Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 31 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchOemkZeÜML Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich M. IM Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Milgliedsbeilrage enthalten. :: :: r Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Doyda. Dte „Jüdisch . liberale - Zeitung" erscheint jeden Sreilog. Schriftleiiuna und SsschüttssleUe: Berlin, (Pauerftrafje22. Sernruf: Amt Merkur Nr. 8T25 Poftfdjedtkontoi Berlin tl\V7nr. 137069 (Vereinigung für Das liberale JuDentum) nad)Drucfe sämtlicher Orlglnal-Belttflge nur mit vorheriger Genehmigung Der ReDaktion gestaltet 1 Anzeigenpreise: Sie ttgespaüem NonpareillezeHe 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark. :; :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz. Berlin S 42. Alexandrinenstraße 05/90. Fernsprecher: DSuhoff 437), sowie sämtliche Annoneen-Erpedtttouen. Nr. 31 Berlin, 12. September 1924 4. Jahrgang Moritz Lazarus. Zum ICK). Geburtstag am 15. September 1924. „Am heutigen Tage schließt sich der weitgespannte Ring eines Jahrhunderts seit. . . der Mann geboren wurde, welchem dieses Denkmal errichtet ist. Millionen und abermals Millionen haben vormals und in dieser Zeit das Licht der Welt erblickt: sie vollenden den langen oder kurzen Lauf des Lehens, dann verschwinden sie wieder, in engen Kreisen Spuren ihres Daseins und Wirkens hinterlassend, welche selbst wiederum nach kurzer Dauer verschwinden. Nach dem Matze ihres Wirkens wird ihres Lebens Wert gemessen. Stufenweise, in unendlicher Mannigfaltigkeit steigt der Umfang. die Dauer, der fortwirkende Eins tun und damit auch der Wert der Lebenstat empor. Wenige aber ragen weit hinaus und hinauf: durch Grütze der Kraft. Stärke des Wollens. Ausdauer der Arbeit gelingt cs ihnen, irgendeine Seite der menschlichen Bestimmung zu höherer Vollkommenheit zu bringen, als die arvtze Masse neben, als die Reihe der Geschlechter vor ihnen erreicht hatte. Sie sind die Wohltäter, denn sie sind die Bildner der Menschheit." Mit diesen Worten feierte Lazarus in seiner berühmten Rede auf Herbart bei der Enthüllung des Denkmals in Oldenburg zum hundertjährigen Geburtstag seinen Meister, nach dessen Schule er genannt wird. Aber diese Worte mögen getrost auch auf Moritz Lazarus selbst angewendet werden. Denn auch er ragt weit hinaus und hinauf: durch Grütze der Kraft. Stärke des Wollens, Ausdauer der Arbeit gelang es ihm, eine Seite der menschlichen Bestimmung zu höherer Vollkommenheit zn bringen, als die grvtze Masse neben, als die Reihe der Geschlechter vor ihm. Denn Lazarus ist der Begründer einer neuen Wissenschaft, der Völkerpsychologie. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Psychologie als eigentliche Wissenschaft in's Dasein getreten: mit der Frage nach den Gesetzen des Seelenlebens hat Herbart ihr ein unerschütterliches Fundament bereitet. Er hat cs versucht, eigentliche, strenge, und zwar mathematische Gesetze der geistigen Tätigkeit auszustellen, und mit Hilfe der Beobachtung, Spekulation und des mathematischen .Kalküls hat er eine Statik und Mechanik des Geistes geschaffen. Aber Herbart blieb im Individualismus stecken: wenn er auch weiß, daß die Psychologie immer einseitig bleibt, solange sie den Menschen als alleinstehend betrachtet, so streift Herbart überall nur die Aufgabe der Völkerpsychologie, geht immer an ihr vorüber und verfehlt immer wieder den rechten Gesichtspunkt zur Erfassung derselben. Mit diesen Worten charakterisiert Lazarus selbst die Herbartsche Jnöividualpsychologie und ist darum nicht eigentlich als Hecbartianer zu bezeichnen. Lazarus stellllt der Psychologie des Einzelmenschen die Gemeinschaftspsychologie des gesellschaftlichen Menschen zur Seite, die er Völkerpsychologie nennt, weil für jeden Einzelnen diejenige Gemeinschaft, welch eben ein Volk bildet, sowohl die jederzeit historisch gegebene als auch, im Unterschied von allen freien Kulturgemeinschaftcn, die absolut notwendige und wesentlichste ist. Kein Mensch ist das. was er ist, rein aus sich geworden, sondern nur unter dem bestimmenden Einfluß der Gesellschaft, in der er lebt. Jene unglücklichen Beispiele von Menschen, welche in der Einsamkeit des Waldes wild ausgewachsen waren, hatten vom Menschen nichts als dessen Leib, dessen sie sich nicht einmal menschlich bedienten: sie schrien wie das Tier und gingen weniger als sie kletterten und krochen. So lehrt traurige Erfahrung selbst, daß wahrhaft menschliches Leben der Menschen. geistige Tätigkeit nur möglich ist durch das Zusammen- und Jneinauderwirken derselben. Der Geist ist das gemeinsame Erzeugnis der menschlichen Gesellschaft. Der Einzelne ist Mensch nur in der Gemeinschaft. Aber diese gleichzeitige Gemeinschaft genügt nicht zur Hervorbringnng des Kulturmenschen. Das Bewußtsein des gebildeten Menschen beruht auch noch auf einer durch viele Geschlechter hindurch fortgrpflauzten und angcwachsenen Ueberlieferung So ist der Einzelne, welcher an der gemeinsamen Geistesbildung teilnimmt, nicht nur durch seine Zeitgenossen. sondern noch mehr durch die verflossenen Jahrhunderte und Jahrtausende bestimmt und von ihnen abhängig im Denken. Fühlen und Wollen. Er lebt aber nicht mit allen seinen Zeitgenosien und allen Zeiten seiner Vergangenheit in gleich innigem Zusammenhänge. Es bilden sich innerhalb des großen Kreises der Gesellschaft kleinere Kreise und immer engere bis hinab zur Familie. Diese Kreise nun stehen nicht nebeneinander, sondern durchschneiden und berühren sich mannigfach: so entsteht innerhalb der Gesellschaft ein höchst vielfach in sich verschlungenes Verhältnis von Verbindung und Absonderung. Demgemäß ist auch die Teilnahme des Einzelnen am Gesamtgeiste eine höchst verschiedene nach Richtung und Innigkeit und gestattet die unermetzbare Mannigfaltigkeit persönlicher Individualitäten. Aber wie scharf begrenzt die Persönlichkeit auch sein mag, sie ist immer in ihrer Entwicklung durch die räumlichen Verhältnisse eines bestimmten Ortes, durch die zeitlichen eines bestimmten Zeitpunktes, durch einen besonderen Volks- Familien- und Ttaudesgeist bedingt. Sein Wissen und Gewissen, sein Fühlen und sein Wollen, sein Tun und sein Genießen, sein Empfangen und sein Schaffen ist mit feinet Aus dem Inhall: Nabb. Dr. Seligmann - Frankfurt a./M.: Moritz Lazarus. — Rabb. Dr. Tänzer - Göppingen: Moritz Lazarus über die Synoden. Prof. Dr. Wolbe-Berlin: Allerlei Jüdisches aus meiner Nutegraphensammlung. — Robert Hirschseld-Berlin: Eine vergessene Judenansieölung. — Max Roseuseld-Dresden: Die Schöpfung. — Richard Detlev Löwenberg-Hamburg: Na-hor. Clara Schott-Leipzig: Tusche. Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gerneitchen. — Bücherschau. — Der jüdische Sprechsaal. — Ans der Bewegung. — Versammlungskaleuder. — I] Kalendarium. H Vorstandssihung der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Am Sonnabend, den 13. und am Sonntag, den 14. September 19-4 findet in Berlin eine Sitzung des Gcsamtvorstandes der Vereinigung für das liberale Judentum e. B. statt, die der Vorbereitung der diesjährigen Hauptversammlung und der Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden dient. Nach der Beratung einzelner technischer Aenderungen ivird eine eingehende Aussprache über dte bei den Wahlen zum Preußischen Landesverband auftauchenden Fragen erfolgen. Im Gegensatz zu den Strömungen, die bei anderen jüdischen Parteien bekannt geworden sind, besteht, wie wir hören, in maßgebenden Kreisen des liberalen Judentums die Ansicht, daß die ersten Wahlen zu der Gesamtvertretung indischer Gemeinden Preußens nicht durch ein Kompromiß l zum Zerrbild gestaltet werden dürfen. Ties besonders deö-tt jhatb, weil die gesetzliche Neuregelung der Stellung der Juden in Preußen einen deutlichen Hinweis darauf erfordert, daß die überwältigende Mehrheit des deutschen Judentums auf deutsch-vaterländischem Boden steht. Steigerung der Einwanderung in Palästina. Wie die Palästinensische Telegraphen-Agentur erfährt, sind während des Monats August 2070 Immigranten in Palästina emgetroffen. Im Juli betrug die Zahl der Immigranten 1772, im Juni 1995. Während des ganzen Jahres 1923 wanderten 7421 Personen ein: 1922 kamen 7844 Immigranten ins Land. Seit der britischen Besetzung Palästinas, also seit 9. Dezember 1917 bis Ende des Jahres 1922, kamen 26 639 Juden nach Palästina. wittelalter. Dr. Mkcr Behzr aus Konstantinopel, der den Orient zwecks Ausbaus des Systems der Bnei Brith-Logen bereist, weilte dieser Tage in Aleppo, wo er eine Bnei Brith-Loge .organisierte. Er brachte Dokumente der palästinensischen OberraiMiner mit, in welchen diele versichern, daß das Werk des Bnei Brich durchaus nicht antireligiös und der Ermutigung wert ist. Rabbiner Schloimo Loeb aus Jerusalem, der sich gegenwärtig in Aleppo aushält, sprach in einer öffentlichen Rede das Verbot, den Bnei Brith-Logen beizutreten, aus und erklärte diejenigen Personen in den Bann (Cherem), die dem Orden angehören. Sir Herbert Samuel bleibt Gberkommissar von Palästina. Am 2. September wurde hier amtlich mitgeteilt: Sir Herbert Samuel hat während seines Aufenthaltes in London mit dem Kolouialamt ein Abkommen getroffen, wonach er seinen Posten als Oberkommiffar für Palästina weitere fünf Jahre — vom Zeitpunkt des Ablaufs seiner jetzigen vertraglichen Amtsperiode gerechnet — bekleiden wird. UnlerMi Eure Organisation! Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum E. Berlin NW. 7. Nr. 137 080. Geburt an diesem Punkt der geistigen Gesamtentwicklung oorausbestimmt. Folglich bleibt die Psychologie immer einseitig, solange sie den Menschen als alleinstehend betrachtet. Diese grundlegenden Gedanken regten sich schon frühe in Lazarus. Schon als Student hat er an den Grundprinzipien der Herbartschen Psychologie eine fast durchgehende negative Kritik geübt. Und daß nicht Steinthal sondern er der Begründer der Völkerpsychologie gewesen ist, das hat der treue Schüler und Freund Lazarus', Alfred Leicht, in seinem Buche: „Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie" gegen jedm Einwand sieghaft bewiesen. In der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft", herausgegeben von Lazarus und Steinthal, wurde der wissenschaftliche Aufbau der Völkerpsychologie in den zwanzig Bänden von 1858 bis 1890 vollzogen. Die erste Grundlegung aber geschah bereits in einem der ersten Aufsätze, die Lazarus veröffentlichte „über den Begriff und die Möglichkeit einer Völkerpsychologie" (1851). Als philosophischer Schriftsteller berühmt wurde Lazarus durch seine geistvollen Untersuchungen über „das Leben der Seele", deren erste zwei Bände von 1855 bis 1857 erschienen. Sie sind in einer edlen, vom philosophischen Schulzwang freien Sprache geschrieben und wollen durch die der gebildeten Welt zugängliche Form ein Beitrag zur Förderung höherer Bildung sein. So lassen sie die Systematik vermissen, wie denn Lazarus überhaupt kein eigentlicher Systematiker war. Weit entfernt aber, daß diese fehlende Systematik von den philosophischen Fachgenossen als Mangel angesehen wurde, hat die zeitgenössische Kritik „das Leben der Seele" mit begeisterter Anerkennung ausgenommen. Der berühmte Professor an der Universität Jena, der Psychologe C. Fortlage, schreibt über „das Leben der Seele": „Diese Monographien wirken auf den, der sich mit ihnen näher befaßt, in ähnlicher Art aufklärend, wie man im Altertum von den Gesprächen des Sokrates zu rühmen wußte." Lazarus wurde auf Grund dieses Werkes als Professor an die Universität Bern berufen. Dort überhäufte man ihn mit Ehren und Auszeichnungen, wie sie wohl kaum einem Professor je zuteil geworden. Er wurde bald zum Dekan der philosophischen Fakultät und im Jahre 1865 zum Rektor gewählt. Als solcher überbrachte er anläßlich des 500jährigen Stiftungsfestes der Wiener Universität die Glückwünsche der Berner Universität und wurde — inmitten des illustren Kreises zahlloser wissenschaftlicher Berühmtheiten der gefeierte Mittelpunkt des ganzen Festes. In „Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen" erzählt Nahiöa Lazarüs, die treue Genossin seines Lebens und seiner Arbeit, wie der Präsident des Festes, Professor Joses Hyrtl, nach dem Glückwunsch. den Lazarus öargebracht hatte, zum allgemeinen Erstaunen seinen Platz verließ, auf Lazarus zuschritt, ihn umarmte und küßte. „Einen Augenblick herrschte das Schweigen der Überraschung, dann aber entfesselte diese spontane Zärtlichkeit des als sehr zurückhaltend, ja als schroff und abweisend bekannten Hyrtl einen wahren Jubel. Nun hieß es allgemein: Bern hat den Vogel abgeschossen!" Am Abend des Kommerses hoben ihn die Studenten auf ihre Schultern und trugen ihn von Tisch zu Tisch. „Vergeblich bat der Uebercaschte, man möge ihn herunterlassen: sie hielten ihn fest, und überall wurde ihm mit den frisch gefüllten Gläsern zugetrunken und stürmische Lebehochs gebracht auf die Völkerpsychologie, auf den Lehrer der Jugend. Die blitzenden Augen, die strahlenden Mienen, die freudigen Zurufe ringsum zeigten ihm, wie sehr er aus der Empfindung aller gesprochen: es war ein Zusammenschluß der Seelen." So wirkte Lazarus als Redner. In Deutschland freilich hat er es trotz aller Verehrung und Anerkennung der Besten nicht zum ordentlichen Professor gebracht. Liebe zu der deutschen Heimat zoa ihn, trotz aller Ehren, die ihm in der Schweiz erwiesen wurden, trotzdem Basel und Zürich ihn zu gewinnen sich heiß bemühten, nach Berlin zurück. Seit 1868 dozierte er an der Berliner Kriegsakademie Philosophie. Er verdankte seine Berufung dem Direktor der Kriegsakademie, General v. Etzel, letzten Endes aber dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Bon der fünfgliedrigen Kommission der Kriegsakademie waren drei Militärs für, die zwei Räte des Kultusministeriums gegen die Berufung. Als das auf Grund des Majoritätsbeschlusses ausgeferttgte Patent dem König Wilhelm zur Unterschrift vorgelegt wurde, fragte der König den General v. Etzel: ,L8as hat denn Wiese gegen den Mann?" „Daß rc ein Jude ist, Majestät!" Darauf König Wilhelm trocken: „Wenn es sonst nichts ist —nahm die Feder und unterschrieb. Lazarus' Persönlichkeit und seine anregende UnterrichtSweife bewirkten, daß die Zahl der Hörer bei diesen fakultativen Vorlesungen von 10 — soviel waren es gewesen, als Lazarus sein Amt übernahm — auf über 100 anstieg. Im letzten Jahre seiner Lehrtätigkeit hatten sich bis auf einen alle Offtziere eingeschrieben. Zu seinen eifrigsten Förderern und Freunden zählte der Kronprinz, der seine Vorlesungen häufig besuchte, der sogar einmal eine Hoffestlichkeit verlassen hatte, um Lazarus reden zu hören und einmal laut, Satz es alle Umstehenden hören sollten, sn chm sprach: „Sie,