Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 31 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2613366-2613741-2613772--0973-2618291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«tritt Arber Professor, sin- -och -er Fahnenträger Le- §bt* allsmus." Unter dem liberalen AnltuSmiri'iste'rjNM Falk erhielt LazaruS im Fahre 1878 dir Berufung zu einer ordentlichen Professur bei der philosophischen Fakultät der Berliner Unt-versttät. Die Fakultät aber wollte sich keinen Profesior vom Minister anfoktroyieren lassen, und so billigte sich «azaruS -Mn des lieben Friedenwillen" mit der Honi>rar- Professur. Was ihm der deutsche AnttsenttttSums vorenthielt, dafür entschädigte ihn die Anerkennung, die ihm wie kaum einem -weiten über Deutschlands und Europas Grenzen hinaus -uioil wurde. Veinerkenswert ist das Urteil, das der französische Gelehrte Gabriel Monod über ihn adgibt: „Larnrns riait un esprit encyclopedique; il avait r««?ti de son idticatkm jurve une connaissance approfondi de llifebreu; il 6tait ltngtriste, thdologien, philosophe, historien, juriste et verso en meme temps dians les Sciences naturelles, en particulier la m6decme. Il riait donc admirabl einen* prGparg L tenter la synth&se hardie de «a Völkerpsychologie qui est, 1 vrai dire, L la foia im essai de sociologie et un essal de Philosophie de Vhistoire; car Ü ae propose d’etudier et les ph^nomfenes sociaux qui sont communs ä 1 humanitd en gcn6ral et I nvolution des pbönomönes psychologiques et moraux ä travers les ftges. — Un esprit aussi riche, •ussi varin que celui de Lazarus, uni 4 un caractnre du phis noble idnalisme et de la gräce la plus snduisante, fit de lui non tm savant enferme dans son cabinet, mais un homnae d'aetion et un homme du mon.de au meilleur sens d)u mot; son infkience d la töte du parti liberal et reformateur dans le judaisme fut ©onsiderable; il ne cessa pas de se möler aux affaires politiques de 1'Allemagne; romme professeur ä l'Universitg de Berne, ä la Kriegsakademie et d l’Universite de Berlin, comme Conferencier 6coute et applaudi dans les soefetes savantes et littnraires, dans les con^rös, dans les salons meme, il exer^ait un irresistiblc ascendant. Sa maison etait un centre littnraire et artistique. Partout oü Lazarus etait en. sejour, en Suisse, en France, en Antriebe, i! ntait un Löte recberchö et aime, Il etait aussi goute des artistes que des savants, et il inspirait la Sympathie, 1‘estime et l’acmiration aux horames de tous les partis comme de toutes les restgions." (zitiert nach: „Leicht, Dazarnsfiudien", einer aufschlußreichen Arbeit, die als Beilage zum Jahresberichte des Realgymnasiums zu Meißen 1912 erschienen ist und besonders über die Jugendzeit reiches Material bringt!. Haben mir bisher Lazarus in seiner Bedeutung als Philosoph, als Lehrer und als Redner zu würdigen versucht, so verbleibt uns als der für uns wichtigere Teil seine Bedeutung für das Judentum. In einer Zeit, da die Taufe, insbesondere in akademischen Kreisen wie eine Seuche grassierte, in einer Zeit. da Professoren und andere Intellektuelle kühl bis ins Herz hi'inn der väterlichen Religion gegenüberstanden, in einer Zeit, da religiöse Begeisterung für das Judentum einem öden Rationalismus gewichen war, sprach Professor Lazarus mir dem biblischen Joseph: „Meine Bruder suche ich!" Und gab mit diesem Losungswort ein Beispiel der Nacheiferung, das nicht hoch genug bewertet werden kann. In religiös bewegten Momenten wie in politisch erregter Jett stand er als Führer auf vorderstem Posten. Seines Herzens heißest: Liebe galt von den Tagen seiner .Kindheit bis zu seinem letzten Atemzug dem Judentum. „Treu und frei", das Wort, das ans seinem Grabstein in Meran geschrieben steht, das Wort, das er selbst der Samntlung seiner Reden und Bvrträge über Inden und Judentum als Titel gegeben, war der Wahlsprnch und der Inhalt seines auch durch umfassende, seinem gütigen Herzen entsprungene Philanthropie gesegneten Lebens. Rührend und erhebend ist das Zeugnis, welches Michael Sachs in einem Briese vom Jahre 1802 als Dankeswort für die bedeutende Rede, die Lazarus aus Michael Sachs bei der Feier seines 25jährtgcn Amtsjubiläums gehalten hat, für Lazarus ablegt: „Ich habe mir den gewaltigen Umschwung klar gemacht, der in unserer Mitte sich vollzogen, daran, das; ein jüdischer Professor der Philosophie diese Gedanken in dieser Form in dieser Gesellschaft aussprechen kann, anSsoricht und mitten in einer desorientierten, zerstreuten, blasierten, materialisierten eitlen Weltrichtung mit stürmischen Jubel angehört wird! Einer, der es macht, nur ein Einziger — und Gottlob, so schlimm ist es doch auch nicht! — in einem Einzigen hat sich ein solcher Prozeß für Millionen vollzogen, und der Eine ist der Rechte und Echte." Allerlei Jüdisches ans meiner Aulographenfammlnug. Plauderei von Professor Dr. Eugen Wölbe. Ter Unwissenheit unserer Umwelt beliebt es,- die Gemeinschaft Israels als trage, nur dem Gelderwerb huldigende Materialisten zu tennzeichnen. Genuß: wir sind Menschen der Wlrtttchteit: mir wissen den Wert des Geldes zu schätzen, denn cs stellt ein'Mittel zur Erreichung des dem Menschen gesteckten Zieles dar: glücklich zu sein und glücklich zu machen. Das; jener Borivurf schrankenloser ErmerbSgier jeglicher Grundlage entbehrt, geht ans der Tatsache hervor, daß die Juden in mindestens ebenso starkem, wenn nicht in noch stärkerem Ausmaß als ihre christlichen Mitbürger schön, geistigen und künstlerischen Interessen huldigen. Auch auf allen Gebieten wissenschaftlichen Sammelns betätigen sich Israeliten, vielfach troll bescheidener wirtschaftlicher Lage. So trägt die Pieckit jüdischerAntographophilen mit besonderer Vorliebe liandschristlichc Erinnerungszeichen an bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte, der Literatur und der Kunst zusammen. Demgemäß ist es kein Zufall, daß der Autographenhandel zu Dreivierteln in den Händen jüdischer Glaubensgenossen ruht. Einen Sammelzmcig, der in größerem Ausmaße den Geist bildet und das Gemüt erhebt als das Antographensammcln, dürste es kaum geben — was bedeutet beispielsweise die seltenste "Briefmarke, die sich immerhin in den Händen einiger Philatelisten befindet, gegenüber dem eigenhändigen Brief einer Berühmtheit, der nur in dem einen Exemplar vorhanden ist. das der glückliche Besitzer in seiner Sammlung verwahrt! Vor mir liegt ein Brief von MoseS Mendelssohn an Nicolai. Der deutsch-dänische Schriftsteller August von Hennings hat dem Philosophen ein kleines Philosoph:- schcS Werk zur Besprechung übersandt. Mendelssohn-berich. tet hierüber in seinem — bisher nngeöruckten — Schreiben: Bester Freund'. In einem Jahrhundert schon habe ich daS Vergnügen nicht gehabt, mich mit Ihnen zu unterhalten. Die Schuld liegt freilich mehr an mir als an Ihnen: denn ich war einige Wochen verreiset, und habe mir zu Strelitz sbci seinem Freunde, dem Herzog!. Kammeragenten Nathan Meyer. Anm. d. Verf.s die Weile verkürzen lassen, so gut es Mecklenbnraer können. Indessen war es zum Teil eine Reise in Ge>cbä'ten. und stand es nicht bey mir. solche zu vermeiden. Ich habe unterdessen beykommendes Schreiben von Hennings nebst der Einlage an Sie erhalten. Der Mann hat wirklich ante Absichten, und führt sie zum Teil auch da in Dänemark, wo er wichtigen Einfluß hat. wirklich aus. Sie haben ihn also nach den Grnndsällen des guten Geschmackes sehr richtig beurteilt. Aber er scheint von seiner Seite mit Sieben Jahre später stawd Lazarus au der Spitze der ersten israelitische« Synode zu Leipzig. In seiner Schlußrede, die hie Ergebnisse der Synode zusammenfatzte, sprach er: ,L>te Arbeit meiner Tage steht im Dienste der Idee; die Idealität zu pflegen durch meine geistige Tätigkeit, ist meine Lebrnsaufgabe. An -er Erkenntnis der Ideen, an der Läuterung derselben, an ihrer Verbreitung milzuarbeiten ist ja Sache des Philosophen. DaS Bekenntnis aber mutz ich hier ablegen: (wenn auch nicht für alle Philosophen, so doch für mich) nach meiner festen Ueberzeugung gipfelt alle Idealität in der Religion, alle Ideen stehen in ihrem Dienste nnH sie verleiht allen die höchste Weihe. Unter Religion verstehe ich nicht nur das Bekenntnis, nicht blotz das Dogma, nicht blotz die Satzung, — sondern die Religiosität selbst, jene allgemein menschliche Erhebung und Vertiefung, jenes Aufsteigen auf di« Höhen des Menschentums, jenes Hinaufsteigen vom Kleinen zum Grotzen, vom Alltäglichen zum Erhabenen, vom Endlichen zum Uueudlichen, vom Zeitliche» zum Ewigen." Und als Echo ertönte ihm aus der Mitte der Versammlung durch den Mund des gelehrten Oberrabbiners Löwl Szegedin die Antwort entgegen, die an das oben zitierte j Zeugnis Michael Sachs' erinnert: „Hochverehrter Herr Professor, ich spreche im Geist der hier versammlten Männer, wenn ich sage, -atz Sie in unseren Herzen sich ein unvergängliches Denkmal gesetzt haben. Man hat heute und oft die Philosophen als Antagonisten der Theologie hingestcllt: aber siehe -a, dir Philosophie ist mit der Theologie Hand in Hand gegangen, wie vielleicht bisher noch niemals, in dieser Beriammlung. Ein alter Philosoph hat gesagt: die Philosophie führt von Gott ab, wenn man an ihrem Pokale nur genippt hat, sie führt aber zu Gott zurück, wenn man an ihrer Quelle seinen Wissensdurst auf eine ausreichende, vollkommene Weise gestillt hat. Sie, verehrtester Herr Professor und Präsident, haben diese herzerhcbende Wahrheit auf die anschaulichste Weise dargestellt,- ein deutscher Philosoph ersten Ranges, der Begründer der Völkerpsychologie, glüht nicht nur für Idealität und Religiosität tm allgemeinen, was leicht zu erklären wäre, sondern er glüht in frommer Begeisterung für die Lehre und Ehre Israels." Die tiefe Religiosität Lazarus' war es, die ihn zu seinem wundervollen Buche über den Propheten Jeremias begeistert. Denn Jeremias war der Verkünder einer neuen wahrhaften Religiosität. Die -Hingebung an Gott, die Erfüllung seines ganzen Gemüts mit dem Gottesbewnßtsein, ist der Grundzug seines Charakters. Was wissen wir anderen von derselben? Wie wenig bietet uns unsere eigene Ecsahrung! Wohl denken auch wir bisweiten an Gott; wir erheben uns aus dem Umkreis alltäglicher Gedanken, fühlen uns ihm nahe: aber doch nur zu gewissen Zeiten, unter besonderen Umständen,- etwa wenn wir das Gotteshaus betreten, wenn das Erhaben: in der Natur oder den Schöpfungen des Geistes unsere Seele besonders emporhebt, wenn ein Glück uns überwältigt oder ein gigantisches Schicksal uns niedecrrirft. Dem Propheten aber ist die Welt ein Gotteshaus, immer ist seine Seele zum Höchsten gestimmt, und von dem Schicksal der Menschen und seines Volkes ist sein Gemüt stetig ergriffen. Das weltliche Gewöhnliche und das persönlich Eigenste verwandelt sich in seiner Seele zum Symbol des Allgemeinen. Jeremias ist der eigentliche Mittel- und Angelpunkt der wetthistorischen Reform, oon der selbst ein Stade sagt, das; mir noch heute unter den Nachwirkungen dieser von Jeremias ausgegangenen Neuerungen stehen. In liebevoller Hingebung versenkt sich Lazarus in di: religiösen Neugedanken des Propheten, und er, der Psycholog. zergliedert und erhellt dt: begnadeten Gedanken in nachsühtender religiöser st rast und Wärme. Dem großen Idealisten setzt der Idealist Lazarus ein Ehrendenkmal in seinem einzigartig-schönen Buche, das in den Worten ansklingt: „Er hat den Götzendienst vernichtet, hat den Lebensbanm der Religion des Geistes gepfanzt. Und was er biö heute gewesen, wird er noch für lange Zeit hinaus bleiben: einer der größten Lehrer, und einer der strengsten Mahner: zum Gottesdienst der Sittlichkeit: der Sittlichkeit nicht bloß des Einzelnen, sondern der menschlichen Gesellschaft, durch welch: allein sie zu einer heiligen Gemeinschaft werden kann. „Treu und frei" und den „Jeremias" bezeichnet Lazarus als Vorarbeiten zu seinem LebenSivcrk: „Die Ethik des Judentums". Wir möchten als weitere Vorarbeit vor allem noch sein Sammelwerk: Ist deale Fragen", insbemmmmmmmmmmmmamsmmamammKmaaatmmmamaammtmmtiammipmTmm gutem Grunde diesen süßlichen Honigseim gewählt zu haben, um die Pille verschlucken zu machen. Da seine Schrift ,FDlavidis" im Grunde doch auch nicht schlecht ist, so tun Sie, bester Freund, der guten Sache immer den Dienst und rezensieren sie selbst. Ach! wenn ich mit einer Rezension sitz Indenkinder zu Handwerksgesellen, und 30 Leibeigene zu Freybauern machen könnte, so würde ich den guten Geschmack um Verzeihung bitten und auf eine halbe Stunde ins Nebenzimmer zu gehen versuchen. Und nun wieder zu Geschäften — Michaelis' Uebcrsctzung des Alten Testaments, so viel davon heraus ist. bitte cinpacken und unter Adresse Joseph Seligmann. Vater, Sohn & Comp, mit erster Post nach Königsberg in Preußen abgehen zu lassen, mir aber Faktur zu senden, die ich allsosort bezahlen will, daher ich sie zu guittteren bitte. Leben Sie wohli Den Sonnabend besuche ich Sie gewiß. Den 8. Iuly 1779. Moses Mendelssohn. In einem Briefe des Grafen Friedrich C h r i st i a n Sto l b erg an die dänische Hofdame Gräfin Moltke heißt es bei der Bitte um Verzeihung wegen eines unterlassenen Glückwunschbesuches: ... Ich darf mich unter anderm auf den Grafen Heinrich Revcntlow berufen, -er noch heute Zeuge war, daß ich in einer Gesellschaft, wo ich mir nur aus dringender Not eine solche Freiheit erlaubte, wie ein Jude, der wider das sechste Gebot gesündigt hat. in seiner Synagoge, so in großen, weiten Pantoffeln erscheinen mutzte. Zwar habe ich eigentlich keinen Podagra-Akzeß. allein die Beine, meine sonst so getreuen Untertanen, versagen mir ihren Dienst und kommen mir vor, als wären sie mit Wolle ausgestopft ... Michael Beer, der jungverstorbene Dichter des „Paria", lädt -en Professor der Botanik Nees von Esenbeck mittels folgenden Briefchens ein: Könnten Sie, verehrter Herr, sich wohl entschlietzen. Ihrer Krankheit ein wenig Gewalt anzutun und Sonnabend mittag bei mir. im Kölnischen Hofe, mit einer Suppe vorlieb nehmen? Ich will Sie hege« und pflegen, so aut ich es vermag: nicht etwa mit einem Gericht Paria — behüte Gott! Sie sollen Poeten genug finden, aber keine Poesie. Etwa die abgerechnet, die Sie überall mitbringen, wo sich ein heiterer Kreis Ihrer Gesellschaft erfreut! Schlagen Sie mir's nicht ab und kommen Sie. ES gibt kein tröstlicheres Heilmittel als ein GlaS Wein, das Freundes Mund auf unser Wohl trinkt. Sie werden das Mittel probater finden, als den Blumenduft. der Sie umweht. Versuchen Sie es nur, es reut Sie gewitz nicht. Sie werden allen Freunden durch Ihr Erscheinen gewitz die herzlichste Freude machen, keinem aber größere als Ihrem Bonn, hochachtungsvoll ergebenen den 11. Nov. 1824. Michael Beer. sondere die Aufsätze „Ein psychologischer Blick in unsere „DaS Herz" und „Gedanken über Ausllürung kahlen. Ja man kann die gesamte geistige Tätigkeit eines langen Menschenlebens als Vorarb:tt zu dieser Ethik des Judentums ansehen. „Nicht nur -habe ich fast 15 Jahre daran gearbeitet, so schreibt er an den Rabbiner Dr. Wise in Cincinnati beim Erscheinen des ersten Bandes der Ethik, „sondern alle dir Jahre, die ich als Lehr-, Wander- und Meisterjahre in der Wissenschaft verlebt hatte. alS ich das Werk begann, kann ich als Vorbereitung dazu ansehen." Die Grundeinstellung Lazarus' war eine ethische, und seine psychologischen Forschungen münden fast überall irgendwo ins Ethisch:. Wahrend Kant und Herbart die Ethik unabhängig von der Erfahrung machen und sie aus sittlichen apriorischen Normen ableiten, steht Lazarus, wie auch später Wundt ganz auf historischem Boden. Beide erkennen, daß die Völkerpsychologie der Ethik den sicheren Boden bereite und als ihre eigentliche Vorhalle zu betrachten sei. AlS ich Mitte der Wer Jahre daS Glück hatte, Professor Lazarus in Hamburg persönlich kennenznlernen. brachte ich di: Rede ans seine Ethik des Judcntnms. mit deren Abfassung die Welt ibn beschäftigt wußte, und fragte ihn, wie er der historischen und philosophsichen Schwierigkeit, die sich der systematischen Bearbeitung der Ethik entgcgenftellen, Herr geworden s:i: denn das Judentum sei doch in den 4009 Jahren seines Bestandes nicht so einheitlich gewesen, daß man von einer Ethik des Judentums sprechen könne. Die ans Aristoteles zuruclgehcnde Ethik de? Maimonides sei doch nicht die Ethik der Psalmen und Sprüche und Propheten. und was die Begründung der Ethik angche, so sei doch schon innerhalb der Thora selbst die cudämonistische Begründung des Deuteronomiums und zweiten Gebotes nicht die theistische Begründung des „heilig sollt ihr sein, denn ich der Ewige, enrr ö>>ott, bin heilig." Unvergessen wird mir die präzise Antwort Lazarus' bleiben: „Die Ideale der Besten sind Norm." Unsere damalige von mir als reichen Gewinn für mein Leben dankbar bewahrt: Unterhaltung über die Probleme der Ethik des Judentums mag Anlatz dazu gewesen sein, das; Lazarus an KarpeleS, den Redaktonr der „Allgemeinen Z.citung des Judentums", schrieb, ec mö^e mich bitten, seine Ethik in der „A. Z. d. I." zu besprechen. Selten habe ich mich einer Ausgabe mit größerer Freude und Genngtnnng unterzogen lsieh: „A. Z. d. I", 68. Jahrgang, 1899, 9lr. 2—5). Bildet die Ethik des F-chenttim?. deren zweiter Band erst nach Lazarus' Tod herauskam, den Höhepunkt seines Schaffens. so sagt er selbst von einem kleinen Büchlein, daS nach feinem Wunsche als posihnincs Werk erschien, daß er dessen Inhalt und Ziel höher als alles, was ihm sonst im Leben zu leisten vergönnt war, achte: „die Erneueruna des Judentums" „Diese Schrift" (das Büchlein trägt eben diesen Titel), schreibt er im Borivort, „ist mein Vermächtnis an meine Glaubensgenossen, an die Inden, welche nach mir leben rverden. Denn ans meine Z-eitgenvssen wird sie keine irgendivic erhebliche Wirkung tun, mit A'.lsnahme vielleicht der Juden des enrop7ji?ch»n Dstens oder des Westens der Erde, in Arnerila. Dort sä'eint mir dch aeinige Bewegung groß und stark genttg zu sein, um eine Erneuerung des Iuden-- tmns herbciznsübren oder wenigstens vorzubereiten. Hier aber im ganzen 'Westen Europas ist das Geschlecht der Inden znm grössten Teil träge, stumpf und mattherzig für die Sache seine r ü l: (i g i o u g, e w o r d e n. Der kleine Teil der Eisrlzcn ab.r ist engen und beschränkten Geistes. Bon der großen geistigen Bewegung, welche durch die gebildeten Völker dec Menschheit geht, und von den; wirtsümcn Anteil, welchen das Judentum daran zu vehinen fähig und darum verp,lichtet ist, haben sic keine Borstellnng. Wer die «stesiirnc des Himmels nicht mit dem Geiste und mit der Rechnung, sondern nur mit dem Auge sieht, Hai leinen Begriff von ihrer wahren Größe, ihm erschein:;; sie alS leucstcende Funken, und die Erde allein, die ihm nahe ist. und au; der er fest steht, hält er für einen großen Welk-örper. Ans dem Gebiete der geistigen Mächte, welche das innere Leben der ststenschheit gestalten, ist es nicht anders. Wer, wie die Eifrigen unter uns, die sogenannten Dribodoren, ern'ariet, die Inden Europas würden zu dem Leben nach den Satzungen des Scbulchan Arnch, wie es eima vor hundert Fohren geführt worden ist, zucücklesiren, trügt sich mit einer salst-ben Hcfinnng. an welche er nicht einmal glaubt: wer aber in dieser Rückkehr zu einer »■«rany. «*»grr"r:3r-.1- Mit einen; nngemein charakteristischen Briese ist Heinrich Heine in weinen; Album vertreten. Er schreibt an Weit: Baröges den 28. Juli 1846. Liebster Weil! Ick; danke Ihnen f;;r die Niitteilung in Betreff meines Wahnsinn^: es iehli nur noch, daß wieder drey deutsckn' t'iedernckinuer anstreien. weiche die Wahrheit mit ihren; Ehreuivocte bezecrgen! — Eine direkte Erklärung konnte ich nicht wachen, ohne einem illidicul heimzufallen. Aber ich schrieb auf der Stelle nach Augsburg lan die „Allgemeine Zieitting". D. Verf.I und in einem Artikel, welcher mein Zeichen trägt, berühre ich die Sachau Sobald dieser gedruckt ist, bitte ick; Sie. in dornten "tttttern davon zu reden, und ich glaube, die Art und Wette, wie ich das Dementi gebe, ist interessant genug. — Es ist in der Tat die brillanteste Bcrlänmdnng, welche die Blätter Deutschlands. denen ick; schon io viel verdanke, anfgenonnnen haben. — Es geht mir etwas bc-'er. und ick; fange wieder an zu essen: mein schöner Bauch ist vericluvunden. — Heut ist meine Frau ganz allein mit ihrem huicka nach einer der aesährlichsten Höhen der Pyrenäen geritten, wo leicht Unglücke entstehen. Sie ist noch nicht zurück — bin aber noch nicht in Anast, ich, der ich vor Angst veraing, wenn sie in Paris eine Stunde zu lange ausblicb! Aber es ist bester, sie fällt in Gottes Hand, als in die Hände der Men'chen — teres ist immer in Paris zu befürchten. Schreiben Sil? mir bald. Freundschaftlich heiter grüßend H. Heine. Ergreifende Worte findet Leopold Kompert, als er sich beim Dberrabbiner Iellinek in A'ien kür die Trauerrede an der Bahre seiner Slicstochter bedankt: Teuerster Freund! In unwandelbarer Erinnerung werden mir die Worte bleiben, die Sie an dem Sarge unseres unglücklichen Kindes gesprochen, mir und meinem alten Schwiegervater zum Tröste und zur Erhebung ans den Qualen der bittersten Stunde! Sie werden nie von mir weichen, niemals: und bat sich in ihnen der große Kanzelredner bewährt — der Freund, der sie sprach, ist mir in diesem furchtbaren Augenblick für immer in das Herz geschlossen worden, ans welchem er nie weichen wird. Gott segne Sie dafür! Mehr vermögen wir. meine schmerzgebeugte Frau und ich. nicht zu lagen. Gott zahle Ihnen jene Worte mit tausendfachem Lohne zurück! Ihr Sie hochverebrender Frennd Dr. Leopold Kompcrt. Daran schließt sich tm Album der sinnreiche Tenkiprnch von M o s e n t Ti a I: Es steht die hehre Kunst in Gottes Schutz: Was sich auch wassnc gegen ihre Söhne — Es siegt zuletzt das Edle und das Schöne. Wien, den 19. Oktober 1864. Dr. T. H. Mosenthül.