Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 28 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Sprechsaal. fugend und Antisemitismus. a# Me Schriftleüuna >■ -er Jüdisch-liberalen Zeitung Berlin. Erlauben Gte mir alb Oberprimaner einer Berliner Ntalt einige Bemerkungen zu Len Ausführungen des Oberprimaners M. G. in Nr. 27. Ich finde, datz es keinen mnrstigen. Eindruck macht, wenn ein junger Mensch wieder einmal eine Tatsache aufrollt, die doch gewiß oft genug behandelt worden ist. M. G. spricht von der freudlosen Kindheit der jüdischen Jugend: „Uns jungen Juden ist die wahre Mndhett genommen." Das ist eine leider traurige Tatsache; aber man sollte Loch lieber folgende Frage untersuchen: Was tut die jüdische Jugend zum Beispiel in der Schule, um dem AnttsenntiSmuS entgegenzutreten? Diese Frage erscheint u^r wichtiger als die reine Feststellung der judenseindlichen Einstellung^ des DchullevenS. Und da möchte ich zunächst darauf Hinweisen, daß m E. die Fühlung der jüdischen Schüler einer Anstalt untereinander viel zu gering ist. Es ist Pflicht älteren, sich um ihre jüngeren Kameraden zu kümmern. 3* 5; M. S. an. daß schon Sextaner unter dem „blöden Antisemitismus" zu leiden haben. Das ist sehr bedauernswert. Ser nicht so unertragbar für eine junge Kinderseele, wen« sie weiß, daß sie sich an eine Person um Rat und Hilfe wenden und von ihr Trost zusprechen lassen kann. Denn schließlich kann ein Schüler, der sich zehn oder zwölf Jahre lang auf einer Schule befindet, eine ganz andere Stellung sich verschaffen als ein Kind. Er kann sich wegen der Sorgen, die den jungen Glaubensgenossen bewegen, an den Lehrer oder Leiter der Anstalt wenden. Aber er mutz auch darauf achten, datz selbst der jüdische Sextaner judenseindlichen Ausfällen mutig entgegentritt. Es dürfte für einen Schüler höheren Klaffe nicht allzu schwer sein, sich einen Ueberblick über seine jüdischen Mitschüler zu verschaffen. Ein besser besuchter Religionsunterricht und Überhaupt mehr Interesse für Judentum und jüdische Schicksalsfragen würde dieses Werk erheblich erleichtern. Es wäre angebracht, datz die jüdischen Schüler häufiger zusammenkämen, um zusammen — am besten vielleicht mit dem Religtonslehrer der Anstalt — sich auSzusprechen. Ich will damit durchaus nicht für eine Separierung der jüdischen Schüler eintreten. Sie sollen im Gegenteil, wo sich ihnen Gelegenheit bietet. Verkehr mit andersgläubigen Kameraden pflegen und ihnen zeigen, datz wir als Juden doch keineswegs minderwertiger als die übrigen Mitbürger sind. Zu den Aufgaben eines älteren Schülers gehört aber auch, die Kleinen darauf hinzuweisen, sich anständig und nicht auffallend zu benehmen. Man sollte die Jüngeren Über die jüdischen Jugendorganisationen aufklaren. sie in sie einführen und so gleichzeitig zionistischen, uubeutschen Einflüssen entziehen. Selbstverständlich wäre es grundverkehrt. einen Jungen, der sich in einem paritätischen Sport- oder Wanderbunde wohl fühlt, aus diesem zu entfernen. So bietet sich einem Juden schon in inngen Jahren eine Gelegenheit, für sein Judentum in die Schranken?.n treten. Das erscheint mir besser, als sich über die Lage der jüdischen Schüler zu beklagen, sich aber sonst ruhig in sein Schicksal -u ergeben. Deshalb rufe ich der jüdischen Jugend zu: Bereite dich schon auf der Schulbank vor, um deines Glaubens willen im Lehen deinen Mann zu stehen! Hochachtungsvoll W o l f g a ng Matzdorfs. Berlin. Soll ein jüdischer Anwalt einen Antisemiten verteidigen? Heit jeher habe ich es bedauert, datz die Probleme der anwaltlichen Berufsethik 'm der Fachpresse kaum erörtert «erden. Die Debatte über das Dh-ema „Juden als nationale Verteidiger" beweist, welches Interesse an der Aussprache über solche Fragen besteht, und datz eine öffentliche Erörterung durchaus nützlich wirken kann. Tie „Jüdisch-liberale Zeitung" hat sich ein Verdienst erworben, indem sie durch den Abdruck des Artikels in der Nummer vom 13. Juni ISA die Debatte in Flutz brachte. Der Widerspruch, der gegen diesen ersten Artikel (mit dem sich die Redaktion ausdrücklich nicht identifizierte) in Nr. 30 von dem Justizrat Kurt Jaeusiel, und in Nr. 21 von den Rechtsanwälten Förder und Wagener erhoben wird, geht vom richtigen Empfinden aus. gibt aber im Einzelnen zu Bedenken Anlatz. Wissenschaftlich am wertvollsten erscheint mir der Aufsatz von Jaeusiel; Jaeusiel hat das Bestreben, den Dingen auf Sen Grund zu gehen, und wählt auch den richtigen Ausgangspunkt, in dem er fragt, was denn im Einzelfall von dem Anwalt zugunsten seines Klienten vorgebracht werden soll. Indem nun aber Jactrsiel nur die eine Seite des Problems in den Vordergrund stellt, die andere — namentlich von Wagener betonte — des jüdischen Gesamtintereffes in seiner logischen Deduktion nicht hinreichend beachtet, greift er aus dem Empfinden, datz hier irgendetwas noch nicht stimmt, zu einer juristisch ganz willkürlichen ununhaltbaren Konstruktion, um so zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Er erklärt nämlich. Laß der Verteidiger auch die Verantwortung für die Ausführungen des Angeklagten und der Mitverteidiger trage. „Denn die Gesamtverteidigung des Angeklagten bildet ein einheitliches Ganze, für das man nicht die Verantwortung zu einem Teil übernehmen und zum andern Teil ablchnen kann." Ganz verfehlt! Die Verteidigung -es Anwalts bildet mit der des Angeklagten nicht nur kein einheitliches von dem Anwalt mitverantwortetes Ganze, sondern der Anwalt steht dem Angeklagten durchaus unabhängig als Organ der Rechtspflege gegenüber; er kann von seinem Klienten abrücken, er kann gegen ihn polemisieren er kann an Gerichtsstelle auch Lessen Tat verurteilen und brandmarken. — man denke an die Verteidigung in Wedekinds König Nicolo — er kann Anträge mit rechtlicher Wirksamkeit gegen den erklärten Willen des Angeklagten stellen. Alles dieses findet seine Grenze darin, -atz der Anwalt nach bestem Wissen die Interessen seines Mandanten wahrzunehmen hat; aber nach seine m besten Wissen, nicht nach dem besten Wissen des Mandanten; denn dafür ist er ja Anwalt! Der Verteidiger, der sich zum reinen willfährigen Diener seiner Partei macht, wird damit oft deren Interessen einen sehr schlechten Dienst erweisen. Nach dem Rathenau-Prozetz übte Alsberg in einer juristischen Fachzeitschrift eingehende Kritik an dem Verhalten der Hauptvcrteidigcr und wies nach, datz diese als politische Verteidiger wesentliche juristische Gesichtspunkte, die zugunsten der Angeklagten vorzubringen gewesen wären, vernachlässigt hätten! Ebensowenig trägt der Verteidiger die Verantwortung für das, was der Mitverteidiger vorbringt. Natürlich werden mehrere Verteidiger desselben Angeklagten versuchen, sich über die Richtlinien zu einigen; aber dies braucht nicht immer zu gelingen. Bor einigen Jahren war ich Mitverteidiger des Verlegers einer Zeitschrift, dem vorgeworfen worden war, er habe durch Aufnahme von zweifelhaften Inseraten unzüchtigen Verkehr vermittelt. Dieser Angeklagte hatte sich nicht weniger als drei Verteidiger genommen! Einer der Kollegen verfiel plötzlich auf die Idee, den Beweisantrag zu stellen, cs sollen sämtliche Inserenten namhaft gemacht werden uns als Zeugen darüber vernommen werden, daß sie mit den Inseraten nichts Unzüchtiges beabsichtigt hätten. Ich und mein Mitverteidiger protestierten. Das Gericht ließ auf unsere Bitte eine Pause eintreten, damit sich die Verteidiger verständigen könnten. Vergeblich! Jeder der Anwälte blieb bei seiner Meinung. Der Angeklagte war zwar gleichfalls nicht für den Beweisantritt, konnte sich aber naturgemäß in der damaligen Situation nicht einfach entschließen. mit dem ersten Verteidiger zu brechen; er erklärte also es den Anwälten überlassen zu müssen, wie sie sich über seine Verteidigung einigten. Das Ergebnis war, datz sich das Gericht wider Willen auf Grund der reichsgerichtlichen Rechtsprechung genötigt sah, dem Bcweisantrage des einen Verteidigers stattzugeben. obwohl wir snEVivm weide«» Verteidiger ausdrücklich um Ablehnung diele- Antrages bäte«, hierbei in Uebereinstimmung mit der Staat-anwaltschaft wie auch sicherlich mit dem Wunsche deS Gerichtselbst, da der Antrag eine vollkommen nutzlose Aussetzung und Berschleppung bedeutete. ES besteht also prinzipiell durchaus die Möglichkeit, datz ein jüdischer Verteidiger eines «ege» antifemtttfcher Vergehen Angeklagten «S ablehnt, stch mit feinen Mitverteibigern zu identifizieren und vielleicht in seiner Verteidigungsrede mit aller Schärfe gegen den Antisemitismus polemisiert (ähnlich hat B. umgekehrt ein antisemitischer RechtSanwalt kurz vor dem Kriege im Prozeß über die Moabiter Unruhen als Verteidiger einzelner Angeklagten scharf gegen die Sozialdemokratte Stellung genommen; auch Liebknecht- Verteidiger vor dem Kriegsgericht war keineswegs Sozialdemokrat). Gegenüber Wagener und Simon mutz auch Hervorgehoben werden, -aß die Verteidigung eine- Antisemiten durch einen jüdischen Verteidiger gerade vom jüdische» Standpunkt bei. neswegS schädlich zu sein -raucht. Sie kan« unter Umständen sehr nützlich sein, eben weil dadurch die gemeinsame Front., der antisemitischen Verteidiger durchbrochen wird. Hierdurch ist die Möglichkeit gegeben, datz Dinge in -er Verhandlung zur Sprache kommen, die ein völkischer Rechtsanwalt nicht Vorbringen würde, und -atz insbesondere also die eigentlichen Hintermänner antisemitischer Mordtaten genannt werden. Man denke an den Fall, daß ein einzelner Verschwörer, der in eine antisemitische Mörderbande hineingeraten ist, später sein Unrecht einsioht, und ein Jntereffe daran hat, den wahren Tatbestand gerade durch einen politisch unvoreingenommenen Verteidiger dem Gericht zu unterbreiten. Man kann in diesem Zusammenhänge auch an die Verteidigung -<S Mitangeklagten Günther durch das Büro Alsberg im Rathenau- Prozetz erinnern, die seinerseits dem Jntereffe deS Angeklagten sicherlich voll gerecht wurde, ja ihm wahrscheinlich viel mehr nützte, als ihm eine einseitig antisemitisch« Berteidigung hätte dienen können, auS der andererseits aber der Antisemitismus ganz gewiß keinen Nutzen gezogen hat. Wenn, wie in dem ersten Artikel vom 13. Juni 1924 erwähnt, Grünspach die Verteidigung JagowS führte, so war dagegen vom jüdischen Standpunkte nichts etnzuwende», da von Jagow gar nicht wegen eines antisemitischen Delikteunter Anklage stand. Sicherlich ist von Jagow ein politischer Reaktionär, aber es ist gerade ein wertvolles Argument bet der Bekämpfung des Antisemitismus, wenn mau den rechtsstehenden Kreisen vovhält, daß auch Persönlichkeiten wie Herr von Jagow oder der deutsche Kaiser stch der Hilfe jüdischer Rechtsanwälte bedienen. Damit wird die Legende von der rein negativen Tätigkeit der Juden aufs nachdrücklichste widerlegt. Solche Prozetzführungen sind auch .durch das gegens-eitige Kennenlernen für die Bekämpfung des Antifemitismusses von Bedeutung. Ob es in allen Fällen von: republikanischen Standpunkte so erfreulich ist, wenn in einem ausgeprägt politischen Prozetz, wie z. B. dem Helfferich- Erzberger-Prozetz ein jüdischer Verteidiger seine Fähigkeiten gerade dem Gegner des republikanischen Gedankens zur Verfügung stellt, kann im vorliegenden Zusammenhang dahingestellt bleiben, denn derartige Prozesse, die einen ausgesprochen politisch antirepublikanischen Zweck verfolgen, sind ja verhältnismäßig selten, und es ist ja auch nicht gesagt, daß alle jiidischeu Verteidiger republikanisch gesinnt sind. Im vorliegenden Zusammenhänge handelt es sich lediglich um die Stellungnahme zum Antisemitismus, der aber weder im Jagow-Prozeß noch im Erzberger-Prozetz noch gar in dem gleichfalls von dem ersten Mitarbeiter erwähnten Kaehne- Prozetz von jüdischen Anwälten gedeckt worden ist. Die Handlungen, die hier in Frage standen, hatten mit Antisemitismus nichts zu tun, mochten sie immer auch einer politisch reaktionären Gesinnung entspringen. Soweit meine Stellungnahme zu den erwähnten Artikeln. Wie ich selbst zu dem Problem stehe, habe ich bereits in einer Abhandlung auseinandergesetzt, die unter dem Titel „Soll ein jüdischer Anwalt einen Antisemiten verteidigen" in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. September 1917 Spaziergänge durch „völkische" Literatur. Von A. vom Berg. „Völkische" Literatur, d. h. Schriften, denen man literarischen Wert beimessen darf, gibt es im Grunde sehr wenig. Uvber Qualität ist damit noch nichts gesagt. Tic „Romane" von Dinter gehören bestimmt nicht zu einer Literatur, die höher steht als Wahlkampfflugblätter. Zur Roman-F o r nt, die beabsichtigt war. fehlt dem Männlein alles, dagegen sind seine Machwerke dem Inhalt nach „Romane", d. h. phantastische Einbildungen. Was die Zeitungen betrifft, so sollte man im „Leuchtturm", dem württembergifchen Hetzblatt der Völkischen, noch am ehesten ernster zu nehmende Arbeiten suchen dürfen, denn Herr Rohm, der „Leuchttürmer", scheint nach manchen seiner Auslassungen ein Mann mit zwar ungelehrtem, aber auch unverletztstem praktischen Verstand: jedoch ein jünglingsgrünes Phrasentum hat ihn genau so umnebelt wie all die Herrchen, die vöMsch zu „lehren" sich berufen fühlen, ohne erst das Nötigste gelernt, bzw. erlebt zu haben, und so verfällt dieser Laie, der einem einseitigen Gelehrtentum sonst vielleicht manche bittere Wahrheit sagen könnte, derselben Lächerlichkeit wie die Dutzende und Hunderte, die Papier ohne möglichen Nutzen beschmieren. Ein sehr verständiger Leser des „Leuchtturms" hat mir wiederholt Artikel darin gezeigt, von deren Schreiber er, der selbst ein biederer Schwabe ist, in drastischer Ausdrucksweise sagt, wenn sen?r für diese Leuchtturm-Artikel nicht von den Juden bezahlt werbe, sei er ein Idiot. „Das alles ist nämlich so saudumm" sagt er, „und so hirnverbrannt, die eine Stelle befindet sich mit der andern derart im Widerspruch, daß ein Jndeniblatt nur hie und da ein paar Absätze als Muster völkischen „Geistes" abzudrucken braucht, um die ganze Gesellschaft lächerlich zu machen." — Ich kann mich diesem Urteil nur anschließen. Die zwei großen Meister antisemitischer Schreiberei sind H. St. C h a m v e r! a i n und A h l w a r d t. Es wäre nicht nur ungerecht, sondern auch unklug, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten kurzweg zu bestreiten oder sie mit all ihren Jüngern und Nachläufern in einen Topf zu werfen. Im Gegenteil: berufen mutz man stch gegenüber den für den gesunden Menschenverstand zwar lächerlichen, für noch unwiffende und unkritische Leute aber sehr gefährlichen Erzeugnissen „völkischer" Druckpressen auf diese „Autoritäten", die von den Völkischen ja gerade deshalb nur selten zitiert werben, weil sie sich von der modernen Sorte Judenhetzer denn doch etwas unterscheiden. Ahlwardt hat sein Leben lang fleißig, nur zu vieles durcheinander, studiert, dabei in einseitigster Judenhetze alles Erdenkliche geleistet, aber an seinem Lebensabend hat er öffentlich eingestanden. alles, für was er früher die Juden verantwortlich machte, fei in Wirklichkeit, wie er jetzt einsehen müsse, von den I e s u i t e n verbrochen. Er hatte durch neues Studium, das ihm seine Zurückgezogenheit nach seinem lächerlichen Abgang aus dem politischen Leben ermöglichte, einen alten Irrtum fahren lassen und einen genau so großen neuen Irrtum erworben, mit dem er in die Grube fuhr, eine Menge Geplantes unausgeführt lassend. — Chamberlain schreibt 1914 in der sehr kurzen Vorrede zur 11. Auflage seiner (1897—1898 entstandenen) „Grundlagen des 19. Jahrhunderts". das nun erscheinende 100 000. Exemplar finde ihn erfreut und zugleich betrübt: „betrübt, weil ich vielerorten einem starren Schema begegne, das „Chamberlain" heißen soll, wo ich doch als suchender, leidender, hoffender, liebender, hassender, kurz als lebettdiger Mensch geschrieben zu haben glaubte, wahrlich nicht als Chef ö'eeole. nicht irgendeiner politischen, kirchlichen oder philosophischen Partei zugeschmoren." Und er fügt hinzu, jeder Gegner sei ihm lieber als ein Leser, der nur auf seine Worte schwört. (Auf die Probe möchte ich cs ankommen lassen!) Man denkt, wenn man dies liest, an manche Ausführungen in seinem zweibändigen Werk, die auf sehr klaren Verstand und echte Humanität schließen lassen, wie z. B. Seite 17, wo er findet: '„datz die übliche Behandlung der „Judenfrage" (von ihm selbst in Anführungszeichen gesetzt) sich durchwegs an der Oberfläche bewegt; der Jude ist kein Feind germanischer Zivilisation und Kultur"; Herder, fährt er fort, möge recht haben, „der Jude, sei uns ewig fremd und folglich wir ihm ebenfalls". Daraus könne große Schädigung unseres Kulturwerks stattfinden (was, wie ein wahrer Philosoph hinzufügen müßte, gleichermaßen für die jüdische Kultur gilt), doch glaubt Chamberlain, „datz mir geneigt sind, unsere eigenen Kräfte in dieser Beziehung sehr zu unterschätzen und den jüdischen Einfluß sehr zu überschätzen". „Hand in Hand damit", sagt er, „geht die geradezu lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum allgemeinen Sünde nbock für alle Laster unserer Zeit zu machen. In Wahrheit liegt die „jüdische Gefahr" viel tiefer: der Jude trägt keine Verantwortung für sie: wir haben sie selbst erzeugt und müssen sie selbst überwinden." — Ich sage, man denkt an solche vernttnftiaen Stellen in Chamberlains Werk, wenn man nach der Lektüre wieder von vorne beginnt und die Vorrede von 1914 liest; aber die von 1922, zur 14. Auflage, die eine größere Abhandlung über den Weltkrieg darstellt. den Chamberlain „das größte Verbrechen der Weltgeschichte" nennt, das seine Hoffnungen auf Verbindung von englischem Mut, englischer Kraft und Zähigkeit mit deutschem Geist und Genie auf lange hinaus vernichtet hat, bringt von solchem Denken wieder ab. Der Chamberlain dieser Vorrede könnte kaum etwas von den hetzerischen Lügen in den völkischen Druckschriften beanstanden. Wie auch bei Ahlwardt zeigt sich bei ihm ein unlöslicher Widerspruch, der sein ganzes Wesen beherrscht, ein regelrechter „Ritz", dessen Bedeutung der moderne. Rassenforscher kennt: und so kann er eben doch als geistiger Nährvater für all die Ungereimtheiten dienen, die völkische Jünglinge im Rausch übermächtiger Gefühle schreiben und reden. Da hat ,>das Deutschtum die Würde und die Verantwortlichkeit eines Hauptes des germanischen Raffegedankens (der eine pure Fiktion ist), weil es in feiner Mitte Hirn und Herz dieser besonderen Menschenart (der slavo-kelto-germanischen, die er durch Luther und BiSmarck, Friedrich den Großen und Moltke, Goethe und Rich. Wagner, Bach und Beethoven verkörpert, auf die sich tausend verschiedenste „Jsmen"-Erfinder berufen) birgt", und es konnte mit England nur darum nicht einig werden, weil Hort die Vollblut* luden und ihre Lügenpresse herrschen, die verbunden ist mit der noch tieferstehenden amerikanischen Lügenpresse. Ludendorff (der uns inzwischen bewiesen hat. daß er ein geistverlassener Abenteurer ist) wird knabenhaft angehimmelt; Hindenburg und er hätten nur gleich vom ersten Tag an den rechten Platz einnehmen müssen und „der Frieden wäre aller Voraussicht nach schon vor Ende 1914 in Paris diktiert worden". Tirpitz als Kanzler vorausgesetzt. Andererseits war die „zarte Rücksichtnahme auf den Feind, namentlich zur Schonung der englischen Vettern" schuld, also der Kaiser noch direkter; dann hat uns der aus Dilettanten bestehende deutsche Reichstag um den Sieg gebracht, besonders die „zwei reichSfeindlichen Parteien"; der Feind „wußte genau, daß mit Einführung der demokratischen Regierungs form dieses Reich zugrunde gerichtet würde". Aus lauter Helden sollen wir so lauter erbärmliche Schwächlinge geworden sein. Die deutschen Arbeiter benahmen sich bei Kriegsausbruch „so prächtig bewußt deutsch", bald nachher aber ließen sie sich „von ihren jüdischen Führern und Verführern einfangen". Man sieht: dieselben kindischen Phrasen, wie sie bei den „Völkischen" gemeinhin gedroschen werden, eingegeben von völliger Ahnungslosigkeit. Aber uns interessiert hier mehr, wie bei Chamberlain das eine zum andern patzt. Wenn die Juden wirklich so gefährlich waren, warum hat er selbst ein halbes Jahrhundert lang gelehrt, daß ihr Einfluß überschätzt werde? Warum bestritt er in 100000 Exemplaren seines Buches. Satz sie uns feindlich feien? Warum fand er es lächerlich und empörend, die Juden zum Sündenbock zu machen, wenn sie es jetzt doch sind? Wenn er sich etwa früher irrte, warum bekennt und bedauert er nicht, daß er fo voreilig dummes Zeug schrieb, durch das seine germanischen Freunde eingeschläfert und in Sicherheit gewiegt wurden? Warum berichtigt er nicht wenigstens beim Neudruck die vielen Textftellen im Buch, die den jüdischen Feind unterschätzen und gar loben, eine Menge Stellen, zu denen die neue Vorrede einfach nicht paßt? Will er vor seinem Ende eine gegen Ahlwardt umgekehrte Erklärung -rucken lassen, mit den Schändlichkeiten der Jesuiten schlietzlich dt« der Juden vermehren? Oder will er später, nachdem der Rummel einer unreifen Jugend vorüber sein wir-, die unpassende Vorrede herauSfchmeißen. weil das ungeheuer klüger und auch technisch viel einfacher ist als am „unsterblichen" Werk zu ändern? Nebenbei jetzt schon: die allergrätzlichsten Widersprüche stehen im Werk selbst; sehr häufig, um nicht zu sagen stets, wird da ./andererseits" das genaue Gegenteil gesagt und mit Zitaten in grausem Dunst und Nebel „bewiesen".-Diese Art ermöglicht ja erst den Schein von Gründlichkeit und Gerechtigkeit, ber dann den grundsätzlichen Albernheiten verstärktes Gewicht gibt. Insofern patzt die unpassende Vorrede also doch! (Schluß folgt.)