Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 28 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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W MischÄlMMM «.Ä* Buddhismus und Judentum. Bon Rabbiner Dr.S t e i n t h a l - Münster. Unter allen Religionen Hat -er Buddhismus die grötzte Zahl der Anhänger. Es bekennen sich zu ihm etwa 500 Miluonen Menschen, während das Christentum wohl 300—325 Millionen Bekenner zählen dürfte. Seit einem halben Jahrhundert tut sich für -ie große Religion des Ostens in Europa ein wachsendes Interesse kund. Buddhistische Missionare begannen nicht nur in Asien, sondern auch im Abenb-?hre Tätigkeit. Und die Bewunderung Schopenhauers für öle Religion, die mit seinen Anschauungen in der Grundauffaflung übereinstimmt, hat wohl manchen veranlaßt, sich mit dem ihm sonst fremden Wissensgebiet zu befassen. Vergleichen können wir Buddhismus und Judentum kaum miteinander. Sie haben zu wenig Berührungspunkte und sind beide für völlig verschieden denkende und empfindende Menschen berechnet. Wie jede geistige Erscheinung können wir den Buddhismus nur aus dem Boden heraus würdigen, auf dem er erwachsen ist und auf dem er lebt. Buddha hat wie wenige der Fassungskraft seiner Zuhörer Rechnung getragen: er spricht indischem Wesen gemäßi tat lebhaften Bildern und Gleichnissen, und er läßt absichtlich viele Fragen unbeantwortet, weil die Masse für sie iwch kein Verständnis hat und weil er ihr wohl manche Illusion nicht rauben will. Die Folge ist die, daß man später «mf diese Fragen die entgegengesetzten Antworten gegeben, die Lehre und ihre Formen in den verschiedensten Richtungen hin weitergebildet hat und daß sie heute vielfach zu einem Zerrbild des ursprünglich Gelehrten geworden sind. Nicht die zahlreichen Auswüchse lGebetmühlen und -walzen, Vielgötterei, Reliattiennnmesen u. ögl.). sondern die Lehre in ihrer reinen Form wollen wir beobachten. Wie für Schopenhauer, so ist auch für Buddha die Erkenntnis grundlegend, daß unser Dasein nur Leiden und Eitelkeit ist. Das ist der Kerngedanke der „vier Wahrheiten" vom Leiden, von der Entstehung des Leidens, von der Aufhebung des Leidens, von dem Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt. Die Welt ist nicht trügerisch, aber voll Leiden. Der Tränen sind mehr als der Tropfen im Weltmeer. In Indien entstanden, hat der Buddhismus die Lehre von der Seelenwanderung übernommen. Es gibt eine Höllen-, Tier-, Gespenster-, Menschen- und Götterwelt. Je nach meinen Verdiensten oder meiner Schuld werde ich als ein höheres oder niederes Wesen wieöergeboren. Auch die Götter sind diesen Gesetzen von Lohn und Strafe und Wiedergeburt unterworfen. Ewige Ruhe ist das Einzige, was der müde Geist begehrt. Nur das Wissen, das Wissen davon, daß alles Leben Leiden ist, kann die Erlösung bringen. Denn der Wissende macht von allen Leidenschaften. von jedem Lebensdnrst sich frei. Nichts vermag ihn aus seiner Ruhe zu bringen. Er wün'cht nicht und strebt nicht. So kann der Mensch schon zu seinen Lebzeiten das Nirvana erlangen. Er erlischt wie eine Lampe: er wartet seine Zeit ab. da er stirbt, um nicht wiedergeboren zu werden. Nicht das Nichts ist das Nirvana, sondern die große Leere. Was die Lehre Buddhas auch dem einfachen Menschen so anziehend macht, ist ihre Ethik. Folgende fünf Gebote schreibt sie jedem ihrer Anhänger vor: Kein lebendes Wesen zu töten, sich nicht an fremdem Eigentum zu vergreisen, die Gattin eines anderen nicht zu berühren, nicht die Unwahrheit zu reden und keine berauschenden Getränke zu trinken. In den Erzählungen, die von Buddhas Wohlwollen, Mildtätigkeit und sich selbst aufopfernder Nächstenliebe berichtet werden, steht er als Jdealgestalt vor uns. Es ist schwer, aber auch ungerecht, zwei Religionen nebeneinanöerzustellen und zu vergleichen, die unter ganz verschiedenen Bedingungen entstanden, für ganz verschiedene Menschen mit anderem Denken. Fühlen und Wollen gegeben sind. Man hat dem Buddhismus manchmal die Berechtigung abgesprochen, sich eine Religion zu nennen. Denn der Glaube an Gott fehlt dieser Lehre. Die Götter sind in ihr nichts anderes als wir: sie sind Wesen, die eine Stufe höher stehen, aber ebenso gut wieder tiefer herabsinken können. So fehlt dem Buddhismus das Gefühl der Abhängigkeit von etwas anderem als dem Schicksal, das Gefühl des Geborgenseins in dem Ewigen, der Beseligung und Freude in Gott, kurz der religiöse Aufschwung, der Jubelschrei und das Schweigen der Seele in Gott. Es fehlt ihm der Segen des Gebetes: denn nützt es. zu Wesen zu beten und seelisch zu ihnen sich zu erheben, wenn sic auch nichts anderes sind als wir selbst? Das buddhistische Denken erkennt innerhalb des Daseins nichts Bleibendes an, auch nicht die Seelensubstanz. Auch bie Seele wandelt sich beständig. Sie ist in jedem Augenblick eine andere. Wer das bestreitet, macht sich der Irrlehre schuldig. Auch die buddhistischen Lehrer haben die Schwierigkeit empfunden, diese Lehre mit dem Glauben an die sittliche Vergeltung der Taten in Verbindung zu bringen. Wie kann meine Existenz als Gott oder Mensch, als Gespenst oder Tier oder gar in der Hölle Lohn oder Strafe für mein Verhalten in einem früheren Dasein sein, wenn die belohnte oder bestrafte Seele mit der vorigen gar nicht identisch ist? Ist das nicht die höchste Ungerechtigkeit und Unvernunft eines Schicksals? Kann diese Lehre nach unserer Denkweise den Unglücklichen trösten in einem Leide, an dem er sich nicht schuldig weiß? Wohl muh jeder die sl".' ,<"* ' >'iaboit iVv h,,ballistischen Ethik zugeben. Aber Grundlage des asiatischen Wollens und Willens ist nicht die Autorität und die Liebe zum göttlichen Gesetzgeber, nicht der kategorische Imperativ, nicht das Gute selbst, sondern der Egoismus. Das Ziel alles Strebens. der Antrieb zum Guten ist nichts anderes als der Wunsch, sich vom Dasein zu befreien, vom Zwange der Wiedergeburt erlöst zu werden. Der schürfte Gegensatz zwischen Buddhismus und Judentum liegt aber in der Grundeinstellung. Pessimismus-Optimismus, mit diesen Schlagworten kann man ihr Wesen einander gegenüberstellen. Dort ist das Leben ein Leiden, die Welt eine Statte des Jammers und Schmerzes. Darum ist das Streben des Buddhisten die Erlösung von dem Zwange des Lebens und der Wiedergeburt, die beschauliche Ruhe, die Passivität. Uns ist die Erde eine Gabe Gottes, das Leben eine Aufgabe. Unser Ziel ist nicht ein Nichts und nicht eine Leere, sondern das Aufwärts zur Gotteserkenntnis, zu Wahrheit und Gerechtigkeit, zu Völkerversöhnung und Nächstenliebe. Jeder Leser, dem die „Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Belehrung bietet, fühle sich verpflichtet, uns einen neuen Abonnenten zuzuführen! Aus den Gemeinden. Berlin. In der Versammlung des Prenzlauer Tor-Bezirks, zu welchem der jüdische Friedhof in Weißensee gehört, wurde über einen Antrag des Berliner Magistrates verhandelt. der den Abschluß eines Kaufvertrages mit der Familie Bötzow über den Verkauf eines großen Geländes zur Vergrößerung des jüdischen Friedhofes in Weißensee in der Richtung nach Berlin zu, und zwar an die Stadtbahn betrifft. Bürgermeister John nahm hierzu das Wort. Er sagte, daß der ganze wohlöurchdachte Bebauungsplan durch diesen Eingriff in die Brüche gehen, ja. daß ganze Stratzenziige durch die Einlagerung des Friedhofes als Sackgassen enden müßten. So gern man jeder Religionsgemeinschaft alle Freiheit zur Bestattung ihrer Toten lassen wolle, so müsse doch hiergegen Widerspruch erhoben werden. Es gelangte eine Entschließung zur einstimmigen Annahme, die sich unter allen Umständen gegen die Erweiterung des jüdischen Friedhofes und gegen die willkürliche Abänderung des Bebauungsplanes wandte, nachdem Stadtverordneter Sage daran erinnert hatte, daß schon im Jahre 1901 bestimmt worden sei. Laß neue Friedhöfe nur in einem weiten Umkreise außerhalb Berlins, also beispielsweise über Lichtenrade. Heinersöorf usw. hinaus angelegt werden dürften. Berlin: Unter der Bezeichnung „Vereinigte Uebungsstütten jüdischer Sportverbände (Vis)" haben sich die folgenden jüdischen Organisationen zu einem Zweckverband zusammengeschlossen: Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Berlin, Jüdischer Turnverein BarEochba, Boxklnb Maccabi, Jüdischer Turnverein Berlin 1905, Deutsch-Jüdische Jngend-Gemeillschaft, Fechtklub Bar-Giora, Spvrt-B. I. St. lim K. I. B.), K. C. Berlin. Gemäß der Satzuna ist Zweck der Vereinigung die Förderung der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend, ilisbesvndere durch Beschaffung von Sportplätzen und ilcbungsstätten in Berlin. Bremen: Bor der fast vollständig versammelten Gemeinde fand am Freitag, den 15. August, die feierliche Einführung des neugemählten Rabbiners Dr. Aber, d-es Nachfolgers unseres verstorbenen und weit über seine Heimatstadt betrunerten Dr. Rosenack, statt. Die drei Vorsteher der Gemeinde geleiteten den neuen Seelsorger an seinen Platz, wo ihm der erste Gemeindevorsteher, Herr Markreich, freundliche Worte der Begrüßung widmete. Er wies darauf hin. welche Bedeutung die jüdische Gemeinde Bremens für diese Stadt und darüber hinaus habe, welche Erwartungen die Bremer Gemeinde dem Nachsolaer ihres großen Lehrers gegenüber hege und welche Fülle der Aufgaben seiner harre. In wenigen Minuten seiner Predigt gelung es Herrn Rabbiner Tr. Aber, Herz und Vertrauen seiner Gemeinde zu gewinnen. Ten Inhalt seiner Predigt faßte er selbst in die Worte zusammen: „Menschenwert geht noch immer über Sachwerte." Den Idealismus der Jugend, die verständnisvolle Erziehung durch Eltern und Schule, ein jüdisches Wirken in Leben und Lehre erklärte er, allezeit fördern, Jndisferentismns und Materialismus aber bannen zu helfen. Bürgel: Die hiesige Gemeinde, eine der ältesten hessischen Gemeinden — sie läßt sich etwa vierhundert Fuhre zurückverfolgen —. feierte am 16. August das Fest des 100jährigen Bestehens ihrer derzeitigen Synagoge. Zu der Feier waren offiziell erschienen die Vertreter der Stadt und der Schulbehörde, der Vorstand der Gemeinde Offenbach, die katholische und evangelische Ortsgeistlichkeit. Die Feftpredigt hielt der Vezirksrabbiner Dr. Dienemann aus Offenliach, der über die Bestimmung und den Einfluß der Synagoge im Anschluß an das Prophetenwort: „Es dorrt das Gras, es welkt die Blume, aber unseres Gottes Wort besteht ewig" sprach. In der Synagoge selbst präludierten die verschiedenen offiziellen Gäste in längeren Aussprachen. Es sprachen der erste Vorsteher der Offenbacher Gemeinde, Herr Jnstizrat Dr. Goldschmidt, die Vertreter der Stadt und der Schulen. Besonders hervorzuheben sind die Ansprachen des katholischen und des evangelischen Geistlichen, die beide mit Nachdruck von dem stets in Bürgel herrschenden harmonischen Verhältnis von Juden und Christen redeten, und den Wunsch ausdrückten, daß das immer sv bleiben möge. Ein früherer Bürgeler überbrachte einen silbernen Becher als Geschenk. Am Abend vereinigte sich die Gemeinde zu einem Ball, an dem viele christliche Freunde der Gemeinde teilnahmen. Darmstadt. In der „Schule der Weisheit" in Darmstadt, die von dem Grafen Hermann Keyserling geleitet wird, wird auch Herr Rabbiner Dr. Baeck eine Vorlesung halten. Der Kursus der diesjährigen Verlosungen ist auf das Problem des Werdens und Vergehens eingestellt. Fritzlar. Die am 1. September durch Pensionierung des Lehrers A. Ncuhans freiwerdende Lehrer- und Kantorstelle ist dem bisher in Hartmuthsachsen tätigen Lehrer Krön übertragen worden. Dia Schulstelle ging wegen geringer Schülerzahl ein. Zur Auslösung scheint auch die Stelle in Frankenberg bestimmt zu sein, da der jetzige Stelleninhaher nach Eiterseld bei Fulda versetzt sein soll. Gegen die Versetzung haben sicherem Vernehmen nach sowohl das Vorsteheramt in Fulda wie auch Lehrer Stern Einspruch bei der Negierung erhoben. Lehrer Schuster, bisher in Eiterfeld beschäftigt, ist nach Großkrotzenburg bei Hanau versetzt worden, das seit der Berufung des Lehrers Emanuel nach Hersfeld noch unbesetzt geblieben war. Hambnrg. Die jüdische Gemeinde hat beschlossen, der Einladung der jüdischen Welthilfskonferenz zu der Tagung in Karlsbad Folge zu leisten. Als Delegierter Hamburgs wird sich der Vorsitzende des Gemeindevorstandes. Herr Alfred Levy. nach Karlsbad begeben. Karlsruhe. Der Voranschlag des Etats der Israeliten Badens, welchen Oberrat und Synodalausschutz zur Vorlage an die Synode beschlossen haben, sieht für die Zeit vom 1. 4. 1924 bis 1. 4. 1926 (also für zwei Jahre) vor: Als Zuschuß für Gehälter der Rabbiner und an leistungsschwache Synagogcnbezirke 20 000 Vtark, als Zuschuß für Gehälter der Religionslehrer und Kantoren 70 000 Mark. Zur Zeit sind für 43 Lehrer zirka 35 000 Mark Zuschuß zu leisten. Für Aufwand für Religionsunterricht in Nachbar- und Filialgemeinden 6500 Mark, für Ausbildung von Rabbinern und Lehrern 5000 Mark, für Ferienkurse. Ausbildung und Fortbildung 5000 Mark, für Zuschüsse an den Religions-Schnl- und Pensionsfonds 90 000 Mark, zur Bestreitung des laufenden Aufwandes zur Verstärkuna dieses Fonds 32 000 Mark, für soziale Zwecke 10 000 Mark, für die Aufstellung der Steuerregister, Erhebung und Betreibung 12600 Mark. Die Gesamtausgaben betragen 306 800 Mark, denen nur 20 440 Mark vorhandene Beträge gegenüberstehen, worunter sich noch der Staatsbeitraa von 15 440 Mark befindet. Es sind also durch Steuern 282 360 Mark zu -ecken. Karlsruhe. Die Amtsdauer der badischen Synagogenräte wurde vom Oberrat mit Zustimmung des Synodalausschnffes I um drei Jahre (bis 1927) verlängert. Bor der Neuwahl soll die neue Gemeindeverfaffung unter Dach und damit die strittige Frage des FrauemoahlrechtS geklärt sein. Königsberg. Rabbiner Dr. Fetts Perlis. der bekannte Hebraist und Bibelforscher, Berfaffer wertvoller Beiträge zur jüdischen Religionsgeschichte, ist zum Honorarprofessor an der AlbertuS-Universität ernannt morde«, um LaS neuhebräische und aramäische Schrifttum dort zu vertreten. Leipzig. Der Vorstand der israelitischen ReligionSgemeinde betrauert de» Heimgang feines Mitglieds OSkar Blümlein, der feit zwei Jahrzchnten dem Kollegium der Gemeindeverordneten und später dem Vorstand angehörte und tu beiden Aemtern sowohl wie im Vorstand des Talmud-Thora-Vereins. den er mitbegrünbet hat. mit unermüdlicher Arbeitskraft fein reiches Wissen und Können der jüdischen Sache gestellt hat. Nürnberg: Jüngst hielt in der hiesige» Ortsgruppe des Eucken-BundeS Rabbiner Dr. Heilbronn eine» Vortrag über „Kant und das Judentum". Der Eucken-Bund, der sich im Hinblick auf Kants 200jährigen Geburtstag das ganze Semester hindurch mit den Ideen dieses Philosophen beschäftigte, wollte mit diesem Abend seine iKantstubien abschließen. Der Vortragende legte dar, daß die Kantsche Philosophie auf die Juden eine merkwürdige Anziehung ausgeüvt habe: er suchte bas einerseits durch die eigenartige geistige Einstellung der Inden zu begründen, die durch ihre Beschäftigung mit den talmudischen Disziplinen dialektisch geschult waren und für die scharfsinnigen, subtilen und überaus schwierigen Ausführungen der Kantfchen erkenntniStheoretischen Abhandlungen eine große Eignung mitbrachte» .und andererseits durch Kants ethische Forderungen für diesen Philosophen sehr interessiert waren. Der Redner wies dann nach, daß Kants Ethik und die des Judentums eine geraume Strecke parallel laufen und dem gleichen Ziele zustreben. Aus der regen Diskussion waren besonders die Ausführuugen des Vorsitzenden, Oberstudienrats Dr. Pöselmann, bemerkenswert, der dem Redner im wesentlichen zustimmte und nun auch darlegte, daß die Sittenlehre des Christentums, die ja dem Judentum entstamme, in vielen und wesentlichen Punkten mit Kants Ethik übereinstimme. Ein Diskussionsredner wies darauf hin, daß nach dem Zeugnis des römischen Schriftstellers Taeitus die Germanen ein Volk vo» hoher, sittlicher Anschauung gewesen feien, daß man mit Unrecht so viel von jüdischer und christlicher Ethik spreche. Wenn man die Berichte des Taeitus lese, könne man wohl der Meinung sein, U.rß die Germanen auch ohne die jüdischchristliche Bibel zu gleichen, hohen sittlichen Forderungen sich durchgerungen hätten. — Der Vorsitzende und ein anderer Redner widerlegten in kurzen Worten diese Ausführungen. Nürnberg: Am 3. August fand in unserer Gemeinde auf Anregung der hiesigen Ortsgruppe des R. I. F. eine Gedenkfeier anläßlich der zehnjährigen Wiederkehr des Tages des Kriegsbeginns statt. Um 9 Uhr vormittags war Gottesdienst in der Haupt-Synagoge. In die Liturgie des wochentäglichen Gottesdienstes wurde eine Seeleufeier eiugeschoben, bei der die Namen der gefallenen Helden unserer Gemeinde verlesen wurden. Die Totenfeier wurde mit einer kurzen Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Heilbronn eingeleitet. Der Redner knüpfte an die biblische Erzählung an. Wie die Söhne Rnbens und Gads, die dem Mose gegenüber gewisse Besonderheiten ihrer Stämme betont hätten, aber trotz dieser Besonderheiten der großen Volksgemeinschaft gegenüber stets ihre Pflicht erfüllt hätten, so ergehe es auch uns Inden in Deutschland. Wir habe» unsere Eigenart. haben trotz dieser niemals unsere Zugehörigkeit zur großen deutschen Volksgemeinschaft verleugnet und dem Vaterland gegenüber unsere Pflicht nie versäumt. Schon die Söhne Rubens und Gads mußten ihren Volksgenossen gegenüber sich davor schützen, daß ihr Eintreten für die Gesamtheit von dieser nicht vergessen werde; an den Ufern des Jordan haben sie ein Denkmal errichtet, das auch späteren Generationen noch erzählen sollte, daß sie nicht gefehlt hätten, als die Gesamtheit sie rief. Auch die Nürnberger israelitische Gemeinde hat ein solches Denkmal auf ihrem Friedhof errichtet, in dessen Stein für alle Zeiten die Namen unserer Blutzeugen eingegraben sind. Der Redner forderte die überaus zahlreiche Schar der Andächtigen auf, dort am Denkmal auf dem Friedhof den teuren Toten noch eine besondere Stunde des Gedenkens zu widmen. Eine stattliche Zahl der Gemeindemitglieder folgte dieser Aufforderung. Um 11 Uhr zog die hiesige Ortsgruppe des R. I. F. geschloffen zum Denkmal, wo sich bereits eine Abordnung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold aufgestellt hatte. Rabbiner Dr. Heilbronn legte seinen Gedenkworten Jeremia Kap. 2. 1—3 zugrunde: „Ich gedenke dir der seligket deiner Jugend, der Liebe deiner Brautzeit, da. du mir nachzogst in die Wüste, in ein ungesätes Land. Heilig ist Israel dem Ewigen, heilig die besten seines Ertrages. Alle, die gegen es aufstehen, müssen büßen." Dr. Bachmann sprach im Namen der Ortsgruppe des R. I. F. In starken und energischen Worten wanbte er sich gegen die. die das Andenken unserer teuren Toten noch im Grabe schänden wollen, und gelobte Treue den Treuen und dem Vaterlande. Im Namen der Frontsoldaten legte er einen Kranz am Denkmal nieder. In gleicher Weise ehrte ein Vertreter des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold unsere Toten. Die Verwaltung unserer Gemeinde hatte schon in den Morgenstunden vor Beginn der Feier einen Lorbeerkranz am Denkmal niederlegen laffen. Sersammlungskalender. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiget). Sonntag, den 31. August 1924, GanztagSausflug nach dem Oderwald und Smortave. Abfahrt 8,45 Uhr vorm. Hauptbahnhof, Bahnsteig 8. nach Ohlau. Weiterfahrt mit Postauto nach Peisterwitz. Sonntagsfahrkarte 4. Klaffe nach Ohlau selbst lösen. Führung: Herr Georg Jonas-Ohlau. Wir erwarten rege Beteiligung unserer Mitglieder. Der Ausflug findet bei jeder Witteruna statt. Die Beiträge für das 3. Quartal mit 2 Mark einschließlich Zeitnngsabonnement sind bereits seit 1. Juli fällig, Ein. Zahlungen sofort erbeten auf Postscheckkonto BreSlau Nr. 17 443, Alfred Berger. Jeden Montag, abends von 8 Uhr ab. treffen sich unsere Mitglieder im Kurgarten. Kürassierstratze. Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen. Magdeburg, (Jüdisch-liberaler Jugervdbund ^Heimat"). Sonnabend, den 30. August, nachmittags 8 Uhr, im Gemeindehaus Vortraa von Herrn Max Teller: ,Oie Ausgrabungen in Ober-Aegypten." Sonntag, den 81. August, vormittagpünktlich 10 Uhr, im Gemeindehaus Generalversammlung. Erscheine» aller Mitglieder ist unbedingt erforderlich.