Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 30 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Hastigkeit und unter einheitlichen Richtpunkten!n großen Strichen gezeichnet. Man kann von altjüdtscher Geschichtsschreibung nicht sprechen, ohne dem Bomnrrf zu begegnen, -aß mir Inden für Geschichte und ihr« Darstellung keinen Sinn und kein Verständnis besäßen. Hier aber haben wir etu Historisches' Werk von bedeutendem Ausmaß für eiseber älteste» B-tter. Würde die Bibel «icht von Jude« handeln und von Juden geschaffen fein, so würbe man diese Geschichtsauffassung und die Treue oeS Details, das durch neuere Forschungen und Ausgrabungen immer stärker bestätigt uströ, als ein Meisterstück angesehen haben. Ist von einem anderen Volke dieser Vorzeit ein so objektiver «nd ausführlicher Bericht über seine EntwtcNvng erhalten, wte ihn hier das jüdische Volk in der naivsten Ungeschminktheit bietet? Wäre etwa von den alten Babyloniern ein Werk heute ausgegrabcn worden, das so zusammenhängend und weitläufig uns orientierte, so würde man davon soviel Aufhebens machen, als ob die fernere.Kultur der Menschheit daran hinge. So aber muß, weil das Judentum im Spiele ist, jedem Bericht von vornherein ein starker Zweifel entgegengesetzt werden. Nein, in den Geschichtsbüchern ber Heiligen Schrift haben wir wirkliche Historie, geschrieben unter dem einheitlichen, höchsten Gesichtspunkt, dem der Vorbereitung und Begründung des GotteSreicheS auf Erden. Und wenn die Jn-enheit später auf dem Gebiete der Geschichtsschreibung sich wenig betätigt hat. dann hat man noch lange kein Recht, von einem Mangel an historischem Interesse uird an geschichtlichem Sinn zu sprechen. Wir haben in den letzten zwei Jahrtausenden keine Geschichte geschrieben, weil wir Geschichte gelebt haben. Mit Nachdruck müssen wir sagen: gelebt, nicht erlebt. Erlebt haben wir Geschichte auch, ja als eine der ältesten, heute noch existierenden Knltnrgcmcinschaften überreichlich: wir sahen die Völker kommen und gehen, aber nicht als müßige Zuschauer am sausenden Weltall der Zeit, sondern wir haben die Weltgeschichte am eigenen Leib und Geist gespürt. Wo gibt es eine kleine oder große Nation in diesem ganzen Unendlichen Zeitraum, die nicht ans unserem Rücken gepflügt und lange, blutige Furchen gezogen hätte! Daß wir es nicht iiber uns brachten, die unzählbaren Ringe ber Kette unserer Leiden darzustcllen, weil wir jeden Tag neue erlebten, das ist eine große Selbstverständlichkeit und zeugt von der gesunden Psyche des Inden. Wir konnten die Geschichte nicht zum Objekt machen, weil wir das Objekt der Geschichte waren, lind die Welt sollte uns dankbar sein, daß unsere Ahnen im ewig langen jüdischen Mittelalter nicht die Historie unserer Schmerzen geschrieben haben: denn diese Geschichte wäre eine einzige furchtbare Anklage gegen die Völker geworden, wie sic jede Geschichte der Judcnheit sein muß, bewußt oder unbewußt, und eine solche Geschichte hätte nicht die notwendige Objektivität haben können, sondern atmete das Todcsröcheln der gequälten und erschlagenen Söhne und Töchter Israels und hätte den Titel tragen müsse'.:, den einst ein jüdischer Chronist des Mittelalters seiner Darstellung einiger Jahrhunderte gegeben hat: Tränenqucll. So wahr als echte Geschichtsschreibung nur auf der Grundlage einer gewissen zeitlichen Distanz zu den Ereignissen möglich iß. hat die jüdische Wissenschaft, besonders aus diesem Gebiete, erst eingesetzt, als diese Distanz erreicht war: in der Freiheit des 1b. Jahrhunderts. ‘ Kehren wir jetzt zu den biblischen Geschichtsbüchern zurück, so geht aus ihnen unzweidentig hervor, daß das Voll Israel bis zum babylonischen Exil durchaus nicht seiner Bestimmung, eine von wahrem, religiösen: Geiste erfüllte Nation zu sein, nachgekommen, vielmehr znm allergrößten Teil an seiner Aufgabe irre geworden, d. h. nach biblischen Sprachgebrauch von Gott abgefallen ist. Während es durch seinen Monotheismus das geistig und sittlich führende Volk hätte sein müssen, gerät cs in die kulturelle Abhängigkeit von dem sittenlosen Treiben des Heidentums. Hier wird der tiefste Sinn des Judentums als Gegenpol zur materialistischen Geschichtsauffassung offenbar: nicht auf die äußeren und rmrdschnstttchen Lebensbedingungen kovttnt es -ei dem Bestand der Individuen und der Gemeinschaften an. sondeun ausschließlich ans die sittlichen. Weil da- Gottesvolk in seiner Hartnäckigkeit an diese grundlegende Wahrheit nicht glaubte, ging eS als Nation inS Elend d. h. ins Ausland. Dieses babylonische Exil war -er eiserne Mmelzttegel, in de« eS gelautett wurde, bier erst voltzog sich der Lieg -eS MrmotHetSmuS »Der -aS Heidentum. Damit ist die zentrale Bedeutung diese- Ereignisses für die aefamte Gestaltung der Kultur aufgezetgt. Jener Sieg wurde durch die Persönlichkeiten herbeigesührt, itoe Leu Höhepunkt des jüdischen Geistedarstellen, durch die Propheten, deren Rebe» die folgende» Bücher der Heiligen Schrift fülle«: allen voran stehe» die in ihrem ganzen religiösen Gehalt nie auszuschöpfenden Gestalten eines Jesaja. Jeremia und Ezechiel. Es muß endlich auch in Laienkreisen die völlig abwegige Auffassung ausgerottet werden, als ob Propheten Männer gewesen wären, die die kommenden Dinge vorhersahen und vorher sagten. Dieser Irrtum ist wieder ein vielleicht unbewußtes Unrecht gegen den jüdischen Geist, der, wenn diese jahrhunderte alte Ansicht gitträfe, mit jenen Männern nur die stattliche Zahl ber heidnischen Wahrsager unnütz bereichert hätte. Jesaja und Teiresias oder Bileam — welch groteske Bereinigung! Propheten waren nicht mehr, aber auch nicht einen Deut weniger als die Wegweiser des Judentums und der Menschheit, die Sachwalter deS sittlichen Geistes aus Erden, das Gewissen alles Höchstmenschlichcn. Persönlichkeiten von der lebendigsten Neberzeugung. daß die Weltgeschichte von sittlichen Kräften bewegt wird, Männer von einer ethischen Hoheit und Erhabenheit, die so unvergleichlich dasteht, wie Sie prophetische Wirksamkeit in dieser Art nur auf dem Boden des religiös-sittlichen Geistes Israels möglich gewesen und aus ihm erwachsen ist. Waren sie unter ihren Zeitgenossen das stets verkannte und unterdrückte, aber nie zu beschwichtigende Gewissen und der absolute Wertmesser für alle Vorgänge des öffentlichen Lebens ihres Volkes, so sind sie für alle Zukunft die Vertreter der edelsten Interessen der Menschheit, weil sic mit klarer Hellsichtigkeit den Gang der Geschichte überblickten bis zum fernsten Ziele, dem von ihnen erschauten Gottcsreich auf Erden, dem goldenen messiantschen Zeitalter der Znknnft. Nicht auf dem Wege der Spekulation, der Detailforschnng des Verstandes, nicht durch Wissenschaft waren sie bis zu den Ottellpunktcn alles Erlcnnens und zu dem Sinn und Wert des Lebens vorgcdrungen. sondern das religiöse Genie schafft, wie bas intellektuelle und künstlerische, intuitiv, durch Divination, durch göttliche Eingebung. Darum haben ihre Gedanken nichts Gequältes, nichts Abgcpreßtes, sondern bei allem edlen Zürnen, das sich aus dem Abstand der kahlen, kalten Wirklichkeit von ihrem lebendigen Ideal notwendig ergab, am Ende immer etwas Beruhigendes. Trösten ist im Grunde der prophetische Berus. Die Saat des Prophetismus ist später ansgegangen. Zu seiner Zeit galt er .wenigstens an der Oberfläche des Volksdascins, nichts in seinem Vaterlandc. Dennach waren die Propheten die Stützen des jüdischen Gesellschaftslebens. das in dauernder Auslösung bcgrisscn war. Ihr Geist webte im jüdischen Ball, das zwar allzuoft Gatt verlassen hatte, aber nie von Gatt verlassen war. Der Beweis dafür ist der dritte Teil unserer Bibel, der die köstlichsten Schöpfungen der Seele umfaßt. Hier stehen die Psalmen, van denen wir in die Menschheit das stolze Wart hineinrnscn müssen: sie sind nufer. Ja, in ihnen hat sich der jüdische Geist in jüdisches Gemüt. Herz und Innenleben konzentriert. Ans ihnen quoll die Erquickung des Ich als Einzel- und Volksindividnalität in allen Jammer des ErdcnlebcnS, ans ihnen das Vertrauen ans den Sieg des Menschen. de'- seines Gottes voll ist. gegenüber allen Anfechtungen der übermütigen, gottcutsrcmdetcn Welt. In den Psalmen strömt die religiöse Sehnsucht. „Wie der Hirsch lechzt nach Wassergnellen, so lechzt meine Seele nach Dir, o Gott." „Der Herr ist mein Hirt, mir mangelt nichts." Hier tönen die echten Natnrlante wahrer Frömmigkeit und fließen die lebendigen Quellen v»» Mut uu» Hoffnung, «ms taten »i r uns stärkte« Dr de» harten Gang durch die Morschheit. Was will es bedeute«, wenn die Pf atme» daS Gebetbuch der Kulturreligionen geworbe» sind: »uS haben ste erst bete» gelehrt «nd durch uns die Welt. Aber Sttmumug «ach sich mH Weisheit paaren, wenn st« das Lebe» meistern und zwingen will. Darum folge» die --Sprüche" für daS werktätige, auf Gott gegründete Schaffen. Wiederum ein eigenartig jüdisches Buch. Kein unfruchtbares System der Ethik, ersonnen vom Denker in der stickigen Luft der Studierstübe. au den Gefahre» deS Tages weltfremd vorüberschauend und darum ohne Wirkung auf die Menge. Vielmehr auf dem Boden der nüchterne» Tatsachen beantworten die „Sprüche" die Frage: JKH« werde ich mit dem »Leben fertig?" Die Antwort gibt nicht Wissenschaft. sondern Weisheit. Wissenschaft ist nicht jedermanns Aufgabe und ihre Probleme, nicht jedermanns Anliegen. Aber weise mutzt du sein, willst du des Lebens Herr werden und mit den Menscheubrüdern qemeinsa» beS Daseins schwere Last tragen. Und „der Weisheit Sktfang tft die Frömmigkeit", ihr Anfang und ihr Ziel. Allein auch der religiöse Mensch sicht sich vor fast unlösbare Rätsel gestellt, vielleicht gerade er wirb stärker von ihnen in den Grundfesten seines geistigen Seins afftziert, weil es ihm zur Natur geworden ist, daS GröjÜe und Kleinste von seinem einheitlichen Prtüzip, von der Gottheit, her zu erklären und allen Sinn der Weltordnung zu deuten. Diese Wcltocönung wird in ihrem Bestand bedroht durch das größte Problem, das nicht nur dem Denker, sondern auch dem schlichten Alltagsnrenschen mit seiner Gogeuwarts- und Nützttchkeitmocal begegnet. Da- Dt -de Frage der Theodice: Wie geht's in der Welt m mit dem Guten und Bösen? Ist Verdienst und Glück in Harmonie gebracht? Wie kann man Gott bei dem Wohlbehagen des Frevlers und den Leiden des Gerechten begreifen? Es ist klar, -atz hier die Lebensfrage aller Religion zur Entscheidung gestellt ist, aber ebenso natürlich, datz das religiöse Gruudwerk, mrsere Bibel, dieses Problem behandeln mutzte. Hier setzt daS Buch Hiob ein, nach allgemeiner Uebereinfttmmnng eine ber erhabensten Schöpfungen der Weltliteratur, erzeugt von einem Philosophen, der zugleich ein großer Künstler war. Die Lösung des Problems erfolgt ganz im Geist« jüdischer Religiosität. Fern von allem Jenseitsglauben appelliert der dichtende Denker an das Vertrauen zur «stiebenden Allmacht und Allweisheit, deren Wege nun einmal nicht unsere Wege und deren Gedanken nickst unsere Gedanken sind. Es ist nicht so. daß die Idee der Unsterblichkeit dem Dichter,etwa unbekannt gewesen wäre. Ein Widersinn ist die Meinung, daß der cschatolvgische ZnkunstsglaNbe dem alten Judentum noch nicht ansgegangen sei. Er ist vielmehr die diskrete Grundlage der gesamten biblischen Lebensansicht, wie er auch im ganzen späteren Judentum sich niemals vorgedrängt hat. weil wir darüber doch „nichts wissen tonnen". Dem feinfühligen Loser des „Hiob" scheint es Erde und bekennt: „Die unbeareiksich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag." Unbegreiflich ist die Schöpfung und die Negierung der Welt: dieser dem demütigen, religiösen Menschen naturgemäße Gedanke ist mit dem n'ldstchcn Schicksal aufs innigste verbunden. Denn wir Juden sind das Volk der Thcodize. Unsere ewigen Leiden Von,dem faustischen Ringen im „Hiob" ruht uuser Geist ans ans den lieblichen Auen und Tristen, wohin „das Ltcd der Lieder" uns sührt. Der Sang von der Allmacht der Liebe ertönt hier im heiligen Buche in herrlicher Melodie, gleichsam um uns an die Göttlichkeit dieser das innerste Weltgctrlebc zusammenhaltenden Mackst z-u erinnern. Denn „stark wie der Tod ist die Liebe". Und sie wächst m sittlicher Reinheit und überwindet alle Hindernisse, wenn sie auf die 2BHK RBHinB ii Jüdische Schriftsteller der Gegenwart. 2. Richard Beer- Hofmann. Von Dr. Ludwig Davidsohn. lSchlutz.j Mit dem Grafen von Eharolais war der Dichter, wie bereits erwähnt, eine große Hoffnung der neueren dramatischen Literatur geworden, die mit der fortschreitenden allgemeinen KullnrvcrflaclMng und Veräußerlichung aller Lebensformen zwar vielerlei beachtenswerte Talentproben und verblüffend« Experimente, aber keine solch überragenden Kunstwerke mehr hervorbrachte. Ungeduldig wartete man nun jahrelang allgemein auf das Erscheinen neuer Stücke von Bcer-Hosmann, aber zunächst vergeblich. — Produzierte der Autor wirklich so langsam und schrver. oder schloß er seine Dichtungen im Schreibtisch ein und zögerte mit der Veröffentlichung bloß deshalb, weil er nur Letztes und Ausgereiftestcs geben wollte? — Seit Jahrzehnten hatte er Freunden und Bekannten erzählt, daß er an einem großen, fünf Abende füllenden Dramenzytlns „die Historie vom König David" schriebe. In einem der S. Fischer-Kataloge wurde 1911 eine Szene aus „König Davids Tod", der Gesang der Priester und Knaben wäbrend deS Ranchopscrs. schöne, klingende Verse veröffentlicht. Gespannt Holste man viele Jahre auf die baldige Drucklegung dieser Werke. War doch gerade dieser Dichter, der sich einen magischen Zusammenhang mit dem ethisch-religiösen Fühlen der antiken Inden bewahrt hatte, wie kein anderer zur dramatischen Behandlung biblischer Motive berufen. Man wußte, daß der Dichter ganze Teile seiner Trilogie schon abgeschlossen batte: das Vorspiel „Jakobs Traum" lag seit dem Sommer 1915 bereits druckfcrtig vor. — Er aber, der viel zu hoch steht, als daß ihn äußerer Erfolg und der „Beifall der Menge, bei deren Anblick schon der Geist entfliebt". irgendwie reiz.cn könnte, der aus seelischer Keuschheit und vornehmer Zurückhaltung lieber schweigt, als redet, — er äußerte lediglich den Wunsch, dermaleinst das Ganze als sein Lebenswerk der Oeffenilichkeit zu übergeben. Bis ihn 1919, wie er schrieb. „Ereignisse vcranlatzten. auf seknen Wunsch zu vernichten". Das Vorspiel ,Lgkobs Traum" erschien. Im April dieses Jahres wurde es im Wiener Burgtheater, im November von Max Reinhardt im Deutschen Theater zu Berlin mit außerordentlicher Wirkung aufgeführt. Die Art der traurigen Ereignisse, die den Dichter zwangen. aus seiner Zurückhaltung h-erauSzutreten. haben wir alle am eigenen Leibe m spüren bekommen! Hat eS doch feit vielen Jahrhunderten auf Eckden kein Unglück gegeben, dessen Schuld man nicht den Juden, „dem von Gott erkorenen Prügelknaben der Völker" aufbüvdete. und nach dem Weltkriege, dieser entsetzlichsten Katastrophe der Weltgeschichte, gingen die Wogen des Antisemitismus höher denn je. Der Führer des deutschen Heeres, Ludendorff, bekundete die Inferiorität seiner Denkfähigkeit und Kenntnisse, indem er in geradezu kindischer Weise den Juden die Schuld an den tragischen Ereignissen gab. — Keine Verleumdung und Verdächtigung war dann im Laufe der Jahre töricht genug, daß man sse nicht aegen die Juden gebrauchte. In dieser Zeit argumentierte der größte indische Dichter der Gegenwart richtig, als er sich sagte, daß er mm die Pflicht hätte, sein Werk, eine herrliche, poetische Theodizee des Judentums, der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Die Hoffnungen, die man ans den Dichter gesetzt hatte, waren erfüllt, wenn auch vielleicht nicht in der Fülle, so doch im Werte der Produktion! — Wo hat die moderne deutsche Literatur noch ein zweites Stück, das so viel lyrische Hoheit mit so viel Tiefe des Ideengehalts verbindet! — Die Schwierigkeiten, biblische Mythen und Legenden dramatisch zu gestalten, sind sa aeradezu nnübcrwindlich. Denn die Bibel, schlechthin das gewalttgste Buch, das die Menschheit besitzt, dessen geistiges Lickst den sichtbarsten Schatten in der Weltgeschichte geworfen hat, spottet säst jeder dichterischen Bearbeitung. Seine gedanklichen nud dichterischen Schönheiten sind eben nicht zu übertreffen» und wenn Poeten unserer Zeit sich bemühen, die nraebirgsbaftcn. mit ungeheurer Prägnanz und Gewalt erzählten biblischen Berichte mit modernen Ideen und Lyrismen zu bekleiden, so werden sic meistens von der riesenhaften Größe des Originals erdrückt. Ein einziges Mal gelang es in der deutschen Literatur bis zu einem gewissen Grade, moderne Psychologie und dramatischen Atem mit Erfolg in diese antike Welt hincinzutragen: Hebbels Judith hat Größe und Gewicht: allein auch hier wandelt der fünfundzwanizigjährige Hebbel mit nachiivemdleriicher Sicherheit und dem ganzen Wagemut der Jugend auf der schmalen Grenze zwischen Erhabenheit und unfreiwilliger Komik. Als N e st r o y Hebbels Judith köstlich parodierte, erzielte er teilweise gerade damit zwerchfellerschütternde Wirkungen, daß er seinem Ulkholofernes ganze Sätze der Hebbelfchen Kraftttraden wörtlich, unverändert tn den Mund legte. Me matt, ja geradezu kläglich wkrken Sk« Dutzerrve von Simsortdramen. die zahlreichen Saulstragödiv», Kö-rvig- Salomo-, Kains-. Makkabäer-, Christus-Stücke usw., Sie tu den letzten Jahrzehnten entstanden, gegenüber der ehernen Größe der biblischen Darstellung! — So kiuDerspiebzerrghaft wie kleine Bauden ans Gebirgsrücken! —- Deer-Hofmann ist der erste deutsche Dichter, dessen lyrische Inbrunst so heiß, dessen GLfühlszuscnmnenhang mit der jüdischen Tradition so lebentdig war. -atz er es wagen durste, den hohen Geist der Bibel ins Modern-Ethische und Dichterisch- Philosophische za transponiere»: er Val dabei etu Kunstwerk von Ewigkeitswert geschaffen! Beim Lesen beS BucheS fühlt man sich immer wieder erschüttert «nd erhoben. Solche Kostbarkeiten der Sprache und des GedarckenS hat noch kein Dichter bei biblischen Gestaltungen erreicht! — Außerordentliche Studien Über biblische Archäologie und orientalische Mythologie hat der Autor gemacht, an den wunderbaren, klangschönen Versen merkt man jahrelange, feilend« Arbeit, aber trotzdem wirkt das Ganze als unmittelbarstes und gegenwärtigstes Gebilde, in dem man wieder des Dichters eigenstes Blut pulsieren fühli. Ganz ist es natürlich auch hier nicht möglich, die uralten Legenden, die in ihrer mythenhaften Eindeutigkeit und lapidaren Knappheit keiner Erklärung bedürfen, in moderne Psychologie anfznlösen. Außerdem zerfällt >daS Vorspiel auch wieder in zwei verschiedene HanölungskoMplexe. Der erste Teil behandelt Jakobs Erlangung des väterlichen Segens und Edoms Zurücksetzung durch seine Mutter. Ser zweite Teil — eincemzige, überwältigende, lyrische Pracht von bestrickender Spraclnnunk — wagt es. den herrlichsten und tiefsten Mythos, den das Judentum überhaupt hervorgebracht hat. auf die Bühne zn bringen, den Mythos von dem Ringen JakrchS vrtt Gott: „Ich lasse dick nicht, dir segnest mich denn!" — Wundervoll sind — im ersten Akt angodentet, tm zweiten ausgeführt — in den zrvei Brüdern Edom und Jakob zwei MenschheitStupen gegenübergestollt, Edom. der rücksichtslose Tat- und Gewaltmensch, die Personifikation aller Diesseits gkcit. der über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen . . , „er dampft am Dag von Mord und Schweiß der wilden Tiere", jene Art Mensch, dem die "Böller alle Kriege und alles Unheil zu verdanken haben, un'd Jakob, der vantheistisch fühlende Himmelstränmer und Gottsncher. «der alles Leid der Kreatur mitfühlt. Er ist die menschltch-klebenswerte und sinnfällige Verkörperung der jüdischen Seele in ihrem liebenden Allcrbarrnen, die verbrecherischer Gewalt gegen igendein Wesen nicht fähig ist, jener edel jüdische Typ mit der Erlösungssehnsucht. wie ibn das Jrrdentum aller Zeiten bcrvorgebracht hat, und wie er immer das Ideal des höheren Judentums gewesen ist. Er nimmt — an ein^n anderen großen, tnpffchen Juden, Ehristns. erinnernd — das Lamm, dem die Mutter getötet wurde, in seine Arme, um es vor weiterem Leid zu schützen. Syinbolisch wirkt dann die Tötung des Tieres durch den wassensiarrenden Edom. Und weil Jakob der gütige, mitfühlende Mensch ist, wird er von Gott zum Träger der weltgeschichilichen Sendung deS Judentums in seiner unendlichen Leid- und Segenssüllc erkoren und seinem älteren Bruder vorgezogen. Der biblische Originalbericht von dem cigennülffgen Betrug des Jüngeren ist gegenüber dieser dichtertsch-vertteften Deutung sekundär. Wenn Jakob sich aber auch als Träger göttlicher Sendung fühlt, so ist er- — auch darin ein Verstehender und Weiser — frei von ^hauvtnisnms" und' Neberhevuug seinem andersgearteten Bruder gegenüber. Er beideniet dem Eöom tröstend, bevor er sich mit ihm versöhnt, daß er. der sichere, starbe Natur- und JnstinktDreusch, nicht mindevwertig sei und Gott ihn so aeschafsen habe und brauche, wie er ist. In jener wundervollen und menschsich ergreisenden Szene, da Jakob seinen Knecht Jönibaal aufrichtet und sreiläßt, charakterisiert ihn dieser am besten: ,S«r List im — wer? Der solch«» Weib z« sagen! NI8 Herr gevore» —' teeftl wie dem Knecht ist? Sayst »»ine Heimat nt« — «nd kündest ste? kühlst mit dem Tier — trte noch leiden müssen. Und werbt um alles Leid ... Du Knabe — wer <>!av dir die Macht, datz d« ins Jinrerste mir greis i??!us deinem Munde geht ein Wort «ms und »rächt weinen mich, wenn tat e» willst, und froh! WaS rnft an» dir, Wa» List tat. Knabe, grrich, — wer. waLN . . . Wer ihm solche Macht gab? Die Fähigkeit, sich verstehend in andere Menschen hineinznversetzen! Soziales Mitgefühl ist der bezeichnendste Zug idicses legendären Ahnherrn Israels: er weiß, wie dem Knecht zumute ist. — „Du sollst auch den Fremden und Knecht nicht drücken, denn ein Frerndlina warst auch du im Lande Aegypten!" heißt es in der Thora. — Ein Leuchten von innerer Wärme und Menschengüte liegt ans diesem Urbild der jüdischen Psyche, dieser Jakobsgestalt, der das von den Indern anfqestellte twam asi tiefstes Erlebnis ist. Nach Edoms und Jdnibaals Weggang bleibt Jakob allein zurück, llnd während er auf der mondbestrahlten Bergeshöhe entschlummert, sprechen Sie'm und Oncl! zu ihm und werfen stöhnend die für Acenschen unbeantwortbare onto» ( «bspt«—...