wer wollte verkennen, welche Kraft die Sehnsucht besitzt, dieses schöpferischste Seelenvermögen, welche Potenz die intensiv erlebte und inbrünstia geglaubte Idee zu entwickeln vermag? Und wer wird bezweifeln, daß in vielen Zionisten die Idee in dieser Wirksamkeit lebt? Aber ist sie in diesem Sinne auch lebendig in der Masse derer, die die eigentliche Bewegung repräsentieren? Es ist nicht nur die positive Kraft der Idee, die den Zionismus beflügelt. In der Masse der Anhänger ist es ein Passivum, ein negatives, ihnen selbst unbewußt, nämlich das Rassentiment. Der Zionismus als Maffenbewegnng ist zum großen Teil eine Reaktionserscheinung, und zwar eine Reaktion auf den Antisemitismus. Es ist nur zu verständlich: Das ekelhafte Geschrei der Straße, die Beschimpfung. Verleumdung, Anpöbelung, in der widerwärtigsten Art, bleibt nicht unwirksam. Wie natürlich ist es, wenn in dem Betroffenen der Traum vom Land der Väter auftaucht, wo er selbständig und stark auf seinem Boden seinem Gotte dient! Aber diese Vision fließt nicht aus einem Aktivnm, nicht aus einem Ueberfluß, sie hat nicht die zukunftschwere Fülle des reichen Herbstes. Sie ist Antithese. die ihre Kraft leiht von der These, mit der sie steht und fällt. Ich glaube nicht, dasi. wenn der Antisemitismus verschwände, wenn völlige Gleichstellung der jüdischen Angehörigen des Volkes, wahrhaft demokratische Gesinnung an seine Stelle träten, daß dann der Zionismus noch eine so zahlreiche Anhängerschaft hätte wie heute. Ich bin davon überzeugt, daß nur noch ein kleines Häuflein unentwegter Übrig bliebe, die sicherlich gerade die besten sind. (Wohlgemerkt: Es handelt sich bei dieser Erörterung nicht um eine moralische Diskreditierung der Motive des Zionismus: die letzten Triebkräfte des Handelns sind doch sehr vielen oft völlig unbekannt.) So ist es. glaube ich, nicht zu bestreiten, der Zionismus ist als eine Maffenbewegnng nicht die Objektivation der positiven, zionistischen Idee, sondern ist die Folge eines durch den feindlichen Gegensatz bedingten Widerspruchs. Der Zionismus ist, er wird weiter sein, er wird auch vielleicht einen Staat gründen, aber es wirb vergeblich sein: Die braven Kämpfer, die in Palästtna daS unmöglich« versucht haben, sie werden vergeblich geopfert sein auf dem Altäre ihrer Sehnsucht. Die geschichtliche Entnßcklung laßt sich nicht rückgängig machen. Die Diaspora ist ein Faktum, sie ist ein integrierender Bestandteil jedes einzelnen, heutigen Inden, der sich nicht willkürlich ausscheiden läßt. Ich sehe nur eine Möglichkeit für das Judentum, die die Folgerung aus alle dem. was oben gesagt wurde, ist, nämlich den Weg zu gehen, den das gebildete Westjudentum is.it der Emanzipation meist gegangen ist: Wahrung der jüdischen religiösen Eigenart, wie die irgendeiner anderen Konfession, im übrigen bewußte Eingliederung in die kulturelle Struktur des Gastvolkes. Richard Winne rS. BÜCHERSCHAU Das ^Paradies* in Mecklenburg, Nicirt etwa das Eß-Paradie«, das die Berliner in der Kriege- und Nachkriegszeit in dem gesegneten Lande fanden und noch finden — nein, -das leibhaftige, biblische Paradies ist von Franz von Wendrin in einem schon in zweiter Auflage vorliegenden Buch: Die Entdeckung des Paradieses in unserem nördlichen Nachbarland feudalen Andenkens nachgewiesen worden. Bisher suchte man den „Gaa Eden" der Bibel, nach ihren eigenen Worten, irgendwo im Osten Palästinas und glaubte wenigstens einen der vier ParadiesfKisse im Euphrat wiedererkennen zu dürfen. Weif gefehlt! Der Euphrat oder Frat ist die Warthe, der biblische Pison ist die Peene und der Paradiesgarten ist das Gebiet von Dernmin, zwischen Malohiner und Kummerow-See, Auch waren nicht etwa Adam und Eva die ersten Menschen und Paradiesbewohner, sondern Jahwe, Elohim, die Haveler (I), die Cherubim usw, Adam ist ein rotbrauner Bastard, der von den damaligen Germanen aus dem Neandertaler durch Kreuzung zum Halbmenschen emporgezüchtet wurde! Und wie kam unser Verfasser zu diesen „aufsehenerregenden" Entdeckungen? Nach seiner Angabe im Vorwort durch das Studium der schwedischen FeLszeichnungen, in denen er eine 800 000 Jahre alte# Bilderschrift erkannte und entzifferte. Die „niederrassigen" Ebräer haben, um mit Friedrich Delitzsch zu redten, die „große Täuschung'* der Menschheit verschuldet, als sie das Paradies nach Asien verlegten und uns „in einen großen Sumpf hineinblendwerktcn". Das „größte älteste, ja sogar überhaupt das einzige wirkliche Kulturvolk der Menschheit" sind die Germanen, Bei ihnen sind alle uns wohlbekannten biblischen Namen zu Hause (Jerichow bei Magdeburg, Paradies bei Meseritz), und als die Ebräer durch die Schlacht bei Katscher-Bauerwitz (biblisch Kades- Barnea) gezwungen wurden, aus Germanien zu flüchten und ihre Hoffnungen auf den Wiedereinzug in das Mecklenburgische Paradies zu begraben, da nahmen sie die uns wohlbekannten Namen aus Germanien mit — auch der Name Jordan stammt von einem uralten Dörfchen im Kreis Schwiebus in Brandenburg — und übertrugen sie schwindelhafter Weise auf Orte und Flüsse in Palästina. Ebenso große Schwindler wie die Ebräer waren die Griechen; ihre Kämpfe um Troja sind auch eine Fälschung, Troja ist eine Verballhornung von Triebsees, unweit des mecklenburgischen Paradieszentrums Dernmin, das eigentlich ,,Königssitz" bedeutete. Sein Wappen, eine Stadtmauer mit Tor und Türmen, ist 60 000 Jahre alt und das älteste Stadlwappen der Welt, Auf 250 Seiten wird dieser blühende Unsinn in breiter Darstellung mit einer Unmenge etymologischer Gewaltdeutungen, willkürlicher Heranziehung prähistorischer, assyrischer, ägyptischer und anderer bildlicher Darstellungen illustriert und sehlielich unter Profansicrung katholischer liturgischer Formeln als Heils Wahrheit am Weihnachtsabend 1923 urbi et orbi verkündet. Ein trauriges Zeichen für den geistigen Tiefstand einer gewissen Volksschicht in Deutschland ist der Umstand, daß ein so unlogisches, wirr gedachtes und die Tatsachen vergewaltigendes Buch in kurzer Zeit zwei Auflagen erleben konnte. Der lockende Titel erklärt dies nicht allein. Es ist eine seit Jahren zu beobachtende, betrübende Erscheinung, das Schriften, die kritiklos die Germanen in den Himmel heben und alle anderen Völker als minderwertig hinstellen, in Deutschland auf Erfolg rechnen können. Das ist in letzter Linie die groteske Auswirkung der Chamberlainschen Geistesrichtung. Wieviel diese Art Schriftstellerei dem Ansehen Deutschlands in den Augen der Welt geschadet hat und noch immer schadet, sehen die Verfasser, die man als wirre Phantasten anschen muß, leider nicht ein. Und fast noch betrübender als das Erscheinen solcher Bücher überhaupt ist die Erniedrigung, die ein altangesehener Verlag wie Georg Westermann erleidet, der sich dazu hergegeben hat, ein solches Machwerk zu drucken und der Öffentlichkeit zu übergeben. Fast möchte man die entschwundenen Zeiten der Bücherzensur wieder herbeiwünschen, wenn man diese „Entdeckung dies Paradieses" durchblättert! S. F e i s t-Berlin. Kommentar zum Alten Testament, Herausgegeben von Professor D, Ernst Sellin, Band I. Die Genesis, übersetzt und erklärt von D. OttoProcksch, Professor der Theologie in Greifswald, Leipzig und Erlangen 1924. A Deichertsche Buchhandlung Dr. Werner Scholl. 584 Seiten, broschürt. Ein großzügig angelegtes Werk, sowohl bezüglich der Akribie in den winzigsten Einzelheiten fleißigster Ameisenarbeit wie auch im Hinblick auf die äußerst geschickte Sichtung und so klare Ordnung des schwierigen, wissenschaftlichen Stoffes, In einer zweiten und dritten Auflage obenerwähnter Arbeit hat Procksch seine „Genesis" gänzlich neu „erstehen" lassen. Die Literatur über die Genesis könnte eine Bibliothek ausfüllen. Was Procksch gebracht hat, ist trotzdem etwas Neues, Nicht nur für den Bibelforscher im strengst wissenschaftlichen Sinn, sondern auch für den Nichtwissenschaftler, der nicht mit blinden Augen die biblische Welt als ein buntes Chaos von willkürlich hingestreuten Erzählungen und von Geist wie Gemüt tötenden stumpfsinnig zu befolgenden Gesetzen durchtasten will, ist die Bibel eine Kette von Erlebnissen einer nie stille stehenden Entwicklung. — Drei Quellen durchziehen bekanntlich die fünf Bücher Mose und Josua, zusammen Hexateuch genannt: 1. der Jahwist, 2. der Elohist, 3. der Priesterkodex, Die dritte Quelle verdankt ihren Ursprung dem Umstand, daß die Elohim quelle nicht einheitlicher Natur ist, und daher benannte man die Stücke, welche die Einheit stören, „Priesterkode x". Dieser Priesterkodex ist nachweislich die jüngste Quelle und wird etwa erst in das sechste oder fünfte rorchritliche Jahrhundert zurückdatiert. Schon die Einleitung vorliegenden Werkes nimmt den Leser gefangen. Procksch versteht es, eine packende Schilderung des Buches Genesis zu geben, wobei er nicht nur das Religiöse betont^ sondern auch feinfühlend auf die Kunst des Genesiserzählers eingeht. Einen klaren, alle belehrenden geschichtlichen Entwicklungsgang der Quellen entwirft er, ao daß der Laie die schwierige Materie in leicht faßlicher Form kennen lernt. Und was die Textforschrung betrifft, so werden wir durch Procksch» Schilderung in die wichtigsten Punkte der semitischen. Versionen und der Septuaginta eingeführt. Das Packende an der Arbeit liegt auch darin, daß Procksch den Text der Genesis nicht hintereinander, sondern nach Quellen gesichtet übersetzt hat. So zerfällt die Uebersetztmg in drei große Teile, Zu Anfang eines jeden steht ein Vorwort, das noch besonders Über die betreffende Quelle, der die Text stücke entstammen, ausgiebig Auskunft gibt. Ein tiefgründiger Kommentar, worin stark auf das Versmaß eingegangen wird, eröffnen dem Gelehrten und Laien neue Aussichtspunkte für die Betrachtung und verschaffen vielseitige Anregungen. Des Verfassers Wunsch bezüglich Nachprüfung des Metrums gerecht zu werden, dazu bedürfte es noch einer weitschweifigen Sonderbesprechung. Alles in allem: Wir haben es hier mit einem Geschenk der Literatur zu tun, das dazu angetan ist, die Kenntnis und Liebe zur Wissenschaft der Bibel in interessanter Weise zu fördern. Rabbiner Dr. Arthur R o se nt hak, Beufbeai (OberschlesianJ. Taschenbuch für Familiengeschichtsfonchung. Heraasgegeben auf Veranlassung der Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte und bearbeitet in Verbindung mit anderen von Archivar Dr, phiL Friedrich Wecken, mit einem Geleitwort von Ludwig Finckh. Dritte verbesserte und erweiterte Auflage, Leipzig, Verlag Degener & Cie., 1924 (237 Seiten, kartoniert 5.— AL, gebunden 6.50 M.). Die Wissenschaft des Judentums ist, wi« bekannt, unendlich stark von der allgemeinen, nicht zuletzt vom der deutschen Wissenschaft befruchtet und gefördert worden. Es wäre Kirchturmpolitik, dieses zu bedauern oder herabzusetzen, vielmehr sollte dieses Schöpfen aus dem allgemeinen Quell nur bejaht und das Herübeme'hmen exakter wissenschaftlicher Methoden, da, wo es bisher fehlte, freudig begrüßt werden. In diesem Sinne soll hier der neue „Wecken", das von der Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte herausgegebene Taschenbuch für Familiengeschichtsforschunig, all denen, die der Geschichte ihrer Familien nachgehen oder nachgehen sollten, wärmsten« empfohlen werden. Wenn auch bei der Verschiedenartigkeit de« Quellmaterials für jüdische und nichtjüdische Familiengeschicht«forschung viele Partien dieses Taschenbuches in keiner besonderen Beziehung zur jüdischen Familiengeschichtsforschung gesetzt werden können, so bietet es doch hinsichtlich der allgemeinen Anschauung und wissenschaftlicher Vertiefung der Familiengeschichte, hinsichtlich der Methoden und ganz besonders der exakten Anlegung aller familiengeschichtlichen Tabellen und Listen so viel Wertvolle« und Instruktives, daß der jüdische Familien^tschichtsforscher an diesem Handbuch nur zu seinem Schaden vorübergehen dürfte. Es sei noch hervorgehoben, daß der verdienstvolle Gelehrte und Berliner Arzt, Dr, med, Arthur Crellitzer, der erst vor Kurzem eine „Vereinigung der Freunde jüdischer Familiengeschichtsforschung" ins Leben gerufen hat, zu den Mitarbeitern des Taschenbuches gehört. Dr. Jacobson, Hermsdorf. Pfarrer Dr. Hans Brtrppacher, die Beurteilung der Armut im alten Testament, 1924. Verlag Seldvyla, Zürich, Die vorliegende Abhandlung ist ein wertvoller Beitrag zur Würdigung der zentralen Bedeutung des sozialen Problems für das altisrealitische Geistesleben. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit beleuchtet der Verfasser in sorgfältiger, historischer und psychologischer Prüfung des gesamten biblischen Schrifttums die seelische Grundeinsfellung des alten Testaments zur Armut und gelangt — wie nicht anders zu erwarten — zu dem Ergebnis, daß Not, Mangel und Entbehrung im israelitischen Volke als ein nicht in der göttlichen Weltordnung begründetes Uebel empfunden werden. Wenn die Besitzenden von dem Geiste der Gerechtigkeit, des Wohlwollens, der Barmherzigkeit und der Hilfsbereitschaft durchdrungen wären, den die Religion Israels von ihren Be kenne rn fordert, so brauchte es keine Armen zu geben oder ihre traurige Lage könnte doch wenigstens insoweit gemildert werden, da,ß niemand von dem Reichtum, der segenspendenden Macht undiGnade Gottes, völlig ausgeschlossen wäre. So gewinnt dier Verfasser aus der unbefangenen Betrachtung des ethischen Gottesglaubens des alten Testaments das leitende Motiv für die Armenfreuindlichkeit und Armenfürsorge, welche uns in. allen Teilen unserer Bibel als ein besonders charakteristischer Wesenszug der Träger des israelitischen Geisteslebens entgegentreten. Das gewaltige Ringen der großen israelitischen Propheten mit dem Problem der Armut, ihr leidenschaftlicher Kampf gegen den Hochmut, die Habgier und die Schwelgerei der Reichen und ihr warmherziges Eintreten für die Enterbten und Entrechteten werden scharf heraus gearbeitet; aber auch die nachexilischen Schriften des alten Testaments und besonders das Buch Hiob legen dem Verfasser ein vollgültiges Zeugnis für den tiefreligiösen sozialethischen Geist ab, der im Volke Israel labte und der in der überall auf eine milde, schonende und rücksichtsvolle Behandlung der Armen dringenden israelitischen Gesetzgebung sich verkörperte. Für den Kenner des alten Testaments sind diese Ergebnisse der vorliegenden Abhandlung nicht gerade überraschend, aber der redliche Eifer, mit dem der Verfasser der Religion Israels gerecht zu werden «eh bemüht, sein klarer Blick für das Wesentliche und Wertvolle und sein besonnenes Urteil, das sich auch in der Widerlegung gegnerischer Ansichten nicht verleugnet, berühren ungemein sympatisch und legen den Wunsch nahe, daß seine Studie auch in jüdischen Kreisen und besonders in unseren Jugendvereinen die ihr gebührende Beachtung finden möge. Rabbiner Dr. Blumeothal, Berlin, Die Weisen von Zion entdeckt! Verlag Willi. Wblff-Hamburg 1924, Agathenstraße 5. Broschiert 16 Seiten, Ein grell in die Augen fallendes Heftchen! Auf gelbem Grunde ein Farbengemisch von Schwarz und Rot. Wohl sprechend für den Inhalt des Heftchens? Besonders auffallend ist das rote Davidsschild und darüber dick aufgetragen ein großes schwarzes Hakenkreuz, Ob das Schwarze vielleicht den blinden, vernunftwidrigen Haß und das bescheidene Rot darunter etwa die stille, geduldige Demut bedeutet, die im Zeichen der Liebe schließlich allen Haß besiegen wird „einst am Ende der Tage"? Aus diesen schönen Träumen wird man herausgerissen und gräßlich ernüchtert, wenn man das Schriftchen aufschlägt und liest. Abgesehen von dem unmöglichen Deutsch, das sich der Verfasser leistet, ist die ganze Aist und Durchführung des Elaborats durchaus unvornehm und ohne jegliche Objektivität. Plump greift er den „Zentralverein" an und entwirft im Zusammenhang mit diesem Angriff ein erstaunlich dummes Zerrbild von den Pharisäern. Als die „Weisen von Zion" gelten ihm also die Bekenner des Zentralvereia« nicht, ebensowenig die Juden der Naumannrichtung auch nicht die „Agudisten" und „Hurrazionisten" und „weißen Juden". Wer sind mm für den Verfasser die „Weisen von Z i o n"? Antwort: die Kolonisten Palästinas! Ist das nicht ein phrasenhaftes Spielen mit dem Feuer? Der Verfasser — so gut er es vielleicht meint — leidet an einer groben Geschmacksverirrung. Wir müssen das Schriftchen von A bis Z ablehnen. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Beutfoem (Oberschlesien). Rabbiner Dr. Heppnerg Jüdisch-literarischer . Abreißkalender. (Selbstverlag Dr. Heppner, Breslau, Antonienstr. 24). Auf der ersten Seite des Kalenders bezeichnet der Herausgeber als Zweck der Blätter: „Die Kenntnis des jüdischen Kalender«, der jüdischen Geschichte und Literatur in die weitesten Volksschichten zu tragen und hierdurch das jüdische Selbstbewußtsein zu heben, sowie die Liebe zuin Glauben der Väter zu stärken". Sicherlich wird der Abreißkalender, der vor dem Krieg als Tageskalender, jetzt als Woehenkalender erscheint, hierzu beitragen. Freilich würde er seiner Aufgabe noch weit mehr gerecht werden, wenn er nur die Gedenktage derjenigen Persönlichkeiten enthalten würde, die für die Gesamtjudenheit nennenswerte Bedeutung erlangten. Woydta-BerHn, i

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