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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-22 · 28 (22.8.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
28 (22.8.1924)
Date
1924-08-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Verschieden geartet ist die Einstellung gegenüber der Welt und -er Kultur. Die Folge -er christlichen Anschauung ist, wen« auch nicht gerade öie der Welt flucht, so -och Sie einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber -er Welt. Es tragen für sie alle Dinge -en Keim der Gün-e in sich, und öie innere Situation -er Seele wir- -urch niMs geärgert. Auch da, wo wie tm Protestantismus Welt und Religion sich einander genähert haben, bleibt eine Stimmung -er Gleichgültigkeit, eine in gewissem Sinne pessimistische Grun-stimmung. denn eS ist ein AuSdmck des Pessimismus, stch -aM zu bekennen, -atz an -en inneren Kräften -er Svele sich in aller Folge -er Generationen nie etwas ändern «erbe. ES ist -ie Folge -er Mischen Anschauung, die Welt rwb die Kultur zu bejahen. Sie steht in ihnen nichts für -t« seelische Haltung Gleichgültige-, sondern etwas, was, recht verstanden, zu Gott hinführt, alle Arbeit an dem Fortschritt -er Kultur wirso nicht zu einem religiös gleich- Mlttgen Tun» sondern wirals zur Erfüllung der von der Religion gestellten Aufgabe, als ein für die s itt liche Anlage künftiger Geschlechter wertvolle- Streben empfunden. DaS Judentum hat so einen ausgesprochen opttmistischen Zug. -te freudige unü zuversichtliche Hoffnung, -atz es eine seelische unsittliche Aufwärtsbewegung -er menschlichen Gesellschaft gibt, einen Optimismus, -en es mit Energie und Ueverzeugung auch in Zeiten festhält, die einen für Augenblicke an -en Menschen verzweifeln laffen möchten. Verschieden geartet ist die Rolle, die -ie Gnade Gottes im frommen Bewußtsein hier und da spielt. Im Christentum mutzte infolge -es Bekenntnisses zu -er sittlichen Schwäche und Hilflosigkeit des Menschen auch -ie Tat des Menschen jeden Eigenwert verlieren. Alles ist da von der Gnade Gottes abhängig, nicht blotz des Menschen Schicksal, sein Leven und Sterben, fern Erfolg, -ie ganze Gestaltung seines Lebens, sondern auch seine Tat. Ob der Mensch fromm ist, ob er -um Glauben sich neigt, ob er zu beten gestimmt ist, ob er Nächstenliebe hat, ob er den Weg -es Rechts geht, alles, «Ertlich alles, ist das Werk überirdischer Gnade, die in ihn eingegoffen werden mutz. Alle seine Gemeinschaft mit Gott ist auf -er Gnade ruhend. Der Mensch ist nicht Urheber seines Tuns, sondern Objekt der göttlichen Gnade. Und Skmbt er, sein Eigenes in die Tat hineinzulegen. aus Ügenem zu handeln, dann ist das Sünde schlechthin, dann ist -aein vollendeter Mangel an Demut. Im Judentum ckber wird mit Bewutztsein an der vollen Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit festgehalten. Der matzgebeude Satz -er Mischen Ethik ist: „Alles ist in Gottes Hand. nur nicht -ie Ehrfurcht vor Gott", nur nicht die Frömmigkeit des Menschen. Wohl weitz der fromme Jude, datz all sein Schicksal in Gottes Hand ruht, daß nichts von dem, was er sein eigen nennt, sein Werk ist. Sein ist die Arbeit, aber nie der Erfolg: wie seines Lebens Los fällt, in welche lichte Höhen oder dunkle Tiefen -ie Bahn seines Lebens verläuft» all das liegt in Gottes Hand, ist von Gottes Gnade abhängig, aber seine Tat bleibt, wie im Bösen so auch im Guten immer seine Tat. Er ist beschenkt mit der Kraft -um sittlichen Handeln und mutz die Prägung seines Charakters selbst vornehmen. Er dient Gott und der Ausbreitung -es Gottesreiches, ie mehr von Eigenem er in seine Tat hlneinlegt, je mehr sie Zeugnis davon ablcgt. datz es sein Wille und seine Lebenslinie ist. der Heiligkeit Gottes nachzustreben und dem Vorbild Gottes nachzueifern. Man mag im Umkreis der jüdischen Frömmigkeit noch so sehr die Hilfe Gottes für das Tun des Menschen erflehen, es bleibt als Ausdruck der Frömmigkeit stets das Gefühl, -atz man den ersten Anstotz, den entscheidenden Entschluß in der Wahl zwischen Gut un- Böse aus sich gewinnen muß. „Hilfe von oben wird zuteil dem. der den Weg des Guten zu gehen fei®ft sich bemüht." So pflanzt das Judentum die volle Selbständigkeit -er sittlichen Persönlichkeit auf, es will nicht, -atz der Mensch mit seinem Tun ganz und gar in Gott nntertauD^und sich nur als Gefäßbetrachtet. durch das der Strom Unterschied der Grundauf- . .. ... :r Entsühnung des Sünders. Das Schlüsselwort dafür ist im Umkreis der christlichen Frömmigkeit «die Erlösung". Erlösung war ursprünglich in der Sprache der biblischen Frömmigkeit ein ins Politische mit htneinragendes Wort, bezeichncte die Hoffnung auf den waltenden Gott, der aus Not und Elend herausführt, der aus Nöten und Bedrängnissen die Völker zur Freiheit kommen läßt und Tyrannei und Gewaltherrschaft zusammenvrochen läßt. In dieser Färbung hat sich das Wort in der Gebetssprache der jüdischen Frömmigkeit auch bis auf den heutigen Taa erhalten. Im Christentum bedeutet es ein ganz anderes, bedeutet es die Errettung der Menschheit und' des einzelnen Menschen von der Sünde. Diese Errettung. kann nie vom Menschen selbst auSgehen, den« da er. so ist die christliche Lehr«, ein von Natur schwache», in Sünde verstricktes, -er Sünde verhaftetes Wesen ist, so mutz alle Umschaffung von Gott selbst vorgenommen werden, auch -er Wille zur Butze und Besserung mutz von Gott eingegeben sein. Gott mutz -urch seine Gnadenkrast -en Menschen umschaffen, -en befferen Willen in ihn vingietzen. eine» neuen Menschen aus ihm machen. Selbst da. wo man den dogmatischen Glauben an den Opfertod Christi verbaffen hat. bleibt das der Sinn der christlichen Lehre, fühlt man sich darum als CHM. weil man der erlösenden Macht des Glaubens an den umschattenden Gott sich anvertraut, indem man das als -en Sinn der Predigt un- -es Lebens Christi empfindet. Undie Wortführer des Christentums erblicken darin -en Wert, -en Fortschritt, die Ueberleaenheit der christlichen Ethik, -aß sie den Menschen ganz auf die erlösende Gnade Gottes stellt und ihn nicht seiner ohnmächtigen Bemühung überläßt. Das Schlüsselwort der jüdischen Frömmigkeit in diesem Bezirk ist die „Versöhnung", die voraussetzt, datz der Mensch sein Eigenstes leisten mutz, indem er ganz aus sich zur Reue unzum besseren Willen gelangt, datz die innere Umschaffung aus der Sehnsucht und -er Arbeit des Menschen an sich hervorwachse, die den Menschen an seiner Reinigung ernst und aktiv Mitarbeiten läßt. Sinnbildlicher Ausdruck dessen ist -er Versöhnungstag, bei dem neben dem erbarmenden, verzeihenden, die augenblickliche Schuld tilgenden Gott -er Mensch steht, der durch seine Büßfertigkeit und seinen gestärkten Willen der Verzeihung Gottes sich würdig erweisen mutz. Es ist eine entscheidende Folge gerade dieser Verschiedenheit der Einstellung in der Frage der Entsühnung, daß in der Rangordnung der sittlichen Werte in der christlichen Auffassung an -ie erste Stelle die Liebe rückt unö in der jüdischen neben der Liebe die Gerechtigkeit im gleichen Range steht. Alle Sittlichkeit im Judentum wie im Christentum besteht in der Nachfolge Gottes, in dem Streben, dem Vorbild sich zu nähern, als welches der heilige Gott für den Menschen gilt. Wenn nun im Umkreis der christlichen Frömmigkeit der frei sich schenkende Gott als das Höchste gilt, dann mutz mit zwingender Logik auch bei dem ihm nachstrebenden Menschen die frei sich ausstreuende Liebe den höchsten sittlichen Wert darstellen. Und wenn im Umkreis der jüdischen Frömmigkeit immer der eigenstrebende Mensch betont wird, wenn da auch von dem Siinder durch seine ans ihm fließende Reue die Wiederherstellung der gestörten sittlichen Weltordnung als unentbehrlicher Bestandteil aller Gerechtigkeit gefordert wird, zu der dann die verzeihende Liebe als Ergänzung tritt, dann mutz mit der gleichen zwingenden Folgerichtigkeit neben die Liebe die Gerechtigkeit als gleicher Rangordnung treten, wie es sich in dem Worte Zedakah ausdrückt. das zugleich Liebe und Gerechtigkeit bedeutet und ein Grundwort der jüdischen Ethik darstcllt. Es gilt bei den Wortführern des Christentums wiederum als den entscheidenden Fortschritt der christlichen Ethik gegenüber der jüdischen, als die Ucberlegcnheit des Christentums über das Judentum, datz jenes die Liebe zum höchsten Wert in der Rangordnung der sittlichen Werte erhoben hat. und gerade da, wo man dem Dogmatischen und allem ans Dogma Anklingenden längst abgesagt hat. findet man darin vor allem den Sinn des Christentums, findet man darin das Recht, sich Christ zu nennen, datz man der Liebe den Vorrang vor der Gerechtigkeit gibt. Und demgegenüber betont das Judentum mit unerschütterlicher Festigkeit seine Ueberzeugung, datz Gerechtigkeit und Liebe in gleichem Wert und gleicher Bedeutung die Säulen und Pfeiler des menschlichen Zusammenlebens sind, und es wird und kann nie zugeben, -atz die gleichwertige Betonung der Gerechtigkeit, die unter Umständen den Gedanken an Strafe in das Bewutztsein einstigen mutz, einen niederen Grad -er religiösen Entwicklung darstette, es geht vielmehr von dem,Gedanken aus, datz?rst so die Uebereinstimmung vpn Religion Md Welt. Lehre und Leben erzielt wird. Stark ist auch der Unterschied in der Einstellung zum Gesetz. Das Judentum gibt sich als Gesetzesreligion. das Christentum lehnt grundsätzlich das Gesetz ab und gibt sich als reine Erlösungsreligion. Es geht dabei auch wieder von seiner Auffassung vom Wesen des Menschen ans. Wenn -er Mensch eben nicht von sich aus das Gute tun kann, was hat es dann für einen Wert, wenn Gott ihm ein Gesetz gibt, er kann ihm doch wegen der Schwäche seiner Natur nur unvollkommen oder gar nicht gehorchen. Das Gesetz verursacht ihm dann nur ein Gefühl der Sündhaftigkeit. «rböht sei» SchullvermchtsM «a* -iE gibt es dann keine andere Srrettmm, als da- StchanLa«- mern au die Erlösung. Die Erlösung befreit von dem Gesetz unseiner — angebliche» — Last. Auch -aS Sittengesetz wirkt — als „Gesetz" erfaßt — wie et« Fluch, wie eine er- -rücken-e Last. eS gibt auch hier nur ein Heil, stch ganz auf -ie Gnade un- -ie Führung Gottes zu ver-assen. Das Judentum, das ständig von -em Bekenntnis zu -er i» -en Menschen hineiugeleÄe» Kraft auSgeht» bejaht grundsätzlich -a- Gesetz. LS erscheint ihm nicht als Last, sondern alS Helfer, als Förderer -er sittlichen Kraft. ES bekennt stch dazu, -atz Gott -em Menschen alS Fordernder gegenübersteht. Man mag über -en Umfang un- -ie Aus-ebnuna -er Gesetze streiten, man kann unter Umständen soweit gehe», datz man nur ein Gesetz alS göttlich empfindet. -aS Gebot: „Du sollst -einen Nächsten lieben wie dich selbst", aber einmütig zieht sich -urch das Judentum die Ueverzeugung, datz alle Frömmigkeit»»«- alle Sittlichkeit darin besteht, einer Forderung zu gehorchen, einem Gesetz gemäß zu Handel«. Was -aS Judentum hier unin all -em vorher AuSgeführten leitet, das ist der Wille, keinen Zwiespalt aufkommen zu lasten zwischen der religiöse« Lehre und dem praktischen täglichen Leben. Es darf nicht sein, -atz -aS Leben der Frömmigkeit unter einem a»-ere» Zeiche« stehe als alles bürgerliche, weltliche, staatliche, soziale Leben. Staat und Gesellschaft fordern Gesetz und! Gerechtigkeit. Wirtschaft unalles Gemeinschaftsleben baut sich auf auf dem Gedanken, datz jeder fein Eigenstes in feine Tat hineinlege. es geht nicht an, -atz man diese -Betätigungsfelder einem eigenen Gesetz unterstellt und -aS religiös« Leben, die Welt der Frömmigkeit, einem anderen. ES mutz eine Einheit aller LevenSbetätigungen vorhanden sein, damit -aS ganze Leben in allen seinen Zweigen und Teilen von Frömmigkeit durchweht sei. diese Einheit empfindet daS Judentum in seinen Lehren in klastischer Weise gewährleistet. Im Mittelpunkt der christlichen Frömmigkeit steht, darauf sei letztlich noch hingerviesen, stets die Persönlichkeit Christi. Im religiösen Leben des TageS, in aller Sittlichkeit und im Gottesdienste ist alles Bezugnahme auf das Leben und Leiden Christt. Die Person Christi ist gleichsam das allein gültige Beispiel eines nachahmenswerte» Lebens, und feine Person ist die Bürgschaft -eS Heils. Im Mittelpunkt der jüdischen Frömmigkeit und -eS jüdischen GotteSdiensies steht niemals die Person, irgend eine Person, sondern immer die Idee, die Thora, die Forderung, Keinerlei geheimnisvoller Vorgang im Gottesdienst, der ein Heil symbolisch darstellt, keinerlei Bezugnahme auf irgendeine einzigartige Persönlichkeit, die in sich daS Heil trügt und eS mitteilt, sondern immer nur die Idee unö die Mahnung zur Selbstheiligung. Man glau.be nicht, datz das alles eine rein theoretische Lehre sei. gekünstelte Gedankenschemata, theologtt^- Altertümlichkeiten. Weit von allem Dogmatischen sind diese Fragen die grundlegenden Fragen des Frömmigkeitslebens und der Sittlichkeit. Ilns selbst unbewußt sind wir allesamt von den Antworten auf diese Fragen geprägt und geformt. Weil man die eine Antwort gibt, nicht bloß theorettsch gibt, sondern in ihr lebt, von ihr aus die Wett anschaut, von ihr aus Stellung nimmt, trägt man christliche Religiosität in sich, empfindet man sich als Christ: weil man die andere Antwort gibt, auch wieder nicht theorettsch, sondern in ihr lebt, von ihr aus zu allem Stellung nimmt, trägt man die jüdische Färbung der Religiösität in stch, ist man der Religion, dem religiösen Gefühl nach Jude. Und stärker als Ie beherrschen gerade diese Fragen die Seelen der ringenden Menschen. Hier sind ja die Antworten auf die tiefsten Fragen des menschlichen Lebens, die eigentlich entscheidenden, gegeben, und ihre Beantwortung ist das Wesen und Sckn aller Religiösität. Es handelt sich nicht um theoretische Gedankensysteme. sondern um die Seelenstimmung, in der man lebt und webt, die dem Seelenleben die Prägung gibt. Wozu all dies gesagt wird? Es ist nicht die Absicht, mit Nachdruck Differenzen zu betonen, ReligionSgespräche alter Zeiten aufzuwärmcn. es ist auch nicht öie Absicht, irgendeinem Bekenntnis Abtrag zu tun, es ziemt sich, überall die Achtung zu bezeugen, die man dem eigenen Bekenntnis immer gern erwiesen sehen möchte. Und es steckt in dem Gebäude der christlichen Kirche eine bewunderungswürdige Folgerichtigkeit. eine großartige bis inS einzelne gehende, durch Jahrhunderte geübte Gedankenarbeit. Aber das alles mutz gesagt werden, weil es Tatsache ist, datz gerade unter den Juden die wenigsten von all diesen Dingen eine wirkliche Kenntnis haben. Die wenigsten haben Kenntnis davon, welche ungeheure Macht die Religion in fhrR Ge- Sabbat-Ausgang. Von I. Levy. Der Tag entflieht, die Schatten sich vertiefen: Sie wecken wohl der Lebensgeister Macht, Die in des Sabbats stiller Feier schliefen Und jetzt verglühen in des Alltags Nacht. Der Sabbat geht — die Festeslichter sinken Iw Talg der Kerze, bis die Flamme stirbt: Nur einmal dürfen wir vom Kelche trinken In jeder Woche, was die Seele wirbt. Wir dürfen Geister sein, die ganz sich eigen, Genießen dürfen wir der Seele Tau Uns badend zu dem ew'gen Bronnen neigen, Den wir vergaßen in dem Arbeitsbau. Nun geh'n zur Neige diese schönen Stunde»: — Mit müdem Schritt naht Mühe sich gebückt, Und statt der Sonne, die dahingeschwunden — Geh'n wir den Mond, der uns're Nächte schmückt! Dank, Schöpfer, daß du unsre Seelen trunken Nach solchen Stunden machtest, die ein Rest Des Paradieseslebens noch, versunken Für ewig uns! Heil dir, du Seelenfest. Jüdische Schriftsteller der Gegenwart. S. Richard Beer-Hofmann. Bon Dr. Ludwig Davidsohn. Heine hat einmal das hübsche Wort geprägt: „Seitdem Mozart gelebt hat, gibt es mehr Glück in der Welt." Diese Aeußerung kann man am Beer-Hofmann variieren. Seit- -vm dieser Dichter lobt, gibt es mehr Andacht, Weihe und seelische Vertiefung in -er Welt. Es ist. alS ob das Judentum von Zeit zu Zeit einmal einen Genius hervorbringt, dem es gelingt, ewige Menschenschwermut und Klage um das allgemeine irdische Los zugleich mit der tiefsten Sehnsucht Mischen Wesens, seinen Schmerz und seine Enttäuschung zum Tönen zu bringen. Ein solcher Genius ist dieser Dichter, der für alles menschliche und jüdische Leid einen solch ergreifenden Ausdruck gefunden hat. daß sein Name nicht mehr untergehen kann, sein Werk in kommende Zeiten strahlen wird und noch künftigen Geschlechtern eine Quelle der Läuterung und Erhebung sein wird. Das Wesentlichste, Tiefste des Judentums ist ja sein Sehnen zu Gott und sein Wille zur ethischen Vervollkommnung. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich. der Ewige, euer Gott!" ... ist das dringendste Gebot der Bibel. Unermüdliches. das ganze Leben ausfüllende Streben nach sittlicher Reinheit ist der Sinn alles Menschen-Daseins. Mit Recht hat einer der besten Ethnographen der heutigen Inden. Achad Haam, einmal gesagt: „DaS, was man spottend „Kursnrstendammjudentmn" oder „Geschäftsjudentum" nennt, ist ja gerade A n t i -- I u d e n t u m , ist inst das diametrale Gegenteil wirklichen jüdischen Wesens". Die echten, wahren Juden sind immer Menschen, die. allem praktischen Getriebe abgemandt, nur höheren Ideen lebest. In allen ostsüdischen Dörfern gibt es solche Typen, die — zu jeder geschäftlichen Tätigkeit unfähig — lediglich dem Talmudstndium obliegen. Paul Ehrlich war — neben tausend anderen — ein solch typischer Jude, der sein Dasein nur wissenschaftlicher Forschung widmete, und als ihm eine große Entdeckung gelang, jede praktische Verwertung, Patentierung usw. seiner Erfindung entrüstet ablehnte: er hatte gar kein Interesse an irdischem Besitz, er wollte — nur seiner Arbeit, seiner Idee hingegeben — dereinst bescheiden sterben, wie ex bescheiden gelebt hatte. Das Herrlichste und Höchste, was Israel der Menschheit gab, was der vieldeutige Ausdruck „Religion" nur zum Teil begrifflich faßt, hat im Wesen seiner Besten deutliche Gestatt angenommen. Die Inbrunst der biblischen Propheten hat in der menschlichen Geistesgeschichte bisher nicht mehr ihrek« gleichen gefunden . . . „Der „Amor de: Spinozas" ist das was mich in meinein ganzen Leben am tiefsten bewegt hat," schreibt Goethe in einem seiner Briefe. — In u n s e r e r Zeit hat kein deutscher Dichter das wirkliche, wahre Wesen des Judentums in einer so zu Herzen gehenden Weise poetisch verkündet, wie Beer-Hosmann. Es ist nicht viel, was er veröffentlicht hat. Ein Bändchen mit zwei Novellen, eine einzigartige, dichterisch-herrliche Traumvision, ein paar Gedichte in Zeitschriften verstreut. die allerdings für sich allein schon genügen würden, um seinem Namen für immer einen Platz in der üeutschen Literatur zu sichern, eine Rede auf Mozart, zwei Dramen, das ist alles, was der nun bald Sechzigjährige uns bisher gab. Dafür aber wiegt bas äußerlich nicht umfangreiche Lebenswerk dieses .Langsamen" umso schwerer! — Er kann es sich schon erlauben, den Schopenhauerschen Ehrentitel eines „Wenigschreibers" für sich in Anspruch zu nehmen unalle 15 Jahre einmal auf der Bühne zu erscheinen. Bewundernswert ist eS, wie diese starke poetische Potenz, dieses große und reine Dichtertum aus einem weit unter ihm stehenden Milieu emporgewachsen ist: denn es ist eigentlich nicht allzu sympathisch: bas leichtsinnige, ttebens- »vürdige und unzuverlässige Wienertum der Vorkriegszeit, wie es Schnitzler. Salten, Auernheimer und manche andere Dichter so häufig verklärten, dies Wienertum mit seinen „süßen Madls", seinen melancholisch^zynischen Snobs, seinen ewigen frivolen Abenteuern und seiner ganzen — nicht nur ethischen — Schlamperei. Wenn man etwa z. B. die früheren Schnitzlerschen Schriften, die Altenvergschen Bücher oder die eines diesen Dichtern nahen geisttgen Verwandten im Norden, des Kopenhagener jüdischen Autors Peter Nansen, öurchblättert, könnte man glauben, daß erotische Befriedigung der ausschließliche und wichtigste Daseinsinhalt des Menschen sei und im Mittelpunkt seines ganzen Sinnens nnd Trachtens stünde, und nicht seine Lebensarbeit, sein sich in Werktätigkeit umsetzendes Sehnen nach Ausbildung seiner Persönlichkeit und Weltanschauung. Der kleine, 1893 erschienene Novellenband des Dichters atmet noch ganz diese jetzt nach dem Kriege hoffentlich historisch gewordene Wiener Atmosphäre. Da ist in der Erzählung „Camelias" der typische „Weaner", der reiche Junggeselle und Don Juan, der „schöne Freddy", dem die Zinsen seines großen Vermögens erlauben, jede ernstere Arbeit zu meiden und sich lediglich dem sogenannten Lebensgenüsse hinzugeben. Er verliebt sich in ein unberührtes junges Mädchen, das etwa halb so alt ist, wie er, und grübelt abends nach, ob er sie heiraten soll. — Aber .... aber, soll er die nun kommende Verantwortung auf sich laden, seinen bisherigen Lebenswandel aufgeben. das große Risiko übernehmen? — Nein! — Besser nicht! Er entscheidet sich, lieber seinem alten Verhältnis, der famosen Franzi, treu zu bleiben. Das ist beauemer! Und zufrieden lächelnd trifft er die Vorbereitungen zum Schlafengehen, er salbt sich sein Antlitz mit Coldrream. nimmt sein goldenes Armband ab. zieht sich seinen kostbaren, seidenen Pyjama an, schreibt seinem Diener Anweisungen auf und logt sich vergnügt ins Bett. Morgen wird er seinen alten Lebenswandel, der nur aus Essen, Trinken. Schlafen, sexueller Betättgung und Lesen minderwertiger Lektüre best^t, von neuem aufnehmen. Diese Novelle ist nun freilich nichts besonderes, im Gegenteil: — aber bet der feinen Stimmungsmalerei und der schwermütigen Ironie der dem schönen Freddy in den Mund gelegten' Meditationen merkt man doch den Dichter. Die andere Novelle „Das Kind" ist um vieles bedeutender. In all dem Wiener Leichtsinn leuchtet schon eine jüdischethische Idee auf. Paul, eine Art geistiger Zwilltngsbruder des schönen Freddy, hat eine Geliebte, deren er herzlich überdrüssig geworden ist. Er will sie endlich los werden. — Ihr gemeinsames Kind ist kaum noch ein Bindemittel zwischen ihnen. Da erzählt sie ihm, daß das Kind, das man für ein paar Heller aufs Land zur Pfleae gegeben, und u»n das sich beide nie gekümmert haben, an Auszehrung und Wasserkopf gestorben ist. Nun fühlt er sich wie erlöst: nichts bindet so ihn mehr an Julie. Da — in der müden, schläfrigen Stimmung eines Sommernachmittages ertappt er sich plötzlich bei einem seltsamen Interesse an kleinen Kindern. Das mystische blutmäßige Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Vater und Kind, das in der jüdischen Familtentradition so starke Wurzeln hat. erwacht. Ein Verantwortungs- und Neuegefühl wird in ihm rege, dem aber keine Spur von Sentimentalität beigemengt ist. Und mit einem Male hat er das Bedürfnis,

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