Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 31 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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von der Weltkultirr abgeschlossenen und nur der Vorschrift des Schulchan Aruch folgenden Lebensweise, weil er sie allein als das Feste und Faßliche vor Äugen hat — dt« wirkliche Erhaltung und das Heil des Judentums sieht, der kennt das Wesen desselben und feine Aufgabe im Leben 'der Menschheit nicht. Was in den düsteren Jahrhunderten, in den engen Gassen des Ghettos so wertvoll war für die bloße Erhaltung des Judentums, das äst heute im Lichte und im Kreise einer vorwärtsstrebenden und schreitenden, täglich bereicherten und sich verjüngenden geistigen Kultur nahezu wertlos. Die wahre Erhaltung des Judentums als eines Gedankenkreises und einer Gemütswelt von schöpferischer geistiger Kraft und wirkungsreich?'' Gesinnung kann nur durch eine fortschreitende Läuterung und Erhebung desselben bewirkt werden.' denn dadurch allein wird es in den Stand gesetzt, mit den die Geschichte der Menschheit gestaltenden geistigen Mächten in Harmonie m bleiben und berechtigten Einfluß auf sie zu üben. Die Mizwos (Gebote) mit ihrer äußerlichen Uebung tun «S nicht, sondern allein der Geist, aus dem sie geflossen, der Gedanke, der in ihnen lebt, wie in den Seelen der Propheten und der hoch und frei gesinnten Rabbinen auflenchtcte. Diese Gedanken müsien wieder Form und Leben gewinnen. Das Judentum ist reich an solchen schöpferischen gesinnungzrugenden Gedanken. Aber dieser Reichtum ist verborgen, verhüllt, vergraben in der Masse der satzungsmäßigen Uebungen, entwertet durch die Wucht und den Wert, welcher auf rein äußerliches Tun gelegt ist, dergestalt, daß die Notwendigkeit der Fortbildung und Nerigestaltung der Gedanken selbst fast vergessen ist. Das äußerliche Tun umkleidet die Gedanken nicht, es engt sie ein, es erstickt sie. Der Gedanke, der glücklicherweise doch auch überliefert ist. erscheint nur beiläufig, zufällig, wie ein Zierrat an Festtagen, in Festpredigten vorgcwiesen: die Wirklichkeit, die Tättgkeit gehört der äußerlichen Hebung. Dieser Gedanke aber muß zur eigentlichen geistigen Tat, die innere Bewegung des Gemüts, der Antrieb der Gestununa muß zur Wirklichkeit werden. Aus langjährigen — wenn auch nur gelegentlich bei völkerpsychologischen Forschungen geübten — Studien über die Religionsgeschichte der gebildeten Völker, und der Inden insbesondere, aus eigenen Beobachtungen bei der Teilnahme an den Beratungen und Bewegungen des zeitgenössischen Judentums (Gemeinde, Dcutsch-israel. Gemeindebund und Synoden) ans fleißigem und hiugegebenem Nachdenken sind diese Gedanken über die Notwendigkeit und die Wege der Erneuerung des Judentums entstanden. Wenn sie als Saatkörner im Geiste künftiger Führer desselben gedeihlich aufsprießen, dann habe ich nicht umsonst gelebt! — Höher als alles, was mir etwa sonst im Leben zu leisten vergönnt war, werde ich dann diese Mitwirkung an einer Erhebung, Befreiung und Veredelung des Judentums achten!" Mögen diese Worte und seine näheren Ausführungen in dem Buche selbst am Erinncrungstage des Kämpfers für liberales Judentum ein heiliges Vermächtnis sein! Dann erst werden wir mit berechtigtem Stolze sagen dürfen: „denn er war unser!", ein großer und edler Bannerträger und Vorkämpfer, Vckcnner und idealer Verkündiger des liberalen Judentums, ein Wohltäter und Bilderer der Menschheit. Vabb. Dr. Scligmann - Frankfurt a./M. Moritz Lazarus über die Synoden. Von Rabbiner Dr. A. Tänzer, Göppingen. Aus einem der interessantesten und reichhaltigsten Kapitel meines demnächst erscheinenden Buches*, aus dem über die beiden Synoden, will ich hier einiges mitteilen, das um so wertvoller sein dürfte, weil cs Lazarus' eigene, noch unveröffentlichte Acußcrungen über die Synoden, vornehmlich über die in Leipzig 1800, enthält. Lazarus teilte das Schicksal aller wahrhaft Großen: verkannt zu werden. Man verkannte sein monumentales Werk „Die Ethik des Judentums", indem man es als im Dienste der Rcformbewegung stehend oder doch als von deren Geist getragen vielfach htnzustellen beliebte. Und doch widerlegt nicht nur deren Inhalt diese Auffassung, sondern auch die Tatsache, daß er sich von Anfang an bemüht hat, die Führer drr Orthodoxie, wie S. R. Hirsch in *) „Moritz Lazarus' Biographie als Jude." Frankfurt a. M. und Rabbiner Salomo« Spitzer in Wien, zur Mitarbeit heranzuztehen. Auch in seinem reformfreundltchen Wirken, das vornehmlich bet den Synoden zum Ausdruck kam. wurde er vielfach verkannt. Lazarus war in der Tat alles eher denn ein Radikaler, weit mehr noch könnte er. wie ich in meinem Buche an gar vielen Zügen feines Lebens Nachweisen werde, als Jude konservativer Gesinnung eingeschätzt werden. ES ist dies bet den, seinem ganzen LebenSlaufe unverwischbar anhaftenden Eindrücken seiner Jugendzeit, bet feinem gründlichen Wissen auf talmudischem und rabbinischem Gebiete und bei seinem schrankenlos treuen Empfinden Mr daS Judentum auch nicht anders zu erwarten. Wie LazaruS über die Synoden, deren Inhalt und Verlauf und über sein« eigene Tätigkeit bet denselben dacht»' mögen die folgenden Ausführungen, welche nur einen kleinen Teil der hierüber in feinem Nachlasse befindlichen Notizen von seiner Hand btlden, zeigen. An seinem 70. Geburtstage, der ihm bekanntlich eine seltene Fülle von Ehrungen brachte, machte er folgende Aufzeichnung über die Leipziger Synode: „Mein Vorzug bei der Synode war: ich war einer der Jüngsten. Das spornt die Verantwortung. Sodann: ich war frei, unabhängig: nicht einmal Vorstand einer Gemeinde. Ein Professor der Ptlosophie an der Kriegsakademie in Preußen. Wie kam ich hinein? Ms Repräsentant der Berliner Gemeinde. Die Sitzung der Repräsentanten: mehrere Redner dagegen: weshalb? Aus Kleinm u t und U e b e r m u t. Kleinmut: es wird ja doch nichts. Uebermut: wir machen uns unsere Reform allein. Die Rede, die ich dann gehalten, war vielleicht mehr wert als alles, was ich auf der Synode gesagt und getan. Ich zeigte, daß eine Gemeinde gar keine jüdische Gemeinde ist, wenn sie nicht an den Fortschritt glaubt, und wenn sie nur an sich und nicht an das Judentum, an die Gesamtheit denkt. Darauf hieß es. ja, wer soll gehen? Wollen dann Sie gehen? Ja! und einstimmig wurde der Beschluß und meine Abordnung angenommen." Nach dem Abschlüsse der vom 29. Juni bis 4. Juli tagenden Leipziger Synode war Lazarus, der, trotz vieler gewählter Mitarbeiter und Kommissionen, als Präsident die Synodalgeschäfte fast allein zu erledigen hatte, noch über eine Woche in Leipzig geblieben, „damit wir auf der Höhe der Ordnung bleiben", wie er an seinen bei der Synode neugewonnenen Freund, den Szegcdiner Oberrabbiner Dr. Leopold Low, am 12. Juli schreibt. Hierauf reiste er zu kurzer Erholung mit seiner Gattin nach der Schweiz. Aus Jnterlaken gab er dann, noch unmittelbar unter dem frischen Eindrücke der Synode, seinem in Filehne weilenden Brnder Leser, dem nachmaligen Direktor des Breslauer Rabbiner- Seminars, der damals Rabbiner in Prenzlan war. am 22. Juli 1809 einen großen Bericht über die Synode, aus dem folgender Auszug hier mitgcteilt sei: „Von dem Erfolg der Synode kann ich Dir noch wenig sagen: ich habe selbst noch kein klares Urteil und werde es vielleicht vor dem Zusammentritt der zweiten nicht haben können. Eins nur ist sicher: die Versammelten haben in den Tagen ansteigend eine Erwärmung von so hohen Graden gezeigt, bei Jung und Alt eine solche Begeisternngsfähigkeit. daß ein lebensfähiges Zentrum sich wohl gebildet haben kann, von welchem aus eine solide Entwicklung sich gestalten wird. Unmittelbar wertvoll war dies, daß von konservativer Seite humanistische und von radikaler Seite historische Zugeständnisse von wahrer Bedeutung gemacht sind, und beides nicht — ganz und gar nicht — tm Sinne des Kompromisses, der Transaktion, sondern hingerissen von dem idealen Gehalt der Aufgabe der Synode, von dem Bewußtsein gemeinschaftlichen Wollens. von der Möglichkeit gemeinsamer Hoffnung. Ich glaube, alle sind als Parteimänner gekommen, viele (vielleicht fast alle) als parteilose, wenn auch in ganz bestimmter Richtung wirkende, redliche Mitarbeiter der Synode gegangen: und wenn es meine s'chio war. etma§ zu wirken, so vielleicht am meisten alS Vorbild in dieser Beziehung. Noch wissen die meisten gewiß nicht, wodurch ich gewirkt habe: sie sprachen (und sprechen in den Berichten) die Tatsache aus, daß der Erfolg, ja der Bestand (das Zusammenbleiben) der Synode wesentlich mir zu verdanken sei. aber sie kennen die Ursache nicht. Auch mir ist diese noch nicht völlig klar, und so lange zweifle ich auch an jener. So viel ist mir gewiß, die Technik der Leitung, die Erhebung durch einzelne einleitende Reden und die , Schlußrede sind nur Mittel, und haben auch nur mittelbar mitgewirkt: der Grund allet», aus öctt M«fe ttfttef fftdta hat unmittelbar seine Wirkung getan. Hast Dn den Bericht von Dr. Hontgmann (Schlesische Zeitung), de» Du mir öe» schickt hast, gelesen? Er enthalt daS Beste, n»as ich bis jetzt über die Synode gelesen, obwohl noch nicht daS Letzte. Aber von ihm habe ich gelernt. Dir. und zur Erinnerung mir (behalte mir also für später dies Blatt auf!), will ich nH sagen: wenn ich an de» Prästdententisch trat, dann habe ich die Synode immer vergleichend vor mir geseoen: ich suchte nach Bildern von Versammlungen, zu denen die Propheten gesprochen, von Versammlung der Ansche kncßeD nhgdauloh von bote midraschim in verschiedensten Zetten, von gefüllten Synagogen von gewöhnlichen Darachanim «W moderne« Predigern nfw.: da glaubte ich die Aufgabe der Synode und meiner Leitung zu erkennen. Geiger hat mir (als ein wahrer jAessiaeb I'fi tuman, denn feine Verwunderung beweist den Mangel an Verständnis bet zutreffender Beobachtung) gesagt: ihn habe an mir am meiste« verwundert, nicht die Ausdauer der physischen Krasß noch auch die immer bereite Intelligenz, sondern daß ein Mensch acht) Tage lang in der gleichen getragenen Stimmung sich befinden und dieselbe unausgesetzt zum Ausdruck bringen kann. — Ich habe die Sache von der ersten bis zur letzten Minute tm historischen Sinn, und ich glaube, baö heißt in großem Sinn, gesehen — und so behandelt." In LazaruS' Nachlaß find verschiedene anSführliche Aufzeichnungen über die Reformbewegung, zum Teil im Zusammenhänge mtt den Synoden, vorhanden. Er plante einen offenen Brief an Prof. G. Deutsch in Cincinnati, t« welchem er sich „Ueber die religiöse Bewegung im Judentum" aussprechen wollte. Aus den Notizen hierüber feie« hier einige bezeichnende Sätze wiedergegeben: „Niemals vorher hat es eine so in die Tiefe der Cache dringende Bewegung gegeben: nur mtt Jabney ist sie zu vergleichen. Sie wird vermutlich 8—400 Jahre dauern. Etwa mit Mendelssohn hat sic begonnen: mit einer grammatisch und sachlich genauen Erklärung beS Bibelwortes. bas in der Halachah und in der Hagadah ganz verborgen wurde. Wichtiges, nicht beachtetes Symptom: Rabbiner-Versammlungen. 44 Vraunschweig. daun Frankfurt a. M.. Cassel 68 und daun 3 Synoden. — Vorher niemals eine in die Sache dringende prüfende, die Grundfragen untersuchende Synode oder Versammlung. Die der 4 Länder nur praktisch. Selbst die schwächlichen Rabbiner-Versammlungen der 80er Jahre und die nichtige von 08/07 — die nicht einmal Fragen aufwerfeu will — gehören zum Symptom. . . . Solche Erklärungen, wie die der Augsburger Synode, io allgemeine tiefgreifende Sätze, kennt kein Zeitalter des früheren Judentums.. . Zum Schlüsse sei hier noch eine wichtige Aeußerung von Lazarus über die moderne Predigt wiedergegeben, dre enthalten ist: „Die Predigt, die Sie mir nebst der Biographie des 1. Ehorin gesandt haben, habe ich dankbar empfangen. Bon wissenschaftlichen Arbeiten und synodalen wie Humanitären Pflichten übermäßig gefesselt, bin ich außer Stande. Ihnen so ausführlich zu schreiben, wie ich wohl möchte. Nur Eines will ich nicht ungesagt lassen. In Ihrer Rede habe ich vor allem mit herzlichem Vergnügen bemerkt, wie Sie, von den gewöhnlichen Regeln der Homilettk ungehemmt, die traditionelle Form altjüdischer, freier Gedankenbewegung aufrecht erhalten und neu beleben: neu beleben namentlich dadurch, — was unseren Alten meist sehr gefehlt hat, daß Sre den Reichtum historischer Detailforschung für die Rede verwenden. Ohne aus der Predigt einen historischen Lehrvortrag zu machen, wie dies mein Lehrer und Freund Dr. Herzfeld in Vraunschweig zuweilen versucht hat. schmücken Sie nicht bloß, sondern erfüllen und vertiefen den Lehrvortrag mit historischen Tatsachen. Ich schlage es nämlich hoch an, in den Gemeinden den geschichtlichen Sin« zu wecken, dessen Mangel daS Werk aller Kritik und alle — «och so besonnene — Reform am meisten hemmt. Ich bitte Sie, behalten Sie eS tm Auge, daß wir dies Kapitel, wenn wir mit Gottes Hilfe wieder Zusammenkommen, genauer besprechen, und daß wir für prinzipielle Durchführung dieses UedankenS auf der Synode etwas tun, denn auch den meisten Rabbinern und Predigern fehlt es an dem Bewußtsein von diesem Mangel historischen Sinnes unter den Juden und an der Fähigkeit, die Geschichte lebendig und wirkungsvoll zu verwenden. Bo» Frankl folgen drei ,Wahlsprüche": Ohne Schwert und ohne Wappen Steh' ich in der Menschen Bund: Worte nur sinmeine Knappen, Herold ist mein eigner Mund: Die Ideen — Fahnenlappen — Geben manchen Strauß schon kund. Und den Eisenhandschuh „Zweifel" Werk' ich Gott hm und dem Teufels * WaS dich leicht bewahre Bor der Menschen Net - Altergraue Haare Und ein Bettlerkletd. * Willst durchs Leben wander Froh und leicht ans Ziel? Hoffe nichts von andern, Von dir selbst — nicht viel! Juni 1874. Ludw. Ana. Frankl. Zwei Jahre später bekam Frankl doch sein Wappen, als ihn Kaiser Franz Josef mit dem Prädikat ,/von Hochwart" in den erblichen Adelstand erhob. — Juden werden erwähnt in einem Briefe von Johannes Scherr an eine Offiziersdame: Verehrte Frau! Die ärztliche Tätigkeit der Juden tm Mittelalter ist v clfach urkundlich nachgewiesen und mutz als eine unbezweiselbare historische Tatsache anerkannt werden. Was insbesondere das Vorkommen jüdischer Aerzte und Aerztinnen in Frankfurt a. M. angeht, fo finden Sie hierüber aktcnmnßige Nachweise im ersten Kapitel -eS BucheS „Deutsches Bürgertum im Mittelalter". Urkundliche Forschungen von G. F. Kriegk. Frankfurt 1868. Mit ausgezeichneter Hochachtung empfiehlt sich Ihnen Ihr ergebener Zürich, den 6. Mai 1881. I. Scherr. Ferner in einem drei Seiten langen Briefe von Nietzsche, den ich zur Zeit leider nicht veröffentlichen darf: ... es ergnickt so, sich in der Ferne und doch in solcher Nähe der Empfindung mit einander zu wissen. Z. B. haben wir beide kein Wort mehr nötig zur Verständigung über Juden und Judengenossen. Ich gestehe, alle Nachrichten aus Deutschland werden mir lästig ... lSchlnß folgt.) Eine vergessene Iudenansiedlung, Tüchersseld in der fränkischen Schweiz. In berr letzten Jahren ist die fränkische Schweiz, die ziemlich absetts liegt von allem Verkehr, hin und wieder einmal auch von Norddeutschen besucht worden und vielleicht ist manchem Leser Gösweinstein auf der Höbe über der Wiesent und Behringersmühl am Zusammenfluß von Wiesent, Atlsdach und Püttlach bekannt. Wenn man das liebliche Tal des letztgenannten Baches aufwärts wandert, so steht man nach kurzer Zeit in einem kleinen Dorf, Tüchersseld, sn dem sich zwei Hügel dicht nebeneinander etwa 20 Meter über dem Bachtal erheben. Auf ihren Rücken tragen sie beide aroßartig wirkende Felsen, die lebhaft an die Dolomiten erinnern. Von dem einen der Hügel winken uns Häuser, die auf ihrer steilen Höhe stattlich wirken. Als ich vor einigen Jahren in Tüchersseld rastete, hörte ich wie die Bauern diese Häuser den .^Judenhof" nannten. Auf Befragen konnte ich nichts näheres erfahren, nur, daß außer dem Judenhof auf der Wiese neben dem Bach auch die „Jndentuck" läge. Ich habe die Oertltchkeiten genauer besichtigt und etwa folgendes festgestelli: Auf dem Hügel hat bis Mr Zett des Bauernkrieges 1826 ein Schloß gestanden, das damals zerstört wurde und Baucrnhän'sern Platz machte. Später haben sich dort Juden angesiedelt, aber seit mindestens 50 Jahren, vielleicht auch schon länger, wohnt kein Jude mehr dort. Der Weg zum Hügel führt steil im Zickzack aufwärts und endet an einem großen Torweg, dem jetzt das Tor fehlt. Dieses schloß früher einen freien Platz ab von ungefähr 40 Meter im Durchmesser, an dessen Rande, der zugleich der Hügelrand ist, 11 Häuser stehen. Diese sind zum Teil in den Felsen gehauen, zeigen in ihrer Bauart nichts besonderes, nur in einem wurde mir eine besonders schöne Stuckdecke gezeigt, die selbst in ihrem jetzigen, etwas zerstörten Zustande beweist, baß die Bewohner etwas auf Behaglichkeit und Schönheit in ihrer Wohnung gesehen haben. Mitten auf dem Hose steht ein alter jetzt verfallener Backofen, der sicher einmal der Gemeinde gemeinsam gedient hat. Hier lebten wahrscheinlich seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ans Polen vertriebene Juden, die hier oben, wenn, das Tor geschlossen war, verhältnismäßig sicher vor Ueberfällen waren. Aus ein Haus wurde ich besonders aufmerksam gemacht. Es ist zweistöckig rrnd liegt neben den oben genannten Dolomiten. Eine steinerne Treppe, die zwischen dem Haus und dem Felsen angelegt ist, führt in das obere Stockwerk. Eine geschnitzte Tür öffnet sich und wir stehen vor zwei Türen, die im rechten Winkel zueinander stehen. Geradeaus kommen wir in einen kleinen Raum von ungefähr 4 Meter Länge und 8 Meter Brette, der nur ein Fenster bat. Von dem zweiten Raum ist er durch eine Wand geschieden, die etwa einen Meter Wer dem Fußboden in ihrer ganzen Länge, etwa l1/» Meter hoch, durchbrochen ist. Die Oeffnung ist durch ein ganz enges primitives hölzernes Gitterwerk geschlossen. Man kann durch die kleinen Oeffnungen in den größeren Raum blicken, ohne selbst gesehen üu werden. Wir sind offenbar in der Frauensywagoge von Tüchersseld. Die zweite oben erwähnte Tür führt rechts in ^nutt Raum, der etwa 8 Meter lang und 6 Meter breit ist. Beim Eintritt ist man überrascht, denn der Raum bat nicht eine wagerechte Decke, sondern in einer Höhe von etwa 2/4 Metern setzt ein Tonnengewölbe an, das ihm einen feierlichen Anblick gibt. Von der Decke herunter Hängen noch einige Stricke, die sicherlich einmal die Leuchter getragen haben. An den Wänden sind ebenso wie cm der Decke noch Spuren einer ganz einfachen Bemalung zu sehen. Einige Stellen weisen auch deutlich darauf hin, daß dort einmal Sitze angebracht waren, ebenso wie an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand die Spur der Heiligen Lade nicht zu verkennen ist. Der Raum ist nach Süden orientiert, das l'ängt sicher damit zusammen, daß man keinen anderen Raum für die Synagoge finden konnte. Heute ist die Synagoge leider ein Raum, in dem der Pächter allerhand Gerümpel und Vorräte aufbewahrt. Der ganze Befund zeigt, daß es sich um eine Synagoge handelt, die in ihrer Grundanlage denen ähnelt, die die aus Polen seit 1660 ausgervanderten Juden in Nordböhmen und Nordbayern vielfach errichtet haben (siehe Grotte). Wenn man den Judenhof und den Hügel auf einem etwas breiteren Wege verläßt, der allmählich zum Vachtal führt, so kommt man unmittelbar an der Talstraße an ein winziges .Haus, das von der Umgebung durch Gitter getrennt ist. Es ist ungefähr 2 Meter hoch, eben so breit und etwa 8 Meter tief. Die Bauern bezeichnen es als ,^)udentnck", was wohl besagen soll, daß sich hier das rituelle Tauchbad der Juden befunden hat. Der alte Müller, dem die Wiese gehört auf der das Bad steht, erzählte mir, daß darin tief unten eine Quelle gewesen sei, die aber schon vor Jahrzehnten durch nachstürzende Erde verschüttet sei. Seitdem sprudele auf seiner Wiese eine frische Quelle. Ich habe mich bemüht, irgendwelche Nachrichten über die Juden von Tüchersseld zu finden, aber nnr sehr spärlich solche erhalten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden sie genannt als Pächter des Judenhoses und der Badewiese, offenbar der Wiese auf der ihr Bad stand (Archiv für Oberfranken in Bamberg). Wie mir erzählt wurde, hat die jüdische Gemeinde in Forchheim ein gewisses AufsichtSrecht über das alte Bad, aber mau scheint sich dort wenig darum zu kümmern, daS beweist der Zustand des Bades und auch der Umstand, daß ich von dem Vorstand gar keine Nachrichten hcrausbekommen konnte. Heute ist die ganze Gegend, soweit ich festzstellen konnte, ganz von Juden entblößt. Nur in wenigen Dörfern, die näher an den großen Straßen liegen, sitzen noch Glaubensgenossen, aber im DA der Wiesent grüßt Len Wanderer noch her verlassene Judenfriedhof, ans dem sicher auch mancher aus Tüchersseld ruht. R. Hirschfeld-Berlin.